Archiv der Kategorie: Ortsgeschichte

„Ratskeller“ mit 750jähriger Tradition (1232-1987)

(OZ v. 25.1.1978)

Zur Geschichte des „Ratskellers“

Vieles spricht dafür, dass das 1232 in Bergen erwähnte Wirtshaus an der Stelle des heutigen „Ratskellers“ lag.

Derartige „Krüge“ bildeten in ihrer Zeit wichtige gesellschaftliche Zentren, da hier Gericht gehalten wurde. Auch verkaufte man in ihnen, erhob die fürstlichen Steuern und ähnliches. 1306 pachtete ihn ein Bürger „Heinrich“, drei Jahre später erfolgte bereits ein Besitzwechsel an einen „Tezicze“. Übrigens hatte der Ort Bergen 1506 immerhin 14 derartige „Krüge“!

Restaurant „Ratskeller“ in Bergen 1992

Restaurant „Ratskeller“ in Bergen 1992

Der Hauptkrug wurde 1614 von der Stadt erworben und zum Rathaus umgebaut, wobei man in den unteren Räumen weiterhin eine Schankwirtschaft betrieb. Erst 1862 baute die Stadt das heutige Rathaus am Markt. Das Gebäude Markt Nr. 27 erhielt nun den Namen „Hotel zum Ratskeller“.

So hat sich der Stadtkern mit seinem Straßenverlauf im Wesentlichen bis in die Gegenwart erhalten. Mit der Industrialisierung am Ausgang des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts begann dann die Bebauung der Bahnhof- und der Ringstraße.

In jüngster Zeit hat man den älteren Häusern am Markt und in der Marktstraße durch modernen Farbputz zu einem freundlichen Aussehen verholfen.

Die Billrothstraße. Sie erhielt ihren Namen erst 1896 nach dem hier geborenen Mediziner Billroth. Im Mittelalter endete sie in der Höhe des Gerichtes mit dem Klosterbesitz als Sackgasse. Daher stammt auch der frühere Name „Klosterstraße“. Er wurde um 1800 von der Bezeichnung „Joachimsberg“ abgelöst. Die Anhöhe des heutigen Joachimsberges hieß ursprünglich „Gauenberg“, daraus plattdeutsch „Jochbarg“ und schließlich „Joachimsberg“. Das Wort „Gauenberg“ ist verballhornt aus „Goigenberg“ und bedeutet Papageienberg. Der Papagei war jener hölzerne Vogel, den die Schützengilden des Mittelalters auf ihren Schützenfesten für den Titel des Schützenkönigs aufbauten. Eine Bergener Schützengilde (de Schütting) gab es seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. Sie war eine feste gesellschaftliche Organisation von Bürgern, Bauern und Knechten, auch aus der Umgebung der Stadt, mit der Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfe. Adlige durften nicht beitreten.

Geburtshaus von Theodor Billroth in Bergen 2008

Geburtshaus von Theodor Billroth in Bergen 2008

Die Vieschstraße. Sie führt über den „Rugard“ zur Bootsstelle, der ursprünglichen Fischereistelle Bergens. Man hat sie daher oft als „Fischerstraße“ gedeutet. Vielleicht lässt sich der Name aus dem slawischen “vysoki“, deutsch hoch – also „Hohe Straße“ – herleiten.

Der Goldene Brinken ist eine Erweiterung der „Bahnhofstraße“. Bereits 1667 wurde er als „Güldenbringh“ erwähnt. Hier befand sich das „Gildehaus“ der Bergener Handwerkerzünfte.

Die Wasserstraße im Gatmund (dem ursprünglichen Dorf Gatemin) mit einer noch einheitlich erhaltenen Bebauung kleiner Traufenhäuser führte längere Zeit zum einzigen Trinkwasserbrunnen Bergens Erst 1846 kam in der Dammstraße ein weiterer hinzu.

Der Marktplatz (zu DDR-Zeiten „Karl-Marx-Platz). Markt wurde in Bergen sehr früh gehalten. Jedoch Genaueres erfahren wir erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. Es gab drei Jahrmärkte, Wochenmärkte und zwischen dem 24. August und dem 6. Dezember noch einen regelmäßigen Viehmarkt. Die Bergener hatten übrigens ein Vorkaufsrecht. Erst nach ihrer Befriedigung konnten die „Butenbarger“ einkaufen. Der Marktplatz war früher größer, da die Gebäude der heutigen Poliklinik (in der Mitte des 19. Jahrhunderts) und der Post (1891) hineingebaut wurden.

Bedeutsame Pforte am Joachimberg

(OZ v. 24.3.1992)

Von 12 kunsthistorisch wertvollen Türen ist in Bergen nur eine übrig geblieben

Türen an einem Haus verraten den künstlerischen Geschmack und die Liebe des Hauseigners zu seinem Besitz. So kann die Tür durch ihr Aussehen und ihre Gestalt eine erste Mitteilung geben, wie der Besucher empfangen wird. Schöne alte, liebevoll gepflegte Türen findet man z. B. in Prerow, oder auf Bornholm, in Schleswig-Holstein und Friesland.

1963 haben die beiden Schweriner Kunsthistoriker Dr. Ohle und Dr. Beier in Bergen noch 12 alte Haustüren erfasst. Es waren einfach und schlicht ausgeführte Arbeiten, mit klassizistischen Kunstelementen, wie Rosetten, Halbkreise, Ovale, Palmetten usw., dekoriert. Sie lassen sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. 30 Jahre danach ist von diesen kulturhistorisch wertvollen Türen nur noch die bemerkenswerte Haustür am Joachimberg 4 erhalten!

Joachimberg in Bergen 1995

Joachimberg in Bergen 1995

Alte kulturhistorisch wertvolle Haustüren befanden sich vor allem in der Wasserstraße. Gerade hier sind aber viele Häuser „modernisiert“ und die Türen vernichtet worden.

Barocktür im Joachimberg 1987

Barocktür im Joachimberg 1987

Diese bedauerliche Entwicklung steht im Widerspruch zu anderen Kulturlandschaften. Gerade in den Kleinstädten und Dörfern im Norden der alten Bundesländer oder in Dänemark wird die Liebe und das historische Verständnis der Bewohner zu ihrem Haus durch eine traditionelle Pflege deutlich. Da werden defekte Tür- und Hausteile im alten Sinne ergänzt und mühevoll eingefügt. Da werden die alten vierteiligen Fenster beibehalten und die geringe Raumgröße der Zimmer nicht geändert.

Joachimberg in Bergen 1974

Joachimberg in Bergen 1974

Aber gerade das gesamte dörfliche und städtische Ensemble macht den touristischen Reiz dieser Ortschaften aus. Einige Kleinstädte auf Bornholm sind z. B. mit UNESCO-Diplomen für die Erhaltung ihres historischen Stadtbildes ausgezeichnet worden und genießen dadurch touristische Sehenswürdigkeit.

Die Tür des Hauses Joachimberg 4, in dem sich in den 30ger Jahren eine Jugendherberge befand, besitzt eines der seltenen plastischen Türfelder. Zwei Figuren auf einem Sockel stellen die Göttin Fortuna mit ihrem Segen bringenden Füllhorn da. Erhalten hat sich auch das reich gegliederte Türblech mit einer schlichten Türklinke. Leider ist eine Türklinke bereits entfernt und ein Türblech beschädigt. Hier wünscht man sich durch die gegenwärtigen Nutzer eine verständnisvolle Restaurierung und Ergänzung. Möglicherweise läßt sich das reichhaltige Dekor des Türrahmens durch eine mit der Baudenkmalpflege abgestimmte Farbtönung deutlicher herausarbeiten.

Dieses Haus ist heute, wie manche Bürgerhäuser in Bergen, mit einem hässlichen Rauputz versehen, unter dem sich ein die Außenwände gliederndes Fachwerk vermuten läßt. So erhebt sich die Frage, ob nicht der dem Haustyp und der pommerschen Tradition entsprechende Fachwerkbaustil wieder angestrebt werden sollte?

Maiglöckchen gepflückt, Lehrmittel dafür gekauft

(OZ v. 13.11.1986)

Zu Besuch im Schulmuseum Middelhagen – Ein ehemaliger Schüler erinnert sich an die schwere Zeit nach 1945

Mit großem Interesse habe ich das Schulmuseum in Middelhagen besichtigt, jenes Haus, das ich in den Jahren vor 1945 und 1946, und kurz 1949 als Schüler besuchte.

Frau Ruth Bahls (1910-1994) und ihre Mitarbeiter haben in unsagbarer Kleinarbeit, mit wissenschaftlicher Sorgfalt und kriminalistischem Spürsinn alte Quellen zum Sprechen gebracht.

Dargestellt wird das Schulwesen auf ganz Mönchgut mit seiner Vergangenheit und Entwicklung in unseren Tagen.

Altes Schulhaus Middelhagen 1972

Altes Schulhaus Middelhagen 1972

1946, wohl im September, wurde die Zentralschule Mönchgut in Gager eröffnet, deren schwerer Anfang unter den Lehrern Stroscher und Zimprich mit Hilfe aller Schüler gemeistert wurde. Um Lehrmittel anzuschaffen, pflückten wir damals jährlich Maiglöckchen und boten diese in Bergen für eine Mark je Strauß an. So kamen etwa 200 Mark zusammen. In den Dörfern Thiessow, Groß Zicker und Gager führten wir Theaterspiele gegen geringen Eintritt auf, daraus wurden kleine Wanderungen u. ä. finanziert.

Gleichzeitig erfüllten wir damit auch eine bescheidene kulturelle Aufklärung. Die Stücke, teilweise in plattdeutscher Sprache, wurden jedenfalls gut besucht und nachmittags auch Kindern vorgespielt.

Probleme gab es genug. Eines der schwierigsten war die Frage der Heizung. Schließlich musste jeder Schüler einen Armvoll Holz mitbringen. Für die Schüler aus Groß Zicker war das zunächst kein Problem, da sie auf ihrem Schulweg innerhalb einer Woche einen ganzen Staketenzaun abbrachen, danach hatten sie auch Probleme. Oft saßen wir in unseren Mänteln im ungeheizten Klassenraum, und ein Schüler las sogenannten Lesestoff vor. Beliebt waren nach meiner Erinnerung die Werke der Schriftsteller Storm, Gerstäcker, Reuter.

Später hatten wir Schüler von Dorfschulen – zumal auch der Sprachunterricht danieder lag – Schwierigkeiten auf der Oberschule in Bergen, und wurden gegenüber denen aus Bergen, Putbus und Saßnitz meist zu einer Klasse zusammen gefasst.

Delegierungen zur Oberschule waren 1950 noch ein Problem der Lehrer, da es zu wenig Bewerber aus den Familien der Flüchtlinge, der Fischer und Bauern gab. Das erlernen eines Berufes stand, der Not gehorchend, im Vordergrund.

In den 50ger Jahren wurde die neue Zentralschule Mönchgut, die auch äußerlich gut in die Landschaft passt, errichtet.