Archiv des Autors: Prof. Dr. Achim Leube

Mit Kegelmütze, Schnürleib und Kniehosen

(OZ v. 28.4.1977)

Jahrhundertealte Mönchguter Tracht, Im Göhrener Heimatmuseum wird sie aufbewahrt

Zu den bekanntesten Erscheinungen der der rügenschen Volkskultur gehört die Mönchguter Tracht, die gewissermaßen als das rügensche Symbol Eingang in die Werbung und in den Tourismus fand. Die DDR würdigte diese Tracht sogar durch die Ausgabe einer Briefmarke als Zusammendruck von Frauen- und Männertracht. Die beste Information vermittelt jedoch das Göhrener Heimatmuseum. Hier ist es der langjährigen Leiterin Ruth Bahls zu verdanken, dass mit Akribie und unter großen Schwierigkeiten sämtliche Trachtteile zusammengestellt und der Öffentlichkeit zugängig gemacht wurden.

Historische Postkarte, ca.1910

Historische Postkarte, ca.1910

Die Tracht, die als „einfach und zweckmäßig, zurückhaltend und sparsam in den Farben“ bezeichnet wird, verkörpert nach einigen Wissenschaftlern „Ernst und Würde, und jene Schlichtheit, die Zeichen der Anspruchslosigkeit …“ ist. Sie wurde fast ausnahmslos im Haushandwerk hergestellt und ließ sich von Prinzipien strenger Sparsamkeit leiten. Das typische der Frauentracht bestand in einer kegelförmigen Mütze, dem Schnürleib, buntfarbigen Kanten- und dunklen Oberröcken. Ein bunt gestreiftes Mieder war mit Perlen besetzt und galt als eigentliches Zierstück der Tracht. Für die Männer war die bunt gestreifte Weste, eine offene Drillichjacke, und weite Kniehosen charakteristisch.

Da die frühesten Nachrichten zur Mönchguter Tracht erst 1730 einsetzten und genauere Beschreibungen sogar erst um 1800 erfolgten, bleibt ihre Entstehung und Herkunft eine noch weitgehend ungeklärte Frage. Nach älterer Auffassung – neuere Forschungen fehlen leider – bildete sich diese Tracht seit dem späten 16. Jahrhundert heraus und nahm besonders im 19. Jahrhundert verschiedene neue Kleidungsstücke auf (z. B. den Strohhut und die Perlenstickerei bei der Frau, Zylinderhut, Schirmmütze und langer Überrock für den Mann).

Weniger bekannt ist, dass eine ähnliche Tracht noch bis 1800 auf Ummanz und Hiddensee getragen wurde. Vermutlich weisen diese drei Trachtengebiete auf eine ursprünglich weit verbreitete, einheitliche Tracht im südlichen Ostseeküstengebiet (ähnliches gab es auch auf dem Darß und auf Usedom). Die Tracht hielt sich nur in kirchlichen Ländereien mit einer kulturellen und verkehrsmäßigen Abgeschlossenheit – Ummanz, Hiddensee und Mönchgut waren Klosterbesitz im Mittelalter. In den anderen gebieten vernichtete die verschärfte Ausbeutung seit dem 16. Jahrhundert das selbständige Bauerntum (sog. Bauernlegen und Entstehen der großen Güter mit Landarbeitern) und verhinderte die Ausbildung bzw. den Bestand einer bäuerlichen Tracht.

Historische Postkarte, 1901

Historische Postkarte, 1901

Verschiedentlich, so auch auf Rügen, versucht man im 20. Jahrhundert durch Trachtenfeste eine Konservierung dieser Kultur zu erreichen, allerdings ohne Erfolg. Während 1914 noch zehn Prozent der Bevölkerung Mönchguts die Tracht anlegten, waren es 1930 nur noch 55 ältere Leute. Nach 1945 sah man verschiedentlich noch manches praktische Kleidungsstück, wie die weiten Kniehosen und den Handschuh mit den beiden Daumen (sog. Dümlings), obwohl noch größere Trachtenteile zum Familienerbe gehörten. Die Binzer Likedeeler und die Tanzgruppe von Alt-Reddewitz sorgten in den 70er und 80er Jahren dafür, dass die Mönchguter Tracht nicht völlig in Vergessenheit geriet.

Alte Rügensche Bräuche und Sitten zum Weihnachtsfest

(OZ v. 24.12 1976)

Rumprekker brachte Peppernöt

Ursprünglich erwuchs die Sitte der Gabenverteilung (Äpfel, Nüsse, Süßigkeiten) aus alten winterlichen Kultbräuchen. Ausgeübt wurden sie durch vermummte Personen oder Tiergestalten. Daran erinnert noch der Name des „Knecht Ruprecht“ als rauher „Percht“. Im Niederdeutschen ist er als „Ruger Klaas“ bekannter.

Auf Mönchgut erschien – wie F. Adler mitteilte – der „Rumprekker“. Ertrug eine Gesichtsmaske und in der Hand eine Rute bzw. einen mit Holzasche gefüllten alten Strumpf. Sein Mitbringsel waren nur einige „Peppernöt“. Auch die Geschenke der Familienmitglieder untereinander wurden recht prosaisch mit den Worten „Hu, Julklapp“ zur Tür hineingeworfen. Das waren dann die schön verzierten Webbrette, Flachsschwingen, u. ä., die wir in den Museen von Garz, Göhren und Stralsund bewundern können.

Sogenannte Flachsschwingen, landwirtschaftliches Werkzeug

Sogenannte Flachsschwingen, landwirtschaftliches Werkzeug

Der kleine Tannenbaum, außerordentlich reich behangen mit Ketten getrockneter Pflaumen und Rosinen, Äpfeln, Nüssen und Gebäck in Tierform, wurde erst am nächsten Morgen angezündet. Das Festessen an diesem Tag war Schweinebraten mit Reis und Backpflaumen.

Auch in den anderen Teilen Rügens fand am Weihnachtsabend ein Umzug statt. Etwa bis 1830 zog ein Ziegenbock, gebildet aus zwei jungen Burschen, einem Laken und einem jugendlichen Reiter, in der Umgebung von Altefähr von Haus zu Haus. Mit zwei mächtigen Bockshörnern ausgestattet, ängstigte man die Kinder und erhielt schließlich eine kleine Gabe.

Der Ziegenbock konnte auch von einer Person, die auf einer Astgabel ritt, mit einem Laken gebildet werden. Vorn wurde ein geschnitzter Ziegenkopf getragen. Im damaligen Pommern hieß sie „Schnabuck“, und im Stralsundischen ritten der Ruklaas auf einem Schimmel und sein Begleiter Rumpsack auf einem Bock. Begleiter des „Schnabuckes“ trugen Kiepen mit Nüssen und Äpfeln und spendeten den Kindern, worauf sie von deren Eltern ein kleines Geldgeschenk erhielten. Dieser Umzug ist auf Rügen noch 1852 bezeugt.

Zuweilen war der Ziegenkopf mit einem Klapperinstrument verbunden und wurde dann als „Klapperbock“ bezeichnet. Trat an die Stelle des Ziegenkopfes ein Pferdekopf, war die Gestalt des Schimmelreiters gegeben. Dieses Brauchtum war im Südwesten unserer Insel verbreitet und erinnert an Umzüge und Gestalten, wie wir sie heute noch aus den Alpenländern kennen.

Die sogenannten heiligen zwölf Nächte umfassen den Zeitraum zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar (Heilige Drei Könige). Keine Zeit des Jahres besaß derartig viele abergläubische Gebräuche wie diese. Oft setzte man die Rauhnächte (rau = wilder Spuk) bereits mit dem Andreastag (30. November) an. In dieser Zeit wütete das „wilde Heer“. Fruchtbarkeitszauber, Dämonenabwehr und Totenehrung bestimmten fast alle Handlungen, die sich bis weit in die germanische Frühgeschichte zurück verfolgen lassen. Während dieser Zeit durfte nicht gewaschen und keine Wäsche getrocknet werden, da andernfalls einer aus der Familie sterben müsse. Man durfte nicht spinnen und nicht in der Erde graben.

Franziska Tiburtius – eine Rügener Ärztin

(OZ v. 29.4.1977)

Eine der ersten deutschen Ärztinnen war die auf Rügen geborene Franziska Tiburtius, deren Todestag sich am 5. Mai 1977 zum 50. Male jährt. Am 24. Januar 1843 hat sie in Bisdamitz (plattdeutsch Bißmitz) das Licht der Welt erblickt. Mit 84 Jahren war sie 1927 in Berlin verstorben. Franziska Tiburtius entstammte einer alten Pastorenfamilie, die im 18. Jahrhundert auf Rügen ansässig geworden war. Ihre Kindheit verlebte sie unbeschwert als Kind eines Pächters und bewies bereits hier eine enge Bindung zum einfachen Volk, die ihr ganzes Leben charakterisierte.

Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920

Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920

In einer Fülle von Mitteilungen gibt sie uns in ihren „Erinnerungen“ einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit zwischen 1850 und 1870 auf Rügen. Darunter befinden sich bemerkenswerte Aussagen zur Volkskunde Mönchguts und den damaligen sozialen Zuständen.

1851 zog die Familie nach Stralsund. Gute Schulergebnisse veranlassten ihre Ausbildung als Hauslehrerin. Darüber schrieb sie: „Es gab damals eigentlich nur einen Beruf, der für gebildete Frauen aus „guter Familie“ wählbar war, den der Lehrerin“.

Angeregt durch ihren Bruder Carl – einen Arzt – und dessen spätere Frau, die sich 1869 als erste deutsche Zahnärztin (Studium in den USA) in Berlin niederließ, nahm Franziska Tiburtius 1871 das Studium der Medizin in Zürich auf. Im damaligen Deutschland war ein Frauenstudium unmöglich: „darüber ließen private Anfragen an maßgebenden Stellen nicht den geringsten Zweifel, eine offizielle Anfrage würde als sehr unzeitgemäßer Scherz betrachtet. So blieb nur das Ausland übrig.“ In Zürich kam Franziska Tiburtius mit russischen Revolutionären und Anarchisten, besonders jungen Frauen, zusammen und nahm Partei für ein „gebildetes Proletariat“. Ihr politischer Blick weitete sich und sie begann, Anteil an der internationalen Frauenbewegung zu nehmen.

Am 16. Februar 1876 bestand sie in Zürich ihre Promotion zum Dr. med. mit dem Prädikat „sehr gut. Zwischendurch gab es immer Szenen und Provokationen etwa derart: „Ach so, Sie studieren Medizin, na ja, wir wollen nicht davon sprechen!“

Humorig schilderte Franziska Tiburtius einen Zwischenaufenthalt in Rambin, wo sie z. B. einer alten Frau einen Bruch des Unterschenkelknochens schiente. Im Lazarett in Bergen – dem Vorläufer des heutigen Krankenhauses – war man sehr zufrieden und es hieß: „De Öbberste hett seggt, dat wier wunderschön makt, dat kunn keen Perfesser bäter maken.“ Die Rambiner boten ihr sogar eine Gemeindepraxis an. Das schätzte sie wertvoller als jedes Ehrendiplom ein.

Ende 1876 ging sie mit ihrer Freundin, Dr. med. Emilie Lehmus, auch diese hatte in Zürich studiert, nach Berlin, um eine Praxis in einer Arbeitergegend zu eröffnen. Das bedeutete zahllose Schwierigkeiten, in die sich auch eine „Leuchte der Wissenschaft“, der Geheimrat Prof. Dr. R. V. (Rudolf Virchow – der Verf.) einschaltete. Beide Ärztinnen praktizierten dann in „einer kleinen, halbdunklen, im Erdgeschoss liegenden Hofwohnung“ unweit des heutigen Alexanderplatzes. „Mehrere tausend Patientinnen gingen uns im laufe eines Jahres durch die Hände, und wir hatten das erhebende Gefühl, wirklich Nutzen zu schaffen“, schrieb Franziska Tiburtius. Zeitweise mussten sie ihren medizinischen Titel gegen die männlichen Ärztekollegen verteidigen und ein Türschild „Dr. med. der Universität Zürich“ führen, was den Zuspruch sogar erhöhte.

Erst 1894 nahmen die deutschen Universitäten Frauen als Gasthörerinnen auf und ließen sie sogar erst 1898 zur Staatsexamensprüfung zu. So liegt die Bedeutung Franziska Tiburtius´ in ihrem beispielgebenden Leben und in ihrem Einsatz für die Rechte der Frau in Beruf und Studium. Heute ist den Frauen auch auf diesem Gebiet zur vollen Gleichberechtigung verholfen.

 

Zwei Bergener Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts

OZ v. 17.3.1977

Friedrich Carl Arndt und Johann Jacob Grümbke

Friedrich Carl Arndt war der Lieblingsbruder Ernst-Moritz Arndts und wurde am 19. Januar 1772 in Groß-Schoritz geboren. Nach dem Studium der Jura in Greifswald wirkte er ab 1799 in Bergen zunächst als Advokat, dann als Prokurator am Kreisgericht und schließlich von 1809 bis 1815 als Stadtrichter und „gelehrter Bürgermeister“ (Bergen besaß damals stets zwei Bürgermeister).

Dieser äußerst geistvolle Mensch stellte sich gegen das Junkertum, das er in Bauernprozessen bekämpfte 1806 schrieb er: „Die Halunken haben in dem letzten halben Jahrhundert das Beste zerstört, was in diesem süßen Ländchen war: Wo haben wir noch Bauerndörfer?“ Idealistisch hoffte er auf eine Umstellung der Adligen und der gesellschaftlichen Verhältnisse, nachdem 1806 die Leibeigenschaft aufgehoben wurde.

Mit 43 Jahren starb Carl Friedrich Arndt am 2. Juni 1815 in Stralsund. Seine Grabstelle gilt als unbekannt. Dagegen vermutete der Garzer Heimatforscher E. Wiedemann, dass er in Bergen im Eckgebäude des Marktes, dem heutigen Haus Karl-Marx-Platz Nr. 1, neben der großen Kastanie gewohnt habe (Vgl. dazu auch E. Hildebrandt, 350 Jahre Stadt Bergen. Putbus, 1963, S. 53 ff.)

Ernst-Moritz Arndt veröffentlichte den literarischen Nachlass seines Bruders in Teil 1 der „Schriften für und an seine lieben Deutschen“.

Ein Zeitgenosse, und gleichfalls eng mit Ernst-Moritz Arndt verbunden war Johann Jacob Grümbke, der am 6. September 1771 in Bergen geboren wurde und oft als „Vater der rügenschen Heimatforschung“ bezeichnet wird. Grümbke war sehr vielseitig – so ist er auch als Zeichner und Dichter bekannt – und wie Friedrich Carl Arndt schrieb „für Bergen viel zu gelehrt; er könnte jeden Tag Professor der Botanik oder Physik werden“.

Alter Friedhof Bergen, Grabstätte Johann Jacob Grümbke 2008

Alter Friedhof Bergen, Grabstätte Johann Jacob Grümbke 2008

So erhielt er 1830 auch die Würde eines Ehrendoktors der Universität Greifswald verliehen. Seine bedeutendste Arbeit erschien 1819 unter dem Titel „Neue und genaue geographisch-statistisch-historische Darstellungen von der Insel und dem Fürstenthum Rügen“. Sie ist die grundsätzliche Basis jeglicher Forschung auf Rügen.

Wenn auch das persönliche Leben Grümbkes weitgehend unbekannt blieb, so ist seine fortschrittliche Weltanschauung durch schriftliche Quellen bezeugt. Auch er verfiel in Pessimismus und Resignation – gestützt durch das Leiden an Gesichtskrebs – und zog sich als Junggeselle in die Isolation zurück. In seiner Wohnung oberhalb der einstigen „Löwen-Apotheke“ am Markt starb er am 23. März 1849. Seine Grabstelle auf dem alten Bergener Friedhof ist zwar bekannt, sie könnte jedoch besser gepflegt werden. Von seinem Nachlass scheint nur einiges in das Bergener Kirchenarchiv gelangt zu sein.

Wir achten und ehren in Friedrich Carl Arndt und in Johann Jacob Grümbke zwei rügensche Persönlichkeiten, deren Streben dem gesellschaftlichen Fortschritt, der Freiheit und Würde des Menschen galt.

Aus Strandgut ein Hotel gebaut

(OZ v. 24.6.1987)

Zu den ältesten Gasthäusern in Sassnitz gehört auch der 1870 umgebaute alte Dorfkrug in der Friedrich-Karl-Straße, der dann als „Böttchers Hotel“ eröffnet und bereits 1934 als Wohnhaus genutzt wurde. 1898 empfahl man die großen Veranden, die herrliche Aussicht auf See und die vorzügliche Verpflegung. Der Inhaber Otto Böttcher hatte übrigens neben dem Hotel am Fahrnberg“ als einziger Telefonanschluss.

Die Entstehungsgeschichte des „Hotels am Fahrnberg“ ist auch etwas kurios. 1866 strandete bei Sassnitz ein holländisches Schiff, das mit Eichenholz beladen war. Um es nach geltendem Strandrecht auf Sassnitzer Strand zu holen, befestigte ein mutiger Schwimmer, Julius Böttcher, bei schwerem Seegang eine Leine am Schiff. Das Holz erwarb der Baumeister Paulsdorf aus Bergen, der 1869 davon das “Hotel am Fahrnberg“ erbaute. Es war „das“ Hotel, das ausschließlich von begüterten Kreisen aufgesucht wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor es an Bedeutung, da man nun auch die Hotels und Villen direkt am Meer bevorzugte.

Sassnitz, Überreste Hotel Fahrnberg 2008

Sassnitz, Überreste Hotel Fahrnberg 2008

Sassnitz wurde zunächst von Adelskreisen, besonders Offizieren mit ihren Familien, aufgesucht. Es waren diejenigen, die besonders an den preußischen Kriegen zwischen 1864 und 1871 verdient hatten. Auch die Kaiserliche Familie weilte mehrmals in Sassnitz, und am Uskan errichtete ein Prinz Blockhäuser (die „Prinzing Blockhäuser“ genannt wurden).

Bekanntester Gast war ja 1878 Johannes Brahms. Auch Theodor Fontane weilte hier und verewigte den Ortsteil Crampas in seinem Roman „Effi Briest“ (Major von Crampas).

Nach 1919 setzte sich ein bürgerliches Publikum durch, und die vielen schwarz-rot-goldenen Fahnen gaben Sassnitz den Beinamen „rotes“ Sassnitz (im unterschied zu Binz). 1925 hatte der Ort mit 25 600 Badegästen einen absoluten Höhepunkt.

Krieg und Nachkriegszeit mit der Aufnahme zahlreicher Umsiedler sowie veränderte Badegewohnheiten beendeten die Geschichte des Ortes Sassnitz als Badeort. Zahlreiche, noch im Baustil der Gründerjahre errichtete Villen und Hotels künden von jener Zeit. Besonders gut erhalten und geschmackvoll modernisiert sind das ehemalige „Hotel Viktoria“ in der Seestraße (später VEB Fischfang Sassnitz) oder der „Lindenhof“ (später Jugendclub) in der Bergstraße. So erhofft man sich auch für weitere Gebäude stilechte Rekonstruktionen in der Verantwortung für historisch Gewachsenes und ihrer Nutzung in unserer Gegenwart.

 

Vor 70 Jahren kam Krampas zu Sassnitz

(OZ v. 1.4.1976)

Ein historischer Rückblick

Einer der traditionellsten Badeorte Rügens begeht am 1. April ein Jubiläum, das uns Anlass zu einem kurzen historischen Rückblick sein soll: vor genau 70 Jahren vereinigten sich die damaligen Gemeinden Krampas und Sassnitz zu einem Ort.

Das eigentliche Sassnitz (vermutlich vom slawischen Wort Sosna – die Kiefer – herzuleiten) entstand in einer Uferschlucht des Steinbaches als ein Fischerdorf, dessen Bewohner auch als Waldarbeiter Kreidewerker und Torfstecher ihren kargen Lebensunterhalt verdienten. In unmittelbarer Nähe, etwa auf dem Plateau des heutigen Fischereihafens gelegen, befand sich das kleinere Bauerndorf Krampas, dessen Bewohner nebenher etwas Fischerei betrieben.

Die Bevölkerung beider Orte war bereits in früher Zeit durch Heiraten „zu einer einzigen großen Familie“ verwachsen, wie ein Reisender um 1860 schrieb. Mit der weiteren Entwicklung wurden die getrennten Verwaltungen und entstehenden Rivalitäten als konkurrierende Badeorte zu einem Hemmschuh. Nach längerem Bemühen erfolgte dann am 1. April 1906 die Zusammenlegung beider Orte unter dem Namen Sassnitz. Der neue Ort besaß damals 2481 Einwohner und konnte nun Kanalisation und Wasserleitungsbau abschließen. (1908). Elektrisches Licht besaß Sassnitz bereits einige Jahre vor Bergen (1896).

Sassnitz, historische Aufnahme 1911

Sassnitz, historische Aufnahme 1911

Der Ortsname Krampas ging zwar verloren, fand aber Eingang in der Weltliteratur. So benannte Theodor Fontane, der Sassnitz aufsuchte, eine der Titelfiguren seines Romans „Effi Briest“ (Major von Crampas) nach ihm.

Der Beginn von Sassnitz als Badeort wird wohl aus lokalpatriotischen Gründen sehr früh mit dem Jahre 1824 verbunden. Damals verlebte hier der Berliner Prediger Friedrich Schleiermacher , eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit, mit seiner Familie einige Wochen.

Eingehende Schilderungen verdanken wir dem Neubrandenburger Naturforscher Ernst Boll, der zwischen 1844 und 1857 das Seebad Krampas mehrfach aufsuchte. 1857 besaß Saßnitz etwa 200 Badegäste, während das ursprünglich bedeutendere Krampas nur fünf zählte.

Vor allem die reizvolle Umgebung, die günstige klimatische Lage und die Entwicklung des Hafens als „Tor des Nordens“ machten Sassnitz zum größten und exklusivsten Badeort Rügens um die Jahrhundertwende.

Sassnitz, Seebrücke 2008

Sassnitz, Seebrücke 2008

Das Publikum gehörte natürlich den begüterten Schichten der Bevölkerung an, von denen bereits Ernst Boll Beamte, Militärs, Kaufleute Rentiers und die „Menge des Adels“ als dominierend hervorhob- Seit 1878 gesellten sich auch Angehörige der kaiserlichen Familie hinzu. So hatte sich Sassnitz zu einem mehr oder weniger feudalen Bad entwickelt, dessen Kurleben als „elegant, zum Teil geräuschvoll und ziemlich teuer bezeichnet wurde. Da ein eigentlicher Sandstrand fehlte, konzentrierte sich alles auf die Strandpromenade mit dem Kurpavillon Miramare und den Hafen mit seinem lebhaften Bootsverkehr. 1912 besaß der Ort bereits 26 000 Gäste. Das entsprach einem Viertel aller Rügenschen Badegäste!

Rügener Burgen – Zeugen alter Kulturen

(OZ v. 10.9.1976)

Zu den sichtbaren Zeugen vergangener Zeiten und Kulturen gehören auch die gewaltigen Burgwälle aus der slawischen Periode des 7. bis 12. Jahrhunderts. Es sind hoch aufgeschüttete Erdwälle mit einer rundlichen oder viereckigen Innenfläche, von denen noch zwölf Anlagen auf Rügen erhalten sind und unter strengem Denkmalschutz stehen.

Der eigentliche Wall ist als Holz-Erd-Mauer in der typischen Kastenkonstruktion mit vorgelagerte Gräben, Palisaden und Brüstung errichtet, wie Ausgrabungen in Garz und auf Arkona nachweisen. Diese oft beträchtlich großen Burgen nutzten natürlichen Schutz aus und waren mitunter – wie Arkona, Gobbin, Schaprode, der „Hengst“ bei Saßnitz und Zudar – direkt an der Küste gelegen. Nur wenige befinden sich im sumpfigen Gelände des Landesinneren (Garz, Venz, Karow) oder auf Berghöhen (Rugard, Schlossberg bei Saßnitz, Hertaburg).

Schnitt durch den Burgwall am Herthasee, Kreidezeichnung 1869

Schnitt durch den Burgwall am Herthasee, Kreidezeichnung 1869

Diese Burgen dienten seit dem 10. Jahrhundert in Kriegszeiten den auf Rügen ansässigen slawischen Stämmen der Ranen als Fliehburgen und wurden schließlich politische Zentren kleiner Burgbezirke, wie bei Rambin, Schaprode, Wiek auf Wittow, Kapelle bei Sagard für Jasmund usw. Unter ihrem Schutz hielt man Markt und Gericht. Diese Orte behielten ihre zentrale Bedeutung teilweise als Städte – wie Garz und Bergen – oder als Marktorte und Großgemeinden bis in die Gegenwart.

Burgwall „Jaromarsburg“ bei Kap Arkona 1972, (Aufnahme: Harro Schack, Sagard)

Burgwall „Jaromarsburg“ bei Kap Arkona 1972, (Aufnahme: Harro Schack, Sagard)

Die Tempelburg auf Arkona entstand frühestens im 9. Jahrhundert und gilt als die bekannteste Befestigung Rügens, da hier das im südlichen Ostseegebiet verehrte Heiligtum des Gottes Swantewit stand. Ein beträchtlicher Teil der Anlage, wohl auch der Tempel, versank in den Fluten der anstürmenden Ostsee. Die Burgstätte wird heute zwar von Tausenden Besuchern aufgesucht. Zahlreiche Kletterpfade fügen der Rasenfläche schwere Schäden zu, die in Zukunft verhindert werden sollten.

Der zweite bedeutende Burgwall befindet sich im Stadtgebiet Garz, dem alten Charenza. In slawischer Zeit standen hier die Tempel von drei Göttern. Beide Burgen wurden 1168 durch die Dänen erobert. Allerdings ist diese Deutung in jüngster Zeit umstritten worden. Während Arkona bedeutungslos wurde, entwickelte sich allerdings Garz zum rügenschen Fürstensitz. Hier erhielt Stralsund 1234 Stadtrecht.

Für die Touristen und Urlauber bildet die „Herthaburg“ in der Stubnitz die größten Geheimnisse und Rätsel. Es ist aber weniger bekannt, dass fast alle „Geschichtchen“ und Sagen mit der Göttin Hertha auf die Phantasie eines Wissenschaftlers des 17. Jahrhunderts zurückzuführen sind. Dieser übertrug die Berichte des römischen Historikers Tacitus, der im 1. Jahrhundert lebte, von einer germanischen Göttin Nerthus auf diese Stätte. Jedoch wurde auch diese Burg erst im 10. bis 12. Jahrhundert von den Slawen erbaut. Übrigens ist der in der Nähe gelegene Königstuhl bereits 1584 genannt und verdankt seinen Namen nicht irgendwelchen dänischen oder schwedischen Königen, die hier Seegefechte beobachtet haben sollen, sondern seiner majestätischen und erhabenen Lage und Erhebung. So gibt es auch in ähnlicher Lage auf der dänischen Insel Möen einen Königstuhl (dronning Stole) und in der Pfalz einen „Kaiserstuhl“.

In slawische Zeit gehört auch die alte Landwehr des „Mönchgrabens“ bei Baabe, die nicht von den Mönchen, sondern von den Wenden zur Abwehr aus Süden eindrängender Feinde errichtet wurde. Es ist typisch für die rügensche Geschichte, dass Burgen und Befestigungen des kleinen Landadels aus dem 14. bis 16. Jahrhundert fehlen. Befestigt waren die Schlösser und Höfe bei Putbus und Vilmnitz. Erst mit dem Dreißigjährigen Krieg und den folgenden Kriegen zwischen Dänen, Schweden und Preußen um den Besitz Rügens entstanden Schanzen Redouten u. ä. bei Juliusruh (Park), Binz (Steilufer), Prosnitz (bis 19. jahrhundert als Fort Napoleon) oder Altefähr (Steilufer). Zeugen dieser Kämpfe sind auch Gedenksäulen bei Groß Stresow und Neukamp.

Einzigartiger Reichtum an Hünengräbern

(OZ v. 11.08.1976)

Der Reiz und die Eigentümlichkeit der rügenschen Kulturlandschaft wird auch durch zahlreiche Bodendenkmäler – im Volksmund als „Hünengräber“ bezeichnet – aus ur- und frühgeschichtlicher Zeit geprägt. Ihre Zahl ist besonders im 19. Jahrhundert durch den Eisenbahn-, Straßen- und Gutshofbau sowie durch die Extensivierung der Landwirtschaft stark zusammengeschmolzen. Jedoch gehört Rügen mit seinen heute noch über 600 bekannten Denkmälern weiterhin zu den an urgeschichtlichen Grabmälern reichsten Gegenden Ostdeutschlands. Dieses kulturelle Erbe stellte die Regierung der DDR bereits 1954 unter Denkmalschutz und erklärte es zum Eigentum des Volkes. Auch die Gesetzgebung vom 30. November 1993 bzw. 3. Mai 1994 des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege sichert diesen Kulturdenkmalen ihren gesetzlichen Erhalt.

Besonders charakteristisch sind für Rügen die sogenannten Großsteingräber, von denen noch 50 Anlagen erhalten sind. Sie bilden den Rest von einst 236 Gräbern. In den Jahren zwischen 1964 und 1970 untersuchte der Prähistoriker Ewald Schuldt (1914-1987) vom Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte Schwerin innerhalb eines Forschungsprogramms 15 derartige Denkmäler. Er stellte einen speziellen rügenschen Grabtyp fest, bei dem die Seiten der Grabkammer aus drei- bis vierpaarigen Findlingen errichtet und mit entsprechenden Decksteinen versehen wurden. Das Eigentümlichste war die Gestaltung des schmalseitigen Zuganges als einem niedrigen Rahmen mit Tür- und Schwellenstein.

Diese sogenannten Großdolmen wurden zwischen 3000 und 1800 v. Chr. errichtet. Den Besucher beeindruckt vor allem die Bauweise, die uns noch manches Rätsel aufgibt. Galt es doch, mit einfachen Mitteln gewaltige Geschiebe bis zu 15 Tonnen Gewicht zu spalten, zu glätten, heranzutransportieren und aufzutürmen. Die Lücken füllte man mit einem Mauerwerk und Lehmverputz, in denen Ewald Schuldt „die ältesten gemauerten Wände unseres Landes“ sieht. In den Sippengräbern fand man neben Resten von tönernen Schalen und Näpfen auch Feuersteilbeile u. ä. sowie vereinzelt Bernsteinperlen.

Wesentlich häufiger finden wir isoliert oder in kleineren Gruppen vereinigt bronzezeitliche Hügelgräber (1800 bis 600 v. Chr.). Die kleinen flachen Gräber können jedoch auch Grabformen der slawischen Ranen des 7. bis 12. Jahrhunderts gewesen sein, wie sie besonders bei Ralswiek ausgegraben wurden.

 

Lancken-Granitz, Großdolmen 2, Plan der Grabkammer mit Fundverteilung

Lancken-Granitz, Großdolmen 2, Plan der Grabkammer mit Fundverteilung

Der Volksmund verlieh den „Hünengräbern“ besondere Namen, wie etwa die „Fürstengräber“ bei Quoltitz, der „Dubberworth“ bei Sagard, das „Königsgrab“ auf Stubbenkammer, die „Neun Hügel“ bei Rambin, der „Teschenberg“ bei Göhren usw.

Unter den Großsteingräbern sei der „Pfennigkasten“ in der Stubnitz, das „Riesengrab“ bei Mukran, der Zägensteen“ bei Groß Stresow, der „Fleederbarg“ bei Lonvitz und der „Ruuge Barg“ bei Vilmnitz genannt.

Großsteingräber bei Lancken-Granitz 1968

Großsteingräber bei Lancken-Granitz 1968

Großsteingräber sind besonders um Lancken-Granitz zu besichtigen, wo sie nach den Ausgrabungen als eine Art Freilichtmuseum gestaltet wurden. Hügelgräber finden wir nach den üblichen Wanderkarten auf der gesamten Insel verteilt, am häufigsten in der Stubnitz.

Dieser einzigartige Reichtum an Kulturdenkmälern könnte noch stärker der interessierten Bevölkerung und den Urlaubern zugänglich gemacht werden, so z. B. durch die Einbeziehung in die Wanderwege. Dazu wäre eine entsprechende Beschilderung notwendig. Auch müssten die Anlagen gepflegt, also von Feldsteinen und wilden Sträuchern befreit werden.

 

Hans Delbrück – ein in Bergen geborener liberal-bürgerlicher Historiker

(OZ, 1982)

Trat entschieden gegen Bismarck auf

Hans Delbrück entstammte einer bürgerlichen Gelehrtenfamilie, deren Leistungen weitgehend zum progressiven Erbe aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gehören. Am 11. November 1848 in Bergen geboren, verließ er die Insel bald und studierte an verschiedenen Universitäten Geschichte. Es fällt allerdings schwer, seine wissenschaftlichen Leistungen im Einzelnen zu würdigen, da er eine Fülle von Aufsätzen, Büchern und Artikeln verfasste. Herausragend sind seine „Geschichte der Kriegskunst“ in fünf Bänden und die Bearbeitung des Gneisenau-Nachlasses.

Entschieden wandte er sich schon frühzeitig gegen Bismarck und den „blöden Egoismus der oberen Stände“. So bezeichnete er sich als „konservativen Sozialdemokraten“, betonte aber zugleich seine Vorliebe für eine konstitutionelle Monarchie, die außerhalb der Klassen stehen müsse. Diese idealistischen Vorstellungen über einen „Volksstaat“ vertrat er auch als Parlamentarier.

Es ist wenig bekannt, dass die Zeitung der KPD die „Rote Fahne“, in ihrer Ausgabe vom 13. November 1928 durch ihren Redakteur Paul Braun (Guddorf) das Lebenswerk des Historikers Hans Delbrück würdigte. Delbrück „gehört in die Reihe der wenigen ernsten und ehrlichen Vertreter der deutschen bürgerlichen Historikerzunft, die … den Vorurteilen der herrschenden Klassen und der dynastischen Legendenbildung entgegen traten.“

Paul Braun weist auf Delbrücks entschiedene Verurteilung des Einmarsches deutscher Truppen 1914 in Belgien. Franz Mehring bezeichnete Delbrücks „Kriegsgeschichte“ als „das bedeutendste Werk, das die Geschichtsschreibung des bürgerlichen Deutschland in dem neuen Jahrhundert produziert hat und das für die moderne Arbeiterbewegung nicht nur ein wissenschaftliches Interesse hat“.

Hans Delbrück verstarb mit 81 Jahren am 14.Juli 1929. – Internationalen Ruf erlangte auch sein Bruder Max Delbrück als Begründer der modernen Gährungstechnologie. Er wurde am 16. Mai 1850 in Bergen geboren. Schließlich sei noch der Cousin Hans Delbrücks erwähnt Berthold Delbrück. Er gilt als einer der Schöpfer der indogermanischen Sprachlehre. Berthold Delbrück wurde am 26. Juli 1842 in Putbus geboren und wirkte später an der Universität in Jena, wo er auch 1922 starb.

Bauernlegen und Bodenreform auf Rügen

(OZ v. 3.7.1986)

In wenigen Jahren – im Jahre 2015 – begehen wir den 70. Jahrestag der Bodenreform in der damaligen „Sowjetischen Besatzungszone“ (SBZ). Alle Grundbesitzer mit Landbesitz über 100 ha Fläche, Kriegsverbrecher und maßgebliche Funktionäre des nationalsozialistischen Regimes wurden im Herbst 1945 enteignet. Ihr Landbesitz wurde an bedürftige Landarbeiterfamilien, vor allem an „Umsiedler“ (also Flüchtlinge, Vertriebene, Evakuierte usw.) vergeben. Nach 1990 entstand daraus ein langwieriger juristischer Prozess, der auf Rügen mit der Person des Fürsten zu Putbus und seinem enormen Land- und Immobilienbesitz verbunden war. Die Bodenreform wurde nach 1990 allerdings nicht rückgängig gemacht.

Wie war es in früheren Zeiten zu der Anhäufung umfangreichen Grundbesitzes auf der einen Seite und einer Verarmung von Bauern andererseits gekommen?

Dazu müssen wir einige Jahrhunderte zurückblättern und einen gewissen Ausgangspunkt bereits im 14. Jahrhundert sehen. Zu jener Zeit beschränkte sich die Abhängigkeit der Bauernschaft von dem Adel und dem Landesherrn noch auf die Ableistung bestimmter Dienste und einer Geldabgabe. Die Güter waren noch recht klein, und es gab durchaus wohlhabende Bauern auf Rügen.

Eine Verschlechterung trat mit dem Aussterben der rügenschen Fürstendynastie und die Übergabe an die Herzöge von Pommern-Wolgast im Jahre 1325 ein. Diese befanden sich in ständigen Finanznöten und veräußerten sehr oft ihre Besitz- und Hoheitsrechte. Das führte zur Stärkung des Landadels und schließlich zur Gutsherrschaft.

bauernhaus_boldevitz

Altes Bauernhaus in Boldevitz 1989

Im 15. Jahrhundert prägten kriegerische Unruhen, wie Fehden des Adels untereinander, die politische Situation. 1403 setzte eine große Teuerung ein, so dass „Leute und Vieh vor Hunger starben“. Damit verbunden waren eine Verarmung der Bauernschaft und eine einsetzende Landflucht. Verschiedene Orte verödeten und wurden aufgegeben.

Gravierende Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen, verbunden mit der Enteignung der Bauern (als “Bauernlegen” bezeichnet), setzten im 16. Jahrhundert ein. Es war der Beginn des Untergangs der rügenschen Bauern. Der wirtschaftliche Hintergrund dieses Prozesses, der viele menschliche Tragödien einschloss, bestand in einem Anstieg des Woll- und Brotgetreide-Preises, verbunden mit einer Geldentwertung. Die bisherige Form der Geldzinsleistung des Bauern an den Grundherrn verlor an Wert, und dieser bemühte sich, seine landwirtschaftliche Grundfläche zu erweitern. In jener Zeit hatte der Adelshof noch eine Größe von etwa 60 bis 80 ha, und es gab noch viele Bauernhöfe mit etwa 10 bis 40 ha Nutzfläche.

Die Eigentumsverhältnisse waren auf Rügen zudem noch nicht so scharf ausgeprägt, wie auf dem Festland. Das begann sich nun schnell zu ändern. 1616 trat die in Pommern geltende „Erweiterte und erklärte Bauern- und Schäferordnung“ in Kraft, die am 1. Juli 1645 durch den schwedischen Gouverneur auf Rügen übertragen wurde. Das bis dahin noch sporadische „Legen“ – sprich Enteignen – des Bauern wurde nun juristisch fixiert und Allgemeingut der Adelsklasse. Im Text hörte es sich folgendermaßen an: „… wie auch die Bauern, wenn die Obrigkeit die Höfe, Äcker und Wiesen zu sich wieder nehmen oder den Bauern auf einen anderen Hof versetzen will, ohne alles Widersprechens folgen müssen …“

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Herrenhaus in Karnitz 2001

Dazu nun einige Beispiele: 1577 bis 1580 wurden in Garftitz mehr als vier Bauernhöfe gelegt und zum Hof Garftitz vereinigt. Er gehörte zur Herrschaft von Putbus und umfasste1893 mit dem unweit gelegenen Ort Blieschow 250 ha Nutzfläche. Zu DDR-Zeiten wurde die Fläche von einer LPG „Pflanzenproduktion“ Garftitz bewirtschaftet.

1575 legte man das Gut – oder Ackerwerk, wie man damals sagte – in der Ortschaft Gagern an. Dazu wurden im Dorf sieben Bauern gekündigt und 27 Kätner sowie 73 Bauern der Umgebung zu Pflug- und Handdiensten herangezogen. Drei Jahre später wurde das ehemalige Bauerndorf Kluis dem Gut „angegliedert“. Gagern hatte 1893 als Rittergut die stattliche Größe von fast 500 ha und gehörte dem Grafen von Krassow (später angeheirateten Fürsten von Inn- und Knyphausen in Pansevitz). Zu DDR-Zeiten war hier der Sitz der LPG „Tierproduktion“ Kluis und der Abteilung 1 der LPG „Pflanzenproduktion“ Gademow.

 

Kriege verschärften das Bauernlegen

(OZ v. 9.7.1986, Fortsetzung)

Sehr detailliert sind wir über die Entstehung des Ackerwerkes in Philippshagen in der heutigen Gemeinde Middelhagen auf Mönchgut informiert, 1601 übernahm Herzog Philipp Julius die pommersche Herzogwürde. Er galt als „verschwenderisch und freigebig wie keiner seiner Vorfahren“. Um die herzoglichen „Revenuen“ von der Insel Rügen zu erhöhen, beschloss er, die Ackerwerke auf Rügen zu verdoppeln. Bisher bezog er an Geldzins von Mönchgut etwa 500 Gulden. Diese Summe wollte er verdoppeln.

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Altes Schulhaus in Middelhagen 1954

Die Bauernschaft bot 400 Gulden zusätzlich an, um die Einrichtung eines Ackerwerkes zu verhindern, denn „wenn man es ihnen aufdringen wollte, so müssen sie zu Bettlern werden oder bald verlaufen“. Da ihm die Summe zu niedrig war, wurde der Vertrag zur Gründung des Ackerwerkes am 19. Mai 1607 mit dem Landvogt Joachim Scheele abgeschlossen. 1608 erfolgte die Räumung im Dorfe Hagen, das damals aus Klein-, Middel- und Grotenhagen bestand. Acht Bauern und sieben Kossäten wurden in Grotenhagen gelegt und nach Klein- und Middelhagen, Göhren, Alt Reddevitz und Lobbe umgesiedelt. Sogar die Abrisshölzer behielt man ein. Das neue Gut wurde zu Ehren des Herzogs „Philippshagen“ genannt.

Wie viel menschliches Leid und Ungerechtigkeit verbergen sich hinter diesen einfachen Zahlen und Fakten. Philippshagen war eine Domäne (staatlicher Besitz) von etwa 400 ha Größe. In der Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte ein Vorwerk in Lobbe dazu. Auch die Fischerei auf der Having , ein Mühlenwesen, und die Jagd in den Forsten bis Thießow unterstanden dem Gut. Nach 1945 wurde es unter Mönchgutern und Umsiedlern aufgeteilt und wurde zu DDR-Zeiten dann von der LPG Sellin bewirtschaftet.

Eine Verschärfung des Bauernlegens trat durch die Ereignisse des 30jährigen Krieges und der folgenden Kriege (1675 bis 1679, 1700 bis 1715) ein. Sie führten zum materiellen Ruin der Bauern und zu einer beträchtlichen Entvölkerung Rügens. Die zerstörten Dörfer wurden zu Gütern geschlagen, da ein Neuaufbau aus rechtlichen und finanziellen Gründen nur dem Adel möglich war. 1630 entstand das Gut Varbelvitz, wo es 1577 noch fünf Bauernhöfe gegeben hatte. Wenig später legte man auch die Bauern in Kubitz und gliederte ihre Ackerflächen ein.

1690 wurde das Gut Klucksevitz (Haidhof) gebildet, wo für 1577 drei Bauernstellen überliefert sind. 1677 entstanden die Höfe in Nadelitz und Proßnitz. In der Regel wurden die „gelegten“ – also enteigneten – Bauern in den Nachbardörfern angesiedelt. So verschwand bereits im 16. Jahrhundert ein beträchtlicher Teil der selbständigen Bauern und Bauerndörfer.

 

Bergen entstand aus drei kleinen Orten

(OZ v. 20.1.1978)

Alte Straßennamen erinnern an historische Ereignisse

Straßen- und Ortsnamen können uns interessante Hinweise zur Geschichte und Wirtschaft sowie zu historischen Ereignissen geben. Sie sind damit als Geschichtsquellen von Bedeutung.

Die Stadt Bergen trägt ihren Namen nach ihrer markanten Geländelage auf dem eiszeitlichen Rugard-Massiv, etwa 60 bis 80 Meter über dem Meeresspiegel. In ältesten Überlieferungen trägt der Ort noch die slawische Bezeichnung „Gora“, die sich auch in Goor und Göhren erhalten hat und gleichfalls „Berge“, „Berg“ bedeutet. Seit 1278 hat sich dann der Name „Berghe“ oder „Berchenn“ durchgesetzt.

Verschiedene Geschichtsforscher vermuten, dass die heutige Stadt aus drei kleineren Orten erwuchs. So unterschied man 1314 zwischen einer „villa montis“ (sie entspricht dem Dorf bzw. der Ansiedlung Bergen) und der „villa Gatemin“, d.h. dem Dorf Gatemin. „Villa“ ist die lateinische Bezeichnung für eine kleine Ansiedlung. Eine weitere Ansiedlung unbekannten Namens könnte am „Goldenen Blinken“ gelegen haben, wobei der freie Platz möglicherweise den alten Dorfanger darstellt.

Kantorenhaus in Bergen 1987

Kantorenhaus in Bergen 1987

Genaueres lässt sich den alten Urkunden leider nicht entnehmen. Jedoch besteht die Möglichkeit, dass bei Schacht- und Erdarbeiten in der Stadt Bodenfunde, wie altertümliche Scherben, Metallgeräte, Münzen, Findlingsmauern und ähnliches, wertvolle stadtgeschichtliche Hinweise geben können.

Erst durch Bodenfunde wissen wir, dass Bergen wirklich in diesen Stadtteilen im 12. Jahrhundert bewohnt war.

Einen der ältesten Sakralbauten im Norden Deutschlands bildet die Marienkirche. Sie wird bereits 1193 mit einem Nonnenkloster geweiht. Ein halbes Jahrhundert später wird der Marktplatz, zu DDR-Zeiten „Karl-Marx-Platz“, als „forum principale“ (etwa „fürstlicher Markt“) erwähnt. Hier lag auch eine Gastwirtschaft, die bereits 1232 als „taberna in Gora“ in den Urkunden auftritt.

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Marienkirche in Bergen 1987

Die Straßennamen wechselten in jüngster Zeit mehrfach. In der DDR-Zeit gingen z. B. von den vier Ecken des unregelmäßigen Marktplatzes die Vieschstraße, die Straße der Solidarität, die Straße der Jugend, die Dammstraße und die Calandstraße als ursprünglich bedeutendste ab.

Die in der DDR-Zeit als „Straße der Jugend“ bezeichnete Straße war die ursprünglich nach Jasmund führende „Raddaser Straße“. Sie gewann erst nach dem Bau der festen Landverbindung bei Lietzow 1868 an Bedeutung. Davor verlief sie als Feldweg. In ihrem oberen Teil war sie jedoch bereits Anfang des 17. Jahrhunderts gepflastert.

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Kalandstrasse in Bergen 1987

Die Calandstraße. Die Verbindung nach Gingst und Trent verlief zunächst über die Calandstraße und den unteren Teil der heutigen Bahnhofstraße, die wiederum „Gingster Straße“ oder noch früher „lange Gasse“ genannt wurde. Die Calandstraße hat eine interessante Vergangenheit. Hier befand sich das Haus der rügenschen „Caland“, einer katholischen Brüderschaft. Sie traf sich jeden ersten Tag im Monat, dem sogenannten „calandae“. Dieser Caland wird bereits im 14. Jahrhundert genannt und löste sich mit der Reformation im 16. Jahrhundert auf. Er hatte sich zum Schluss zu einer Adelsverbindung – offenbar unter der Leitung der Putbusser Fürsten – entwickelt, die hier Zechgelage abhielten. Als Sitz des Caland vermutet man die Grundstücke Calandstraße 3-4.

Dammstrasse in Bergen 2008

Dammstrasse in Bergen 2008

Die Dammstraße. Sie trägt ihren Namen nach dem Steindamm, denn nicht jede Straße war in der Stadt gepflastert. Sie wird am 11. Oktober 1621 zum ersten Mal erwähnt, als die hier gelegenen Häuser einem Stadtbrand zum Opfer fielen. Über die Dammstraße, dann entlang der Stralsunder Straße führte vor dem Chausseebau die Verbindung nach Stralsund.

Königstrasse in Bergen 1974

Königstrasse in Bergen 1974

Die Straße der Solidarität. Sie führte zur alten Mönchguter Landstraße, die der heutigen Bäderchaussee zum Teil entspricht. Sie hieß früher „Königstraße“ und wird so um die Mitte des 16. Jahrhunderts erwähnt. Da der Name sich nicht erklären lässt, könnte es sich um die allgemeine Bezeichnung einer Hauptstraße, die im Mittelalter als „Königsstraßen“ (via regia) bezeichnet wurden, gehandelt haben.

Weihnachten – Der Bärtige Alte ist jünger als wir vermuten

(OZ v. 24.12.1976)

Das christliche Weihnachtsfest wurde zu DDR-Zeiten als das Fest des Friedens und der Völkerfreundschaft bezeichnet.

In den Weihnachtsfeiertagen können wir uns auf das im vergangenen Jahr Vollbrachte besinnen und Kräfte für das neue Jahr sammeln.

In diesem Grundgedanken besitzt Weihachten eine uralte Wurzel.

Die heutige Form des Feierns sowie viele Bräuche und Sitten gehen auf eine Mischung vorchristlicher Hochwinterfeste zum römischen Jahresbeginn am 25. Dezember zurück, dem Tag der unbesiegbaren Sonne. Die Christen feiern die Geburt Jesu.

Die Germanen Mittel- und Nordeuropas begingen in der Mitte des Dezembers ihr Mittwinterfest, das sogenannte Julfest. Mit der Sonnenwende verbanden sie einen Kampf mit den Dämonen und übten Fruchtbarkeits- und Toten-Zeremonien aus. Manches davon hat sich bis in die Gegenwart erhalten, so die Umzüge der Jugend, der Schimmelreiter und die Klapperböcke gegen Geister des Unheils. Einige Tiere hießen bezeichnenderweise „de swarte Oß“. Besonders gefährdet waren die 12 Nächte nach dem 25. Dezember (bis zum 6. Januar, dem christlichen Tag der Heiligen Drei Könige). In dieser Zeit durften bestimmte Speisen (z. B. Hülsenfrüchte) nicht gegessen werden. Man räucherte mit Wacholder, versteckte den Waschlappen (weil er den Tod bringt) und stellte als Schutz die Axt vor das Haus.

In dieser sturmreichen Zeit tobte der „wilde Jäger“ oder auch der „Wode“ bzw. „de Wor“ durch die Lüfte. Es ist die Erinnerung an die germanische Gottheit Wodan. Viele Sagen gab es auf Rügen über ihn. So traf man ihn in den Ralswieker Bergen, in der Garzer Heide und auf den Dollahner Höhen. Als Schimmelreiter ist er aber auch den Fischern begegnet.

Sogenanter Bügelbaum, Weihnachtsschmuck der Seeleute

Sogenanter Bügelbaum, Weihnachtsschmuck der Seeleute

Obwohl es bei den Völkern schon seit frühen Zeiten auch eine Baumverehrung gab, ist die Sitte des Weihnachtsbaumes noch sehr jung. Erst seit dem 16. Jahrhundert ist er bei uns nachweisbar. Eine Sonderform bei den Küstenbewohnern war der sogenannte Bügelbaum aus Hölzern, der mit Kerzen, Nüssen und Backwerk geschmückt wurde. Ihn gab es einst auf Hiddensee. Aber auch Stechpalme, Mistel und Wacholder als immergrüne Gehölze, denen man eine besondere Lebenskraft nachsagt, wurden in der Weihnachtszeit verwendet.

Der Weihnachtsmann als Glücksbringer und Verteiler von Geschenken erinnert sehr stark an den germanischen Gott Wodan. Ursprünglich verteilte nur der Nikolaus am 6. Dezember die Geschenke. In der Gestalt des „Herrn Winter“ als gutmütigen, Pfeife rauchenden alten Mann mit weitem Mantel tritt uns der Weihnachtsmann sogar erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts entgegen und wurde eigentlich erst von dem bekannten Maler Moritz von Schwind geschaffen.

Im winterlichen Brauchtum spielte früher auch der 11. November, der Martinstag, eine Rolle, da mit ihm das wirtschaftliche Jahr des Bauern endete. Jetzt wurde die gemästete Gans geschlachtet und man sagte: Ist St. Martins Gans am Brustbein braun, wird man mehr Schnee als Kälte schauen. Ist sie aber weiß, so kommt weniger Schnee als Eis. Auch das Schweineschlachten fand jetzt statt – daher trug der 11. November auch die Bezeichnung „Speckmärten“.

Sinnlos zerstört: Schloss Dwasieden

(OZ v. 4.4.1990)

In den Jahren 1873 bis 1876 wurde auf hohem Uferrand unweit von Saßnitz das Schloss Dwasieden nach dem Entwurf des damals bekannten Baurats Hitzig aus französischem Sandstein und schwedischem Granit errichtet. Die mit Säulen geschmückte Vorderfront war auf die See gerichtet. Die strenge und symmetrisch orientierte Schlossanlage mit durch Säulen gegliederten Seitenflügeln entsprach dem Stil der deutschen Renaissance. Auftraggeber war Geheimrat von Hansemann, der auch die Gutsherrschaft in Lancken/Jasmund besaß.

Sassnitz, Dwasieden, Uferpartie 2010

Sassnitz, Dwasieden, Uferpartie 2010

Zum Schloss gehörte ein umfangreicher Park mit vielen Wanderwegen entlang reicher Buchen- und Eichenbestände. Diese Waldung wird bereits 1519 erwähnt. Bemerkenswert sind einige kulturhistorische Denkmale. So liegt am Westrand des Parks ein bereits ausgegrabenes Hünengrab, das etwa 4000 Jahre alt ist. Weitere bronzezeitliche Hügelgräber befinden sich innerhalb des Parks auf einigen Anhöhen.

1936 wurde das Schloss von der Marine übernommen und diente als Offizierskasino. Als im Sommer 1948 die Kasernen der ehemaligen Marine-Garnison gesprengt wurden, fiel dieser Maßnahme auch das Schloss zum Opfer, völlig sinnlos. Im Saßnitzer Stadtarchiv befindet sich eine Notiz vom 16. April 1948, aus der hervorgeht, dass der damalige Gemeinderat einen Kreisbeschluss zur Sprengung des Schlosses Dwasieden zur Kenntnis nimmt.

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Sassnitz, Dwasieden, Marstall 2010

Marstall und Park übernahm in den 50ger Jahren die Nationale Volksarmee. Seitdem ist das Gelände gesperrt. Dwasieden war ein beliebter Ausflugsort und konnte früher mit dem Boot angefahren werden. Eine Treppe führte vom Strand zum Schloss auf die Uferhöhe.

„Ratskeller“ mit 750jähriger Tradition (1232-1987)

(OZ v. 25.1.1978)

Zur Geschichte des „Ratskellers“

Vieles spricht dafür, dass das 1232 in Bergen erwähnte Wirtshaus an der Stelle des heutigen „Ratskellers“ lag.

Derartige „Krüge“ bildeten in ihrer Zeit wichtige gesellschaftliche Zentren, da hier Gericht gehalten wurde. Auch verkaufte man in ihnen, erhob die fürstlichen Steuern und ähnliches. 1306 pachtete ihn ein Bürger „Heinrich“, drei Jahre später erfolgte bereits ein Besitzwechsel an einen „Tezicze“. Übrigens hatte der Ort Bergen 1506 immerhin 14 derartige „Krüge“!

Restaurant „Ratskeller“ in Bergen 1992

Restaurant „Ratskeller“ in Bergen 1992

Der Hauptkrug wurde 1614 von der Stadt erworben und zum Rathaus umgebaut, wobei man in den unteren Räumen weiterhin eine Schankwirtschaft betrieb. Erst 1862 baute die Stadt das heutige Rathaus am Markt. Das Gebäude Markt Nr. 27 erhielt nun den Namen „Hotel zum Ratskeller“.

So hat sich der Stadtkern mit seinem Straßenverlauf im Wesentlichen bis in die Gegenwart erhalten. Mit der Industrialisierung am Ausgang des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts begann dann die Bebauung der Bahnhof- und der Ringstraße.

In jüngster Zeit hat man den älteren Häusern am Markt und in der Marktstraße durch modernen Farbputz zu einem freundlichen Aussehen verholfen.

Die Billrothstraße. Sie erhielt ihren Namen erst 1896 nach dem hier geborenen Mediziner Billroth. Im Mittelalter endete sie in der Höhe des Gerichtes mit dem Klosterbesitz als Sackgasse. Daher stammt auch der frühere Name „Klosterstraße“. Er wurde um 1800 von der Bezeichnung „Joachimsberg“ abgelöst. Die Anhöhe des heutigen Joachimsberges hieß ursprünglich „Gauenberg“, daraus plattdeutsch „Jochbarg“ und schließlich „Joachimsberg“. Das Wort „Gauenberg“ ist verballhornt aus „Goigenberg“ und bedeutet Papageienberg. Der Papagei war jener hölzerne Vogel, den die Schützengilden des Mittelalters auf ihren Schützenfesten für den Titel des Schützenkönigs aufbauten. Eine Bergener Schützengilde (de Schütting) gab es seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. Sie war eine feste gesellschaftliche Organisation von Bürgern, Bauern und Knechten, auch aus der Umgebung der Stadt, mit der Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfe. Adlige durften nicht beitreten.

Geburtshaus von Theodor Billroth in Bergen 2008

Geburtshaus von Theodor Billroth in Bergen 2008

Die Vieschstraße. Sie führt über den „Rugard“ zur Bootsstelle, der ursprünglichen Fischereistelle Bergens. Man hat sie daher oft als „Fischerstraße“ gedeutet. Vielleicht lässt sich der Name aus dem slawischen “vysoki“, deutsch hoch – also „Hohe Straße“ – herleiten.

Der Goldene Brinken ist eine Erweiterung der „Bahnhofstraße“. Bereits 1667 wurde er als „Güldenbringh“ erwähnt. Hier befand sich das „Gildehaus“ der Bergener Handwerkerzünfte.

Die Wasserstraße im Gatmund (dem ursprünglichen Dorf Gatemin) mit einer noch einheitlich erhaltenen Bebauung kleiner Traufenhäuser führte längere Zeit zum einzigen Trinkwasserbrunnen Bergens Erst 1846 kam in der Dammstraße ein weiterer hinzu.

Der Marktplatz (zu DDR-Zeiten „Karl-Marx-Platz). Markt wurde in Bergen sehr früh gehalten. Jedoch Genaueres erfahren wir erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. Es gab drei Jahrmärkte, Wochenmärkte und zwischen dem 24. August und dem 6. Dezember noch einen regelmäßigen Viehmarkt. Die Bergener hatten übrigens ein Vorkaufsrecht. Erst nach ihrer Befriedigung konnten die „Butenbarger“ einkaufen. Der Marktplatz war früher größer, da die Gebäude der heutigen Poliklinik (in der Mitte des 19. Jahrhunderts) und der Post (1891) hineingebaut wurden.

Jagdverbot bei „Pein des Halses …“

(OZ v. 19.3.1976)

Alte Jagdgeschichten

In den früheren Jahrhunderten hing die Jagd natürlich von dem vorhandenen Wildbestand sowie von den Jagdwaffen und -methoden ab. So barg man aus der Steinzeit Rügens (vor etwa 5000 Jahren) sogenannte Vogelpfeile, die die Jagd auf Wasservögel belegen. Das ist bei dem Reichtum Rügens an Land- und Wasservögeln nicht verwunderlich. Im 14. Jahrhundert gehörten erlegte Wildgänse und Schwäne zur Festtafel des Hochadels.

Ausgrabungen der Akademie der Wissenschaften zu Berlin vor einigen Jahren auf dem slawischen Burgwall von Arkona erbrachten den Nachweis einer außerordentlich vielseitigen jagbaren Tierwelt auf und um Rügen im 9. bis 12. Jahrhundert. Hier sollen nur genannt sein: Hase, Hirsch, Kegelrobbe, Reh, Bergente, Bussard, Habicht, Kormoran, Rebhuhn, Schlangenadler, Stock- und Eisente sowie Turmfalke. Erst der Übergang von Grund und Boden in Privateigentum – zunächst des Ackers, später auch der Wälder und Heiden – machten dem Recht des einzelnen, Wild zu erlegen, ein Ende. Aus dem 16. Jahrhundert sind für Rügen außerordentlich harte Jagdgesetze überliefert.

Neben den „Jagdgehölzen“ der Adligen diente die Halbinsel Wittow im 16. Jahrhundert den pommerschen Fürsten als Hasengehege. Hier durfte, wie die Gesetzessammlung aus dem Jahre 1546 vorschrieb, niemand „jagen, Netze stellen, Stricke nach dem Hasen legen, Hetzen mit großen Hunden, nicht schießen oder werfen, wenn sie ihm schon in den Kohlgarten gingen, bei der Pein des Halses …“ . Wer einen Hund hielt, musste ihm eine Vorderpfote abschlagen lassen. Als Mindeststrafe bei Verstößen galten 60 Mark. Sie entsprachen dem sogenannten Bruchgeld, das man für einen erschlagenen Bauern zu zahlen hatte! Diese menschenverachtende Gesetzgebung übertraf damit die wegen ihrer Härte berüchtigten alt-englischen Jagdgesetze und ist Ausdruck der absolutistischen Herrschaft des Adels im Feudalismus.

Die Stubnitz war das Jagdrevier für das Hochwild, worunter Rot- und Damwild zu verstehen sind. Auch in der Nähe der Stubnitz durften nur dreibeinige Hunde gehalten werden. Weitere Jagdgebiete des Adels lagen bei Garz, Rosengarten und Gützlaffshagen. Bekannt ist auch, dass die Granitz mit ihrem Jagdschloss ein eingehegtes Jagdrevier der Herren von Putbus besaß, das nur durch feste Torhäuser zugängig war.

Da das waldreiche Rügen die pommerschen Fürsten zu ständigen Jagden animierte, ließen sie in Bergen als „anständige Wohnung“ zwischen 1605 und 1611 ein Schloss errichten, das allerdings bereits 50 Jahre später verfallen war. Es stand auf dem Terrain des späteren Rates des Kreises. Damals wollten die pommerschen Fürsten Rehe anstelle der Hirsche aussetzen, die es auf Rügen nicht mehr gab, und die noch 1860 in der Stubnitz unbekannt waren.

Wolfsjagd auf „Preesters rugen Hund“

Am bedeutendsten waren damals Wolfsjagden. Der Wolf war nach der Verödung durch den dreißigjährigen Krieg wieder eingewandert und erst 1697 auf Rügen erneut ausgerottet.

Ein zeitgenössisches, sehr verbreitetes Scherzlied um 1655 verspottete die „Wolfsjagd“ einiger Rügenschen und Stralsunder Edelleute, die zum Schluss nur „Preesters ruden Hund“ erlegten. Darin wurden Feigheit, Frömmelei, Raffsucht, Geiz und Modetorheit der von Ahnen, Barnekow, von Bohlen, von Gagern, von Lancken usw. mit bissiger Ironie dargestellt.

1857 hatte Sassnitz etwa 200 Badegäste

(OZ v. 10.6.1987)

Zu den Jubiläen, die Sassnitz in letzter Zeit beging, gehört auch der 150. Jahrestag als Badeort. Zwar wird allgemein1824 als Gründungsjahr angesehen, doch scheint sich ein kontinuierlicher Besuch durch Badegäste erst 1835 durchgesetzt zu haben. Demnach beging die Stadt 1985 eine bemerkenswerte Jubelfeier. Wenngleich Saßnitz inzwischen ein anderes Gesicht erhielt und der Schwerpunkt des Wirtschaftsgeschehens im Fährverkehr und in der Fischerei zu sehen ist, kündet doch das östliche Stadtbild – besonders das alte Saßnitz – von dieser einst prägenden Geschichte.

1857 hatte Sassnitz (ohne das westlich gelegene Crampas) etwa 200 Badegäste. Wenige Jahre später errichteten die Fischer Hinrich Kruse und Karl Ruge auch die ersten ein- bis zweistöckigen Steinhäuser. Es ist ein Kennzeichen Sassnitzer Entwicklung, dass der Hotel- und Villenbau zunächst und wohl auch im Wesentlichen von den einheimischen Fischer- und Bauernfamilien getragen wurde. Größere Bodenspekulationen erfolgten meines Wissens nur in Crampas (z. B. im Gebiet der heutigen Walterstraße) durch eine „Stralsunder Gesellschaft“.

Als ältestes Hotel gilt der am Steinbach gelegene „Sassnitzer Hof“, der bis etwa 1924 den Namen „Hotel Bristol“ trug und ursprünglich als Küsters Hotel oder Restaurant (plattdeutsch Küsters resterie) bekannt war und bereits 1853 häufig aufgesucht wurde. Der Besitzer Magnus Küster (gestorben 1881) war zugleich auch Inhaber der umfangreichen Kreidefabrik. Nur in den unteren Räumen befanden sich Gastzimmer. Die oberen beiden Stockwerke dienten als Trockenschuppen für die Kreide. Erst 1875 wurde das Gebäude zu einem Hotel ersten Ranges ausgebaut.

Sassnitz, Villa Albert 1989

Sassnitz, Villa Albert 1989

Magnus Küsters Sohn Malte (gestorben 1913) übernahm das Erbe und wurde der reichste Mann im Ort. Er war aber auch der bestgehasste Mann in Sassnitz, wie ältere Quellen berichten, da einmal seine Steuern nach Crampas flossen (der „Sassnitzer Hof“ lag auf Crampasser Gemarkung) und das Ansehen von Sassnitz als Badeort durch die kahlen Kreideberge und die weißen Kreideabwässer litt. Malte Küster ließ andererseits den Kurplatz aufschütten und befestigen. Hier war ursprünglich eine Meeresbucht. Oberhalb der Ufermauer errichtete er 1894 das Restaurant „Bieramare“ (später „Miramare“). Da er mit der Gemeinde Sassnitz wegen der Ausdehnung des Kreideabbaues in die Forst Stubnitz verfeindet war, ließ er später einen Zugang durch „Miramare“ auf zwei Meter Breite verengen und mit einem Drahtzaun verkleiden. Es wird berichtet, dass die Gäste durch sein Grundstück wie in einem Käfig gingen und bei Regenwetter mit einem Schirm sein Grundstück meiden mussten. 1905 verkaufte er dieses Grundstück schließlich für eine erhebliche Summe an die Gemeinde.

Bedeutsame Pforte am Joachimberg

(OZ v. 24.3.1992)

Von 12 kunsthistorisch wertvollen Türen ist in Bergen nur eine übrig geblieben

Türen an einem Haus verraten den künstlerischen Geschmack und die Liebe des Hauseigners zu seinem Besitz. So kann die Tür durch ihr Aussehen und ihre Gestalt eine erste Mitteilung geben, wie der Besucher empfangen wird. Schöne alte, liebevoll gepflegte Türen findet man z. B. in Prerow, oder auf Bornholm, in Schleswig-Holstein und Friesland.

1963 haben die beiden Schweriner Kunsthistoriker Dr. Ohle und Dr. Beier in Bergen noch 12 alte Haustüren erfasst. Es waren einfach und schlicht ausgeführte Arbeiten, mit klassizistischen Kunstelementen, wie Rosetten, Halbkreise, Ovale, Palmetten usw., dekoriert. Sie lassen sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. 30 Jahre danach ist von diesen kulturhistorisch wertvollen Türen nur noch die bemerkenswerte Haustür am Joachimberg 4 erhalten!

Joachimberg in Bergen 1995

Joachimberg in Bergen 1995

Alte kulturhistorisch wertvolle Haustüren befanden sich vor allem in der Wasserstraße. Gerade hier sind aber viele Häuser „modernisiert“ und die Türen vernichtet worden.

Barocktür im Joachimberg 1987

Barocktür im Joachimberg 1987

Diese bedauerliche Entwicklung steht im Widerspruch zu anderen Kulturlandschaften. Gerade in den Kleinstädten und Dörfern im Norden der alten Bundesländer oder in Dänemark wird die Liebe und das historische Verständnis der Bewohner zu ihrem Haus durch eine traditionelle Pflege deutlich. Da werden defekte Tür- und Hausteile im alten Sinne ergänzt und mühevoll eingefügt. Da werden die alten vierteiligen Fenster beibehalten und die geringe Raumgröße der Zimmer nicht geändert.

Joachimberg in Bergen 1974

Joachimberg in Bergen 1974

Aber gerade das gesamte dörfliche und städtische Ensemble macht den touristischen Reiz dieser Ortschaften aus. Einige Kleinstädte auf Bornholm sind z. B. mit UNESCO-Diplomen für die Erhaltung ihres historischen Stadtbildes ausgezeichnet worden und genießen dadurch touristische Sehenswürdigkeit.

Die Tür des Hauses Joachimberg 4, in dem sich in den 30ger Jahren eine Jugendherberge befand, besitzt eines der seltenen plastischen Türfelder. Zwei Figuren auf einem Sockel stellen die Göttin Fortuna mit ihrem Segen bringenden Füllhorn da. Erhalten hat sich auch das reich gegliederte Türblech mit einer schlichten Türklinke. Leider ist eine Türklinke bereits entfernt und ein Türblech beschädigt. Hier wünscht man sich durch die gegenwärtigen Nutzer eine verständnisvolle Restaurierung und Ergänzung. Möglicherweise läßt sich das reichhaltige Dekor des Türrahmens durch eine mit der Baudenkmalpflege abgestimmte Farbtönung deutlicher herausarbeiten.

Dieses Haus ist heute, wie manche Bürgerhäuser in Bergen, mit einem hässlichen Rauputz versehen, unter dem sich ein die Außenwände gliederndes Fachwerk vermuten läßt. So erhebt sich die Frage, ob nicht der dem Haustyp und der pommerschen Tradition entsprechende Fachwerkbaustil wieder angestrebt werden sollte?

Stadt Bergen auf alten Ansichten

(OZ v. 23.01.1990)

Rügens Heimatliteratur konnte um ein interessantes Büchlein bereichert werden

Die Bergener Barb und Karl Zerning haben kürzlich in einem kleinen Büchlein 75 Ansichten Bergens und Bilder aus dem städtisch-kulturellen Leben zusammengestellt, die nicht nur dem Einheimischen interessante Einblicke in das Leben und die Entwicklung der kleinen Ackerbürgerstadt über drei Jahrhunderte geben. Beide Autoren haben dazu kleine informative Erklärungen erarbeitet. Es ist mit gebührendem Abstand von fast aller Heimatliteratur, die nach 1945 erschien, die erste, die dem Bürgerleben und der Stadtentwicklung Bergens zwischen 1850 und 1933 gerecht wird und sie auch mit innerer Anteilnahme und mit Liebe zum Detail wider gibt – und wohltuend empfindet man das Fehlen jeglicher Hinweise zu der Bergen immer aufgezwängten Darstellung der „Klassenkämpfe“.

Es sind vor allem wenig bekannte und heute in Vergessenheit geratene Ansichtskarten, die beide Autoren abbilden. Dabei wird eine große Vielfalt deutlich, und man ist erstaunt, wie dürftig dagegen die Motivauswahl gegenwärtiger Bildkarten ist. Hier wünscht man sich, dass die Stadtverwaltung Anregungen aufnimmt und sie touristisch umsetzt. Es müssen nicht immer der Rugard und der Markt als Signet dienen. Interessante Motive bilden z. B. die Viesch-, König- und Raddasstraße, die allerdings auch früher wenig Beachtung fanden.

Bergens Stadtzentrum hat sich seit knapp zwei Jahrhunderten wenig verändert. Dennoch sind einige Um- und Anbauten erschreckend entstellend durchgeführt und lassen sich an den alten Ansichtskarten belegen. „Beliebt“ waren bei den Bauherren der jüngsten Zeit kastenartige Vorbauten – etwa an der Rugard-Apotheke, am Ratskeller, am abgerissenen „Gasthof zum Rugard“ oder beim „Haus des Bauern“ (Königstraße 46). Eine gegliederte Fassade besaß früher auch das Bahnhofshotel, das in heutiger Zeit einen monotonen und unattraktiven Vorbau erhielt.

Gegenwärtig ist das nun über 200jährige Stadtbild gefährdet. Einige Häuser am Markt und in der Königstraße sind bereits unbewohnt und in der Bausubstanz schwer geschädigt. Das ehemalige Hotel zum Rugard wurde abgerissen. Im Rahmen der geplanten Stadtsanierung hofft man auf Lösungen, die dem Stadtbild und den Traditionen verpflichtet sind. Allerdings muss bald etwas geschehen, um weiteren Verfall zu verhindern. Vielleicht lässt sich auch das Schützenhaus wieder zum Leben erwecken. Mit seinem schönen Vorgarten war es das Vereinshaus der Schützengilde, des Turn- und des Gesangvereins. Um 1900 fanden Sommers Gartenkonzerte statt.

Einige Bilder sind dem Bergener Bürgerleben gewidmet. Hier erfahren wir etwas über Umzüge des Schützenvereins, das Schulwesen und allgemeine Geselligkeit. Viele Familien sind seit dem Mittelalter ansässig und haben der Stadt über Wirren und Unbilden hindurch die Treue gehalten. So werden die Familien Lange, Krohß, Fischer, Hellwig, Neitmann, Asmus, Kramer, Stahnke, Nehls, Palm Freese usw. erwähnt.

Ein Bild zeigt das Kriegerdenkmal auf dem Bergener Markt mit dem Spalding-Kloster. Dieser Bau wurde 1848 von Barbara Maria Spalding (1756 – 1848) als Jungfrauenstift für die Töchter des Rügenschen Bürgertums gestiftet. Die Ordensregeln und Gesetze dieses Stiftes waren sehr milde. Die Bewohnerinnen genossen alle Freiheiten, waren aber zu Sparsamkeit und Einfachheit angehalten.

Ergänzend treten viele Ansichten zum Bergener Marktleben hinzu. Neben den Viehmärkten gab es Krammärkte, wo die Bauern ihre Produkte anboten. Der Marktplatz als Zentrum urbanen Lebens war lange zeit zum Parkplatz deklassiert. Das liebevoll gestaltete Büchlein gehört in eine gepflegte Heimatbücherei. Es könnte Anlass ähnlicher Werke über die rügenschen Badeorte, über Garz und Gingst usw. werden.

Maiglöckchen gepflückt, Lehrmittel dafür gekauft

(OZ v. 13.11.1986)

Zu Besuch im Schulmuseum Middelhagen – Ein ehemaliger Schüler erinnert sich an die schwere Zeit nach 1945

Mit großem Interesse habe ich das Schulmuseum in Middelhagen besichtigt, jenes Haus, das ich in den Jahren vor 1945 und 1946, und kurz 1949 als Schüler besuchte.

Frau Ruth Bahls (1910-1994) und ihre Mitarbeiter haben in unsagbarer Kleinarbeit, mit wissenschaftlicher Sorgfalt und kriminalistischem Spürsinn alte Quellen zum Sprechen gebracht.

Dargestellt wird das Schulwesen auf ganz Mönchgut mit seiner Vergangenheit und Entwicklung in unseren Tagen.

Altes Schulhaus Middelhagen 1972

Altes Schulhaus Middelhagen 1972

1946, wohl im September, wurde die Zentralschule Mönchgut in Gager eröffnet, deren schwerer Anfang unter den Lehrern Stroscher und Zimprich mit Hilfe aller Schüler gemeistert wurde. Um Lehrmittel anzuschaffen, pflückten wir damals jährlich Maiglöckchen und boten diese in Bergen für eine Mark je Strauß an. So kamen etwa 200 Mark zusammen. In den Dörfern Thiessow, Groß Zicker und Gager führten wir Theaterspiele gegen geringen Eintritt auf, daraus wurden kleine Wanderungen u. ä. finanziert.

Gleichzeitig erfüllten wir damit auch eine bescheidene kulturelle Aufklärung. Die Stücke, teilweise in plattdeutscher Sprache, wurden jedenfalls gut besucht und nachmittags auch Kindern vorgespielt.

Probleme gab es genug. Eines der schwierigsten war die Frage der Heizung. Schließlich musste jeder Schüler einen Armvoll Holz mitbringen. Für die Schüler aus Groß Zicker war das zunächst kein Problem, da sie auf ihrem Schulweg innerhalb einer Woche einen ganzen Staketenzaun abbrachen, danach hatten sie auch Probleme. Oft saßen wir in unseren Mänteln im ungeheizten Klassenraum, und ein Schüler las sogenannten Lesestoff vor. Beliebt waren nach meiner Erinnerung die Werke der Schriftsteller Storm, Gerstäcker, Reuter.

Später hatten wir Schüler von Dorfschulen – zumal auch der Sprachunterricht danieder lag – Schwierigkeiten auf der Oberschule in Bergen, und wurden gegenüber denen aus Bergen, Putbus und Saßnitz meist zu einer Klasse zusammen gefasst.

Delegierungen zur Oberschule waren 1950 noch ein Problem der Lehrer, da es zu wenig Bewerber aus den Familien der Flüchtlinge, der Fischer und Bauern gab. Das erlernen eines Berufes stand, der Not gehorchend, im Vordergrund.

In den 50ger Jahren wurde die neue Zentralschule Mönchgut, die auch äußerlich gut in die Landschaft passt, errichtet.