Archiv des Autors: Prof. Dr. Achim Leube

In memoriam Friedrich-Wilhelm Furthmann (1920 – 1986)

(OZ 1986) Am 5. Januar verstarb in Lancken-Granitz zu früh im Alter von 66 Jahren der langjährige Lehrer und Schulleiter Friedrich-Wilhelm Furthmann. Rügen verliert mit ihm einen seit 40 Jahren auf Rügen tätigen Heimatforscher, dessen Leistung und Persönlichkeit weit über das Lokale hinaus reichte, und dem wir ein ehrendes Gedenken widmen.

Bild 6. Putbrese und Furthmann

Friedrich-Wilhelm Furthmann (rechts) und Heino Putbrese (links) auf einer Tagung zur Vor- und Frühgeschichte Rügens. Aufnahme: Dipl.-Prähist. W. Lampe, Sundhagen

Friedrich-Wilhelm Furthmann wurde am 11. Februar 1920 – wie auch der in Alt Reddevitz wirkende Heimatforscher und Heimatdichter Fritz Worm (1863 – 1931) – in Barth geboren.

F.-W. Furthmann war aber gleich nach dem Kriege in Lancken-Granitz als Neulehrer tätig und blieb diesem Beruf bis zur Pensionierung treu. Seine pädagogische Arbeit als Landlehrer wurde mit der Carl-Friedrich-Wilhelm-Wander- und mit der Pestalozzi-Medaille sowie vielen weiteren Auszeichnungen gewürdigt. Während seiner Zeit als Lehrer bekam Lancken-Granitz auch einen Schulneubau.

Bild20Schulgebäude-um-1972-73

Schulgebäude von Lancken-Granitz im Jahre 1972

 

Seine Freizeit gehörte der Rügenschen Heimatforschung, und hier hat er sich bleibende Verdienste erworben. Es ist besonders die Ur- und Frühgeschichte, von dem ersten Auftreten des Menschen vor etwa 10 000 Jahren bis zum 13. Jahrhundert, mit ihren archäologischen Funden, die sein Interesse fand. Besonders die Orte und Gemeinden Baabe, Binz, Blieschow, Dummertevitz, Gobbin, Lancken-Granitz, Neu-Reddevitz, Sellin, Stresow usw. hat er gründlich durchforscht.

Bild 8. Karte Hagenow 1829  westl. von Lancken - Gr

Karte des Freiherrn von Hagenow aus dem Jahre 1829. Verteilung der „Hünengräber“ westlich von Lancken/Granitz und Burtevitz und südlich der heutigen Bäderchaussee

Bild 7. Lancken-Granitz. Birkengrab 2009

Großsteingrab bei Lancken/Granitz – sogenanntes Birkengrab, 2005

Dabei stützte er sich auf einen breiten Kreis interessierter Helfer und entfaltete eine rege Vortrags- und Aufklärungstätigkeit. Es gibt vermutlich kaum ein Gebiet in der DDR, das so gründlich erkundet ist, wie die Landschaft südlich der Granitz.

Seine wissenschaftlichen Kenntnisse eignete er sich durch das Studium der entsprechenden Fachliteratur und die Teilnahme an vielen Kongressen, Tagungen und Seminaren der Museen, der Akademie der Wissenschaften, des Kulturbundes und der Historiker-Gesellschaft an. Hier trat er auf und berichtete über seine Arbeit. Mehrfach wurde er als einer der erfolgreichsten Laienforscher des Ostseebezirkes ausgezeichnet.

Bild-9.-Blick-über-den-Neuensiener-See-auf-das-Dorf.-1965

Blick über den Neuensiener See auf das Dorf Lancken/Granitz im Herbst 1965

 

Vor 100 Jahren … Rügens landwirtschaftliche Entwicklung

Als Rügen 1815 nach längerer schwedischer Herrschaft an Preußen gelangte, waren günstige Voraussetzungen zu einer bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung erreicht. Besonders nach den Kriegen 1870 und 1871 entwickelten sich die deutsche Industrie und die Landwirtschaft. Es dominierte auf Rügen weiterhin der Großgrundbesitz, der nun jedoch neue Wege beschritt. So entstanden seit 1821 in den verschiedensten größeren Orten Rügens (z. B. in Altenkirchen, Sagard, Rambin) „Landwirtschaftsvereine“, deren Vorsitz sich meist in den Händen der progressiven Landwirte und Züchter befand. Man reduzierte die Brachwirtschaft, setzte sich für eine Einführung von zwei- und dreischarigen Schälpflügen ein, diskutierte u. a. um 1890 die Verwendung von Kunstdünger. Erst jetzt baute man Zuckerrüben an. Durch die Gründung eines Herdbuches und den Import ostfriesischer Rinder wurde die Rinderzucht angehoben. Der Rambiner Verein und besonders einzelne Züchter, wie der Gutsherr Stuth in Gustow machten sich um die Verbesserung der Pferdezucht auf Rügen verdient.

Bild 3. Schubrad-Drillmaschine um 1900. Reproduktion

Schubrad-Drillmaschine um 1900. Reproduktion

Der Bergener Vorschussverein

Von der industriellen Entwicklung dieser „Gründer-Jahre“ wurde Rügen nur begrenzt erfasst. Es blieb das Absatzgebiet von Greifswald, Stralsund und dem damaligen Stettin. Besonders „lebhaft“ war das Geschäft mit Holz- und Baumaterialien für den Ausbau der Badeorte.

Das spiegelt sich auch in der jährlichen Umsatzsteigerung von fünf Millionen Mark der Stralsunder Reichsbank wider. 1858 bildete sich in Bergen ein sogenannter Vorschussverein, aus dem später die Rügensche Bank in der Billrothstraße hervorging. Er vergab Darlehen und verfügte um 1890 über eine halbe Million Mark mit über 600 Mitgliedern.

JENOPTIK DIGITAL CAMERA

Einstiger Sitz der Rügenschen Bank. Billrothstraße 16, 2005

150.- Mark Jahresverdienst

An dieser Entwicklung hatten die Kleinbauern, Büdner, Kossäten und Landarbeitern nur begrenzt Anteil. Das schlug sich u. a. in ihrer geringeren Entlohnung nieder. So zahlte man zur Erntezeit dem Landarbeiter 2,50 Mark und der Landarbeiterin 1,00 bis 1,50 Mark täglich. Der Jahreslohn eines Knechtes lag bei 150 Mark, der einer Magd bei 100 bis 120 Mark. Allerdings waren die Preise für Agrar- und Fischereiprodukte recht niedrig und verhinderten wiederum größere Einnahmen der Gutsherrschaften und Gutspachtungen. So kostete eine Stiege Eier 1,20 Mark, ein Huhn 1,00 bis 1,40 Mark, das Pfund Butter 0,90 bis 1,20 Mark. Ein Wall (80 Stück) Heringe verkaufte man unterschiedlich zwischen 0,80 und 4,00 Mark. Der Aal wurde mit 0,60 Mark das Pfund gehandelt. Das sind jedoch Marktpreise, die Aufkaufpreise lagen niedriger.

Bild 5. Suchanzeige im Titelblatt der Zeitung

Das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Putbus gedruckte „Rügensche Kreis- und Anzeigenblatt“ leistete durch seine Beiträge, Annoncen, Mitteilungen und seinen Bildungsteil einen großen Beitrag zum Bildungsniveau der Bevölkerung Rügens

Konservative Gesetze

Eine „Gesindeordnung“ gab bis 1918 den „Herrschaften“ eine nahezu unbegrenzte Gewalt über die Landarbeiter. So verhandelte man oft vor dem Bergener „Schöffengericht“ und vor den beiden Strafkammern in Greifswald und Stralsund gegen Rüganer, die den Pächter „bedrohten“. Als z. B. der Landarbeiter Moritz Becker (gen. Mau) die Schläge des Pächters erwiderte, wurde er in Bergen zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Zu 8 Mark Strafe oder zwei Tagen Haft verurteilte man in Stralsund das Dienstmädchen Minna Uerkvitz aus Reischvitz, weil sie zwei Nächte „ohne Vorwissen und Genehmigung der Herrschaft“ das Haus verlassen hatte Das war ein Verstoß gegen die „Gesindeordnung“.

Bild-4.-Rügensches-Kreisblatt-1890

Suchanzeige im „Kreis- und Anzeige Blatt für den Kreis Rügen“

 

Bild 2. Innere des Amtsgerichts 2010

Das 1905 errichtete Amtsgericht Bergen. Treppenaufgang 2010

Gesangvereine, Kriegervereine, Schützengilden etc.

Das geistige Leben wurde auch von Kriegervereinen, Schützengilden, Gesangsvereinen mit vorwiegend „patriotischem“ Repertoire (etwa mit dem „Füselier Schmidt“ oder „Rommel mit der Trommel“), Bade- und Verschönerungsvereinen mitbestimmt. Eigentliche Bildungsarbeit leisteten die Lehrervereine und mit Einschränkungen der Gewerbe-Verein Bergen. 1905 konnte sich in Bergen eine Ortsgruppe der SPD gründen, deren weitere Entwicklung Walter Börst in seinem Buch „Bilder aus der Vergangenheit“ skizziert.

 

 

Ernst Moritz Arndt und die Zeit der Befreiungskämpfe 1812 bis 1814

(1979, unveröffentlicht) Die neue (Nov. 1978) fünfteilige Fernsehserie „Scharnhorst“ macht uns seit der dritten Folge mit einer der bedeutendsten Persönlichkeiten jener Zeit, mit Ernst Moritz Arndt, bekannt. Arndt gehörte zu den Vertretern einer nationalbürgerlichen Bewegung. Jedoch neigten sie zu einer nationalistischen Übersteigerung und traten für den Erhalt einer konstitutionellen Monarchie ein.

Arndt wurde am 26. Dezember 1769 wenige Kilometer südlich des alten Städtchens Garz in Groß Schoritz als Sohn eines Gutspächters geboren. Eine gusseiserne Tafel mit der Reliefplatte Arndts und einem kurzen Text am ehemaligen Gutshaus kündet davon. Im Erdgeschoß befindet sich heute das Arndt-Zimmer, das erst kürzlich umgestaltet wurde.

Groß Schoritz. Rückseite des Gutshauses. Im Vordergrund der Baumstubben der ehemaligen „Arndt-Esche“ 1991

Groß Schoritz. Rückseite des Gutshauses. Im Vordergrund der Baumstubben der ehemaligen „Arndt-Esche“ 1991

In den „Erinnerungen aus dem äußeren Leben“ zeichnet E. M. Arndt ein eindrucksvolles Bild seiner Jugendzeit. Und charakterisiert dabei das gesellschaftliche Leben Rügens im 18. Jahrhundert. „Schoritz war dann recht hart an einer Meeresbucht gelegen, welche die Halbinsel Zudar von der größeren Insel abschneidet. …“ Jedoch zog der Vater wenige Jahre später als Gutspächter nach Dumsevitz. „Dumsevitz war ein hässlicher, zufällig entstandener Hof mit einem neuen, aber doch kleinlichen Hause; indessen doch hübsche Wiesen und Teiche umher, nebst zwei sehr reichen Obstgärten, und in den Feldern, Hügel, Büsche, Teiche, Hünengräber, …”

Ehemaliges Gutshaus Dumsevitz 2005. Das Gebäude wurde erst im 19. Jahrhundert erbaut.

Ehemaliges Gutshaus Dumsevitz 2005. Das Gebäude wurde erst im 19. Jahrhundert erbaut.

1817 – nun bis zu seinem Tode in Bonn lebend – gedachtete der erst 48jährige Arndt der Kindheit in Groß Schoritz und Dumsevitz anlässlich eines letzten Rügen-Besuches in seinem Gedicht „Gruß der Heimat“:

So seh’ ich dich , mein Schoritz, wieder,
wo mir das Meer mit dunkelm Klang
die ahnungsvollen Wunderlieder
der Zukunft um die Wiege sang?

So kann ich wieder dich begrüßen,
mein Dumsevitz, du trauter Ort?
So traut, daß meine Tränen fließen,
und meine Lippe weiß kein Wort?

Zwischen 1780 und 1788 bewirtschaftete der Vater die Güter Breesen und Grabitz. „Wir waren gottlob! wieder ans Meer gekommen, fanden reichliche Obst- und Blumengärten und auch ein paar Wäldchen, die Lau bei Grabitz, den Tannenwald bei Breesen und den größeren, noch näheren Tannenwald an dem Kloster St. Jürgen vor Rambin.“

Arndt wurde durch die strenge Erziehung und der einfachen Herkunft des Vaters als eines geborenen Leibeigenen – der Fürst von Putbus gab ihm die Freiheit – mit dem Leben der Landbevölkerung eng vertraut gemacht. Er lernte ihre Nöte, ihre einfache Gastfreundschaft und ihre Abhängigkeit von der Gutsherrschaft kennen. Es verwundert daher nicht, dass sein erstes größeres Werk sich mit der „Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“ beschäftigte (1803). Das war ein Bahn brechendes politisches Buch, das die angeblichen „guten patriarchalischen“ Verhältnisse zwischen Landbevölkerung und Gutsherrschaft demaskierte und als unmenschliche, brutale Ausbeutung darstellte. Besonders zwischen 1760 und 1790 wurde „der Bauernstand nicht nur allenthalben mit ungemessener Dienstbarkeit belastet, sondern durch Verwandlung der Dörfer in große Pacht- und Rittergüter endlich zerstört“.

Breesen bei Rambin 2010. Blick auf das ehemalige Gutshaus, das erst im 19. Jahrhundert errichtet wurde.

Breesen bei Rambin 2010. Blick auf das ehemalige Gutshaus, das erst im 19. Jahrhundert errichtet wurde.

Arndt sah sich bald einer Klage durch den Landadel ausgesetzt. Die schwedische Regierung, Rügen gehörte bis 1815 zu Schweden, stimmte jedoch seinem Werk zu und hob 1806 die Leibeigenschaft auf.

 Arndt zwischen 1806 und 1812

1806 verfasste er den ersten Band „Geist der Zeit“, in dem er sich vom schwedischen Staatsuntertan zum deutschen Patrioten bekannte und zum Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft aufrief. Im gleichen Jahr duellierte er sich mit einem schwedischen Offizier, der die Deutschen beleidigt hatte, unweit Stralsund und wurde schwer verwundet.

In Greifswald ließ sich Arndt nach seiner Habilitation an der dortigen Universität im Jahre 1800 als Dozent nieder und heiratete im gleichen Jahr auch. Diese äußerst kleine Universität hatte in jener Zeit nur 60 Studenten. Arndt begann mit Vorlesungen und Seminare zur Geschichte Italiens und Griechenlands, die zunächst keine Teilnehmer fanden. Erst mit thematischen Erweiterungen, die die Geschichte der germanischen Stämme, ja sogar der Vorgeschichte, die Geschichte der jetzigen Staaten mit „der Kraft der Wissenschaft und Erfindungen aller Zeiten“, gelang es ihm, das Interesse „weniger Zuhörer zu fesseln“ – so hatte es 1908 der Germanist Heinrich Meisner geschildert. .

Greifswald. Arndts Wohnhaus in der Greifswalder Johann-Sebastian-Bach-Straße 2013

Greifswald 2013. Arndts Wohnhaus in der Greifswalder Johann-Sebastian-Bach-Straße

1812 beim erneuten Einmarsch der Franzosen verließ er illegal als „Sprachmeister Allmann“ seine Heimat und reiste über Berlin nach Breslau (heute Wroclaw). Jetzt lässt sich sein Leben mit den Ereignissen der Fernsehfolge „Scharnhorst“ verbinden. Denn Arndt trifft hier auf Blücher, Gneisenau, Boyen, Gruner, und auf Scharnhorst. Er charakterisiert Scharnhorst: „schlichteste Wahrheit in Einfalt, geradeste Kühnheit in besonderer Klarheit, das war „Scharnhorst.“ Seine historische Bedeutung besteht nach Arndt darin, dass Scharnhorst „tiefer als einer des Vaterlands Weh gefühlt und mehr als irgend einer zur Hebung desselben gestrebt und gewirkt hat“. Als Scharnhorst 1813 einer Verwundung erlag, widmete Arndt ihm zwei Lieder („Waffenschmied deutscher Freiheit“ und „Scharnhorst als Ehrenbote“).

Arndt ging mit Gruner nach Prag und vertraute sich dann Schmugglern an, die Ihn über Polen, Galizien nach Kiew führten. Am 16. August 1812 traf er mit dem Freiherrn vom Stein im damaligen Petersburg zusammen. Er wirkte nun als dessen Sekretär und wurde von der russischen Regierung angestellt. 1812 schrieb er sein einprägsames „Vaterlandslied“:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte,

drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.

Stein, den er „kurz, gedrungen, breit; die Worte derb, klar, fest“ beschreibt und Redlichkeit, Mut Zorn, aber auch Jähzorn bescheinigt, hatte hier einen Kreis von Patrioten zusammengezogen, von denen Arndt die Namen Dörnberg, Clausewitz, Goltz, Dohna, Boyen und Adolf Lützow nennt.

Er berichtet auch über Gustav von Barnekow aus Teschvitz bei Gingst. „Dieser Gustav von Barnekow war in Russland der genannteste deutsche Name“. Es war ein Haudegen und Draufgänger, der die Franzosen hasste und sich als Kosakenführer bei Borodino und in späteren Schlachten außerordentlich gut schlug.

 Arndt in Russland im Jahre 1812

Am kaiserlichen Hof in Petersburg erlebte Arndt die Auswirkungen der Schlacht von Borodino am 7. und des Brandes am 15. und 16. September mit. Besonders das russische Volk lernte er achten und hielt es dem deutschen als Beispiel hin. „Auch hat der gemeinste Kerl eine Miene, die sagt: Ich bin etwas, …, etwas einem Stolze ähnliches, wovon der demütige Deutsche keine Ahnung hat“.

Hier verfasste er als bedeutendste Schrift den „Kurzen Katechismus für deutsche Soldaten“, dessen Passagen über die Soldatenehre im vierten Teil der Fernsehfolge „Scharnhorst“ zitiert wurden. Diese Schrift wurde in Deutschland heimlich verbreitet und wirkte durch ihre aufrüttelnde, verständliche Sprache ungemein mobilisierend im Freiheitskampf gegen Napoleon. Arndt setzte sich mit den Begriffen Soldatenehre, gerechte und ungerechte Kriege, dem bisherigen „Kadavergehorsam“ auseinander. Unter der Führung Steins wurde in Russland aus deutschen Offizieren und Soldaten, die vor Napoleon geflüchtet bzw. desertiert waren, eine „Deutsche Legion“ gebildet, der Arndt einige Agitationsschriften widmete.

Als obersten Souverän sieht Arndt das Volk: „das Land und das Volk sollen unsterblich und ewig sein, aber die Herren und ihren Ehren und Schanden vergänglich“. Diese revolutionären aufrührerischen Worte und Gedanken musste Arndt in späteren Auflagen ändern. Sie wurden ihm in der sogenannten Demagogenverfolgung einige Jahrzehnte später dennoch mit zum Verhängnis und führten zu seinem zeitweiligen Berufsverbot.

 Arndt im Jahre 1813

Am 15. Januar 1813 folgte Arndt den siegreichen russischen Truppen nach Deutschland und lernte dabei den General York („eine starre, entschlossene Gestalt, eine gewölbte Stirn voll Mut und Verstand, …“) kennen.

Im damaligen Ostpreußen wurde mit der Aufstellung der Landwehr und des Landsturms die Volksbewaffnung unter der Führung Scharnhorsts eingeleitet. Arndt schrieb dazu seine populärste Arbeit „Was bedeutet Landwehr und Landsturm?“ Die dadurch ausgelöste Begeisterung und der Wille der Volksmassen zur patriotischen Erhebung zwangen den preußischen König schließlich am 17. März Landwehr und Landsturm aufzubieten.

In den folgenden Schriften, die unter dem Motto „Was müssen die Deutschen jetzt tun?“ standen, wurden Arndts Anklagen gegen das feudale Kleinstaatensystem und die Forderung nach einem einheitlichen, demokratischen immer kühner und mächtiger. Teilweise waren sie jedoch mit Ausfällen gegen das französische Volk und Gebietsforderungen belastet, neben dem Wunsch nach einem deutschen Kaiser an der Spitze des Reiches. Bereits jetzt stand Arndt eine starke Gegnerschaft, die den Druck einiger Schriften zu verhindern wusste, gegenüber und ihn zwang, einiges anonym erscheinen zu lassen.

 Arndt in Bonn

1818 erhielt Arndt an der neu gegründeten Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn eine Professur für Geschichte. Er wurde aber bereits 1820 suspendiert und erst 1840 unter Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wieder zugelassen. 1854 ließ er sich mit sagenhaften 85 Jahren emeritieren.

Arndt Villa Bonn

Die von Arndt erbaute Villa „Haus Lülow“ in Bonn

Zur 1841 erfolgten Grundsteinlegung des „Hermannsdenkmal“ im Teutoburger Wald dichtete der 72jährige Arndt eines seiner bedeutendsten, zugleich missdeuteten Poeme „Was ist des Deutschen Vaterland?“

Das ganze Deutschland soll es sein!
Das sei der Ruf, der Klang, der Schein,
der junge und der alte Schluß,
der Blücher, der Arminius!
Das soll es sein!
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

Und ein Jahr später schrieb er die vielfach vertonte Hymne der Rüganer und all jener, die weit von der Heimat entfernt leben:
 

Heimweh nach Rügen

O Land der dunklen Haine,
O Glanz der blauen See,
O Eiland, das ich meine,
Wie tut’s nach Dir mir weh!
Nach Fluchten und nach Zügen
Weit über Land und Meer,
Mein trautes Ländchen Rügen,
Wie mahnst Du mich so sehr!

 
Arndt, der noch 18 Jahre bis zu seinem Tode am 29. Januar 1860 in Bonn lebte, schloss sein Gedicht mit dem Wunsch:
 

Fern, fern vom Heimatlande
Liegt Haus und Grab am Rhein.
Nie werd’ an deinem Strande
Ich wieder Pilger sein.
Drum grüß ich aus der Ferne
Dich, Eiland, lieb und grün:
Sollst unterm besten Sterne
Des Himmels ewig blühn!

 
Wir ehren in Arndt – zu Recht als Rügens größter Sohn bezeichnet – einen unerbittlichen Kämpfer für die Freiheit eines Volkes für die Menschenwürde und Menschenrechte jedes einzelnen. Im nationalen Freiheitskampf 1812 bis 1814 gehörte er zu den führenden deutschen Patrioten.
 
Verwendete Literatur u. a.: Ernst Moritz Arndts ausgewählte Werke in 16 Bänden. Hrsg. Heinrich Meissner und Robert Geerts, Leipzig, 1908; Weber, R. (Herausgeber), Ernst Moritz Arndt. Erinnerungen 1769-1815. Berlin; Bock, S. und Helms, Th., Schlösser und Herrenhäuser auf Rügen. Bremen.
 

Christian Albert Theodor Billroth

Zum 150. Geburtstag des gebürtigen Bergeners

 (1979, nicht veröffentlicht) 1896 erfolgte in Würdigung des zwei Jahre zuvor verstorbenen weltbekannten Mediziners Billroth die Umbenennung der bisherigen Toten-, Kloster- und Joachimstraße in Billrothstraße durch den Magistrat der Stadt Bergen.

Bergen auf Rügen. Geburtshaus des Mediziners Theodor Billroth in der Billrothstraße 1967

Bergen auf Rügen. Geburtshaus des Mediziners Theodor Billroth in der Billrothstraße 1967

Hier, in dem heutigen Haus Billrothstraße 17, wurde Theodor Billroth vor genau 150 Jahren am 26. April 1829 geboren. Daran erinnert auch eine Metalltafel, die an dem Haus angebracht ist.

Billroth verlebte nur wenige Jahre in Bergen. Die Schulzeit und einen Teil seines Medizinstudiums – die Jahre 1836 bis 1849 – verbrachte er in der Greifswald. Darauf weist eine Metalltafel in der Greifswalder Domstraße darauf hin.

Greifswald. Wohnhaus des Mediziners Theodor Billroth von 1836 bis 1849 in der Domstraße  2013

Greifswald 2013. Wohnhaus des Mediziners Theodor Billroth von 1836 bis 1849 in der Domstraße

Sein Hauptwirkungsfeld wurde ab 1867 die II. Chirurgische Lehrkanzel in Wien, wo er u. a. die wissenschaftliche Chirurgie entwickelte. Neue Operationsmethoden, wie die erstmals gelungene Speiseröhrenentfernung 1871 und die Kehlkopfentfernung 1883, wie auch seine Arbeiten über Wundfieber und akzidentelle Wundkrankheiten, Billroth führte die Antisepsis ein, begründeten seinen Weltruhm. Aufsehen erregte die erste erfolgreiche Magenresektion 1881 bei einem Krebspatienten. Damit gab er der modernen Medizin die Grundlage für Eingriffe auf dem Gebiet des Magen- und Darmtraktes.

Theodor Billroth verstarb mit fast 65 Jahren in Abbazia (heute Opatia, Kroatien) am 6. Februar 1894, und erhielt ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

 

Überall wehten monarchistische Fahnen

Kriegervereine auf Rügen – ein trauriges Kapitel Heimatgeschichte

(OZ v. 17.2. und 24.2.1977) Die Propagierung militärischen Gedankengutes vollzog sich zu einem beträchtlichen Teil den Kriegervereinen. Sie schossen nach den Kriegen Preußens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie Pilze aus der Erde. In geschickter Weise verband man das Kriegserlebnis der Teilnehmer als einen nachhaltigen psychologischen Faktor mit einem natürlichen Wunsch nach Geselligkeit.

Kriegervereine prägten die öffentliche Meinung und besaßen gerade auf dem Lande eine gefährliche politische Ausstrahlung. So sind sie in ihrer Bedeutung keinesfalls zu unterschätzen. Ausgang des 19. Jahrhunderts existierten fast 10 000 Kriegervereine mit einer Million Mitgliedern in Deutschland. Der Bezirksverband „Neuvorpommern“ umfasste zu dieser Zeit etwa 30 Vereine mit über 3000 Mitgliedern. Trotz des Zusammenbruches des kaiserlichen Reiches und der Niederlage im 1. Weltkrieg blühte dieses „Kriegertum“ auch in der Weimarer Republik. Auf Rügen erreichte es mit 33 Vereinen und etwa 3000 mitgliedern im Jahre 1928 einen traurigen Höhepunkt!

Und es wuchs auf einem fruchtbaren, reaktionären Boden. Anlässlich einer zeitgleichen Propagandafahrt der Presse berichtete der fortschrittliche Journalist und Schriftsteller Joseph Roth, ein Freund Egon Erwin Kischs, über diese anachronistischen Zustände auf Rügen: „Man empfing uns also mit monarchistischen Fahnen und mit schmetternden Militärmärschen. Wir speisten in Sälen der Kulturhäuser, an deren Wänden Kaiserbilder hingen. In Binz wehten zwei große Hakenkreuzfahnen von den Giebeln eines großen Strandhotels“ (Roth, J., Das Hakenkreuz auf Rügen. In: „Damals in den zwanziger Jahren“. Berlin, Leipzig, 1963, S. 136 ff.). Ironisch fragte er, ob „man auf Rügen noch nichts von der inzwischen geänderten deutschen Staatsverfassung gehört habe“. Wir wissen, dass die Arbeiterparteien SPD und KPD auch auf Rügen gegen diese Verhältnisse einen schweren und unerbittlichen Kampf geführt haben.

Die stärksten Kriegervereine bestanden in Sassnitz und auf Mönchgut mit fast 200 Mitgliedern, dann folgten Bergen und Garz. Den Kreisvorstand hatte längere Zeit mit Dr. med. Biel, ein bekannter Bergener Bürger, inne. Als Beisitzer fungierten dann aktive und ehemalige Offiziere, wie der Rittmeister v. Schultz, der Gutsbesitzer in Granskevitz war und auch beim Kapp-Putsch 1920 in Erscheinung getreten war.

Poseritz. Der „Krieger- und Militärverein“ aus Poseritz und Umgebung lud in der „Rügenschen Zeitung“ zum 18. 1. 1931 zu einer „Reichsgründungsfeier“ ein. Man bezog sich dabei auf das Jahr 1871

Poseritz. Der „Krieger- und Militärverein“ aus Poseritz und Umgebung lud in der „Rügenschen Zeitung“ zum 18. 1. 1931 zu einer „Reichsgründungsfeier“ ein. Man bezog sich dabei auf das Jahr 1871

Die angeblich „unpolitische“ Haltung der Kriegervereine wird durch ihre Zielsetzung ad absurdum geführt. So umreißt die „Stralsundische Zeitung“ vom 2. Februar 1892 die Aufgabe „in Einigkeit treu zu Kaiser und Reich zu stehen, … und Gut und Blut für den König einzusetzen. – wenn es einmal gelten sollte, …“.

22 Jahre später galt es, und 1100 Rügener zogen ins „Feld“. Die Kriegervereine galten auch als Bollwerk gegen den „verderblichen Einfluss der Sozialdemokratie“. Im Mai 1907 forderte der damalige pommersche Oberpräsident v. Maltzahn-Gültz von den Vereinen, alle „Bestrebungen gegen die Grundlagen unseres Staatslebens und unserer Gesinnung abzuwehren, wie sie die Sozialdemokratie vertritt“.

Die Kriegervereine kamen regelmäßig (in Garz zum Beispiel im damaligen „Hotel du Nord“) zu sogenannten Apellabenden zusammen, an denen nationalistische Vorträge gehalten wurden, wie „Die Schöpfung des deutschen Kriegsheeres“ oder „Wie Deutschland den Elsass verlor und wieder zurückeroberte“. Anschließend wurde ein „Umtrunk“ gereicht. Ihr öffentliches Auftreten erfolgte dann an Staatsfeiertagen, wie Kaisers Geburtstag oder dem Sedanstag, und bei der Einweihung zahlreicher Kriegerdenkmäler.

Der sowjetische Schriftsteller Kasakewitsch schilderte uns seine persönlichen Eindrücke im Jahre 1945 folgendermaßen: „Fast in jedem Städtchen standen Kriegerdenkmäler von 1813, 1866, 1870-71 oder 1914-18, errichtet vom „dankbaren Vaterland“ und den „dankbaren Mitbürgern“. Es gab kaum ein Denkmal für einen Dichter oder Komponisten. Für die Welt war Deutschland einst das Land Goethes, Beethovens und Dürers, aber hier regierten Friedrich, Bismarck und Moltke“ (Kasakewitsch, E., Frühling an der Oder. Berlin, 1953, S. 218 f.).

Dabei waren diese Denkmäler oft geschmacklos errichtet und zerstörten wieder ältere Kulturdenkmäler, wie historisch wertvolle Grabstätten (z. B. auf dem Friedhof von Lancken-Granitz) oder Hünengräber, deren Findlinge entfernt wurden. Proteste der Denkmalpflege verhallten ergebnislos.

Kriegerdenkmal 1914-1918 in Gustow 2010

Kriegerdenkmal 1914-1918 in Gustow 2010

Nach dem ersten Weltkrieg entstanden daneben neue militärische Wehrverbände, die die gleiche Zielsetzung verfolgten. Auch sie propagierten demagogisch einen „Frontsozialismus“ und dienten der Militärkaste.

Aufmarsch des rügenschen „Stahlhelm“ in Sellin im Jahre 1932 (Rügensche Zeitung)

Aufmarsch des rügenschen „Stahlhelm“ in Sellin im Jahre 1932 (Rügensche Zeitung)

Am bedeutendsten war der „Stahlhelm – Bund der Soldaten“. Er wurde im Dezember 1918 vom Hauptmann d. R. und Fabrikanten Franz Seldte in Magdeburg gegen die Revolution gegründet. 1929 umfasste der „Stahlhelm“ 500 000 Mitglieder. Da in ihm das Junkertum, Kleinbürgertum und gewisse Schichten der Landarbeiter vertreten waren, fand er auch auf Rügens beträchtlichen Widerhall. Am 16. September 1928 überfielen „Stahlhelmer“ bei einem Aufmarsch Garzer Arbeiter und verletzten sieben Rot-Front-Kämpfer schwer.

Alle diese Verbände bildeten eine Bürgerkriegsreserve und übernahmen auch die wehrsportliche Ausbildung der Jugend (zum Beispiel im Jungstahlhelm).

Von ihnen führte eine direkte Linie zur faschistischen Machtergreifung. Das zeigt sich auch darin, dass der Gründer des „Stahlhelms“, Franz Seldte, in der ersten gleich zu Beginn der Hitlerregierung ein Ministeramt erhielt.

Es braucht nicht weiter betont zu werden, dass in der damaligen sowjetisch besetzten Zone diese Vereine verboten wurden. Ihr revanchistisches und militärisches Gedankengut ist einer humanistischen und friedliebenden Weltanschauung fremd.

Zu einer genaueren Darstellung der Funktion und Bedeutung der militärischen Wehrverbände auf Rügen können die Heimatforscher und Ortschronisten sicher noch manches Wichtige beitragen.

 

Neuer Jubiläumsvorschlag: 200 Jahre Park von Juliusruh

Zum Historikerstreit: 100 Jahre Badeort Breege (OZ v. 20. März)

(OZ v. 23.4.1992) Eine zusammenfassende Chronik der vorpommerschen Badeorte ist bis heute nicht geschrieben. Archive, Ortschroniken und die mündliche Überlieferung wären sichere Quellen, stehen uns aber nur noch fragmentarisch zur Verfügung und müssten in mühevoller Kleinarbeit aufgearbeitet werden. Darin bestehen bereits die ersten Schwierigkeiten.

Die Frage muss beantwortet werden, was das Gründungsdatum unserer Badeorte bestimmt – die Gründung des Badevereins, der Besuch der ersten Urlauber, die Aufnahme in ein offizielles Bäderverzeichnis oder alio modo? Breege-Juliusruh – wohlgemerkt als Doppelort – müsste meines Erachtens als Gründungsdatum die jüngste Nennung annehmen, und das wäre 1895.

Breege. Dorfstraße mit einheitlichen im niederdeutschen Hallenhaus-Stil errichteten Wohnhäusern 2010

Breege. Dorfstraße mit einheitlichen im niederdeutschen Hallenhaus-Stil errichteten Wohnhäusern 2010

Nun hat die Kommune Breege bereits die 1883 erfolgte Gründung des Bade-Vereins als Ausgangsdatum erwähnt, dessen Aktivitäten sine dubio Juliusruh umfassten. So befestigte der Verein 1889 die Wege zu den Bädern und pflanzte an ihnen über 100 Ebereschen und Linden, die dem Park entnommen wurden. Breege scheint besonders bei den Beamten als Badeort beliebt gewesen zu sein und gewann 1894 an Attraktivität „als nun auch durch Anschaffung von Kohlensäure-Apparaten und Benutzung von Eis ein gutes Glas Bier verabreicht werden“ konnte.

Will man aus verständlichen Gründen keine zweite Jubelfeier 1995 begehen, dann wird man sicher der vor 200 Jahren erfolgten Gründung des ehemaligen Parks von Juliusruh durch Julius von der Lancken (1767 – 1831) gedenken. Jubiläen gehören nun einmal zum Salz in der „touristischen Suppe“.

 

Vor 40 Jahren entstand der Rügendamm

(OZ v. 24.11.1976) Mit dem Ausbau des Verkehrswesens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – ins besondere im Transit- und Personenverkehr – wurde die Errichtung einer festen Verbindung zwischen Rügen und dem Festland eine lebenswichtige Notwendigkeit. 1863 erreichte man Stralsund von Berlin aus mit dem Zug. Zwanzig Jahre später entstand die Bahnlinie Altefähr-Bergen, verbunden mit der Trajektfähre über den Strelasund.

1909 wurde die Trajektverbindung nach Schweden über Sassnitz in Betrieb genommen. Zu dieser Zeit erfolgten täglich bis zu 90 Fährschifffahrten über den Sund.

Blick in den Hafen von Altefähr 2011.

Blick in den Hafen von Altefähr 2011

Erste Pläne, den Sund mittels Tunnel oder Hochbrücke zu überwinden scheiterten an dem üblichen Geldmangel der Regierung für derartige Projekte. In der Hoffnung auf schwedische Hilfe begann man schließlich 1932 während der Weltwirtschaftskrise stockend mit den ersten Arbeiten, die später meist als Notstandsarbeiten erfolgten und mit der Einweihung am 5. Oktober 1936 abgeschlossen wurden.

Anlegestelle des Trajektes 1974

Anlegestelle des Trajektes 1974

Diese neue Verbindung verkürzte den Personenverkehr um eine Stunde, und den Güterverkehr sogar um 11 Stunden. Zweifellos spielte der Rügendammbau auch eine militärisch-strategische Rolle. Die dann folgende Einbeziehung der Insel in die Aufrüstung des faschistischen Deutschland beweist das. Wenige Tage vor Kriegsende wurde der Rügendamm von zerstörungswütigen Wehrmachtsoffizieren gesprengt. Erst im Oktober 1947 konnte er wieder befahren werden.

Stralsund-Dänholm. Ziegelgrabenbrücke. Wenn die Ziegelgrabenbrücke hochgeklappt wird, um den Schiffsverkehr zu ermöglichen, ist Rügen jedes Mal wieder eine Insel, ganz zum Leidwesen der Kraftfahrer, die dann auf beiden Seiten eine unfreiwillige Pause einlegen müssen. 2010

Stralsund-Dänholm. Ziegelgrabenbrücke. Wenn die Ziegelgrabenbrücke hochgeklappt wird, um den Schiffsverkehr zu ermöglichen, ist Rügen jedes Mal wieder eine Insel, ganz zum Leidwesen der Kraftfahrer, die dann auf beiden Seiten eine unfreiwillige Pause einlegen müssen. 2010

Die Anlage des Rügendammes – die Gesamtlänge wird ursprünglich mit 2 450 Metern angegeben – war in ihrer Zeit eine technische Meisterleistung. Man verbaute 11 800 Tonnen Eisen und Stahl, sowie 48 000 Kubikmeter Beton. Es waren 2,6 Kubikmeter Boden zu bewegen. Der Strelasund zwischen dem Dänholm und Rügen wurde durch eine auf neun Pfeilern ruhende Stahlkonstruktion überbrückt. Die Pfeiler reichten bis zu der Tiefe von 24 Metern Zwischen dem Dänholm und Stralsund errichtete man eine Klappbrücke (nach dem Prinzip des Waagebalkens), die sogenannte Ziegelgrabenbrücke von 270 Meter Länge.

Die 540 m lange Eisenbahnbrücke wurde 1936 als erste voll geschweißte Großbrücke von der Firma Krupp erbaut. Nach der Sprengung durch die flüchtende deutsche Wehrmacht konnte der Damm erst ab Oktober 1947 wieder benutzt werden. 1961 baute man am Widerlager A (Dänholm) ein 42 m langes Überbauteil neu ein. Wegen des wachsenden Zugverkehrs musste im Dezember 1986 die Höchstgeschwindigkeit von 90 auf 30 km/h herabgesetzt werden. Vom 9. bis 13. 5. 1990 wurde der stählerne Überbau der alten Brücke mit Hilfe von Schwimmkränen durch vormontierte Neuteile ersetzt.

Der Rügendamm gehörte bis zum Jahre 2007 zu den am meisten befahrenen Straßen- und Schienenabschnitten. Innerhalb von 24 Stunden passierten damals bis zu 12 000 Kraftfahrzeuge und rund 80 Eisenbahnzüge dieses Nadelöhr. 2004 begann man mit dem Bau einer zweiten, parallel verlaufenden Strelasundquerung, die 2007 der Öffentlichkeit übergeben wurde. Es ist eine mächtige und 4,7 km lange Rügendamm- Brücke, die teilweise 42 m über den Strelasund verläuft und von bis zu 128 m hohen Pylonen getragen wird. Die wurde vom Architekten André Keipke entworfen und am 20. Oktober 2007 durch Frau Dr. Angela Merkel eröffnet (www.stern.de/panorama/ruegendamm-bruecke-zum-vergnuegen-auf-ruegen-600512.html). Gegenwärtig werden beide Rügenzugänge gleichzeitig genutzt.

Stralsund. Blick auf die Ziegelgraben-Brücke des Jahres 1936 und die neue Rügendamm-Brücke des Jahres 2007

Stralsund. Blick auf die Ziegelgraben-Brücke des Jahres 1936 und die neue Rügendamm-Brücke des Jahres 2007

„Wissenswertes in Kürze von Arkona bis Zudar“ und „Vom Badekarren bis zum Strandkorb“

(OZ v. 10.1.1978) „Rügen von A bis Z“ heißt eine lexikonartig aufgebaute Broschüre von Heinz Lehmann und Renate Meyer, die nun bereits in zweiter erweiterter Auflage erschienen ist. Wie der Untertitel verrät, vermittelt das Büchlein „Wissenswertes in Kürze von Arkona bis Zudar“. Es enthält 156 Stichworte über die Geschichte der Insel, ihrer Städte und Dörfer, über Geographie, Geologie und Biologie, über Volkskunde, Dichtung und Malerei, über Schifffahrt, Fischerei, Technik Industrie und über Touristik. Den Autoren ist zu diesem Buch nur zu gratulieren, da nach längerer Zeit wieder ein umfangreicher Überblick über die Insel Rügen gegeben wird.

Natürlich kann man über die Auswahl der Stichworte und über deren Informationsgehalt mitunter geteilter Meinung sein. So haben die Verfasser zwar die gewaltigen ökonomischen und sozialen Veränderungen Rügens in der Ortsgeschichte dargestellt, dennoch wäre es wünschenswert, besonders resümierende Stichworte wie „Landwirtschaft“ und „Tierzucht“, u. ä. einzubauen. Nahezu vergessen worden ist der Sport. Auf Rügen gibt es aber aktiven Motor-, Pferde-, Schach-, Segel- und Ballsport. Erinnert sei auch an das Sundschwimmen oder an die Göhrener Sportakrobaten als ständige DDR-Meister.

Einige Unklarheiten und veraltete Auffassungen (Geschichte und Geologie betreffend) sollten durch Konsultationen mit den entsprechenden Fachstellen behoben werden.

Eine empfehlenswerte Lektüre bildet auch das Buch „Vom Badekarren bis zum Strandkorb“ von Horst Prignitz. Mit großer Sorgfalt, gründlichem Materialstudium und in gelungener Umsetzung (Zeichnungen von Inge Brüx-Gorisch) wird hier der Geschichte des Badewesens an der Ostseeküste nachgegangen. Prignitz bemühte sich um die Wiedergabe von Gemälden, Zeichnungen oder Fotos aus den Anfängen des Badewesens. Die Anfänge dieser Entwicklung auf Rügen (Badeorte Sagard und Putbus) sind sehr detailgetreu wiedergegeben.

Badehaus in der Goor bei Lauterbach. Erbaut vom Fürsten Malte zu Putbus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nach 1945 Wohnraum für etwa 40 Personen. Seit 1957 Urlaubszentrum des Eisenhüttenwerkes in Eisenhüttenstadt. Heute privatisiert.

Badehaus in der Goor bei Lauterbach. Erbaut vom Fürsten Malte zu Putbus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nach 1945 Wohnraum für etwa 40 Personen. Seit 1957 Urlaubszentrum des Eisenhüttenwerkes in Eisenhüttenstadt. Heute privatisiert.

Nach 1880 entwickelte sich Rügen zum größten Erholungsgebiet an der Ostsee. Im Jahre 1900 gab es bereits 44 000 Badegäste. Als beliebte und auch damals begehrte Ostseebäder galten Sassnitz-Crampas, Binz und Göhren. Besonders Angehörige der Geldaristokratie suchten die teuren Bäder Rügens und Usedoms auf, daneben aber auch Angehörige des Adels, Kaufleute, Gutsbesitzer, Beamte, Handwerker und dergleichen. Die Masse der Bevölkerung hatte auch um 1900 und danach keine Möglichkeit, ins Bad zu fahren, da das Geld fehlte und es noch keine Urlaubsregelung (mit einigen Ausnahmen) gab.

Haus Rheingold. Zu dieser Zeit eine HO-Gaststätte 1984.

Haus Rheingold. Zu dieser Zeit eine HO-Gaststätte 1984.

Prignitz erinnert dazu an den mühevollen Anfang nach 1945. Schwarzhändler und Schieber trieben ihr Unwesen. So wurden für ein Pfund Dorsch 20 bis 30 Mark und für eine Kanne „Muckefuck“ 3,59 Mark verlangt. 1947 begann aber der FDGB-Feriendienst, diesen Auswüchsen ein Ende zu setzen. So wurde der Ostseebezirk zum führenden Urlaubszentrum der DDR. – Ein umfangreicher Anhang und eine Literaturauswahl gestatten weiterführende Studien für Interessenten.

 

Wetterprognosen vor 100 Jahren

(OZ v. 30.1.1976) Kürzlich berichtete die OZ über die verantwortungsvolle Arbeit der 1954 gegründeten Wetterbeobachtungsstation in Putbus. Es dürfte interessant sein, den Anfang der Wetterbeobachtung auf Rügen zu verfolgen. Bereits 1833 errichtete eine „Kaiserlich-russische Chronometer-Expedition“ eine Beobachtungsstation auf Arkona, die sich aber besonders mit dem Verlauf des Meeresspiegels beschäftigte. Eine Wetterwarte mit den der damaligen Zeit entsprechenden Geräten wurde dann 1853 in Putbus gegründet. Später kamen dann einige Beobachtungsstützpunkte in Arkona, Thiessow und dem Wittower Posthaus auf dem Bug hinzu.

Die Putbusser Messungen wurden im 19. Jahrhundert von Lehrern des ehemaligen Pädagogiums sowie vom Uhrmacher Freiberg durchgeführt. Obwohl genaue Direktiven vorlagen, scheinen diese Mitarbeiter ihre Sache nicht immer so genau genommen zu haben. Es wird berichtet, dass sie die letzte Messung (22:00 Uhr) oft vorzogen und das Regenwasser mitunter erst einige Tage im Gerät sammelten, ehe sie es maßen.

Dennoch lassen sich über den Verlauf von 50 Jahren (1855 bis 1902) Grundzüge des Putbusser und damit des rügenschen Wetters feststellen. So besitzt Putbus im Frühjahr und Sommer eine wesentlich geringere Bewölkung als auf dem benachbarten Festland. Dafür gelten der Spätherbst und der Winter als recht feucht. Die Temperatur ist entsprechend dem Seeklima im Sommer abends kälter als am Morgen.

Im Jahresdurchschnitt wies Putbus im 19. Jahrhundert nur 44 sehr heitere, gegenüber 126 sehr trübe Tage auf. Im Vergleich zu anderen rügenschen Orten gilt Putbus als regenreich. So waren im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts im Jahresdurchschnitt 143 Tage verregnet. Die Regenzeit konzentrierte sich allerdings auf den Herbst und Winter, während das Frühjahr niederschlagsfrei blieb.

Eingeschneite Bahnstrecke im Dezember 1978 zwischen Bergen und Saßnitz.

Eingeschneite Bahnstrecke im Dezember 1978 zwischen Bergen und Saßnitz.

Auch der geringe Schneefall hängt mit dem Seeklima zusammen. Im Jahresdurchschnitt sind es nur 32 Tage (vorwiegend Januar bis März) mit Schneefall. Der erste Schnee fällt selten vor dem 15. November, der letzte noch am Ausgang des Aprils.

Auch die Gewittertage wurden damals registriert. Danach gehört Putbus zu den „gewitterarmen“ Orten Mecklenburgs (nur 17 Tage!). Gewitter traten vorwiegend im Juli auf, während Wintergewitter nur in jedem fünften Jahr vorkamen.

Soweit ein Einblick in das Wetter des 19. Jahrhunderts. hat es sich verbessert? Vielleicht können die heutigen Putbusser „Wetterfrösche“ darüber berichten?

 

1904 stand ganz Mönchgut unter Wasser

(OZ v- 31.12.1976) In den Monaten November bis Januar treten nach allgemeinen Erfahrungen an unseren Küsten die meisten „Sturmfluten“ auf. Richtiger müsste man sie Sturmhochwasser nennen, da es keine Fluten im Sinne eines Gezeitenwechsels sind. Nach statistischen Erhebungen trat seit 1044 alle 17 bis 19 Jahre ein größeres und etwa alle fünf Jahre ein kleineres Sturmhochwasser auf.

Bei einem schweren Sturmhochwasser erreicht der Wasserstand mehr als 1,5 Meter über Mittelwasser (MW). Ausgelöst werden diese Naturkatastrophen im Ostseegebiet z. B. durch charakteristische Wetterlagen in Verbindung mit anhaltenden Stürmen aus dem Norden. Das Ausmaß des Hochwassers hängt vom Füllungsgrad des Ostseebeckens ab. So wird bekanntlich bei andauernden Westwinden Nordwasser hineingedrückt, und das kann beim Umspringen des Windes nach Norden nicht so schnell durch Sund und Belt entweichen. Das war 1954 der Fall. Seit dem 27. Dezember 1953 war Nordseewasser in die Ostsee gelangt und hatte sich in deren östlichen Teilen gestaut. Der Wind drehte auf Nord und Nordost und entwickelte sich am 3. Januar 1954 zum Sturmtief.

Thießow, Oststrand 2004

Thießow, Oststrand 2004

Die Flutwelle trifft dann mit voller Wucht die Ostküste Rügens (1904 maß sie  mit 8,5 km/h) und bei Nordwestwinden auch Hiddensee. Hier ist vor allem der Dornbusch gefährdet, der 1904 um 5 bis 15 m verkürzt wurde. Dieses Hochwasser von 1904 gehört mit denen von 1872, 1913/14 und 1954 zu den bedeutendsten Hochwassern der letzten 100 Jahre.

Vom 30. zum 31. Dezember 1904 wurden auf Arkona fast 2 m, in Sassnitz 2,2 m, in Göhren 2,5 m und in Glowe sogar über 3 m über MW gemessen. 1954 erreichte der Wasserstand auf Mönchgut 1,6 m über MW.

Oft ist das Hochwasser mit einem starken Temperaturwechsel und schwerem Schneegestöber verbunden. So war es auch 1904, als die Flut besonders Mönchgut heimsuchte. Am 31. Dezember war die Halbinsel mit Ausnahme seiner Erhebungen gänzlich überschwemmt. Die Dünen am „langen Strand“ waren weggespült – wie auch 1954 – und der Deich in Thiessow zusammengestürzt. Das Wasser stand im Ort 0,7 bis 0,8 m hoch.

Wenige Stunden nach Eintreffen der Flutwelle an der Ostseeküste wird auch das Boddenhinterland erreicht und überschwemmt. Gefährdet war immer das Niederland Hiddensees. In Neuendorf-Plogshagen blieben 1872 von 57 Häusern nur vier unversehrt. Auch 1954 mussten einige Häuser geräumt werden. Teilweise standen die Orte Breege, Dranske und Libitz unter Wasser. Überschwemmt wurden die Chausseen Kuhle – Banz (1904), Garz – Groß Schoritz und Lancken-Granitz – Sellin (1954). Teilweise hatte das Wasser 1954 die Orte Klein-Zicker, Neu-Reddevitz und Lüßvitz eingeschlossen.

 Thiessow, Steinmole am Oststrand 2004.

Thiessow, Steinmole am Oststrand 2004.

Obwohl seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schützende Steinwälle und Deckwerke geschaffen wurden, musste doch für größere Schutzanlagen und ein wirksames Warnsystem gesorgt werden. Am bekanntesten dürfte dabei das fast 2,2 km lange Rauhdeckwerk auf Hiddensee sein. Vor der Ortslage Dranske entstand nach polnischem Vorbild ein T-förmiges Buhnensystem, dessen Standfestigkeit durch 500 Kilogramm schwere Sandsäcke erhöht wurde. Während der letzten 30 Jahre wurden auf Rügen außerdem Boddendeiche mit einer Gesamtlänge von etwa 40 Kilometern geschaffen.

Zwei Münzfunde, die Aufsehen erregten

(OZ v. 31.12.1977/1.1.1978) Die Entdeckung eines Münzfundes von 103 Silber- und Kupferprägungen am 9. März 1978 in der Bergener Vieschstraße gaben viele Zeitungen bekannt. Nach dem 1973 in Ralswiek ausgegrabenen Münzfund ist es nun bereits der zweite größere Münzschatz, der in kürzerer Zeit auf Rügen gefunden wurde.

Der Ralswieker Münzfund wog etwa drei Kilogramm und bestand aus arabischen Münzen, die in der Mitte des 9. Jahrhunderts vergraben worden waren. Sein Besitzer lebte an einem bedeutenden slawischen Seehandelsplatz, der sich in jener Zeit über den heutigen Ortskern von Ralswiek erstreckte. Da die Slawen zunächst noch keine Münzen prägten, verwandten sie als Zahlungsmittel bis zum 10. Jahrhundert arabische Münzen. Diese belegen zugleich einen ausgeprägten Fernhandel, bei dem man an einen Sklavenhandel denken könnte. So erhielt man für den Schatz etwa zehn bis zwölf Sklaven. Er besaß aber auch den Wert von zehn guten Pferden, 30 Kühen oder 100 Schweinen.

Daneben hatten die auf Rügen ansässigen Ranen eine Leinentuchwährung als Äquivalent. Noch im 12. Jahrhundert heißt es: „Nun haben die Ranen kein gemünztes Geld … Was man auf dem Markt kaufen will, erhält man gegen Leinentücher“. Bei den Silbermünzen wurde übrigens nach Gewicht gezahlt. So befanden sich im Ralswieker Münzfund auch zerhackte Prägungen.

Erst der Ranenfürst Jaromar I., der von 1168 bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts regierte, ließ eigene Münzen prägen. Sie trugen sein Konterfei und die stolze Inschrift „Rex Rugionorum“ (König der Rügener).

Der Bergener Münzfund dürfte größere Übereinstimmung mit einem ähnlichen aus Altefähr besitzen. Dieser wurde bereits 1935 entdeckt und enthielt nach seiner Bestimmung durch Professor Suhle, Berlin, 119 Schillinge und Taler in einem Gefäß. Es überwogen sogenannte Doppelschillinge (16 Stück entsprechen einem Taler) mit einem Gegenstempel. Dieser Stempel war erforderlich, um die Gültigkeit und die Umlauffähigkeit der Münzen zu bezeugen. Diese Münzen hat man vermutlich 1638 (jüngste Münze war von 1637) vergraben. Schließlich sei noch ein kleiner Talerfund aus dem Jahre 1957 in Garz erwähnt. Er muss nach 1611 / 1612 vergraben worden sein.

Warum wurden nun diese Münzen im 17. Jahrhundert vergraben, oder, wie in Bergen eingemauert?

Blick in die Vieschstraße in Bergen. Ganz links ist das Haus mit dem Schatzfund. 2005

Blick in die Vieschstraße in Bergen. Ganz links ist das Haus mit dem Schatzfund. 2005

Als der Ort Bergen 1613 sein Stadtrecht für 8 000 Mark – die Mark entsprach acht bis neun Talern – vom pommerschen Herzog erwarb, galt er als verhältnismäßig wohlhabend. Jedoch wenige Jahre später hatten Katastrophen und die Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) dieser Entwicklung ein schnelles Ende bereitet. Stadtbrände äscherten 1621 und 1631 große Teile der Stadt ein, auch wurde Bergen 1629 und 1639 von der Pest heimgesucht.

Die größten Drangsale in der Geschichte Rügens brachten die Kriegszüge der Habsburger unter Wallenstein und der Schweden nach 1627. Zeitweise standen 10 000 Soldaten mit einem umfangreichen Tross auf Rügen. Plünderungen und Brandschatzungen waren an der Tagesordnung. 1630 wird über fehlendes Saatgut geklagt und berichtet, dass die Bevölkerung von Eicheln, Samen und von in Salzwasser gekochtem Gras lebt. Erst 1646 soll es möglich gewesen sein, in Bergen wieder „wohlfeil zu leben“. In diesen unruhigen Jahren wurden die Münzen verborgen. Vermutlich hat man die Besitzer getötet, oder sie verstarben durch die Pest.  1629 gab es allein 800 Pesttote in Bergen.

Münzfunde sind als wichtige Geschichtsquellen auch ein Teil unseres kulturellen Erbes. Sie gelten bei ihrem Auffinden oder bei ihrer Bergung als Volkseigentum (auch der Einzelfund) und sind den zuständigen Museen zu übergeben. Das sei mit allem Nachdruck betont.

Rügen vor fast 200 Jahren

Zwei Drittel der Bevölkerung waren leibeigen und litten unter extremer Ausbeutung

(OZ v. 20.2. und 27.2.1986) Ende des 18. Jahrhunderts, also vor fast 200 Jahren, erschienen die ersten ausführlichen Beschreibungen der Insel Rügen. Die Autoren Karl Nernst (1800) und Johann Jacob Grümbke (1805 unter dem Pseudonym Indigena) zeichneten besonders ausführlich und von großer Bedeutung ein Bild der Entwicklung Rügens. Beide lebten auf Rügen, Nernst vermutlich einige Jahre in Schwarbe. Grümbke war Bergener Bürger und darf als der „Vater der rügenschen Geschichtsschreibung“ bezeichnet werden. Beide besaßen eine universale Bildung, die es gestattete, fast alle Bereiche des damaligen gesellschaftlichen Lebens zu betrachten, womit sie sich auch übrigens wohltuend von mancher späteren Rügenbeschreibung abheben.

Ausführliche Beschreibung der Insel Rügen durch J. J. Grümbke 1819

Ausführliche Beschreibung der Insel Rügen durch J. J. Grümbke 1819 

Auf Rügen, das bis 1815 zum Schwedischen Reich gehörte, waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ausgeprägte feudale Verhältnisse vorhanden. Von den über 27 000 Einwohnern Rügens galten fast 18 000 Leibeigene als völliges Eigentum der Grundherrschaft. Der Erbherr konnte nach gültigen Gesetzen, die bis 1616 zurückreichten, den Leibeigenen „verpfänden, gegen Vieh tauschen, ihm Hof und Acker nehmen und über ihn Recht sprechen“. Harte Strafen standen auf alle „Vergehen“. Besonders verbreitet war die Züchtigung mit der Peitsche oder der „Ganten“. Bei heimlicher Flucht „soll ihm (dem Leibeigenen) ein Brandmal auf die Stirn gebrannt werden“. Leibeigen und einer strengen Fron unterworfen waren fast alle Landbewohner, so z. B. fast 99 Prozent der Bevölkerung Jasmunds. Lediglich in den Städten Garz und Bergen sowie in den sogenannten Flecken Gingst und Sagard und einigen größeren Dörfern (Altenkirchen, Middelhagen) gab es Freie.

Nernst und Grümbke führten eine Vielzahl von Hand- und Spanndiensten sowie Naturalabgaben und Geldsteuern auf, die die Bevölkerung bedrückten und ihre große Armut und Unwissenheit belegten. Nernst fiel die besondere Armut der Hiddenseer auf: „Die Armuth wohnt hier und das Elend. Nicht selten begegneten uns zerlumpte Kinder, welche mit wahrem Heißhunger in ein Stücklein gedörrten Fisches bissen, wovon sie immer eine Portion mit sich führen“. Auch Grümbke empörte sich über diese Zustände: „Denn der Druck der Knechtschaft macht das Gemüth feige und schlecht, … weil er nichts hat, was ihm die Mühen des Lebens erleichtern, was ihn trösten und über sein Schicksal erheben kann“. Diese Situation extremer Ausbeutung und Verdummung der arbeitenden Schichten füllte noch viele der folgenden Jahrzehnte.

Titelblatt des Buches „Das alte Pommern“ von Schleinert und Wartenberg 1995.

Titelblatt des Buches „Das alte Pommern“ von Schleinert und Wartenberg 1995.

Der Adel stellte den größten Teil der Großgrundbesitzer. Ihm gehörten auf Rügen 380 Ortschaften, Dörfer, Vorwerke usw. Den übrigen Besitz teilten sich das königliche Domanium und die Stadt Stralsund (mit ihren Kirchen und Klosterstiftungen). Die größten Besitzer waren die Grafen von Putbus (damals noch nicht im Fürstenstande) und die schwedischen Grafen von Brahe auf Spyker, denen die Hälfte von Jasmund gehörte mit einem Jahresgewinn von etwa 10000 Reichstalern.

So konnte Grümbke dann sagen: „ Im Ganzen herrscht unter dem Adel viel Wohlstand…“ Dieser Adel besaß die Zollfreiheit, war von sämtlichen Erhebungen finanzieller Art befreit und hatte eine eigene Gerichtsbarkeit über seine Untertanen. Er bildete die „Rügianische Ritterschaft“ mit einer besonderen Uniform (gelbe Hosen, dunkelblauer Rock) zu besonderen Anlässen.

Einen besonderen Stand verkörperte die Geistlichkeit, die gleichfalls bestimmte Abgaben von der Landbevölkerung erhob, aber auch über ein meist beträchtliches Ackerwerk verfügte, wonach „die Pfarrstellen größtenteils sehr einträglich“ waren (Grümbke). Um 1800 gab es auf Rügen einige sehr bedeutende Prediger, von denen Picht in Gingst, Kosegarten in Altenkirchen und Schwarz in Wiek eine bleibende Bedeutung erlangt haben.

Der Hauptwirtschaftszweig wurde durch die Landwirtschaft gebildet. Besonders hohe Getreideerträge, die nach Stralsund verschifft wurden, erzielte man auf Wittow. Hier begann man um 1800 auch mit dem Anbau von Klee und Wicken. Die Fruchtfolge war die sogenannte Schlagwirtschaft: Winterkorn (Weizen oder Roggen) – Gerste – Erbsen – Gerste – Hafer – Brache (Klee).

Ackerfeld bei Bergen 1960

Ackerfeld bei Bergen 1960

Die Rinderzucht wurde durch die Anlegung sogenannter Holländereien sehr vergrößert und durch den Ankauf fremder Zuchttiere auf den großen Gütern verbessert. Noch im argen lag die Schafzucht trotz weiter Heideflächen, die es auf Rügen noch gab, und die heute entweder aufgeforstet oder Ackerland sind. Erinnert sei an die Boldevitzer, die Patziger und die Ralswieker Heide. Auch die Schaabe, die Schmale Heide und die Landschaft um Sehlen waren damals noch Heideland.

 

Wann wurde Rügen von Menschen besiedelt?

(OZ v. 24./25.12.1977) Erst mit dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher und einer fühlbaren Erwärmung entwickelte sich in unserer Heimat eine natürliche Umwelt, die den Menschen geeignete Lebensbedingungen schuf. So löste sei dem 8. Jahrtausend v. Chr. eine Waldsteppe aus Kiefer, Birke und einem erlen- bzw. haselreichen Eichenmischwald die bisherige tundrenartige arktische Flora ab. Damit zogen Reh, Rothirsch, Wildschwein, Elch und Ur als wichtigste Jagdtiere ein. Geweihe und Schaufeln einiger dieser Tiergattungen wurden in den Mooren von Frankenthal und Vilmnitz gefunden.

Lietzow. Ortseingang mit Hinweis auf die mittelsteinzeitliche Lietzow-Kultur 2010.

Lietzow. Ortseingang mit Hinweis auf die mittelsteinzeitliche Lietzow-Kultur 2010

Rügen gehörte in dieser Zeit zu einem großen Landmassiv im westlichen Ostseebecken. Unsere Ostsee war damit ein abgeschlossener Süßwassersee (sog. Ancylus-See), dessen Ufer nördlich und östlich von Rügen (etwa im Arkonabecken) verlief. Im 8. Jahrtausend wanderten nun die ersten Menschen über diese Landverbindung – vermutlich aus dem dänisch-südschwedischen Raum – in das rügensche Gebiet ein. Bisher lassen sich ihre Siedlungsspuren nur in Tetel, Augustenhof und am Bergener Nonnensee nachweisen (B. Grams, Das Mesolithikum im Flachland zwischen Elbe und Oder. Berlin, 1973). Das waren dann gewissermaßen die ältesten Orte Rügens.

Seit dem 6. Jahrtausend veränderte sich die natürliche Umwelt in erheblichem Maße. Jetzt erfolgte ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter, so dass die Ostsee im 4. Jahrtausend den heutigen Küstenverlauf erreichte. Allerdings bestand Rügen nun aus mehreren Inseln (Wittow, Jasmund, Mönchgut usw.), deren verbindende Haken und Nehrungen (Schaabe, Schmale Heide, Bug) sich erst ausbildeten.

Aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. kennen wir inzwischen eine größere Anzahl von Siedlungsplätzen, deren Bewohner offenbar einer Wald- und Meerestierjagd nachgingen. Ausgrabungen bei Lietzow durch den Potsdamer Museumsdirektor Dr. Gramsch vor einigen Jahren erbrachten den Nachweis von Rothirsch, Wildschwein, Fischotter, Ur, Seehund, Wildpferd, Fuchs, Hund, Schwan und Reh als Jagdtiere. Angelhaken und Knochenspitzen lassen auf eine Angel- und Stechfischerei (besonders auf Hecht) schließen. Unklar bleibt leider der zeitliche Beginn dieser Kultur, da ihre Anfänge vom ansteigenden Meer überspült wurden und in erheblicher Tiefe liegen. Die Lietzow-Kultur endete vermutlich um 4000 v. Chr.

Feuersteingerät der Lietzow-Kultur vom Fundort Saiser-Buddelin. Klinge mit einer sogenannten Kantenretuschierung. Als Schneidegerät genutzt (nach B. Gramsch 1989, Archäologie in der DDR, Teil 2, S. 355 Abbildung)

Feuersteingerät der Lietzow-Kultur vom Fundort Saiser-Buddelin. Klinge mit einer sogenannten Kantenretuschierung. Als Schneidegerät genutzt (nach B. Gramsch 1989, Archäologie in der DDR, Teil 2, S. 355 Abbildung) 

Die wichtigsten Rohmaterialien bildeten Feuer- und Felsgesteine. Feuerstein lagert auf Rügen als senonischer Flint in den Kreideschichten.

Kreideabsturz mit deutlichen Feuersteinbändern. Man nutzte nur den „bergfrischen“ Feuerstein 1993

Kreideabsturz mit deutlichen Feuersteinbändern. Man nutzte nur den „bergfrischen“ Feuerstein 1993 

Damit entwickelte sich Rügen zu einem Rohstofflieferanten, dessen Bedeutung noch in den folgenden Jahrhunderten an Bedeutung gewann. Der Feuerstein ist spaltbar, hart und scharfkantig. Er diente zur Herstellung von Kleingeräten, wie Pfeilspitzen oder Sticheln, und Großgeräten. Erstmals tritt uns jetzt das Beil als Gerät entgegen. Da diese Beile aus einem Feuerstein-Kern geschlagen wurden, nennt man sie Kernbeile. Sie wurden noch nicht geschliffen und wirken daher etwas plump.

Feuersteingerät der Lietzow-Kultur vom Fundort Saiser-Buddelin. Kernbeil aus einem Rohling geschlagen (nach B. Gramsch 1989, Archäologie in der DDR, Teil 2, S. 355 Abbildung)

Feuersteingerät der Lietzow-Kultur vom Fundort Saiser-Buddelin. Kernbeil aus einem Rohling geschlagen (nach B. Gramsch 1989, Archäologie in der DDR, Teil 2, S. 355 Abbildung)  

Aus dieser mittleren Steinzeit fehlen bisher Grabstätten, ebenso wenig kennen wir die Siedlungen. Die Menschen lebten vermutlich in Schilfhütten, vielleicht aber auch in Fellzelten (ähnlich den Eskimos). Die Bevölkerung Rügens scheint in dieser Zeit nur einige hundert Menschen umfasst zu haben.

 

Die Jaromarsburg von Arkona ein welthistorisches Denkmal

Über Wittows Geschichte und Touristik seit über 400 Jahren

(OZ v. 27.2.1992) Das Nordkap Rügens, die beiden Leuchttürme und der slawische Burgwall „Jaromarsburg“ gehören, seit Rügen durch den Tourismus entdeckt wurde, zu den beliebtesten Reisezielen. Der Burgwall ist bereits zu erheblichen Teilen den Sturmfluten zum Opfer gefallen.

Obwohl er als welthistorisch bedeutendes Denkmal eigentlich allen Rüganern bekannt sein sollte, wurden erst kürzlich, unbegreiflicherweise beträchtliche Abtragungen auf den verbliebenen Erdwällen durch örtliche Verwaltungen vorgenommen.

Blick von der Wall-Innenseite nach Norden auf den Erdwall mit zahlreichen modernen Aufbauten 1967

Blick von der Wall-Innenseite nach Norden auf den Erdwall mit zahlreichen modernen Aufbauten 1967

Die nun durchgeführte Planierung des Erdwalles als Spazierweg hat das charakteristische Aussehen der Umwehrung schwer geschädigt. Hoffen wir, dass die weiteren historischen Bauwerke und Monumente Rügens vor ähnlichen Entstellungen bewahrt werden!

 „Das Swantevit-Heiligtum“

Blick vom damaligen Fischerdorf Vitt auf den slawischen Burgwall 1967

Blick vom damaligen Fischerdorf Vitt auf den slawischen Burgwall 1967

Die „Jaromarsburg“ stellte das zentrale Heiligtum der Westslawen im 12. Jahrhundert dar und ist den historisch interessierten Russen, Polen, Tschechen durchaus als Denkwürdigkeit bekannt. Die Slawen verehrten die vierköpfigen bzw. viergesichtigen Gottheit Swantevit, der die Zukunft weissagte und dessen hölzernes Abbild in einem besonderen Tempel stand. Als die Dänen das Götzenbild umstürzten, soll der Sage nach der Böse in Gestalt eines schwarzen Tieres entwichen sein.

Arkona im Jahre 1564

Arkonas Bedeutung als Tempelburg hatte sich durch das ganze Mittelalter als Sage erhalten. So erzählte man sich, dass hier eine große See- und Handelsstadt gestanden habe, die aber durch eine große Flut verschlungen wurde. Zuweilen soll sie aus dem Meer wieder auftauchen, und es sollen an jedem Ostermorgen die Glocken läuten. Der Heimatforscher Prof. Alfred Haas (1860-1950) hat diese Sage in Breege erfahren.

1564 machte sich der Bürgermeister Johann Lübbeke (geboren um 1520) auf die beschwerliche Reise von Treptow an der Rega (heute. Trzebiatów/Polen) nach Arkona. Er war einst Professor in Kopenhagen und weit gereist. Das wären 2014 vor 450 Jahren!

In Dänemark hatte er von der Eroberung Arkonas im Jahre 1168 gelesen und wollte nun „die einstige Hauptstadt Rügens“ kennen lernen. Allerdings war er enttäuscht, denn „was ich am 17. Oktober (1564) von den Trümmern des zerstörten Arkona habe sehen können, ist nur dürftig. Alles Übrige ist so völlig und vom Grunde aus zerstört, dass Äcker daraus geworden sind und solche zwischen Sand, Ziegel- und Kieselsteinen bebaut werden.“

Bereits damals hieß die Burg „Jaromarsburg“. Ihren Namen erhielt sie nach dem ersten geschichtlich überlieferten Fürsten Jaromar I. (gestorben 1218) von Rügen, der sich zum Christentum bekannte und in Bergen Kirche und Kloster erbauen ließ.

 Schutz und Erhalt des Burgwalls
(Die folgenden Textpassagen wurden im Sommer 2013 nachgesetzt, da sie wesentliches zur Geschichte des Burgwalls aussagen)

Bereits in den 1960er Jahren traten erhebliche Küstenverluste am Nordkap auf. Auf einer internationalen Tagung zum Denkmalschutz in Weimar äußerte mit anderen wichtigen osteuropäischen Denkmalpflegern der führende sowjetische Prähistoriker Akademie-Mitglied Prof. Dr. Rybakow (1908-1993) seine Sorge um den Erhalt des westslawischen Heiligtums und sprach sich für eine Verantwortung des deutschen Staates zum Schutz des erhaltenen Burgwalls aus. Man errechnete zwischen 1826 und 1978 einen Küstenverlust in Arkona um 30 m bis 40 m.

Der Verfasser dieses Textes wurde entsprechend beauftragt und gab damals zwei Vorschläge zur Sicherung des Klifffußes und des Strandes gegen maritime Kräfte. Eine Schutz-Variante war das Regelprofil eines Deckwerkes zur Sicherung des Fußes. Strand hätte aufgeschüttet und eine Molensteinpackung mit Kunststoff-Asphaltunterbau errichtet werden müssen. Derartige Bauten entstanden damals in Kühlungsborn. Eine weitere Variante zum Küstenschutz bildet ein Steinwall als Wellenbrecher.

Allerdings ist der Burgwall Arkona auch durch Oberflächenwasser (Quell- und Sickerwasser), das auch abzufangen wäre, durch die Lage der gleitenden Kreidescholle auf Wasser stauenden Tonbändern bzw. Mergel sowie durch Störungen der das Regenwasser aufnehmenden Flora durch Urlauber gefährdet. Nachdem bereits Anpflanzungen des Wallinneren in den Jahren 1962 und 1963 verhindert werden konnten, wurde nach 1973 ein Küstenschutzwald aufgeforstet. Ein eigentlicher Küstenschutz war zu DDR-Zeiten aus finanziellen Gründen nie erwogen worden, zumal ein Steinwall auch Strömungsversetzungen in die Tromper Wiek auslösen würde. Ob gegenwärtig derartige Gedanken aufgenommen werden?

Regelprofil eines Deckwerkes zur Sicherung des Klifffußes und des Strandes. Entwurf A. Leube, 1978

Regelprofil eines Deckwerkes zur Sicherung des Klifffußes und des Strandes. Entwurf A. Leube, 1978

Regelprofil eines Steinwalles als Wellenbrecher, Entwurf A. Leube, 1978

Regelprofil eines Steinwalles als Wellenbrecher, Entwurf A. Leube, 1978

Ausgrabungen 1969-1971

Unter der örtlichen Grabungsleitung des kürzlich verstorbenen Prähistorikers Dr. Hansdieter Berlekamp (1930-2010) fanden zwischen 1969 und 1971 archäologische Ausgrabungen an den gefährdeten Uferhängen des Burgwalles statt, die sich leider nur auf sondierende Suchgräben und kleinere Flächenabdeckungen beschränkten. Damals rekonstruierte man zwei Holz-Erde-Wälle und vermutete, dass der slawische Kultplatz bereits abgestürzt sei.

Arkona auf Rügen. Rekonstruktionsversuch einer zweiteiligen Burg des 9. und 10. Jahrhunderts mit einem Tempel. Entwurf A. Leube 1978

Arkona auf Rügen. Rekonstruktionsversuch einer zweiteiligen Burg des 9. und 10. Jahrhunderts mit einem Tempel. Entwurf A. Leube 1978

Nach 1990 setzten wegen weiterer Küstenabstürze verschiedene archäologische Ausgrabungen an, die auch gegenwärtig noch andauern. Zunächst grub der nicht nur auf Rügen bekannte Dipl.-Prähistoriker Peter Herfert, Bergen, der zu völlig neuen Erkenntnissen gelangte und der Meinung war, dass der slawische Kultplatz noch erhalten geblieben ist. Zahlreiche Studierende der Vor- und Frühgeschichte konnten dabei in „Top-Lage“ ihr berufliches Handwerk erlernen.

Arkona. Grabungssituation des Jahres 1998. Im Vordergrund der Student des Seminars für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität zu Berlin Georg Leube

Arkona. Grabungssituation des Jahres 1998. Im Vordergrund der Student des Seminars für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität zu Berlin Georg Leube

 

Ranenburg Rugard ist schon über 800 Jahre alt

(OZ v. 26.5.1977) Zu den Arbeiten der Akademie der Wissenschaften zu Berlin zur Erforschung der slawischen Geschichte Rügens gehört auch eine Untersuchung der Burg „Rugard“ (d. h. Ranen- oder Rügenburg). Die Slawen erbauten hier auf einem schmalen, nach drei Seiten jäh abfallenden Höhenrücken von über 90 Meter über dem Meeresspiegel, eine geschickte Verteidigungsanlage, von der mächtige Erdwälle bis zu 10 Meter Höhe längs des Weges nach Buschvitz zeugen. Die Burg war zweigeteilt. Die höher gelegene „Hauptburg“ trägt heute den Arndt-Turm und die Gaststätte. Die um eine Drittel kleinere Vorburg – hier befanden sich vor einigen Jahren Tiergehege – wird von schwächeren Erdwällen zangenartig umgeben und besitzt noch zwei alte Zugänge.

Rugard bei Bergen 1972. Alter slawischer Zugang zum Burgwall an der heute asphaltierten Landstraße nach Buschvitz. Hier verlief einst der Wallgraben.

Rugard bei Bergen 1972. Alter slawischer Zugang zum Burgwall an der heute asphaltierten Landstraße nach Buschvitz. Hier verlief einst der Wallgraben.

Die Burg bestand mit Sicherheit noch im 11. und 12. Jahrhundert und scheint später, neben Garz, zeitweiliger Sitz der rügenschen Fürsten gewesen zu sein. Man bezieht sich dabei auf eine Urkunde eines Jaromar II. von Rügen, der diese 1258 mit der Ortsangabe „datum Ruygart“ versah. Wenige Jahrzehnte später nennen Urkunden eine Kapelle auf dem Rugard, die 1291 dem Bergener Kloster geschenkt wurde. Die Kirche auf dem „Rygharde“ soll 1380 abgerissen worden sein.

Inneres des Rugard-Walles 1972. In der DDR-Zeit wurde ein völlig neuer Zugang zur neu errichteten „Rugard-Gaststätte“ errichtet.

Inneres des Rugard-Walles 1972. In der DDR-Zeit wurde ein völlig neuer Zugang zur neu errichteten „Rugard-Gaststätte“ errichtet.

Leider lassen die modernen Bebauungen in der Hauptburg keine größeren Aufschlüsse zur mittelalterlichen Geschichte erwarten, zumal später hier auch eine Mühle stand und die Innenfläche beackert wurde. Allerdings weisen bemerkenswerte Funde, wie ein romanisches Türschloss, arabische Münzen, ein Bildstein unbekannter Form u. a. auf die Bedeutung der Burg hin. Wir dürfen daher in ihr den Verwaltungsmittelpunkt des slawischen Burgbezirkes Gora (deutsch Bergen) sehen, dessen Funktion sich mehr und mehr auf die entstehende Stadt Bergen übertrug.

Zugang zum Burgwall 1970. Einsatz des Baggers beim Modernisierungsbau

Zugang zum Burgwall 1970. Einsatz des Baggers beim Modernisierungsbau

 Dieses historische Bild ist jedoch noch sehr ungenau. Die Erforschung der Umgebung des Rugard nach eventuellen slawischen Siedlungen und das Verhältnis zur Stadt Bergen sind noch zu klären. Lediglich der Stadtteil Gattmund dürfte eine slawische Wurzel besitzen. So sollten Bodenfunde bei Bau- und Erdarbeiten (Scherben, dunkle Verfärbungen u. ä.) sofort dem Kulturhistorischen Museum Stralsund gemeldet werden.

Blick vom Arndt-Turm auf die neue Rugard-Gaststätte 2010

Blick vom Arndt-Turm auf die neue Rugard-Gaststätte 2010

In den folgenden Jahrhunderten besaß der Rugard eine geringe Bedeutung. Er gelangte in den Besitz der Fürsten von Putbus. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichtete die französische Garnison die ersten Bänke und Ausflugspunkte. Bald entstand die „Gastwirtschaft am Rugard“, die als einfache, aber gute Wirtschaft gelobt wurde. Im vorigen Jahrhundert endeten hier sehr oft Umzüge der Bergener. Auf dem Rugard fanden Sportveranstaltungen unter dem Motto „Muth, Kraft, Fleiß, Ausdauer!“ statt. Der Rugard wurde ein beliebtes Ausflugsziel der Einheimischen und der Stralsunder.

Pfingsten 1889 wurden allein an einem Tag 130 Kutschfahrten vom Bahnhof zum Rugard gezählt. Mit dem Bahnbau nach Sassnitz und Putbus verlor die Stadt Bergen als Ausflugsort an Bedeutung.

Innerhalb des Hauptwalles wurde zwischen 1869 und 1877 durch Aufschüttungen und Planierungen der etwa 27 m hohe Ernst-Moritz-Arndt-Turm als Aussichtsturm errichtet 2010

Innerhalb des Hauptwalles wurde zwischen 1869 und 1877 durch Aufschüttungen und Planierungen der etwa 27 m hohe Ernst-Moritz-Arndt-Turm als Aussichtsturm errichtet 2010

Fast zwei Jahrhunderte „Schwedenzeit“

König Gustav IV Adolf hob Pommersche Verfassung und die Leibeigenschaft auf

(OZ v- 5.11.1976) Rügens militärisch-strategische und wirtschaftliche Bedeutung führte seit dem 12. Jahrhundert  zu verschiedenen Kriegen um seinen Besitz. Weniger bekannt ist eine längere schwedische Verwaltung zwischen 1630 und 1815. Diese Epoche verbindet gleichzeitig unsere beiden Ostseeländer und wird daher auch gemeinsam von den Historikern erforscht.

Schweden hatte sich im 17. Jahrhundert zu einer europäischen Großmacht entwickelt und innerhalb des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) u. a. das damalige Vorpommern bis zur Peene besetzt. Schweden behielt es bis zur preußischen Übernahme am 19. September 1815.

Ehemaliges Herrenhaus Spyker 1980, errichtet Ende des 16. Jahrhunderts, umgebaut durch den schwedischen General v. Wrangel (1613-1676) um 1650. Zu DDR-Zeiten war es ein Ferienheim des FDGB, heute Restaurant und Hotel.

Ehemaliges Herrenhaus Spyker 1980, errichtet Ende des 16. Jahrhunderts, umgebaut durch den schwedischen General v. Wrangel (1613-1676) um 1650. Zu DDR-Zeiten war es ein Ferienheim des FDGB, heute Restaurant und Hotel.

In diesem Zeitraum vollzogen sich die Entwicklung finsterster feudaler Ausbeutung der Bauernschaft und die Bildung des adligen Großgrundbesitzes. Durch das sogenannte Bauernlegen, bei dem der Grund und Boden des Bauern entschädigungslos dem Herrenhof zugeschlagen wurde, verringerte man den Bauernstand beträchtlich. Hinzu kamen ungeheure Frondienste (Hand- und Spanndienste), die bis zu fünf Tage wöchentlicher Arbeit auf dem Herrenhof umfassten, sowie unzählige Abgaben. Auf Rügen war es Zehnt und Gült, Grundzinsen, Herdgeld, Pfingstlamm, Martinsgans, Fastnachtshühner, die besten Stücke aus dem Nachlass des Bauern (sog. Besthaupt oder Buttteil) usw.

Altes Bauernhaus in der „Rugard-Heide“ am Wege von Bergen nach Buschvitz 1958. Alte Fischernetze dienten als Zaunbegrenzungen. Das Haus wurde wenige Jahre später aufgegeben und existiert nicht mehr.

Altes Bauernhaus in der „Rugard-Heide“ am Wege von Bergen nach Buschvitz 1958. Alte Fischernetze dienten als Zaunbegrenzungen. Das Haus wurde wenige Jahre später aufgegeben und existiert nicht mehr.

Nach 1780 wurde diese Ausbeutung besonders verschärft, und man legte ganze Bauerndörfer. Ernst Moritz Arndt, ein mutiger Kämpfer gegen die Leibeigenschaft, gibt uns eine Schilderung: „Auf Rügen wütete dies Unheil (des Bauernlegens) viel schlimmer als in Pommern, weil dort der kleinste und ärmste Adel war, auch wurden im ganzen die Leute auf Rügen viel strenger gehalten als in Pommern …“ 1797 erhoben sich die Tagelöhner und „gelegten“ Bauern in Boldevitz gegen die Gutsherrschaft. Ihr Aufstand wurde durch Militär niedergeworfen. Zu dieser Zeit waren zwei Drittel der Landbevölkerung leibeigen. Etwa 1000 Menschen flohen (nach Arndt) zwischen 1780 und 1800 von der Insel.

Groß Schoritz. Herrenhaus 2005.  Hier wurde Ernst Moritz Arndt am 26. Dezember 1769 geboren.

Groß Schoritz. Herrenhaus 2005.
Hier wurde Ernst Moritz Arndt am 26. Dezember 1769 geboren. 

Diese unmenschliche Politik wurde vom pommerschen Adel sowie vom oft feudal verketteten Bürgertum getragen, die sich auf reaktionäre Gesetzgebungen von 1616 und 1646 stützten. Die schwedische Regierung versuchte seit dem Ausgang des 17. Jahrhunderts durch eine progressive Agrarpolitik, einen wirtschaftlich und militärisch leistungsfähigen Bauernstand zu schaffen. Um eine gerechtere Steuerregelung zu erreichen, wurde auf Rügen eine neue Landvermessung vorgenommen. Gleichzeitig bemühten sich die Schweden um eine Lockerung der Leibeigenschaft durch das System des Pachtbauern. Seit 1780 parzellierte die Regierung daher einige Domänen und schaffte verschiedene Frondienste ab.

Stralsund, Badenstr. 17. Der 1726 bis 1730 erbaute Sitz des schwedischen Generalgouverneurs. Hier erfolgte 1815 die Übergabe Schwedisch Vorpommerns an Preußen.

Stralsund, Badenstr. 17. Der 1726 bis 1730 erbaute Sitz des schwedischen Generalgouverneurs. Hier erfolgte 1815 die Übergabe Schwedisch Vorpommerns an Preußen.

Leider blieben diese Maßnahmen meist erfolglos, da entsprechend der Pommerschen Verfassung die Landstände für die Innenpolitik maßgebend waren. Diese Landstände, seit 1650 standen ihnen die Grafen und später die Fürsten von Putbus vor, umfassten jedoch nur Vertreter der Ritterschaft, der Geistlichkeit und der Städte (auf Rügen waren es Bergen und Garz). Um 1800 versteifte sich der Widerstand des Adels gegen weitere positive schwedische Reformen. So hob der schwedische König Gustav IV Adolf die Pommersche Verfassung und die Leibeigenschaft auf. Objektiv führte das zu einer Entfaltung der nationalen Kräfte und zur Entlarvung der antinationalen Haltung des pommerschen und rügenschen Adels. Da die Bauern sich aus der Leibeigenschaft  freikaufen mussten, waren viele gezwungen, ihren Besitz dem Gutsbesitzer anzubieten oder noch einige Jahrzehnte ihre Schulden abzuarbeiten.

Stralsund, Badenstraße 39. Das um 1700 erbaute Landständehaus. Hier tagte der Neuvorpommersche Kommunallandtag bis 1881.

Stralsund, Badenstraße 39. Das um 1700 erbaute Landständehaus. Hier tagte der Neuvorpommersche Kommunallandtag bis 1881.

 Der Anschluss an die preußische Monarchie 1815 erfolgte keineswegs mit der Begeisterung, wie sie uns die ältere Heimatliteratur vorgaukelt. Adel und Bürgertum fürchteten um ihre Privilegien, wie den Getreidehandel mit Schweden. Noch einige Tage vor der Übergabe drückten die Landstände ihr Bedauern darüber aus. Die ausgebeuteten Klassen sahen in der schwedischen Regierung einen Beschützer und konnten nach den Maßnahmen von 1806 kaum eine Besserstellung erwarten.

Blick vom „Tempelberg“ bei Bobbin auf Schloss Spyker 1970. Im Hintergrund der Spykersche See und die Tromper Wiek. Bildautor unbekannt

Blick vom „Tempelberg“ bei Bobbin auf Schloss Spyker 1970. Im Hintergrund der Spykersche See und die Tromper Wiek. Bildautor unbekannt

Aus dieser Schwedenzeit haben sich auf Rügen nur wenige Spuren erhalten, so etwa das Schloss Spyker, das der schwedische Feldmarschall und Generalgouverneur Carl Gustav von Wrangel 1649 als Lehen erhielt und umbaute. Hier starb er auch 1676. In der plattdeutschen Mundart erhielten sich einige Begriffe (wie „Linjons“ für Preiselbeere) und in der Volkskultur einige Bräuche (wie Julklapp und das Tonnenreiten).

Einmalige Denkmalslandschaft

(OZ v. 25.5.1978) Die Nutzung der Stubnitz durch Waldweide, Kohlen-Meilerwirtschaft, Bau- und Brennholzgewinnung führte im Laufe der letzten Jahrhunderte zu einer Reduzierung des Waldes, der ursprünglich weite Teile Jasmunds bedeckte. Dabei veränderte sich der Baumbestand durch das Eindringen der Hain- und der Rotbuche zu Ungunsten der Eiche. Nadelholzanpflanzungen erfolgten sogar erst nach 1820. In diesem Jahrhundert durchforstete man die Stubnitz mit Eichen, Kiefern, Fichten und Lärchen, so dass heute etwa 80 Prozent Rotbuche, elf Prozent Fichte, Douglasie und Tanne, 2,5 Prozent Lärche und Kiefer, 1,9 Prozent sonstiges Laubgehölz zu registrieren sind (Dost, H. Rügen. Die Grüne Insel und ihre Naturschutzgebiete, 1960).

Stubnitz. Altes Torfmoor am Falsinger Berg 2009

Stubnitz. Altes Torfmoor am Falsinger Berg 2009

Die Nutzung der Stubnitz durch die rügensche Bevölkerung wurde spätestens seit dem16. Jahrhundert durch die herrschende Klasse weitgehend eingeschränkt. Das Waldgebiet gehörte den pommerschen Fürsten, die 1546 eine „Holzordnung“ erließen. Man durfte den Wald nur noch zu bestimmten Zeiten und auf festen Wegen, die durch „Baumhäuser“ kontrolliert wurden, betreten. Die Stubnitz wurde damit fürstliches Jagdrevier für Hochwild. Das Jagdrecht blieb auch später in den Händen des Adels und des gehobenen Bürgertums, die im Frühjahr auf Schnepfen jagten. Allein 1894 wurden in den Jagdrevieren des Fürsten von Putbus – dazu gehörten u. a. auch Teile der Stubnitz – fast 7000 Stück Nutzwild erlegt, darunter 200 Stück Rot- und Damwild, über 2000 Fasane und fast 2000 Kaninchen. Es jagten neben einigen Offizieren die Barone von Veltheim (Neklade) und von der Lancken-Wakenitz (Boldevitz) sowie der Fürst selbst. Die Förster fungierten bei den Hochwildjagden in der Regel als Treiber und Organisatoren.

Großsteingrab des Typs „Großdolmen“ Pfennigskasten in der Stubnitz 2009.  Erhalten sind nur noch die Wandsteine. Die Deckplatten fielen den  Steinschlägern zum Opfer.

Großsteingrab des Typs „Großdolmen“ Pfennigskasten in der Stubnitz 2009.
Erhalten sind nur noch die Wandsteine. Die Deckplatten fielen den
Steinschlägern zum Opfer.

Die Stubnitz ist eine einmalige Denkmalslandschaft. Bis heute haben sich über 200 Hügel- und Großsteingräber aus der Stein- und Bronzezeit erhalten, deren Pflege und Erhaltung gleichfalls in den Landschaftspflegeplan gehört. Auch in den Jahrhunderten n. Chr. G. scheint die Stubnitz – besonders in ihrem westlichen Teil – von Menschen besiedelt gewesen zu sein. Neben seltenen Pflanzen, den einzigartigen Kreideablagerungen, den größten Kalktuffterrassen im Norden der DDR Nordosten Deutschlands und Schwefelquellen bietet die Stubnitz also auch den historisch interessierten Touristen Gelegenheit zur Erholung und Bildung. Begrüßenswert sind die vielfältigen Aktivitäten des Rates der Stadt Sassnitz und des Kulturbundes, deren Ziel darin besteht, die Stubnitz noch attraktiver zu gestalten. Das betrifft das Aufstellen von Hinweistafeln, das Anlegen von Wanderwegen und den Bau von Schutzhütten.

 

Aus Rügens jüngster Vergangenheit

Band 11 des „Greifswald-Stralsunder Jahrbuches“ mit zehn interessanten Artikeln über unsere Insel

( OZ, 6.1.1978) Ende 1977 erschien der 11. Band des „Greifswald-Stralsunder Jahrbuches“. Diese regionalgeschichtliche Zeitschrift – sie wird seit 1961 herausgegeben – veröffentlicht Forschungen aus und über den Nordosten unserer Republik. Von den 17 Beiträgen in diesem Band gehen allein zehn mehr oder weniger direkt auf Rügen ein. Dr. Harry Schmidt, Greifswald, untersucht die „Schmale Heide“ bis zum Jahre 1855. Die hier gelegenen Feuersteinfelder – sie entstanden zwischen 2000 und 1500 v. Chr. – wurden erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts teilweise aufgeforstet, solange galten sie als Tierweide.

New Image

Feuersteinfelder von Prora 1985

Am Beispiel der ehemaligen Insel „Großer Stubber“ – der heutigen „Großer Stubber-Bank“ – einige Kilometer von Thiessow im Greifswalder Bodden zeigt L. Mohr, Greifswald, die zerstörenden Eingriffe des Menschen in die Natur während des vorigen Jahrhunderts. Die Insel war noch 1835 mit „Strauchwerk von ziemlicher Höhe“ bewachsen. Danach baute man hier Kies ab und entfernte die schützenden Findlinge. Mohr geht auch der Frage nach, ob dieses Eiland den Rest einer großen Landbrücke bildet.

Die breite Palette der Aufsätze umfasst dann Probleme der rügenschen Rechtsgeschichte und Eigentumsverhältnisse des hohen Mittelalters. In einer Untersuchung wird auch der Münzfund von Gingst, den Werner Plitzkow aus Gingst barg und dem Museum Stralsund übergab, der interessierten Öffentlichkeit vorgelegt. Die Münzen wurden 1631 während des Dreißigjährigen Krieges verborgen.

In einer umfangreichen Arbeit stellt J. Kornow, Greifswald, die Rolle der Arbeiterklasse bei der Entwicklung der Organe der Volksmacht in Mecklenburg von 1945 bis 1952 dar. Die Hauptrolle bei der politischen Orientierung in jenen ersten Jahren nahm die Initiativgruppe des ZK der KPD unter der Leitung von Gustav Sobottka ein. Als Instrukteure wirkten auf Rügen die Mitglieder Anton Switalla und Gottfried Grünberg. Gestützt auf authentische Materialien und Statistiken lässt sich der komplizierte Weg des Aufbaus der neuen Gesellschaft in mehreren Etappen nachvollziehen. Bei den Gemeindewahlen am 15. September 1946 gehörten von den 838 Gemeindevertretern Rügens 741 der SED an.

Bergen. Bahnhofsvorplatz. Friedhof gefallener Soldaten der Roten Armee 1987.

Bergen. Bahnhofsvorplatz. Friedhof gefallener Soldaten der Roten Armee 1987.

Analog dazu untersucht Franz Scherer, Greifswald, die Entwicklung der genossenschaftlichen See- und Küstenfischerei von 1945 bis 1957. Scherer unterstreicht die Hilfe der Sowjetischen Militäradministration beim Aufbau des Fischereiwesens. So konnte am 1. Januar 1949 mit zwölf Kuttern des VEB Ostseefischerei Mecklenburg in Sassnitz seine Arbeit aufnehmen 1954 entstanden in Dranske und Glowe die ersten rügenschen Produktionsgenossenschaften werktätiger Fischer (PWF, später FPG).

 

 

Fischereihafen von Saßnitz im Jahre 1955. Aufnahme: Kurt Leube, Bergen.

Fischereihafen von Saßnitz im Jahre 1955. Aufnahme: Kurt Leube, Bergen

1957 kam es auf Anregung des 1. Sekretärs der SED-Kreisleitung Rügen, Georg Ewald, zur ersten Konferenz der Fischereiproduktionsgenossenschaften. Hier wurden die Überlegenheit sozialistischer Produktion herausgestellt und Fragen der innergenossenschaftlichen Demokratie und der Entlohnung nach dem Leistungsprinzip diskutiert. 1960 war die sozialistische Umgestaltung der See- und Küstenfischerei im Wesentlichen abgeschlossen.

Das „Greifswald-Stralsunder Jahrbuch“, Band 11, weist eine beträchtliche Vielfalt auf. Erfreulich ist dabei, dass in fünf Beiträgen unsere jüngste Vergangenheit dargestellt ist und damit auch dem Orts- und Betriebschronisten oder dem Geschichtslehrer, wie allgemein dem historisch Interessierten, Anhaltspunkte gegeben und Zusammenhänge analysiert werden. Man wünschte sich für die Zukunft auch Anschriften im Jahrbuch vermerkt, um Anfragen an die Verfasser richten zu können.

 

Alte rügensche Bräuche und Sitten zur Jahreswende

(OZ v. 31.12. 1974)

Die Jahreswende nahm seit jeher im Leben der Menschen eine gewichtige Stellung ein. Sie galt als kritisches Datum in der Auseinandersetzung mit den Geistern des Unheils um ein neues, glückliches Sonnenjahr. Für den Bauern war das eine lebenswichtige Frage, und er versuchte durch magische Handlungen, diesen Prozess günstig zu beeinflussen. Auf Rügen scheint sich dieser Aberglauben besonders stark ausgebildet zu haben.

Als Vegetationszauber (Mehrung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse) ist das Umbinden der Obstbäume mit Stroh und einer eingeflochtenen Münze zu verstehen. Dazu sprach man: „Appelboom ick bind di, nächstes Johr, da dienst du mi“. Die Hausfrau buk den „Nijohrskauken“ (Brotteig mit Anis und Backpflaumenfüllung), damit das Brot im kommenden Jahr nicht ausging. Als besonderes Neujahrsgebäck galten auf Rügen die noch heute bekannten Tollatschen (Kuchen mit Apfelmus, Pflaumen und Rosinen). Diese Bräuche waren mit dem „Herd abbacken“ in der Silvesternacht verbunden.

Pikant sind einzelne Liebesorakel: Ging ein Mädchen dreimal nackt ums Haus, so begegnete ihr ein Mann, der dem künftigen Ehemann ähnelte. Oder: Auf Wittow klopften die Mädchen einzeln an die Tür des Schweinestalles, antwortete ein junges Schwein, so bekam sie einen jungen Mann.

Jüngeren Datums sind einige von Haas im Jahre 1920 aufgezeichnete Bräuche: So sammelten in Bergen die Nachtwächter ein Silvestergeschenk für sich ein. Dasselbe geschah durch die Schornsteinfegergesellen am Neujahrstag.

Ein Brauch, der vermutlich katholischen Ursprungs war, hielt sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf Jasmund. Es war der Umzug der „Stirnkieker“, die mit weißen Hemden und Hüten bekleidet von Dorf zu Dorf zogen, eine längere Dichtung, teils gesprochen, teils gesungen, vortrugen und dafür Geld und Lebensmittel erhielten.

Dieses Brauchtum läßt sich noch ergänzen durch die Heischezüge, bei denen besonders die Jugend Eier, Kuchen und Geld erbat. Diese Umzüge erreichten in der Fastnacht ihren Höhepunkt und berühren damit einen anderen interessanten Themenkreis, das Frühjahrsbrauchtum.

Mag uns an diesem Brauchtum vieles unverständlich und kurios erscheinen, so müssen wir doch Verständnis für die damalige bäuerliche Lebensweise und die soziale Stellung unserer Vorfahren aufbringen. Sozialer Notstand, immerhin waren 1783 von den 21 000 Einwohnern Rügens 70 Prozent leibeigen – allgemeine Unwissenheit und andere Gründe bildeten einen günstigen Nährboden für diese Art von Aberglauben.

Mit Kegelmütze, Schnürleib und Kniehosen

(OZ v. 28.4.1977)

Jahrhundertealte Mönchguter Tracht, Im Göhrener Heimatmuseum wird sie aufbewahrt

Zu den bekanntesten Erscheinungen der der rügenschen Volkskultur gehört die Mönchguter Tracht, die gewissermaßen als das rügensche Symbol Eingang in die Werbung und in den Tourismus fand. Die DDR würdigte diese Tracht sogar durch die Ausgabe einer Briefmarke als Zusammendruck von Frauen- und Männertracht. Die beste Information vermittelt jedoch das Göhrener Heimatmuseum. Hier ist es der langjährigen Leiterin Ruth Bahls zu verdanken, dass mit Akribie und unter großen Schwierigkeiten sämtliche Trachtteile zusammengestellt und der Öffentlichkeit zugängig gemacht wurden.

Historische Postkarte, ca.1910

Historische Postkarte, ca.1910

Die Tracht, die als „einfach und zweckmäßig, zurückhaltend und sparsam in den Farben“ bezeichnet wird, verkörpert nach einigen Wissenschaftlern „Ernst und Würde, und jene Schlichtheit, die Zeichen der Anspruchslosigkeit …“ ist. Sie wurde fast ausnahmslos im Haushandwerk hergestellt und ließ sich von Prinzipien strenger Sparsamkeit leiten. Das typische der Frauentracht bestand in einer kegelförmigen Mütze, dem Schnürleib, buntfarbigen Kanten- und dunklen Oberröcken. Ein bunt gestreiftes Mieder war mit Perlen besetzt und galt als eigentliches Zierstück der Tracht. Für die Männer war die bunt gestreifte Weste, eine offene Drillichjacke, und weite Kniehosen charakteristisch.

Da die frühesten Nachrichten zur Mönchguter Tracht erst 1730 einsetzten und genauere Beschreibungen sogar erst um 1800 erfolgten, bleibt ihre Entstehung und Herkunft eine noch weitgehend ungeklärte Frage. Nach älterer Auffassung – neuere Forschungen fehlen leider – bildete sich diese Tracht seit dem späten 16. Jahrhundert heraus und nahm besonders im 19. Jahrhundert verschiedene neue Kleidungsstücke auf (z. B. den Strohhut und die Perlenstickerei bei der Frau, Zylinderhut, Schirmmütze und langer Überrock für den Mann).

Weniger bekannt ist, dass eine ähnliche Tracht noch bis 1800 auf Ummanz und Hiddensee getragen wurde. Vermutlich weisen diese drei Trachtengebiete auf eine ursprünglich weit verbreitete, einheitliche Tracht im südlichen Ostseeküstengebiet (ähnliches gab es auch auf dem Darß und auf Usedom). Die Tracht hielt sich nur in kirchlichen Ländereien mit einer kulturellen und verkehrsmäßigen Abgeschlossenheit – Ummanz, Hiddensee und Mönchgut waren Klosterbesitz im Mittelalter. In den anderen gebieten vernichtete die verschärfte Ausbeutung seit dem 16. Jahrhundert das selbständige Bauerntum (sog. Bauernlegen und Entstehen der großen Güter mit Landarbeitern) und verhinderte die Ausbildung bzw. den Bestand einer bäuerlichen Tracht.

Historische Postkarte, 1901

Historische Postkarte, 1901

Verschiedentlich, so auch auf Rügen, versucht man im 20. Jahrhundert durch Trachtenfeste eine Konservierung dieser Kultur zu erreichen, allerdings ohne Erfolg. Während 1914 noch zehn Prozent der Bevölkerung Mönchguts die Tracht anlegten, waren es 1930 nur noch 55 ältere Leute. Nach 1945 sah man verschiedentlich noch manches praktische Kleidungsstück, wie die weiten Kniehosen und den Handschuh mit den beiden Daumen (sog. Dümlings), obwohl noch größere Trachtenteile zum Familienerbe gehörten. Die Binzer Likedeeler und die Tanzgruppe von Alt-Reddewitz sorgten in den 70er und 80er Jahren dafür, dass die Mönchguter Tracht nicht völlig in Vergessenheit geriet.