Vor 100 Jahren … Rügens landwirtschaftliche Entwicklung

Als Rügen 1815 nach längerer schwedischer Herrschaft an Preußen gelangte, waren günstige Voraussetzungen zu einer bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung erreicht. Besonders nach den Kriegen 1870 und 1871 entwickelten sich die deutsche Industrie und die Landwirtschaft. Es dominierte auf Rügen weiterhin der Großgrundbesitz, der nun jedoch neue Wege beschritt. So entstanden seit 1821 in den verschiedensten größeren Orten Rügens (z. B. in Altenkirchen, Sagard, Rambin) „Landwirtschaftsvereine“, deren Vorsitz sich meist in den Händen der progressiven Landwirte und Züchter befand. Man reduzierte die Brachwirtschaft, setzte sich für eine Einführung von zwei- und dreischarigen Schälpflügen ein, diskutierte u. a. um 1890 die Verwendung von Kunstdünger. Erst jetzt baute man Zuckerrüben an. Durch die Gründung eines Herdbuches und den Import ostfriesischer Rinder wurde die Rinderzucht angehoben. Der Rambiner Verein und besonders einzelne Züchter, wie der Gutsherr Stuth in Gustow machten sich um die Verbesserung der Pferdezucht auf Rügen verdient.

Bild 3. Schubrad-Drillmaschine um 1900. Reproduktion

Schubrad-Drillmaschine um 1900. Reproduktion

Der Bergener Vorschussverein

Von der industriellen Entwicklung dieser „Gründer-Jahre“ wurde Rügen nur begrenzt erfasst. Es blieb das Absatzgebiet von Greifswald, Stralsund und dem damaligen Stettin. Besonders „lebhaft“ war das Geschäft mit Holz- und Baumaterialien für den Ausbau der Badeorte.

Das spiegelt sich auch in der jährlichen Umsatzsteigerung von fünf Millionen Mark der Stralsunder Reichsbank wider. 1858 bildete sich in Bergen ein sogenannter Vorschussverein, aus dem später die Rügensche Bank in der Billrothstraße hervorging. Er vergab Darlehen und verfügte um 1890 über eine halbe Million Mark mit über 600 Mitgliedern.

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Einstiger Sitz der Rügenschen Bank. Billrothstraße 16, 2005

150.- Mark Jahresverdienst

An dieser Entwicklung hatten die Kleinbauern, Büdner, Kossäten und Landarbeitern nur begrenzt Anteil. Das schlug sich u. a. in ihrer geringeren Entlohnung nieder. So zahlte man zur Erntezeit dem Landarbeiter 2,50 Mark und der Landarbeiterin 1,00 bis 1,50 Mark täglich. Der Jahreslohn eines Knechtes lag bei 150 Mark, der einer Magd bei 100 bis 120 Mark. Allerdings waren die Preise für Agrar- und Fischereiprodukte recht niedrig und verhinderten wiederum größere Einnahmen der Gutsherrschaften und Gutspachtungen. So kostete eine Stiege Eier 1,20 Mark, ein Huhn 1,00 bis 1,40 Mark, das Pfund Butter 0,90 bis 1,20 Mark. Ein Wall (80 Stück) Heringe verkaufte man unterschiedlich zwischen 0,80 und 4,00 Mark. Der Aal wurde mit 0,60 Mark das Pfund gehandelt. Das sind jedoch Marktpreise, die Aufkaufpreise lagen niedriger.

Bild 5. Suchanzeige im Titelblatt der Zeitung

Das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Putbus gedruckte „Rügensche Kreis- und Anzeigenblatt“ leistete durch seine Beiträge, Annoncen, Mitteilungen und seinen Bildungsteil einen großen Beitrag zum Bildungsniveau der Bevölkerung Rügens

Konservative Gesetze

Eine „Gesindeordnung“ gab bis 1918 den „Herrschaften“ eine nahezu unbegrenzte Gewalt über die Landarbeiter. So verhandelte man oft vor dem Bergener „Schöffengericht“ und vor den beiden Strafkammern in Greifswald und Stralsund gegen Rüganer, die den Pächter „bedrohten“. Als z. B. der Landarbeiter Moritz Becker (gen. Mau) die Schläge des Pächters erwiderte, wurde er in Bergen zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Zu 8 Mark Strafe oder zwei Tagen Haft verurteilte man in Stralsund das Dienstmädchen Minna Uerkvitz aus Reischvitz, weil sie zwei Nächte „ohne Vorwissen und Genehmigung der Herrschaft“ das Haus verlassen hatte Das war ein Verstoß gegen die „Gesindeordnung“.

Bild-4.-Rügensches-Kreisblatt-1890

Suchanzeige im „Kreis- und Anzeige Blatt für den Kreis Rügen“

 

Bild 2. Innere des Amtsgerichts 2010

Das 1905 errichtete Amtsgericht Bergen. Treppenaufgang 2010

Gesangvereine, Kriegervereine, Schützengilden etc.

Das geistige Leben wurde auch von Kriegervereinen, Schützengilden, Gesangsvereinen mit vorwiegend „patriotischem“ Repertoire (etwa mit dem „Füselier Schmidt“ oder „Rommel mit der Trommel“), Bade- und Verschönerungsvereinen mitbestimmt. Eigentliche Bildungsarbeit leisteten die Lehrervereine und mit Einschränkungen der Gewerbe-Verein Bergen. 1905 konnte sich in Bergen eine Ortsgruppe der SPD gründen, deren weitere Entwicklung Walter Börst in seinem Buch „Bilder aus der Vergangenheit“ skizziert.

 

 

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