Rügen vor fast 200 Jahren

Zwei Drittel der Bevölkerung waren leibeigen und litten unter extremer Ausbeutung

(OZ v. 20.2. und 27.2.1986) Ende des 18. Jahrhunderts, also vor fast 200 Jahren, erschienen die ersten ausführlichen Beschreibungen der Insel Rügen. Die Autoren Karl Nernst (1800) und Johann Jacob Grümbke (1805 unter dem Pseudonym Indigena) zeichneten besonders ausführlich und von großer Bedeutung ein Bild der Entwicklung Rügens. Beide lebten auf Rügen, Nernst vermutlich einige Jahre in Schwarbe. Grümbke war Bergener Bürger und darf als der „Vater der rügenschen Geschichtsschreibung“ bezeichnet werden. Beide besaßen eine universale Bildung, die es gestattete, fast alle Bereiche des damaligen gesellschaftlichen Lebens zu betrachten, womit sie sich auch übrigens wohltuend von mancher späteren Rügenbeschreibung abheben.

Ausführliche Beschreibung der Insel Rügen durch J. J. Grümbke 1819

Ausführliche Beschreibung der Insel Rügen durch J. J. Grümbke 1819 

Auf Rügen, das bis 1815 zum Schwedischen Reich gehörte, waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ausgeprägte feudale Verhältnisse vorhanden. Von den über 27 000 Einwohnern Rügens galten fast 18 000 Leibeigene als völliges Eigentum der Grundherrschaft. Der Erbherr konnte nach gültigen Gesetzen, die bis 1616 zurückreichten, den Leibeigenen „verpfänden, gegen Vieh tauschen, ihm Hof und Acker nehmen und über ihn Recht sprechen“. Harte Strafen standen auf alle „Vergehen“. Besonders verbreitet war die Züchtigung mit der Peitsche oder der „Ganten“. Bei heimlicher Flucht „soll ihm (dem Leibeigenen) ein Brandmal auf die Stirn gebrannt werden“. Leibeigen und einer strengen Fron unterworfen waren fast alle Landbewohner, so z. B. fast 99 Prozent der Bevölkerung Jasmunds. Lediglich in den Städten Garz und Bergen sowie in den sogenannten Flecken Gingst und Sagard und einigen größeren Dörfern (Altenkirchen, Middelhagen) gab es Freie.

Nernst und Grümbke führten eine Vielzahl von Hand- und Spanndiensten sowie Naturalabgaben und Geldsteuern auf, die die Bevölkerung bedrückten und ihre große Armut und Unwissenheit belegten. Nernst fiel die besondere Armut der Hiddenseer auf: „Die Armuth wohnt hier und das Elend. Nicht selten begegneten uns zerlumpte Kinder, welche mit wahrem Heißhunger in ein Stücklein gedörrten Fisches bissen, wovon sie immer eine Portion mit sich führen“. Auch Grümbke empörte sich über diese Zustände: „Denn der Druck der Knechtschaft macht das Gemüth feige und schlecht, … weil er nichts hat, was ihm die Mühen des Lebens erleichtern, was ihn trösten und über sein Schicksal erheben kann“. Diese Situation extremer Ausbeutung und Verdummung der arbeitenden Schichten füllte noch viele der folgenden Jahrzehnte.

Titelblatt des Buches „Das alte Pommern“ von Schleinert und Wartenberg 1995.

Titelblatt des Buches „Das alte Pommern“ von Schleinert und Wartenberg 1995.

Der Adel stellte den größten Teil der Großgrundbesitzer. Ihm gehörten auf Rügen 380 Ortschaften, Dörfer, Vorwerke usw. Den übrigen Besitz teilten sich das königliche Domanium und die Stadt Stralsund (mit ihren Kirchen und Klosterstiftungen). Die größten Besitzer waren die Grafen von Putbus (damals noch nicht im Fürstenstande) und die schwedischen Grafen von Brahe auf Spyker, denen die Hälfte von Jasmund gehörte mit einem Jahresgewinn von etwa 10000 Reichstalern.

So konnte Grümbke dann sagen: „ Im Ganzen herrscht unter dem Adel viel Wohlstand…“ Dieser Adel besaß die Zollfreiheit, war von sämtlichen Erhebungen finanzieller Art befreit und hatte eine eigene Gerichtsbarkeit über seine Untertanen. Er bildete die „Rügianische Ritterschaft“ mit einer besonderen Uniform (gelbe Hosen, dunkelblauer Rock) zu besonderen Anlässen.

Einen besonderen Stand verkörperte die Geistlichkeit, die gleichfalls bestimmte Abgaben von der Landbevölkerung erhob, aber auch über ein meist beträchtliches Ackerwerk verfügte, wonach „die Pfarrstellen größtenteils sehr einträglich“ waren (Grümbke). Um 1800 gab es auf Rügen einige sehr bedeutende Prediger, von denen Picht in Gingst, Kosegarten in Altenkirchen und Schwarz in Wiek eine bleibende Bedeutung erlangt haben.

Der Hauptwirtschaftszweig wurde durch die Landwirtschaft gebildet. Besonders hohe Getreideerträge, die nach Stralsund verschifft wurden, erzielte man auf Wittow. Hier begann man um 1800 auch mit dem Anbau von Klee und Wicken. Die Fruchtfolge war die sogenannte Schlagwirtschaft: Winterkorn (Weizen oder Roggen) – Gerste – Erbsen – Gerste – Hafer – Brache (Klee).

Ackerfeld bei Bergen 1960

Ackerfeld bei Bergen 1960

Die Rinderzucht wurde durch die Anlegung sogenannter Holländereien sehr vergrößert und durch den Ankauf fremder Zuchttiere auf den großen Gütern verbessert. Noch im argen lag die Schafzucht trotz weiter Heideflächen, die es auf Rügen noch gab, und die heute entweder aufgeforstet oder Ackerland sind. Erinnert sei an die Boldevitzer, die Patziger und die Ralswieker Heide. Auch die Schaabe, die Schmale Heide und die Landschaft um Sehlen waren damals noch Heideland.

 

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