Einzigartiger Reichtum an Hünengräbern

(OZ v. 11.08.1976)

Der Reiz und die Eigentümlichkeit der rügenschen Kulturlandschaft wird auch durch zahlreiche Bodendenkmäler – im Volksmund als „Hünengräber“ bezeichnet – aus ur- und frühgeschichtlicher Zeit geprägt. Ihre Zahl ist besonders im 19. Jahrhundert durch den Eisenbahn-, Straßen- und Gutshofbau sowie durch die Extensivierung der Landwirtschaft stark zusammengeschmolzen. Jedoch gehört Rügen mit seinen heute noch über 600 bekannten Denkmälern weiterhin zu den an urgeschichtlichen Grabmälern reichsten Gegenden Ostdeutschlands. Dieses kulturelle Erbe stellte die Regierung der DDR bereits 1954 unter Denkmalschutz und erklärte es zum Eigentum des Volkes. Auch die Gesetzgebung vom 30. November 1993 bzw. 3. Mai 1994 des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege sichert diesen Kulturdenkmalen ihren gesetzlichen Erhalt.

Besonders charakteristisch sind für Rügen die sogenannten Großsteingräber, von denen noch 50 Anlagen erhalten sind. Sie bilden den Rest von einst 236 Gräbern. In den Jahren zwischen 1964 und 1970 untersuchte der Prähistoriker Ewald Schuldt (1914-1987) vom Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte Schwerin innerhalb eines Forschungsprogramms 15 derartige Denkmäler. Er stellte einen speziellen rügenschen Grabtyp fest, bei dem die Seiten der Grabkammer aus drei- bis vierpaarigen Findlingen errichtet und mit entsprechenden Decksteinen versehen wurden. Das Eigentümlichste war die Gestaltung des schmalseitigen Zuganges als einem niedrigen Rahmen mit Tür- und Schwellenstein.

Diese sogenannten Großdolmen wurden zwischen 3000 und 1800 v. Chr. errichtet. Den Besucher beeindruckt vor allem die Bauweise, die uns noch manches Rätsel aufgibt. Galt es doch, mit einfachen Mitteln gewaltige Geschiebe bis zu 15 Tonnen Gewicht zu spalten, zu glätten, heranzutransportieren und aufzutürmen. Die Lücken füllte man mit einem Mauerwerk und Lehmverputz, in denen Ewald Schuldt „die ältesten gemauerten Wände unseres Landes“ sieht. In den Sippengräbern fand man neben Resten von tönernen Schalen und Näpfen auch Feuersteilbeile u. ä. sowie vereinzelt Bernsteinperlen.

Wesentlich häufiger finden wir isoliert oder in kleineren Gruppen vereinigt bronzezeitliche Hügelgräber (1800 bis 600 v. Chr.). Die kleinen flachen Gräber können jedoch auch Grabformen der slawischen Ranen des 7. bis 12. Jahrhunderts gewesen sein, wie sie besonders bei Ralswiek ausgegraben wurden.

 

Lancken-Granitz, Großdolmen 2, Plan der Grabkammer mit Fundverteilung

Lancken-Granitz, Großdolmen 2, Plan der Grabkammer mit Fundverteilung

Der Volksmund verlieh den „Hünengräbern“ besondere Namen, wie etwa die „Fürstengräber“ bei Quoltitz, der „Dubberworth“ bei Sagard, das „Königsgrab“ auf Stubbenkammer, die „Neun Hügel“ bei Rambin, der „Teschenberg“ bei Göhren usw.

Unter den Großsteingräbern sei der „Pfennigkasten“ in der Stubnitz, das „Riesengrab“ bei Mukran, der Zägensteen“ bei Groß Stresow, der „Fleederbarg“ bei Lonvitz und der „Ruuge Barg“ bei Vilmnitz genannt.

Großsteingräber bei Lancken-Granitz 1968

Großsteingräber bei Lancken-Granitz 1968

Großsteingräber sind besonders um Lancken-Granitz zu besichtigen, wo sie nach den Ausgrabungen als eine Art Freilichtmuseum gestaltet wurden. Hügelgräber finden wir nach den üblichen Wanderkarten auf der gesamten Insel verteilt, am häufigsten in der Stubnitz.

Dieser einzigartige Reichtum an Kulturdenkmälern könnte noch stärker der interessierten Bevölkerung und den Urlaubern zugänglich gemacht werden, so z. B. durch die Einbeziehung in die Wanderwege. Dazu wäre eine entsprechende Beschilderung notwendig. Auch müssten die Anlagen gepflegt, also von Feldsteinen und wilden Sträuchern befreit werden.

 

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