Kategorie-Archiv: Bäderkultur

200 Jahre „Seebad Putbus“

Gegenwärtig begehen wir auf Rügen ein bemerkenswertes Jubiläum. Es ist die Entstehung des Bäderwesens an der offenen See.

Abb. 1. Goor. Das 1818 errichtete Badehaus (nach Ewe, Rügen, 1986, S. 49)

 

Abb. 1. Goor bei Lauterbach. Das 1818 errichtete „Friedrich-Wilhelms-Bad“ (nach Ewe,          Die Insel Rügen 1986).

1816 wurde in Neuendorf bei Putbus die erste Seebade-Anstalt durch die Putbusser Fürstenfamilie eingerichtet und 1818 durch den Bau des „Friedrich-Wilhelms-Bades“ in der Goor erweitert. Einige Jahre zuvor begann der Fürst Wilhelm Malte I. (1783-1854) mit dem klassizistischen Auf- und Ausbau des Ortes Putbus. Das sind jetzt 200 Jahre rügensche Badegeschichte, denn hier in und um Putbus begann alles das, was gegenwärtig in Binz, Sellin, Baabe und Göhren einen Höhepunkt des Tourismus erlebt.

Baden in der offenen See

Über diesen frühen Beginn scheint in der Allgemeinheit wenig bekannt zu sein und die jüngsten Reisebeschreibungen gehen gleichfalls darauf nicht ein. Richtig ist, dass der Beginn des Seebadens in Neuendorf bei Lauterbach im flachen und wellenberuhigten „Rügischen Bodden“ – einer Ausbuchtung des „Greifswalder Boddens“ – lag.

Abb. 2. Neuendorf. Umgebautes Bauernhaus mit Walmdach

Abb. 2. Neuendorf bei Putbus. Umgebautes rohrgedecktes Bauernhaus mit abgewalmtem Dach. Der Ort zeichnet sich durch eine Anzahl gepflegter alter Bauernhäuser aus und wurde in DDR-Zeiten mehrfach preisgekrönt.

Blicken wir zurück. Nach unserem aus Bergen stammenden zeitgenössischen Gewährsmann und Historiker Johann Jacob Grümbke (1771 – 1849), der 1819 die beste Rügen-Historie verfasste, entstanden „etwa seit 1810“ in der Linden-Allee die ersten „Colonistenhäuser“. Bis 1817 waren bereits 16 Gebäude inklusive des Gasthofes „Fürstenhof“ errichtet. In einem dieser „Colonistenhäuser“ hatte der Fürst Malte I. bereits ein Badehaus mit vier Wannenbädern eingerichtet, in denen „schwache Personen, denen das Seebad nicht zuträglich seyn mögte, warm und kalt baden konnten“ – so berichtete Grümbke. 30 Jahre später gab es bereits mehr als 70 Häuser u. a. in der Linden-Allee, dem Marktplatze und der Luisenstraße.

Der Bau des Friedrich-Wilhelms-Bades im Jahre 1818

Ausschlaggebend für diese Entwicklung war der Besuch der Putbusser Fürstenfamilie 1809 bis 1811 im Seebad Doberan und der Putbusser Besuch des kulturinteressierten Karl Graf von Hahn (1782-1857), der die Fürstenfamilie ermutigte ein Seebad anzulegen. Es war also jene Zeit, da in Putbus ein regelrechter Bauboom herrschte und die Fürstenfamilie zu Putbus auch nach neuen Finanzierungsquellen suchte. Eine davon war das Baden im Ostseewasser, das offiziell 1815 einsetzte. Grümbke berichtete weiterhin, dass bei Neuendorf „zu diesem Zwecke Leinwandzelte am Strande aufgeschlagen wurden für die badenden Herren, während die Badekarren für die Damen in das tiefere Wasser hinausgefahren wurden“.

Abb. 3. Badekarren nach Ewe Rügen S. 45

 

Abb. 3. Badekarren des frühen 19. Jahrhunderts (Abb. nach Ewe, Die Insel Rügen 1986).

Am Geburtstag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) im Jahre 1818 – also am 3. August 1818 – wurde der Grundstein zum „Badehaus“ in dem herrlichen Buchenwald, der Goor, gelegt. So zählte vor dem I. Weltkrieg das „Friedrich-Wilhelms-Bad“ wegen „seiner idyllischen Lage zu den schönsten Plätzen Rügens“.

Das Badehaus in der Goor. Die Jahre 1819 – 1840

1819 wurde das große elegante Badehaus in der Goor errichtet, das durch Kabinettsordre vom 13. August 1818 den Namen des preußischen Königs „Friedrich-Wilhelms-Bad“ erhielt. Vier Jahre zuvor – im Jahre 1815 – war Rügen aus dem schwedischen Staat ausgeschieden und preußisch geworden. Schon im April 1820 warb die „Fürstliche Bade-Direction“: „Friedrich- Wilhelms-Bad zu Putbus. Die hiesigen Seebäder werden zu Mitte Juny eröffnet, die billigen Preise der vorigen Jahre bleiben unverändert und werden wir Sorge tragen, daß wegen des Essens die nämliche allgemeine Zufriedenheit herrschen soll, wie in der vorigen Saison“ (Stralsundische Zeitung Nr. 40 v. 4. 4. 1820).

Abb. 4. Goor. Historische Badewanne. Aufbahme  A. Leube 1988

Abb. 4. Goor. Historische Badewanne. Aufnahme: A. Leube 1988.

1824 wurde das Badehaus umgebaut und erhielt das heutige Aussehen. Die Vorderseite wurde als Säulenhalle mit 18 mächtigen Säulen im griechisch-dorischen Stil erbaut. Das Innere erhielt eine Kassettendecke. Granitene Stufen führten hinauf, deren mittlere von zwei in Bronze gegossenen Löwen (nach dem Bildhauer Rauch) flaniert wurden: „Die nach hinten gehenden Seitenflügel waren unter sich verbunden und bildeten zwei geräumige Höfe, in denen Pyramidenpappeln und Blumenbeete einen stilvollen Schmuck bildeten. Das Gebäude enthielt zehn Badezimmer, von denen zwei mit in Florenz gearbeiteten weißen Marmorwannen und zwei andere mit Fayence-Wannen ausgerüstet waren“. Die „Badezellen“ waren luxuriös mit Sofas, großen Spiegeln, Tür- und Fenstervorhängen, Toiletten und Fußteppichen sowie einer Glocke zum Herbeirufen des Badepersonals sowie einem Thermometer eingerichtet.

Abb. 5. Sassnitz. Historische Badewanne. Aufnahme  A. Leube 2010.

Abb.5. Sassnitz. Historische Badewanne – heute vor der Schwimmhalle stehend. Aufnahme: A. Leube 2009.

Das kalte Seewasser wurde in hölzernen Röhren aus der See ins Badehaus und hier durch eine Reinigungsanlage in metallenen Röhren zu den Zellen geleitet. „Ein Teil des Wassers wurde erhitzt, so dass in den Zellen heißes und kaltes Seewasser aus zwei über den Wannen befindlichen Messinghähnen entnommen werden konnte“.
Auch das von einem Fürsten betriebene Bad war vor Dieben nicht gefeit. Im Winter 1828 wurde in der Goor aus der „hiesigen Bade=Restauration“ im Februar 1828 „ein großer eingemauerter kupferner Kessel ausgebrochen und entwendet worden“ (Stralsundische Zeitung Nr. 24 v. 23. 2. 1828).

Das Badehaus wurde mit einer geraden Alleen-Straße mit Putbus verbunden. Diese Straße hat die Zeiten bis heute überdauert.

Das alles hatte sich nach dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches geändert. Nun gehörten Lauterbach und Neuendorf zu den billigsten Seebädern Rügens und hatten im Jahre 1924 nur 600 Urlauber. Seit 1924 legten auch die Dampfer aus Greifswald nicht mehr in Lauterbach an. Allerdings bestand seit 1895 eine Eisenbahnverbindung und man erreichte Lauterbach vor 1936 (Bau des Rügendammes!) vom Berlin-Stettiner Bahnhof aus in 5 1/2 Stunden.
Während des I. Weltkrieges diente das „Friedrich-Wilhelms-Bad“ als Lazarett und wurde nach 1918 zu Notwohnungen umgerüstet.

Abb. 6. Lauterbach. Werbung des Besitzers des Badehauses (Grieben Nr. 65, 1900)

Abb. 6. Lauterbach. Friedrich-Wilhelms-Bad. Werbung des Jahres 1900 (Griebenreiseführer Nr. 65, 1900).

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Rügen und seine landschaftliche Schönheit entdeckt. Bildungsbürger, Fernreisende und Handelsreisende suchten nun die Insel auf und gaben die ersten Reiseberichte heraus. Sie waren sich in einem einig – in ihrem Lob zum damaligen Seebad Putbus. 1846 schilderte der Reisende Friedrich von Schönherr Putbus überschwänglich, denn „es steht eben so unter den übrigen Seebädern der deutschen Nordküste unübertroffen, ja selbst unerreicht da“. Man war sich aber auch in der Schönheit des Ortes, der schönen Lindenallee, des im regelmäßigen Viereck angelegten Marktplatzes und der nördlichen Luisenstraße, einig.

Abb. 7. Haus Goor im Jahre 1993 (Ostsee-Zeitung v. 12. 2. 1993, 11).

Abb. 7. Das Haus Goor im Jahre 1993 (Ostsee-Zeitung v. 12. Februar 1993, S. 11).

Heute ist es im Besitz der Raulffs Hotels (https://www.booking.com/hotel/de/badehaus-goor.de.html). Im Jahre 2007 wurde alles umgebaut zu einem Restaurant und Hotel. Der angrenzende Buchenwald wurde auf Betreiben von Prof. Dr. H. Knapp 1990 als Naturschutzgebiet gesichert und ist seit 2003 im Besitz der Michael-Succow-Stiftung.

Abb. 8.  Goor. Die Hotelanlage heute.

Abb. 8. Goor. Die Hotelanlage heute (nach http://www.hotel-badehaus-goor.de/).
Links das alte Badehaus.

Die weitere Badeentwicklung in Binz

1825 standen in Binz die ersten Badehütten und Badekarren. Im Jahre 1836 besuchte ein Reisender Binz und sah im Strand bei Ahlbeck ein „Landschaftsstück und Stelle einer Seebade-Anstalt“.

Abb. 9. Binz. Der Kleinbahnhof 1977. Aufnahme Kurt Leube, Bergen.

Abb. 9. Binz. Der Kleinbahnhof im Jahre 1977. Aufnahme: Kurt Leube, Bergen.

Und weiter: „In diesen mit Sandhafer, spärlichem Tannenwuchs und dem wilden Brombeerstrauche bestandenen, öden Dünen stehen einige Hütten, worin der Bademeister wohnt, und weiter draußen am äußersten Strande einige Schilderhäuser und Badekarren, zum trefflichen Genuß des Bades in der offenen, stets bewegten, kräftig brandenden See auf sammetweichen Grunde, im Rücken geschützt von schroffen waldigen Bergwänden, entfernt vom Geräusche des geselligen Treibens, im innigsten Verkehr mit romantisch-wilder Natur-Einsamkeit, ihren ungeschminkten Reizen und ungestörtem Frieden. Wer für seine Kur zugleich Erquickung der Seele, Zurückgezogenheit und Ruhe sucht, der kann es nicht schöner und behaglicher finden“. 1870 zählte man im Sommer in Binz erst 80 Gäste und 1874 bereits 500 Gäste.

Die Entdeckung Rügens im beginnenden 20. Jahrhundert

Die Passagierschiff- und Eisenbahnverbindungen

Um 1900 setzte ein rasanter Bäder- und Reiseverkehr nach Rügen ein. Es waren nicht nur die einmaligen breiten Sandstrände, die vielgestaltige Landschaft, die gewisse Unberührtheit der dörflichen und städtischen Kultur sowie die relative Fülle der beeindruckenden vorgeschichtlichen „Hünengräber“, sondern das gesunde Klima Rügens, das von Ärzten u. a. „bei Schwäche und Empfindlichkeit der Haut, Rheumatismus, Neurasthenie und Migräne“ empfohlen wurde, das den Besuch besonders der Familien mit Kindern anregte (Albrecht 1906-1907, 7). Weiterlesen

Aus Strandgut ein Hotel gebaut

(OZ v. 24.6.1987)

Zu den ältesten Gasthäusern in Sassnitz gehört auch der 1870 umgebaute alte Dorfkrug in der Friedrich-Karl-Straße, der dann als „Böttchers Hotel“ eröffnet und bereits 1934 als Wohnhaus genutzt wurde. 1898 empfahl man die großen Veranden, die herrliche Aussicht auf See und die vorzügliche Verpflegung. Der Inhaber Otto Böttcher hatte übrigens neben dem Hotel am Fahrnberg“ als einziger Telefonanschluss.

Die Entstehungsgeschichte des „Hotels am Fahrnberg“ ist auch etwas kurios. 1866 strandete bei Sassnitz ein holländisches Schiff, das mit Eichenholz beladen war. Um es nach geltendem Strandrecht auf Sassnitzer Strand zu holen, befestigte ein mutiger Schwimmer, Julius Böttcher, bei schwerem Seegang eine Leine am Schiff. Das Holz erwarb der Baumeister Paulsdorf aus Bergen, der 1869 davon das “Hotel am Fahrnberg“ erbaute. Es war „das“ Hotel, das ausschließlich von begüterten Kreisen aufgesucht wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor es an Bedeutung, da man nun auch die Hotels und Villen direkt am Meer bevorzugte.

Sassnitz, Überreste Hotel Fahrnberg 2008

Sassnitz, Überreste Hotel Fahrnberg 2008

Sassnitz wurde zunächst von Adelskreisen, besonders Offizieren mit ihren Familien, aufgesucht. Es waren diejenigen, die besonders an den preußischen Kriegen zwischen 1864 und 1871 verdient hatten. Auch die Kaiserliche Familie weilte mehrmals in Sassnitz, und am Uskan errichtete ein Prinz Blockhäuser (die „Prinzing Blockhäuser“ genannt wurden).

Bekanntester Gast war ja 1878 Johannes Brahms. Auch Theodor Fontane weilte hier und verewigte den Ortsteil Crampas in seinem Roman „Effi Briest“ (Major von Crampas).

Nach 1919 setzte sich ein bürgerliches Publikum durch, und die vielen schwarz-rot-goldenen Fahnen gaben Sassnitz den Beinamen „rotes“ Sassnitz (im unterschied zu Binz). 1925 hatte der Ort mit 25 600 Badegästen einen absoluten Höhepunkt.

Krieg und Nachkriegszeit mit der Aufnahme zahlreicher Umsiedler sowie veränderte Badegewohnheiten beendeten die Geschichte des Ortes Sassnitz als Badeort. Zahlreiche, noch im Baustil der Gründerjahre errichtete Villen und Hotels künden von jener Zeit. Besonders gut erhalten und geschmackvoll modernisiert sind das ehemalige „Hotel Viktoria“ in der Seestraße (später VEB Fischfang Sassnitz) oder der „Lindenhof“ (später Jugendclub) in der Bergstraße. So erhofft man sich auch für weitere Gebäude stilechte Rekonstruktionen in der Verantwortung für historisch Gewachsenes und ihrer Nutzung in unserer Gegenwart.

 

Vor 70 Jahren kam Krampas zu Sassnitz

(OZ v. 1.4.1976)

Ein historischer Rückblick

Einer der traditionellsten Badeorte Rügens begeht am 1. April ein Jubiläum, das uns Anlass zu einem kurzen historischen Rückblick sein soll: vor genau 70 Jahren vereinigten sich die damaligen Gemeinden Krampas und Sassnitz zu einem Ort.

Das eigentliche Sassnitz (vermutlich vom slawischen Wort Sosna – die Kiefer – herzuleiten) entstand in einer Uferschlucht des Steinbaches als ein Fischerdorf, dessen Bewohner auch als Waldarbeiter Kreidewerker und Torfstecher ihren kargen Lebensunterhalt verdienten. In unmittelbarer Nähe, etwa auf dem Plateau des heutigen Fischereihafens gelegen, befand sich das kleinere Bauerndorf Krampas, dessen Bewohner nebenher etwas Fischerei betrieben.

Die Bevölkerung beider Orte war bereits in früher Zeit durch Heiraten „zu einer einzigen großen Familie“ verwachsen, wie ein Reisender um 1860 schrieb. Mit der weiteren Entwicklung wurden die getrennten Verwaltungen und entstehenden Rivalitäten als konkurrierende Badeorte zu einem Hemmschuh. Nach längerem Bemühen erfolgte dann am 1. April 1906 die Zusammenlegung beider Orte unter dem Namen Sassnitz. Der neue Ort besaß damals 2481 Einwohner und konnte nun Kanalisation und Wasserleitungsbau abschließen. (1908). Elektrisches Licht besaß Sassnitz bereits einige Jahre vor Bergen (1896).

Sassnitz, historische Aufnahme 1911

Sassnitz, historische Aufnahme 1911

Der Ortsname Krampas ging zwar verloren, fand aber Eingang in der Weltliteratur. So benannte Theodor Fontane, der Sassnitz aufsuchte, eine der Titelfiguren seines Romans „Effi Briest“ (Major von Crampas) nach ihm.

Der Beginn von Sassnitz als Badeort wird wohl aus lokalpatriotischen Gründen sehr früh mit dem Jahre 1824 verbunden. Damals verlebte hier der Berliner Prediger Friedrich Schleiermacher , eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit, mit seiner Familie einige Wochen.

Eingehende Schilderungen verdanken wir dem Neubrandenburger Naturforscher Ernst Boll, der zwischen 1844 und 1857 das Seebad Krampas mehrfach aufsuchte. 1857 besaß Saßnitz etwa 200 Badegäste, während das ursprünglich bedeutendere Krampas nur fünf zählte.

Vor allem die reizvolle Umgebung, die günstige klimatische Lage und die Entwicklung des Hafens als „Tor des Nordens“ machten Sassnitz zum größten und exklusivsten Badeort Rügens um die Jahrhundertwende.

Sassnitz, Seebrücke 2008

Sassnitz, Seebrücke 2008

Das Publikum gehörte natürlich den begüterten Schichten der Bevölkerung an, von denen bereits Ernst Boll Beamte, Militärs, Kaufleute Rentiers und die „Menge des Adels“ als dominierend hervorhob- Seit 1878 gesellten sich auch Angehörige der kaiserlichen Familie hinzu. So hatte sich Sassnitz zu einem mehr oder weniger feudalen Bad entwickelt, dessen Kurleben als „elegant, zum Teil geräuschvoll und ziemlich teuer bezeichnet wurde. Da ein eigentlicher Sandstrand fehlte, konzentrierte sich alles auf die Strandpromenade mit dem Kurpavillon Miramare und den Hafen mit seinem lebhaften Bootsverkehr. 1912 besaß der Ort bereits 26 000 Gäste. Das entsprach einem Viertel aller Rügenschen Badegäste!

1857 hatte Sassnitz etwa 200 Badegäste

(OZ v. 10.6.1987)

Zu den Jubiläen, die Sassnitz in letzter Zeit beging, gehört auch der 150. Jahrestag als Badeort. Zwar wird allgemein1824 als Gründungsjahr angesehen, doch scheint sich ein kontinuierlicher Besuch durch Badegäste erst 1835 durchgesetzt zu haben. Demnach beging die Stadt 1985 eine bemerkenswerte Jubelfeier. Wenngleich Saßnitz inzwischen ein anderes Gesicht erhielt und der Schwerpunkt des Wirtschaftsgeschehens im Fährverkehr und in der Fischerei zu sehen ist, kündet doch das östliche Stadtbild – besonders das alte Saßnitz – von dieser einst prägenden Geschichte.

1857 hatte Sassnitz (ohne das westlich gelegene Crampas) etwa 200 Badegäste. Wenige Jahre später errichteten die Fischer Hinrich Kruse und Karl Ruge auch die ersten ein- bis zweistöckigen Steinhäuser. Es ist ein Kennzeichen Sassnitzer Entwicklung, dass der Hotel- und Villenbau zunächst und wohl auch im Wesentlichen von den einheimischen Fischer- und Bauernfamilien getragen wurde. Größere Bodenspekulationen erfolgten meines Wissens nur in Crampas (z. B. im Gebiet der heutigen Walterstraße) durch eine „Stralsunder Gesellschaft“.

Als ältestes Hotel gilt der am Steinbach gelegene „Sassnitzer Hof“, der bis etwa 1924 den Namen „Hotel Bristol“ trug und ursprünglich als Küsters Hotel oder Restaurant (plattdeutsch Küsters resterie) bekannt war und bereits 1853 häufig aufgesucht wurde. Der Besitzer Magnus Küster (gestorben 1881) war zugleich auch Inhaber der umfangreichen Kreidefabrik. Nur in den unteren Räumen befanden sich Gastzimmer. Die oberen beiden Stockwerke dienten als Trockenschuppen für die Kreide. Erst 1875 wurde das Gebäude zu einem Hotel ersten Ranges ausgebaut.

Sassnitz, Villa Albert 1989

Sassnitz, Villa Albert 1989

Magnus Küsters Sohn Malte (gestorben 1913) übernahm das Erbe und wurde der reichste Mann im Ort. Er war aber auch der bestgehasste Mann in Sassnitz, wie ältere Quellen berichten, da einmal seine Steuern nach Crampas flossen (der „Sassnitzer Hof“ lag auf Crampasser Gemarkung) und das Ansehen von Sassnitz als Badeort durch die kahlen Kreideberge und die weißen Kreideabwässer litt. Malte Küster ließ andererseits den Kurplatz aufschütten und befestigen. Hier war ursprünglich eine Meeresbucht. Oberhalb der Ufermauer errichtete er 1894 das Restaurant „Bieramare“ (später „Miramare“). Da er mit der Gemeinde Sassnitz wegen der Ausdehnung des Kreideabbaues in die Forst Stubnitz verfeindet war, ließ er später einen Zugang durch „Miramare“ auf zwei Meter Breite verengen und mit einem Drahtzaun verkleiden. Es wird berichtet, dass die Gäste durch sein Grundstück wie in einem Käfig gingen und bei Regenwetter mit einem Schirm sein Grundstück meiden mussten. 1905 verkaufte er dieses Grundstück schließlich für eine erhebliche Summe an die Gemeinde.

Ein Bad kostete zwei Silbergroschen

(OZ v. 8.4.1976, Fortsetzung)

Saßnitz im vorigen Jahrhundert

Die Anfänge des Badebetriebes in Sassnitz waren um 1850 äußerst bescheiden. Der Ort befand sich in einer Uferschlucht. „Die Häuser mit ihren Ställen und Dunghöfen liegen daher sehr zusammengedrängt, wodurch die Frische der Luft sehr beeinträchtigt wird, die überdies auch noch durch den Rauch, worin die Bücklinge, Flickheringe, Spickflundern und Spickaale bereitet werden, keine angenehme Zugabe erhält“ – so schreibt der Neubrandenburger Ernst Boll 1857. Das Trinkwasser entnahm man dem durch den Ort fließenden Steinbach, der außerdem eine Wassermühle trieb. Damals gab es nur einen Gasthof, offenbar den heutigen „Sassnitzer Hof“. So beköstigte man sich zumeist selber: denn die Kochkunst der Einheimischen war äußerst bescheiden. Backwaren und Fleisch mussten in Sassnitz eingekauft werden. In Sagard befanden sich auch ein Arzt und die Post.

Sassnitz, historische Aufnahme ca.1850

Sassnitz, historische Aufnahme ca.1850

Man mietete die Wohnzimmer, während die Sassnitzer auf die Böden und in Kammern zogen. Die Zimmer erhielten einen Kreideanstrich und trugen unter der Zimmerdecke als Schmuck einen Kranz frischen Efeus. Den Fußboden bestreute man mit Knirkblättern (Wacholder). Die Einwohner wurden als höflich, uneigennützig und hilfsbereit geschildert. Besonders lobte man ihre Ehrlichkeit und Verträglichkeit.

Dazu kommt eine gewisse Schwermütigkeit („nicht einmal singen oder pfeifen hört man die Leute“). Ihr Bildungsgrad war gering und beschränkte sich auf Anfänge von Lesen und Schreiben. Dieses beschämende Eingeständnis erklärt sich aus den schlechten Schulverhältnissen Rügens und läßt sich auf die gesamte damalige Landbevölkerung übertragen.

Sassnitz und Krampas besaßen seit 1841 Badehütten zum Auskleiden, wobei Sassnitz bereits ein getrenntes „Damen- und Herrenbad“ hatte. Hier kostete ein Bad auch zwei Silbergroschen, in Krampas nur einen. Zu den „Amüsements gehörten Spazierfahrten mit „einfachen himmelblau angestrichenen Leiterwagen, auf denen der Fahrende auf eine seine Verdauung sehr befördernde Weise zusammengerüttelt wird“.

Der erste Weltkrieg und die Revolution von 1918 veränderten die Zusammensetzung des Badepublikums. 1924 registrierte man etwa 20 000 Badegäste und empfahl in den Prospekten die „Zwanglose und bescheidene Atmosphäre“. Beliebt waren Mondscheinfahrten mit Musik und Tanz an Bord einiger Vergnügungsdampfer, die Stubbenkammer anliefen und die Kreidefelsen anstrahlten.