Kategorie-Archiv: Schwedenzeit

Die schwedische Landvermessung und die Landwirtschaft des Jahres 1695

Eine recht genaue Beschreibung der Landwirtschaft auf Jasmund ist der schwedischen Land- und Steuervermessung durch den Vermesser Peter Wierling des Jahres 1695 zu verdanken. Rügen gehörte seit 1648 zum schwedischen Königreich,  und das schwedische Königreich wollte eine effektive Steuerpolitik nach den Grauen des 30jährigen Krieges (1618-1648) erreichen.

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Abb. 1. Blieschow bei Sagard. Alter Landweg nach Prora. Aufnahme: A. Leube, Mai 2006.

 Schwedische Landvermesser – wie Peter Wierling – reisten auf Rügen im Jahre 1695 mit zwei Gehilfen von Ort zu Ort. Neben den genauen Einmessungen erfragten sie die Eigentums- und Besitzverhältnisse, die Abgabe- und Dienstverhältnisse, die Aussaaten und Erträge der Äcker, Wiesen, Weiden und Holzungen. Sie erstellten daraus für jeden Ort eine eigene „Matrikel“ (lat. matricula – Liste, Verzeichnis).  Daher erfolgte die Bezeichnung „Matrikelvermessung“.

 Ackermaße, Betriebsgrößen und Eigentumsunterschied

Eine detaillierte Betrachtung der folgenden drei Jahrhunderte zwischen 1695 und heute würde zeigen, wie zunehmend die Waldungen (u. a. der Stubnitz) eingeengt und abgeholzt wurden und auch die zunächst nicht beackerten Kuppen und Niederungen erschlossen wurden. Am Beispiel des Ortes Rusewase konnte der Schwede Peter Wierling durch den hier lebenden Landsmann Oluff Bengtson auch die schlichten Lebensverhältnisse der in der Regel leibeigenen Kleinbauern, Pächter und Kossaten und den inhumanen Umgang des Gutsherrn von Dubnitz mit seinen Untergebenen darstellen.

Die Vermessung Wierlings diente also einer präzisen Steuererhebung. 1695 wurden z. B. in Promoisel auf einem (pommerschen) Morgen 2 Scheffel Roggen, 2½ Scheffel Gerste, 3½ oder vier Scheffel Hafer eingesät. Man düngte den Acker nur jedes viertes Jahr. Auch in Sehlitz wurden die gleichen Aussaatmengen gebraucht (Kalähne 1952, S. 58). Heute sät man etwa 150 kg Getreide pro Hektar, d. h. pro (Magdeburger) Morgen 37,5 kg. Da ein pommerscher Morgen aber 0,6550 qm Fläche besaß und der Scheffel etwa 25 kg entsprach, wurde damals wesentlich weniger ausgesät und auch weniger geerntet.

Abb. 2  Dubnitz. Eingangsporal eines ehemaligen Bauernhofes. Aufnahme Juni 2010

Abb. 2. Dubnitz. Eingangsportal eines ehemaligen Bauernhofes. Aufnahme: A. Leube Juni 2010.

Die Landbevölkerung war bereits 1695 deutlich sozial gegliedert. Nur wenige Landwirte besaßen 30 pommersche Morgen, die eine „Landhufe“ ausmachten und das Charakteristikum eines „Vollbauern“ bildeten. Daneben gab es die „Hakenhufe“ mit 15 Morgen Größe (Grümbke 1819 II, S. 97). Ein „Vollbauer“ besaß etwa 28 bis 32 Morgen, ein „Halbbauer“ bewirtschaftete kleinere Flächen. Der Kossat bearbeitete sogar nur wenige Morgen. Der Häusler hatte nur Gartenland. In den damaligen Dörfern gab es meist nur noch ein bis zwei Bauern.

Viele der einstigen Orte sind „wüst“ gegangen, so auch die Siedlung Dameritz bei Polkvitz, die erst kürzlich von Frau Heide Großnick, Glowe, wieder entdeckt wurde. Es war 1695 eine recht extensive Landwirtschaft, die noch an den Folgen des 30jährigen Krieges zu leiden hatte. Viele Hofstellen waren nicht wieder aufgebaut. Man konnte nur sparsam aussäen, düngte kaum, besaß größere Brachen zur Regenerierung des Ackerbodens und verfügte über zu wenige Grünflächen zur Heugewinnung. So nutzte man die Waldungen der Stubnitz im beachtlichen Maße zur Waldweide und Eichelmast. Der häufige Anbau von Erbsen und die Erwähnung von „Kohlgärten“ belegen eine einfache Ernährung. Das bestätigt auch den geringen Anbau von Weizen.

Offenbar hielt man nur wenig Kleinvieh, wie die Matrikel-Angaben aus Rusewase andeuten. Der regelmäßige Leinanbau, der 100 Jahre später bei Grümbke in seiner Beschreibung der Landwirtschaft fast fehlt, diente dem eigenen Bedarf, dem Verkauf und galt auch als Abgabe (z. B. an die Herrschaft Spieker). Der Anbau von Buchweizen wurde bei Peter Wierling nicht erwähnt, wie er auch auf die Aussaat von Klee, Wicken und weiteren Zwischenfrüchten nicht einging.

                               Anbau und Eigentumsverhältnisse im Jahre 1695 um Sagard

Hier seien einige Dörfer und Gutshöfe im Umfeld Sagards vorgestellt, die der Schwede Peter Wierling 1694 bis 1695 aufsuchte. Zu vielen Angaben war er auf die Auskünfte der nicht immer hilfsbereiten Jasmunder angewiesen. Die schwedischen Texte wurden 1952  durch die Historikerin Frau Dr. Kalähne ins Deutsche übertragen.

Abb. 3.  Getreidefeld mit Hocken bei Bergen. Aufnahme A. Leube 1960

              Abb. 3. Getreidefeld mit Hocken bei Bergen. Aufnahme: A. Leube Sommer 1960.

In den Dörfern Promoisel, Sehlitz, Drosevitz, Groß und Klein Volkssitz gab es noch selbständige Bauernwirtschaften – meist war es nur noch ein Bauernhof. Sie bauten relativ häufig Roggen, Gerste, Hafer und Erbsen an. Lediglich der Weizenanbau differierte. Vermutlich hatte der Bauer von Klein Volksitz sein Weizenmehl nach Sagard verkauft. Alle bauten gern und viel Erbsen an.

Die Erbsen waren ein pommersches Lieblingsgericht (Fritz Reuter, Läuschen un Riemels):

„De pommersch Bur, dei is tau kenn‘
wenn hei’t Gewehr fött bi dat Enn‘,
wenn hei den Kolben fluschen lett
un wenn hei dicke Arwten frett“

Stand

Weizen Roggen Gerste Hafer Erbsen Lein

Bauer/Promoisel

3 15 18 12 6

½

Bauer/Falkenberg

3 12 12 10 5 ½
Bauer/Poissow 3 30 30 20 12

1

Bauer/Gr. Volksitz

4 14 18 24 8 ½

Bauer/Pluckow

5 7 15 10 6 ½

Bauer/Kl. Volksitz

10 8 18 24 8

½

Bauer/Sehlitz 12 14 14 6

½

Bauer/Drosevitz   20 12 12 1

1

Kossat/Promoisel

    3 3-4    

Kossat/Rusewase

  4 4 3 1 ½ ½ – 1/6

Kossat/Quatzendorf

  2 2 ½ 4    
Kossat/Klementelvitz   24 24 30 3

1/2


Tab. 1.
Aussaatmenge der Bauern und Kossaten 1695 nach Scheffeln: ausgewählte Beispiele (nach Kalähne 1952, S. 28 ff.).

Die bebaute Ackerfläche wurde von Peter Wierling nach den Bodenwerten gegliedert, kartiert und danach besteuert. Der schlechtere Acker (schwed. öder, also „trist“) wurde besonders beachtet. Auch die oft sehr geringe Heuernte zur Viehversorgung über Winter fand gezieltes Interesse. Es gab sogar Vorschläge des Schweden, wie man die Heuernte erhöhen könnte. 1695 gab es noch eine beachtliche Wald- und Viehweide. In Rusewase, Sehlitz, Falkenberg und Wesselin erreichte sie Höhen von mehr als 50 Morgen (Tab. 2).  Die Hofstelle Beustrin war 1695 noch „wüst“, d. h. nicht bewohnt.

Ort Acker Öder Acker Wiese Heu-fuhren Wald- und Viehweide. Hofstelle Gesamt
Sehlitz 104:216 3 16:295 20 73:80 3:9 306(200 ha)
Mönkendorf 96:187 12 1:228 2 22:75 1:80 132(86 ha)
Klementelvitz 79:00 1:150 2:190 4 29 0, 276 111(73 ha)
Poissow 62:235 8:285 1 2 116 0, 80 187 (123 ha)
Groß Volksitz 61:196   7:170 10 25 11 104(68 ha)
Quatzendorf 55:188   0, 262 1 17 0, 160 73(48 ha)
Drosevitz 48:226   5 3 46:112   99(65 ha)
Falkenberg 31:150   4:80 8 55:220 0, 80 90(59 ha)
Pluckow 30:156   2:154 3 10 1:75 43(28 ha)
Wesselin 27:150   1:150 1 58   86(56 ha)
Beustrin 18:114 2 8:70 12 35:150 Wüst 63(41 ha)
Rusewase 12:232 12:80 9:225 8 88 2:40 123(81 ha)

Tab. 2. Sagard und Umgebung. Ausgewählte Acker- und Hofflächen des Jahres 1695  in pommerschen Morgen und Quadratruten gemessen (nach Kalähne 1952, S. 33 ff.).

Promoisel im Jahre 1695

Der Acker der von abhängigen Bauern und Kossaten bewirtschafteten Domäne Promoisel wurde in 5 Schlägen bewirtschaftet. Der Acker bestand aus Lehmboden mit Humusgehalt, so dass er auch in mittelmäßigen Jahren ziemlich gute Winter- und Sommersaat trug (nach Kalähne 1952, S. 27, Folie 257). Außerdem betrieb man zur Landwirtschaft noch eine Imkerei.

In Promoisel waren einige Flächen hügelig und konnten 1695 nicht gut bestellt werden, so dass sie als Viehweideland genutzt wurden: „Dieses Weideland ist an verschiedenen Stellen mit kleinen Büschen bewachsen, so dass die Erbpächter davon notdürftig Zaunsträucher und Backofenholz haben, aber zum Brennen nehmen sie aus der Stubbenitz, welche von hier nicht weit entfernt ist. Die Hofstellen sind mit kleinen Kohlgärtchen (ausgestattet), aus welchen sie Kohl für den eigenen Bedarf bekommen“ (übersetzt nach Kalähne 1952, S. 27 f., Folie 257). Von den Wiesen konnten in Promoisel jährlich 18 Fuhren Heu geerntet werden. Die Fuhren wurden von einem Vierergespann mit Pferden gezogen.

Sehlitz/Seeltze im Jahre 1695

Der Boden von Sehlitz wurde als „ziemlich guter lehmig-humoser Boden, welcher gutes Winter- und Sommergetreide trägt“, beschrieben (Kalähne 1952, S. 55). Das waren etwa 46 (pommersche) Morgen. Dazu kam in Sehlitz ein „Lehmboden, welcher aus Hügeln und Tälern besteht“. Da er aber auch mit Sand vermischt ist, trägt er nur bei „nicht so großer Hitze ziemlich gut Getreide von allerhand Art“. Das waren dann 54 Morgen (vgl. Tab. 2). Als Lehmboden wurde das Flurstück „Lesenick“ am Kossen-Haus (Kossäten-Haus) bezeichnet – das waren etwa 4 Morgen.  Hier lagen auch drei Wiesen mit nur einem Morgen sowie weitere acht Wiesen am Ackerfeld mit 15 Morgen (Tab. 2; Kalähne 1952, 55). In Sehlitz wurde wie in Promoisel der Acker jährlich bestellt, allerdings wurden „8 oder höchstens 9 Morgen jährlich als Brache liegen gelassen, aber wenn das Dorf bewohnt ist wie ehemals, so können hier nicht so viele Morgen brach liegen, sondern müssen zumeist besät werden“ (Peter Wierling nach Kalähne 1952, S. 55).

Abb. 4. Goldberg. Neu angelegter Kreidebruch. Aufnahme Fr. Biederstädt. 2015.

Abb. 4. Goldberg. Neu angelegter Kreidebruch. Aufnahme: FR. Biederstädt, Sassnitz.
Sommer 2015.

In Sehlitz erntete man jährlich 12 „gute Fuhren Heu“ und der Vermesser ergänzte: „Wenn diese Wiesen in Acht genommen werden, so können wohl von ihnen 20 Fuhren eingebracht werden“ (Kalähne 1952, S. 55). Daher besteuerte er auch 20 Heufuhren und nicht die bisherigen 12 Fuhren (Tab. 2).

Dazu kam in Sehlitz ein recht großes Viehweideland „ringsherum und im Ackerfeld, meist mit kleinem Gebüsch bewachsen“ – im Umfang von 73 Morgen. Dazu wurde noch vermerkt: „Viehweide ist so ziemlich bei diesem Dorf, und wenn sie etwas abgeweidet worden ist, so können sie ihr Vieh in den Stubbenitz-Kronwald zur Weide treiben, welcher nicht weit von hier gelegen ist. Wald ist bei Seeltze nicht nur für der Bauern eigenen Bedarf, sondern sie können auch jährlich etwas Frischholz oder Trockenholz samt Zaunsträuchern verkaufen“ (Kalähne1952, S. 55 f.). Die Dorfstelle von Sehlitz war mit 3 Morgen recht groß.

Rusewase/Russewase im Jahre 1695

In Rusewase wurden 12 Morgen guten und die gleiche Größe „tristen“ Ackers bestellt und jährlich besät: „Jeder Kossat pflegt 5 Morgen zu haben, um zu bebauen, und es besteht der Acker aus lehmvermischtem Sand, der jetzt sehr mager ist und schlechtes Getreide trägt, aber wenn er richtig bebaut und gedüngt wird, so könnte er schließlich mittelmäßig gut Winter- und Sommersaat tragen. Der ganze Umfang mit Olufs Acker beträgt  12 Morgen“ (nach Kalähne 1952, S. 31 f.). Peter Wierling meinte mit „Oluf“ den Schweden Oluf Bengtson, der ihm sehr behilflich war.

Abb. 5. Maße und Gewichte (nach dem Rügenschen Heimatkalender 1938, S. 32)

Abb. 5. Maße und Gewichte (nach dem Rügenschen Heimatkalender 1938, S. 32).

Zu dieser Zeit waren noch nicht alle Berge und Anhöhen Jasmunds zu Ackerflächen umgewandelt worden. So hieß es bei Wierling: „Bei Russewase ist gutes Viehweideland mit Wald bewachsen; und es kann hier genug Vieh über Sommer gegen Geld in Weide genommen werden, denn Russewase hat nicht nur selbst Weideland sondern hat auch den danebengelegenen Kronwald Stubbenitz, worin gute Viehweide ist und das Vieh dort allzeit eingetrieben werden kann“ (nach Kalähne 1952, S. 33).

Der Landvermesser empfahl aber, diese „zu Acker umzupflügen“, denn „wenn sie recht bearbeitet werden“, würden sie Getreide tragen (Kalähne 1952, S. 32). Das galt dann auch für fünf kleine Wiesen, „welche sumpfig und naß von geringem Graswuchs sind“. Sie waren neun Morgen groß. Sie brachten jährlich 4 Fuhren Heu ein – „aber wenn die Wiesen in Acht genommen werden, so kann wohl beim ganzen Dorf in allem 8 wohlbehaltene Fuhren bekommen“ (Kalähne 1952, S. 32). Auch hier besteuerte Wierling die gewünschte Heu-Menge mit acht Fuhren.

Die Ernteerträge waren stets in Rusewase zu gering, so „daß die Einwohner bei diesem Ackerbau nicht ihre jährliche Nahrung haben könnten, sondern sie müssen durch den Wald etwas verdienen, auch durch ihr Vieh, welches sie mit anderem Vieh über Sommer in Weide nehmen“ (Kalähne 1952, 33 f.).

Der Viehbestand 1695 auf Jasmund

Im Jahre 1695 wurde auf Jasmund noch ein geringer Tierbestand gehalten. Ob diese Angaben den Realitäten entsprachen oder bewusst niedrig angegeben wurden, muss offen bleiben.

Stand

Pferde Milchkühe Jungrinder Schafe Ochsen Schweine Hühner Gänse

Bauern/Promoisel

8 4 – 5 3 4 – 5        
Kossat/Promoisel

2 – 3

2

           
Kossat/Rusewase

2

1 1   1 1 Sau;
4 Ferkel

2

 
Kossat/Rusewase   2       1 Sau;
2 Ferkel
  2
Oluf Bengtson/ Rusewase   3 2 Bullen,
Kälber,
1 Färse
    2 Sauen,
2 Ferkel

2 und
1 Hahn

 

Klementelvitz/
Pächter Wewetzer

8

10

?

8-10

       
Quatzendorf/Kossat 2-4              

Tab. 3. Viehbestand der Bauern und Kossaten im Jahre 1695 nach ausgewählten Beispielen (nach Kalähne 1952, S. 28 ff.).

Die Vielzahl der Pferde erklärt sich, dass „ihr Acker manches Jahr sehr schwer zu bearbeiten ist, da er zumeist Lehmboden ist“ (Kalähne 1952, S. 28). Die Schafe wurden im Sommer geweidet bzw. sie nehmen Schafe zur Weide und bekommen „Weidegeld“ bzw. einen Teil der Lämmer.

1909 vermerkte der „Rügensche Heimat-Kalender“ für diese harte landwirtschaftliche Arbeit:

„Jede Scholle muß man pflegen,
denn im Boden liegt der Segen,
der, geweckt durch Müh und Fleiß,
alles lebend gibt zu leben“.

Die Steuern, Abgaben und Leistungen im Jahre 1695

Die jährlichen Abgaben dieser Bauern und Kossaten waren 1695 beachtlich, wie das Beispiel Promoisel belegt:

  1. „Waldhafer“ als Abgabe für die freie Nutzung der Stubnitz gab das gesamte Dorf Promoisel in Höhe von 17 ¾ Scheffel.
  2. Jeder Bauer gab in Promoisel jährlich 2 Scheffel Bischofsroggen.
  3. Jeder Bauer gab vierteljährlich 28 Schillinge an Akzise, jeder Kossat 9 ½ Schillinge und ein Einlieger 7 Schillinge.
  4. „Reutergeld“ in Höhe von 30 Schillingen gab das gesamte Dorf.
  5. Regierungsdeputat in Höhe von 12 Schillingen musste jährlich gezahlt werden.

Die schwedische Steuervermessung nannte für den Kossaten Ties Lokewitz (aus Promoisel?) an Abgaben:

  1. Reutergeld pro Monat in Höhe von 4,9 Schillingen
  2. Gerichtsgeld zweimal im Jahr in Höhe von 3 Schillingen
  3. Abgabe für die Hufe 12 Schillinge im Jahr
  4. Kopfsteuer in Höhe von 18 Schillingen
  5. Akzise in Höhe von 40 Schillingen
  6. Dienstgeld in Höhe von 2 bis 3 Reichstalern
  7. Regierungsdeputat-Holz 2,6 Schillinge
  8. Viehsteuer in Höhe von 15 Schillingen

In Rusewase lebten zwei Kossaten, auf jeden kamen folgende Dienste: „Der Kossat diente 3 Tage in der Woche auf Dubbenitz (Dubnitz) mit einer Person zu Fuß, aber in der Ernte diente er alle Tage in der Woche mit einer Person zu Fuß, doch bekommt er Essen und Trinken auf dem Hofe, wenn er dort arbeitet“ (Kalähne 1952, S. 31).

Für Nipmerow heißt es: „Der Bauer dient 3 Tage in der Woche mit 4 Stück Pferden und 2 Personen, dazu einen Tag in der Woche mit einer Person zu Fuß. Kossaten sind 6 Stück hier im Dorf und jeder dient 3 Tage in der Woche mit einer Person zu Fuß. In der Ernte dienen sowohl der Bauer als auch die Kossaten alle Tage in der Woche mit den üblichen Leuten und Vieh, wie es nötig ist“ (Kalähne 1952, S. 83).

Für Groß Volksitz und Klein Volksitz wurde genannt: „Die anwesenden Einwohner sind untertänig und leisten jetzt auf dem Spiekerschen Ackerhof Polkewitz (Polkvitz) Dienst; jeder Bauer dient drei Tage in der Woche mit 4 Stück Pferden und 2 Personen, dazu einen Tag in der Woche mit einer Person zu Fuß; aber in der Ernte dient jeder Bauer alle Tage mit Leuten und Vieh, wie es auf dem Ackerhof notwendig ist“ (Kalähne 1952, S. 69).

Der Bauer hatte immerhin eine halbe Landhufe (also 15 pommersche Morgen) zu bebauen, der Kossat dagegen 7½ Morgen.  Die Bauern auf Jasmund waren Erbpächter. Einige hießen:

  1. Georgen Kaal (später: Kahl)
  2. Petter Lockewitz (später: Lokenvitz und daraus Looks)
  3. Joicom Mugge (später Mücke)
  4. Claus Hafmann (später: Hofmann)
  5. Claus Pentz (später: ?)
  6. Paul Hagmeister (später: Hagemeister)

Das sind zugleich die ältesten Familiennamen auf Jasmund.

Person

Akzise Kopfsteuer Tribunal-
steuer
Magazin-
Korn
Wald-
Hafer
Reuter-
Steuer
Bischofs-
Roggen
Hufen-
Steuer
Drevis Möller/
Rusewase

38 Schillinge

18 Schillinge 3 Schillinge 2 Scheffel  4Scheffel 72 Schillinge    

Oluf Bengtson/
Rusewase

28 Schillinge              
Sehlitz/gesamt         8 Scheffel   3 ¾ Scheffel  

Drosevitz/
1 Bauer

84 Schillinge         38 Schillinge   X
je
Groß Volksitz und
Klein Volksitz

84

Schillinge

    8 Scheffel   468 1 ¼  
Poissow/
1 Bauer
56 Schillinge         240 Schillinge 1 ½ Scheffel  
Falkenberg             1 Scheffel  

Pluckow

            1 Scheffel  

Klementelvitz/
Pächter

2 Reichstaler       6 Scheffel  

6 Scheffel

Tab. 4.  Jährliche Abgaben der Bevölkerung: ausgewählte Beispiele  (nach Kalähne 1952, S. 34 ff.).

Auch in Rusewase wurden „Magazinkorn“ und „Waldhafer“ gemeinsam in Höhe von zwei bzw. vier Scheffeln gegeben. Dazu kamen noch weitere Abgaben, wie sie für Sehlitz und Klein Volksitz  bzw. Groß Volksitz belegt sind: „An Spicker (Schloss Spyker) gibt jeder Bauer jährlich 4 Stück (Pacht-) Hühner und der Kossat 2 Stück. Jeder Bauer lässt jährlich für Spicker für 6 Mark Lein spinnen und der Kossat für 10 Mark Werg (Hede)“ (Kalähne 1952, S. 57). Auch aus Poissow, Falkenberg und Pluckow hat jeder Bauer jährlich vier Pachthühner an Spieker zu geben, dazu noch jährlich für 6 Mark Lein zu spinnen (Kalähne 1952, 82).

Ein Fazit – „de Knubbenbieters“

Die Matrikelvermessung des Jahres 1695 durch den schwedischen Landvermesser Peter Wierling gibt uns einen deutlichen Einblick in die Zeit vor mehr als 300 Jahren. Es folgte nun im 18. Jahrhundert eine weitere Besteuerung der Bevölkerung mit zahlreichen Angaben zur Sozialstruktur, zur Landwirtschaft und Kulturgeschichte Jasmunds.

Jasmund war lange Zeit eine vom Inselkern isolierte Landschaft. Nach dem Volkskundler und Historiker Alfred Haas (1860-1950) bildete sich auf Jasmund sogar ein eigentümlicher plattdeutscher Dialekt heraus, in dem „die Vokale vielfach dumpfer als die übrigen Rügianer ausgesprochen wurden“ (Haas 1920, S. 19). Auch erfolgte eine stärkere Verschleifung der Endsilben. So hieß es noch 1849: „dat Füür will nich baan“ (also „barnen“ für „brennen“), „de Wind weijt so houhl“ (hohl), „de Kreijen sitt’n up Poul“ (Pfahl) oder „dat wad (wird) doin“ (statt plattdeutsch „däujen“ für tauen).

Wie uns Haas berichtete wurden die Jasmunder früher als „Knubbenbieters“ bezeichnet (Haas 1920, S. 19). Das Wort bedeutet „Knotenbeißer“ und besagt, die Jasmunder sind Leute, die sich nicht erst lange Mühe geben, einen Knoten aufzulösen, „sondern ihn kurzweg durchbeißen, also Leute, die gerade darauf losgehen“ (Haas 1920, S. 19).

Vielleicht kann man das hier Dargestellte einmal vertiefen und eine geordnete und wahrhafte „Geschichte Jasmunds“ ausbauen.

Eine Keramikmanufaktur auf Hiddensee

(OZ v. 17.1.1980)

Der Stralsunder Joachim Ulrich von Giese, ein wohlhabender Armeelieferant der schwedischen Krone, erwarb im Jahre 1754 die Insel Hiddensee. Bei der Untersuchung des Bodens stellte er im nordwestlichen Uferteil des Dornbusches einen guten Ton fest. Giese beschloss, diesen industriell zur Herstellung von Töpfereierzeugnissen zu verwerten. So entstand die einzige Fayencenfabrik im ehemaligen Pommern und zugleich das älteste industrielle Unternehmen im Kreisgebiet Rügen. Weiterlesen

Leuchtfeuer und Leuchttürme auf und um Rügen

Vor 150 Jahren erfolgte der Bau des Leuchtturmes auf Arkona

(1976) Während am Tage dem Schiffer mehrere Landmarken zur Orientierung dienen, verlangte die Entwicklung des Seehandels schon früh nächtliche Peilungspunkte. So sind für das Mittelalter mit Kienholz gespeiste Feuerbaken überliefert. Daran erinnert der Ortsname Kinnbackenhagen nördlich von Stralsund, der auf eine Kienbake am Ort Hagen zurück zu führen ist.

Das älteste, seit 1306 überlieferte Leuchtfeuer befand sich auf dem Gellen im Süden Hiddensees und diente dem Schifffahrtsweg nach Stralsund. Mit dessen zunehmender Versandung und dem Aufkommen größerer Schiffe verlor es an Bedeutung und ging schließlich ein.

Vereinzelt half man sich auch mit ausgehängten Laternen auf einem Signalmast, wie es für das Posthaus auf dem Bug seit 1683 bezeugt ist.

Bild-15.-Blick-auf-die-Leuchttürme-im-Jahre-1958

Arkona. Blick auf die beiden Leuchttürme im Jahre 1958

 

Größeres Interesse, verbunden mit starken militärischen Akzenten, zeigte erst die preußische Regierung, nachdem Rügen 1815 von Schweden zu Preußen kam. Ihr schlug die Stralsunder Kaufmannschaft seit 1816 vor, Leuchtfeuer auf Arkona, Stubbenkammer und der Greifswalder Oie zu errichten. Nachdem 1819 ein erster Plan für einen Leuchtturm auf Wittow bestand, erfolgten 1825 die ersten Arbeiten und am 5. Mai 1826 die Grundsteinlegung mit einer beschrifteten Kupferplatte. Am Standort befand sich bereits seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts eine hölzerne Feuerbake. Das Baumaterial schaffte man zu Wasser über Breege und Wiek heran. Die Bauleitung hatte der Stralsunder Maurermeister Teichens inne, der nach Plänen des klassizistischen Baumeisters Th. Schinkel, Berlin, arbeitete. Die zahlreichen Schwierigkeiten beim Bau komplizierte der zu dieser Zeit sehr einflussreiche Fürst von Putbus mit einem nachträglich eingereichten Vorschlag, den Leuchtturm bei Koosdorf auf Jasmund zu errichten.

Das Leuchtfeuer auf dem 19,3 m hohen Turm war ein Festfeuer aus zunächst 17 Rüböl-Lampen mit parabolischen Scheinwerfern hinter silberplattierten Spiegelscheiben. Da wenige Erfahrungen vorlagen, testete der damals einzige preußische Marineoffizier Longé, Stralsund, im Auftrage des Kriegsministers die Sichtweite des Feuers, es betrug etwa 50 km.

Zur gleichen Zeit entstanden auf dem Ruden eine Seeleuchte und auf der Greifswalder Oie 1832 eine eiserne Leuchtbake. Letztere wurde später durch einen Leuchtturm mit Drehfeuer ersetzt, der mit dem von Swinemünde (heute Świnoujście) korrespondierte.

Der 1826 auf Arkona errichtete Leuchtturm wurde nach 75 Jahren Betriebsdauer gleichfalls durch einen Turm mit Gruppenblitzfeuer ersetzt. Dieser neue Turm wurde 1901/1902 unmittelbar daneben auf einem 3 m tiefen Fundament aus Fels und Granit errichtet. Der sich nach oben verjüngende achteckige Unterbau trägt eine Galerie aus Granit und eine Eisenkuppel. Er erreicht eine Höhe von 26 m und steht damit 75 m über Mittelwasser. Für den Leuchtapparat entstand ein Maschinenhaus mit einem Elektrizitäts-Werk, das ein weißes Gruppenblitzfeuer mit Gruppen von drei Blitzen in einer Folge von vier Sekunden erzeugte. Die Wiederkehr beträgt 16 Sekunden, die Blitzdauer 0,1 bis 0,2 Sekunden und die Dunkelpause 7,8 bis 7,9 Sekunden.

Gleichzeitig errichtete man eine Anlage für das Nebelhorn (sog. Sirene), deren Druckluft drei Sauggasmotoren erzeugten. Sie gab bei Nebel und dergleichen alle 70 Sekunden einen Dauerton von fünf Sekunden, den man 20 km weit hörte.

Außerdem entstanden Marinesignal-, Telegraphie-, Eissignal- und Sturmsignalstationen. Für die Funktelegraphie wurden acht Masten von etwa 20 m Höhe auf dem Burgwall errichtet.

1888 baute man den Leuchtturm auf dem „Dornbusch“ Hiddensees, dessen Blinkfeuer 45 km weit sichtbar war, und dem man 1911 eine Dampfsirene hinzu fügte. Ein kleiner Leuchtturm befand sich bei Ranzow, dessen weißes Gruppenblitzfeuer aus Gruppen von je zwei Blitzen bestand.

Als Leuchtturmwärter und später als Besitzer eines Gasthauses auf Arkona machte sich die Familie Schilling einen Namen. Hier kehrten viele Persönlichkeiten ihrer Zeit (z. B. Gerhard Hauptmann) ein und verewigten sich in dem berühmten, heute verschollenen, Gästebuch. Der alte Schilling strotzte dann von Schnurren und Seemannsgeschichten, mit denen er die „Landratten“ hinein legte.

Der eigenartige Reiz dieser Bauwerke und ihre Bedeutung für die heutige Schifffahrt ist schließlich auch durch zwei Briefmarkenemissionen gewürdigt worden.

Zu DDR-Zeiten wurde auf Arkona eine Versuchsstation eingerichtet, um verschiedene Materialien unter Klimaeinwirkung zu testen.

Bild 16. Arkona. Versuchsstation. 1976

Arkona. Versuchsstation, 1976

Zwei Münzfunde, die Aufsehen erregten

(OZ v. 31.12.1977/1.1.1978) Die Entdeckung eines Münzfundes von 103 Silber- und Kupferprägungen am 9. März 1978 in der Bergener Vieschstraße gaben viele Zeitungen bekannt. Nach dem 1973 in Ralswiek ausgegrabenen Münzfund ist es nun bereits der zweite größere Münzschatz, der in kürzerer Zeit auf Rügen gefunden wurde.

Der Ralswieker Münzfund wog etwa drei Kilogramm und bestand aus arabischen Münzen, die in der Mitte des 9. Jahrhunderts vergraben worden waren. Sein Besitzer lebte an einem bedeutenden slawischen Seehandelsplatz, der sich in jener Zeit über den heutigen Ortskern von Ralswiek erstreckte. Da die Slawen zunächst noch keine Münzen prägten, verwandten sie als Zahlungsmittel bis zum 10. Jahrhundert arabische Münzen. Diese belegen zugleich einen ausgeprägten Fernhandel, bei dem man an einen Sklavenhandel denken könnte. So erhielt man für den Schatz etwa zehn bis zwölf Sklaven. Er besaß aber auch den Wert von zehn guten Pferden, 30 Kühen oder 100 Schweinen.

Daneben hatten die auf Rügen ansässigen Ranen eine Leinentuchwährung als Äquivalent. Noch im 12. Jahrhundert heißt es: „Nun haben die Ranen kein gemünztes Geld … Was man auf dem Markt kaufen will, erhält man gegen Leinentücher“. Bei den Silbermünzen wurde übrigens nach Gewicht gezahlt. So befanden sich im Ralswieker Münzfund auch zerhackte Prägungen.

Erst der Ranenfürst Jaromar I., der von 1168 bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts regierte, ließ eigene Münzen prägen. Sie trugen sein Konterfei und die stolze Inschrift „Rex Rugionorum“ (König der Rügener).

Der Bergener Münzfund dürfte größere Übereinstimmung mit einem ähnlichen aus Altefähr besitzen. Dieser wurde bereits 1935 entdeckt und enthielt nach seiner Bestimmung durch Professor Suhle, Berlin, 119 Schillinge und Taler in einem Gefäß. Es überwogen sogenannte Doppelschillinge (16 Stück entsprechen einem Taler) mit einem Gegenstempel. Dieser Stempel war erforderlich, um die Gültigkeit und die Umlauffähigkeit der Münzen zu bezeugen. Diese Münzen hat man vermutlich 1638 (jüngste Münze war von 1637) vergraben. Schließlich sei noch ein kleiner Talerfund aus dem Jahre 1957 in Garz erwähnt. Er muss nach 1611 / 1612 vergraben worden sein.

Warum wurden nun diese Münzen im 17. Jahrhundert vergraben, oder, wie in Bergen eingemauert?

Blick in die Vieschstraße in Bergen. Ganz links ist das Haus mit dem Schatzfund. 2005

Blick in die Vieschstraße in Bergen. Ganz links ist das Haus mit dem Schatzfund. 2005

Als der Ort Bergen 1613 sein Stadtrecht für 8 000 Mark – die Mark entsprach acht bis neun Talern – vom pommerschen Herzog erwarb, galt er als verhältnismäßig wohlhabend. Jedoch wenige Jahre später hatten Katastrophen und die Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) dieser Entwicklung ein schnelles Ende bereitet. Stadtbrände äscherten 1621 und 1631 große Teile der Stadt ein, auch wurde Bergen 1629 und 1639 von der Pest heimgesucht.

Die größten Drangsale in der Geschichte Rügens brachten die Kriegszüge der Habsburger unter Wallenstein und der Schweden nach 1627. Zeitweise standen 10 000 Soldaten mit einem umfangreichen Tross auf Rügen. Plünderungen und Brandschatzungen waren an der Tagesordnung. 1630 wird über fehlendes Saatgut geklagt und berichtet, dass die Bevölkerung von Eicheln, Samen und von in Salzwasser gekochtem Gras lebt. Erst 1646 soll es möglich gewesen sein, in Bergen wieder „wohlfeil zu leben“. In diesen unruhigen Jahren wurden die Münzen verborgen. Vermutlich hat man die Besitzer getötet, oder sie verstarben durch die Pest.  1629 gab es allein 800 Pesttote in Bergen.

Münzfunde sind als wichtige Geschichtsquellen auch ein Teil unseres kulturellen Erbes. Sie gelten bei ihrem Auffinden oder bei ihrer Bergung als Volkseigentum (auch der Einzelfund) und sind den zuständigen Museen zu übergeben. Das sei mit allem Nachdruck betont.

Rügen vor fast 200 Jahren

Zwei Drittel der Bevölkerung waren leibeigen und litten unter extremer Ausbeutung

(OZ v. 20.2. und 27.2.1986) Ende des 18. Jahrhunderts, also vor fast 200 Jahren, erschienen die ersten ausführlichen Beschreibungen der Insel Rügen. Die Autoren Karl Nernst (1800) und Johann Jacob Grümbke (1805 unter dem Pseudonym Indigena) zeichneten besonders ausführlich und von großer Bedeutung ein Bild der Entwicklung Rügens. Beide lebten auf Rügen, Nernst vermutlich einige Jahre in Schwarbe. Grümbke war Bergener Bürger und darf als der „Vater der rügenschen Geschichtsschreibung“ bezeichnet werden. Beide besaßen eine universale Bildung, die es gestattete, fast alle Bereiche des damaligen gesellschaftlichen Lebens zu betrachten, womit sie sich auch übrigens wohltuend von mancher späteren Rügenbeschreibung abheben.

Ausführliche Beschreibung der Insel Rügen durch J. J. Grümbke 1819

Ausführliche Beschreibung der Insel Rügen durch J. J. Grümbke 1819 

Auf Rügen, das bis 1815 zum Schwedischen Reich gehörte, waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ausgeprägte feudale Verhältnisse vorhanden. Von den über 27 000 Einwohnern Rügens galten fast 18 000 Leibeigene als völliges Eigentum der Grundherrschaft. Der Erbherr konnte nach gültigen Gesetzen, die bis 1616 zurückreichten, den Leibeigenen „verpfänden, gegen Vieh tauschen, ihm Hof und Acker nehmen und über ihn Recht sprechen“. Harte Strafen standen auf alle „Vergehen“. Besonders verbreitet war die Züchtigung mit der Peitsche oder der „Ganten“. Bei heimlicher Flucht „soll ihm (dem Leibeigenen) ein Brandmal auf die Stirn gebrannt werden“. Leibeigen und einer strengen Fron unterworfen waren fast alle Landbewohner, so z. B. fast 99 Prozent der Bevölkerung Jasmunds. Lediglich in den Städten Garz und Bergen sowie in den sogenannten Flecken Gingst und Sagard und einigen größeren Dörfern (Altenkirchen, Middelhagen) gab es Freie.

Nernst und Grümbke führten eine Vielzahl von Hand- und Spanndiensten sowie Naturalabgaben und Geldsteuern auf, die die Bevölkerung bedrückten und ihre große Armut und Unwissenheit belegten. Nernst fiel die besondere Armut der Hiddenseer auf: „Die Armuth wohnt hier und das Elend. Nicht selten begegneten uns zerlumpte Kinder, welche mit wahrem Heißhunger in ein Stücklein gedörrten Fisches bissen, wovon sie immer eine Portion mit sich führen“. Auch Grümbke empörte sich über diese Zustände: „Denn der Druck der Knechtschaft macht das Gemüth feige und schlecht, … weil er nichts hat, was ihm die Mühen des Lebens erleichtern, was ihn trösten und über sein Schicksal erheben kann“. Diese Situation extremer Ausbeutung und Verdummung der arbeitenden Schichten füllte noch viele der folgenden Jahrzehnte.

Titelblatt des Buches „Das alte Pommern“ von Schleinert und Wartenberg 1995.

Titelblatt des Buches „Das alte Pommern“ von Schleinert und Wartenberg 1995.

Der Adel stellte den größten Teil der Großgrundbesitzer. Ihm gehörten auf Rügen 380 Ortschaften, Dörfer, Vorwerke usw. Den übrigen Besitz teilten sich das königliche Domanium und die Stadt Stralsund (mit ihren Kirchen und Klosterstiftungen). Die größten Besitzer waren die Grafen von Putbus (damals noch nicht im Fürstenstande) und die schwedischen Grafen von Brahe auf Spyker, denen die Hälfte von Jasmund gehörte mit einem Jahresgewinn von etwa 10000 Reichstalern.

So konnte Grümbke dann sagen: „ Im Ganzen herrscht unter dem Adel viel Wohlstand…“ Dieser Adel besaß die Zollfreiheit, war von sämtlichen Erhebungen finanzieller Art befreit und hatte eine eigene Gerichtsbarkeit über seine Untertanen. Er bildete die „Rügianische Ritterschaft“ mit einer besonderen Uniform (gelbe Hosen, dunkelblauer Rock) zu besonderen Anlässen.

Einen besonderen Stand verkörperte die Geistlichkeit, die gleichfalls bestimmte Abgaben von der Landbevölkerung erhob, aber auch über ein meist beträchtliches Ackerwerk verfügte, wonach „die Pfarrstellen größtenteils sehr einträglich“ waren (Grümbke). Um 1800 gab es auf Rügen einige sehr bedeutende Prediger, von denen Picht in Gingst, Kosegarten in Altenkirchen und Schwarz in Wiek eine bleibende Bedeutung erlangt haben.

Der Hauptwirtschaftszweig wurde durch die Landwirtschaft gebildet. Besonders hohe Getreideerträge, die nach Stralsund verschifft wurden, erzielte man auf Wittow. Hier begann man um 1800 auch mit dem Anbau von Klee und Wicken. Die Fruchtfolge war die sogenannte Schlagwirtschaft: Winterkorn (Weizen oder Roggen) – Gerste – Erbsen – Gerste – Hafer – Brache (Klee).

Ackerfeld bei Bergen 1960

Ackerfeld bei Bergen 1960

Die Rinderzucht wurde durch die Anlegung sogenannter Holländereien sehr vergrößert und durch den Ankauf fremder Zuchttiere auf den großen Gütern verbessert. Noch im argen lag die Schafzucht trotz weiter Heideflächen, die es auf Rügen noch gab, und die heute entweder aufgeforstet oder Ackerland sind. Erinnert sei an die Boldevitzer, die Patziger und die Ralswieker Heide. Auch die Schaabe, die Schmale Heide und die Landschaft um Sehlen waren damals noch Heideland.

 

Fast zwei Jahrhunderte „Schwedenzeit“

König Gustav IV Adolf hob Pommersche Verfassung und die Leibeigenschaft auf

(OZ v- 5.11.1976) Rügens militärisch-strategische und wirtschaftliche Bedeutung führte seit dem 12. Jahrhundert  zu verschiedenen Kriegen um seinen Besitz. Weniger bekannt ist eine längere schwedische Verwaltung zwischen 1630 und 1815. Diese Epoche verbindet gleichzeitig unsere beiden Ostseeländer und wird daher auch gemeinsam von den Historikern erforscht.

Schweden hatte sich im 17. Jahrhundert zu einer europäischen Großmacht entwickelt und innerhalb des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) u. a. das damalige Vorpommern bis zur Peene besetzt. Schweden behielt es bis zur preußischen Übernahme am 19. September 1815.

Ehemaliges Herrenhaus Spyker 1980, errichtet Ende des 16. Jahrhunderts, umgebaut durch den schwedischen General v. Wrangel (1613-1676) um 1650. Zu DDR-Zeiten war es ein Ferienheim des FDGB, heute Restaurant und Hotel.

Ehemaliges Herrenhaus Spyker 1980, errichtet Ende des 16. Jahrhunderts, umgebaut durch den schwedischen General v. Wrangel (1613-1676) um 1650. Zu DDR-Zeiten war es ein Ferienheim des FDGB, heute Restaurant und Hotel.

In diesem Zeitraum vollzogen sich die Entwicklung finsterster feudaler Ausbeutung der Bauernschaft und die Bildung des adligen Großgrundbesitzes. Durch das sogenannte Bauernlegen, bei dem der Grund und Boden des Bauern entschädigungslos dem Herrenhof zugeschlagen wurde, verringerte man den Bauernstand beträchtlich. Hinzu kamen ungeheure Frondienste (Hand- und Spanndienste), die bis zu fünf Tage wöchentlicher Arbeit auf dem Herrenhof umfassten, sowie unzählige Abgaben. Auf Rügen war es Zehnt und Gült, Grundzinsen, Herdgeld, Pfingstlamm, Martinsgans, Fastnachtshühner, die besten Stücke aus dem Nachlass des Bauern (sog. Besthaupt oder Buttteil) usw.

Altes Bauernhaus in der „Rugard-Heide“ am Wege von Bergen nach Buschvitz 1958. Alte Fischernetze dienten als Zaunbegrenzungen. Das Haus wurde wenige Jahre später aufgegeben und existiert nicht mehr.

Altes Bauernhaus in der „Rugard-Heide“ am Wege von Bergen nach Buschvitz 1958. Alte Fischernetze dienten als Zaunbegrenzungen. Das Haus wurde wenige Jahre später aufgegeben und existiert nicht mehr.

Nach 1780 wurde diese Ausbeutung besonders verschärft, und man legte ganze Bauerndörfer. Ernst Moritz Arndt, ein mutiger Kämpfer gegen die Leibeigenschaft, gibt uns eine Schilderung: „Auf Rügen wütete dies Unheil (des Bauernlegens) viel schlimmer als in Pommern, weil dort der kleinste und ärmste Adel war, auch wurden im ganzen die Leute auf Rügen viel strenger gehalten als in Pommern …“ 1797 erhoben sich die Tagelöhner und „gelegten“ Bauern in Boldevitz gegen die Gutsherrschaft. Ihr Aufstand wurde durch Militär niedergeworfen. Zu dieser Zeit waren zwei Drittel der Landbevölkerung leibeigen. Etwa 1000 Menschen flohen (nach Arndt) zwischen 1780 und 1800 von der Insel.

Groß Schoritz. Herrenhaus 2005.  Hier wurde Ernst Moritz Arndt am 26. Dezember 1769 geboren.

Groß Schoritz. Herrenhaus 2005.
Hier wurde Ernst Moritz Arndt am 26. Dezember 1769 geboren. 

Diese unmenschliche Politik wurde vom pommerschen Adel sowie vom oft feudal verketteten Bürgertum getragen, die sich auf reaktionäre Gesetzgebungen von 1616 und 1646 stützten. Die schwedische Regierung versuchte seit dem Ausgang des 17. Jahrhunderts durch eine progressive Agrarpolitik, einen wirtschaftlich und militärisch leistungsfähigen Bauernstand zu schaffen. Um eine gerechtere Steuerregelung zu erreichen, wurde auf Rügen eine neue Landvermessung vorgenommen. Gleichzeitig bemühten sich die Schweden um eine Lockerung der Leibeigenschaft durch das System des Pachtbauern. Seit 1780 parzellierte die Regierung daher einige Domänen und schaffte verschiedene Frondienste ab.

Stralsund, Badenstr. 17. Der 1726 bis 1730 erbaute Sitz des schwedischen Generalgouverneurs. Hier erfolgte 1815 die Übergabe Schwedisch Vorpommerns an Preußen.

Stralsund, Badenstr. 17. Der 1726 bis 1730 erbaute Sitz des schwedischen Generalgouverneurs. Hier erfolgte 1815 die Übergabe Schwedisch Vorpommerns an Preußen.

Leider blieben diese Maßnahmen meist erfolglos, da entsprechend der Pommerschen Verfassung die Landstände für die Innenpolitik maßgebend waren. Diese Landstände, seit 1650 standen ihnen die Grafen und später die Fürsten von Putbus vor, umfassten jedoch nur Vertreter der Ritterschaft, der Geistlichkeit und der Städte (auf Rügen waren es Bergen und Garz). Um 1800 versteifte sich der Widerstand des Adels gegen weitere positive schwedische Reformen. So hob der schwedische König Gustav IV Adolf die Pommersche Verfassung und die Leibeigenschaft auf. Objektiv führte das zu einer Entfaltung der nationalen Kräfte und zur Entlarvung der antinationalen Haltung des pommerschen und rügenschen Adels. Da die Bauern sich aus der Leibeigenschaft  freikaufen mussten, waren viele gezwungen, ihren Besitz dem Gutsbesitzer anzubieten oder noch einige Jahrzehnte ihre Schulden abzuarbeiten.

Stralsund, Badenstraße 39. Das um 1700 erbaute Landständehaus. Hier tagte der Neuvorpommersche Kommunallandtag bis 1881.

Stralsund, Badenstraße 39. Das um 1700 erbaute Landständehaus. Hier tagte der Neuvorpommersche Kommunallandtag bis 1881.

 Der Anschluss an die preußische Monarchie 1815 erfolgte keineswegs mit der Begeisterung, wie sie uns die ältere Heimatliteratur vorgaukelt. Adel und Bürgertum fürchteten um ihre Privilegien, wie den Getreidehandel mit Schweden. Noch einige Tage vor der Übergabe drückten die Landstände ihr Bedauern darüber aus. Die ausgebeuteten Klassen sahen in der schwedischen Regierung einen Beschützer und konnten nach den Maßnahmen von 1806 kaum eine Besserstellung erwarten.

Blick vom „Tempelberg“ bei Bobbin auf Schloss Spyker 1970. Im Hintergrund der Spykersche See und die Tromper Wiek. Bildautor unbekannt

Blick vom „Tempelberg“ bei Bobbin auf Schloss Spyker 1970. Im Hintergrund der Spykersche See und die Tromper Wiek. Bildautor unbekannt

Aus dieser Schwedenzeit haben sich auf Rügen nur wenige Spuren erhalten, so etwa das Schloss Spyker, das der schwedische Feldmarschall und Generalgouverneur Carl Gustav von Wrangel 1649 als Lehen erhielt und umbaute. Hier starb er auch 1676. In der plattdeutschen Mundart erhielten sich einige Begriffe (wie „Linjons“ für Preiselbeere) und in der Volkskultur einige Bräuche (wie Julklapp und das Tonnenreiten).