Kategorie-Archiv: Kultur

200 Jahre Tierzucht in Gustow

An der Bäderstraße von Stralsund über Garz und Putbus zu den Ferienzentren in Binz, Sellin, Baabe und Thiessow erreicht man wenige Kilometer nach der Überquerung des alten Rügendammes die kleine Kirchgemeinde Gustow mit ihrer ehrwürdigen um 1250 entstandenen Kirche, einer Mordwange von 1510 und einigen noch erhaltenen niederdeutschen und rohrgedeckten Hallenhäusern (Katen).

Mitten im Ort befindet sich der gerade rekonstruierte Gutshof Gustow. Das im englischen Tudorstil um 1850 errichtete „Herrenhaus“ erregt einige Aufmerksamkeit historisch interessierter Reisender dann doch. Der Gutshof existierte bereits 1314 und war dann bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts im Besitz der Familie von der Osten. Das in weiß durchschimmernde Gustower „Herrenhaus“  wird gerade anerkennenswert  im alten Baustil rekonstruiert.

Abb. 1. Gustow. Gusthaus im Sommer 2015. Aufn. A. Leube.

Abb. 1. Gustow. Das um 1850 im englischen Tudorstil errichtete Gutshaus in der Rekonstruktion durch den neuen Besitzer. Aufn. A. Leube 2015

Im Herbst 1945 wurde das Gut mit seinen etwa 2 000 Morgen landwirtschaftlicher Nutzfläche, Waldungen und Ödländereien innerhalb der Bodenreform auf mehr als 30 Familien aufgeteilt. 1949 entstand zunächst in Warksow und dann in Gustow eine der ersten „Maschinen-Ausleih-Stationen“ (MAS) Rügens und am 2. Oktober 1954 vollzog sich die Gründung der LPG „7. Oktober“ in Gustow, d. h. man beging noch im Sommer 1989 den 35. Jahrestag der Gründung.

Daraus wurde im Rahmen der Großraumbewirtschaftung 1977 eine der bedeutendsten landwirtschaftlichen Genossenschaften Rügens, die sich nur der Tierproduktion verschrieb. Es entstand eine „LPG (T)“ – eine landwirtschaftliche Genossenschaft der Tierproduktion.

In Gustow und der Nachbarschaft wurde bis 1991 eine Groß- bzw. Massenviehhaltung, in der z. B. die Gustower Melker am 30. September 1977 allein einen Planvorsprung von 26 276 kg Milch erreichten (OZ v. 2. 11. 1977). Dabei strebten sie erst eine Milchleistung von 4 000 kg Milch pro Kuh an. Man ahnt, dass sich dahinter eine riesige Rinderherde verbirgt.

Auch das war nicht das Ende der Entwicklung, denn nach 1990 wurde die „Agrargesellschaft Gustow mbH“ geschaffen, die wieder um 2013 fast 800 000 Euro Subventionen aus dem EU-Agrarfond für Landwirtschaft und Fischerei erhielt. 2013 besaß sie in Saalkow eine Anlage zum Halten von 750 Rindern.

Parallel dazu baute man in Gustow und Poseritz eine „Sektion Reit- und Pferdesport“ auf, die heute noch ihre Bedeutung besitzt.  Das alles ist sicher den meisten Gustowern und Poseritzer in bester Erinnerung.

Die Anfänge der rügenschen Pferdezucht in Gustow

Der Reitsport hat im Südwesten bzw. Süden Rügens seine Bedeutung behalten. So kamen zu einem Turnier in Altkamp im März 1995 110 Reiter mit fast 80 Pferden (Ostsee-Zeitung v. 6. 3. 1995, 10). Damals stammten von den 21 angetretenen Vereinen 20 aus Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings gewann kein Rügener Reiter einen Preis.

Dennoch hat der Reit- und Pferdesport erneut auf Rügen große Bedeutung. Es ist daher von Interesse zu erfahren, wo waren die Anfänge und wann setzten sie ein.

Die Familie Stuth und ihre Pferdezucht seit 1815

Weniger bekannt ist, dass gerade auf dem Gutshof Gustow unter der Gutsbesitzerfamilie Stuth ein Zentrum pommerscher Tierzucht bestand. Die Familie Stuth, die vermutlich aus dem Stralsunder Raum stammte, kaufte 1815 – also vor 200 Jahren – das mehrfach in Konkurs gegangene Rittergut Gustow. In dieser Zeit war 1806 und 1810 die Leibeigenschaft aufgehoben und der preußische Staat hatte Rügen von den Schweden durch komplizierte Verhandlungen zurück erworben. Damit endete die „Schwedenzeit“ auf Rügen.

Abb. 2. 2012 im Juni Pferdestall

Abb. 2. Gustow. Blick von der Landstraße auf den erhaltenen und verbauten Gutshof, im Hintergrund das Gutshaus und rechts die Reste des ehemaligen Pferdestalles (einst rohrgedeckt). Aufn. A. Leube 2012

 

Die neue Besitzerfamilie Stuth hat in den Jahren 1815 bis 1945 in vier Generationen das Gut über alle Krisen und Kriegszeiten hinweg gehalten und ausgebaut. Sie war Arbeitsgeber für die meisten Einwohner der Kirchgemeinde Gustow, wie sie auch verantwortlich war für die Infrastruktur (Katenbau, Wege- und Straßenbau), die „Armenpflege“ (d. h. für soziale Ausgaben), den Erhalt und Ausbau der Kirche selbst und die eigentliche Gemeindeverwaltung.

Man kann sich zwar darüber streiten, ob die Stuths diese Aufgaben immer verantwortlich wahrnahmen, darf aber diese kommunale Tätigkeit verbunden mit finanziellen Ausgaben nicht ignorieren. Nicht vergessen darf man aber auch, dass nahezu alle männlichen Stuths der vierten Generation sich der nationalsozialistischen Bewegung und Idee aktiv verschrieben hatten. Die Gustower und Saalkower Stuths endeten 1945 durch Freitod, wie die Grabstätten auf dem Gustower Friedhof mahnend erinnern. Diese Gräber sind damit Geschichtsdenkmale und sollten von der Kirchgemeinde erhalten bleiben.

Die Gustower Pferdezucht seit 1929

1923 übernahm Erich Stuth in der vierten Generation den väterlichen Gutshof in Gustow. Bereits sein Vater Friedrich Stuth (1855-1929) war durch die Kaltblutzucht bekannt geworden. Schon 1929 erhielt Erich Stuth die ersten pommerschen Landespreise und machte damit die rügensche Pferdezucht bekannt. Bei einer „Vorpommerschen Kaltblutschau“ in Stralsund im Juli 1929 erhielt er einen „1b – Preis“ für die selbstgezogene dreijährige Stute „Xenia“ und die selbstgezogene zweijährige „Blondine“. Außerdem erhielt er einen 2. Platz für sein Fohlen „Martha“. 

Drei Jahre später konnte Erich Stuth weitere Zuchtpreise „einheimsen“, so 1932 auf der „3. Vorpommerschen (Jubiläums-)Kaltblutschau“ in Stralsund. Hatte man bisher in Vorpommern den Nachwuchs an Kaltblut aus dem Rheinland eingeführt und auf Rügen nur weiter gezüchtet, so konnte Erich Stuth eigen gezogene Saugfüllen vorführen.

Hier hatte Erich Stuth große Erfolge, wie er auch bei der Zucht 4jähriger und älterer Mutterstuten mit „Fohlen am Fuß“ prämiert wurde. Insgesamt erhielt Erich Stuth auf der 1932 stattgefundenen Kaltblutschau sechs Spitzen-Preise und eine „Gedenkmünze“. Dem folgten noch ein Sonderpreis und eine weitere „Gedenkmünze“ der „Pommerschen Landwirtschaftskammer“. Diese züchterische Leistung wurde von den Veranstaltern hinsichtlich der schwierigen Lage der Landwirtschaft anerkannt und gewürdigt. Der Name Stuth wurde in der Presse besonders hervorgehoben: „Herr Stuth, Gustow, hatte die besten Saugfüllen“!

Abb. 3. Die Zuchterfolge des Gustower Gutsbesitzer Erich Stuth (Rügensche Zeitung Nr. 133 v. 31. Juli 1932).

Abb. 3. Die Zuchterfolge des Gustower Gutsbesitzer Erich Stuth (Rügensche Zeitung Nr. 133 v. 31. Juli 1932). Rgb. – Rittergutsbesitzer; Rgp. – Rittergutspächter; Dp. – Domänenpächter

 

In dieser Zeit gehörte er dem Vorstand der „Rügenschen Kaltblutzucht-Genossenschaft m. b. H.“ an und stellte spätestens seit 1929 seinen Hengst „Gaston de Chateau“ zum Decken zur Verfügung. Der etwas eigenartige französische Name kann eine Erinnerung an den in Frankreich gefallenen Bruder Werner (1899-1919) symbolisieren. Er kann natürlich seinen damals noch gepflegten Gustower Gutshof  mit einem „Chateau“ verglichen haben.

Am 1. Juli 1939 fand in Samtens die „Stutenschau der Kaltblutzüchter Rügens“ statt. Es war das letzte Friedensjahr und damit ein gewisser Abschluss der Stuthschen Pferdezucht. Erich Stuth wurde dabei neben den Gutspächtern Elgeti, Jarkvitz, Kroos, Güttin, und Conrad, Gr. Kubbelkow, mit einer Staatsprämie gewürdigt. Dem folgte außerdem ein „Ehrenpreis“, eine weitere Staatsprämie für zweijährige Stutfohlen, einen ersten Preis sowie einen Freideckschein und Ehrenpreis der Genossenschaft für sechsjährige und ältere Stuten.

Die höchste Prämierung auf Rügen erhielt aber seine Stute „Bertha“ mit ihren sechs Nachkommen – das war der Ehrenpreis und „1a-Preis“ des „Verbandes Pommerscher Kaltblutzüchter“ und der Genossenschaft Rügen. Allein 1939 waren es sieben Preise für die Gustower Pferdezucht.

Abb. 4. Die Zuchterfolge des Gustower Gutsbesitzers Erich Stuth im Jahre 1932 (Rügensche Zeitung 1932 Nr. 132 v. 31. 7. 1932).

Abb. 4. Die Zuchterfolge des Gustower Gutsbesitzers Erich Stuth im Jahre 1932 (Rügensche Zeitung 1932 Nr. 132 v. 31. 7. 1932)

 

Die rügensche Kaltblut-Pferdezucht wurde lange Zeit durch den Gutspächter Ferdinand Utesch (1859-1932), Teschenhagen, geprägt. Er baute mit dem Oberamtmann und Gutspächter Kroos, Güttin, die „Rügensche Kaltblut-Pferdezucht-Genossenschaft“ auf. Bedeutendster Züchter war allerdings der Rittergutsbesitzer von Esbeck-Platen, Capelle, der 1928 „die große Ehrenurkunde des Reichsverbandes der Kaltblutzüchter Deutschlands“ erhielt. Nachfolger dieser großen Züchter wurde auf Rügen zweifellos in der Nazi-Zeit Erich Stuth, der spätestens auch 1940 „Aufsichtsratsvorsitzender“ dieser Genossenschaft wurde.

Mitte März 1944 verfügte Erich Stuth über den Warmbluthengst „Arnsfried“, der zum „Warmblutzuchtverein Rügen“ gehörte. Zu dieser Zeit befand sich die Deckstelle des „Kaltblut-Stutbuches“ u. a. in Jarkvitz und in Poseritz, aber nicht mehr in Gustow. Man gewinnt daher den Eindruck, dass sich Erich Stuth spätestens 1944 aus der Kaltblutzucht zurückgezogen hatte.

Von den 23 Standorten der rügenschen Kaltbluthengste befand sich 1944 keine mehr in Gustow, wohl aber in Poseritz/Pfarrhof („Unkel“), Warksow („Urlauber“), Benz („Querulant“) und in Jarkvitz („Lemgo“ und „Don Tagilus“).

1944 befand sich von den 11 Standorten der Warmbluthengste mit dem Deckhengst „Arnfried“ einer in Gustow.

Der preisgekrönte  Gustower Bulle „Marthell“

Parallel zur Pferdezucht gehörte Erich Stuth auch der „Pommerschen Herdbuchgesellschaft“ an und leitete seit 1926 den pommerschen „Rindviehkontrollverein“, der der Stettiner Landwirtschaftskammer unterstand. In diesem Jahr erhielt er auf einer pommerschen Tierschau den dritten Preis für seinen Bullen „Marthell“. Dieser Name könnte aus uns heute unbekannten Gründen dem englischen Sprachgebrauch entnommen sein, wie er auch eine Anlehnung an den Namen Martha darstellen könnte.

Auch im Jahre 1936 zeichnete sich die „Zucht Stuth/Gustow“ mit bemerkenswerten Prämierungen aus. Bei der 174. Zuchtviehversteigerung der Herdbuchgesellschaft in Stralsund erhielt Stuth den zweiten (1b-Preis) und dritten (1c-Preis) Preis für die Bullen „Tarock“ und „Tizian“. Dazu kam noch ein „3a-Preis“ für den Bullen „Roland“. Damit lag Stuth auf Rügen an erster Stelle in der Bullen-Zucht. Der Name „Tarock“ erinnert an ein Kartenspiel, das man vielleicht in der Familie Stuth gern spielte. Die Trümpfe sind hier im deutschen Spielgebrauch durch Tierdarstellungen markiert.

Den Bullen „Roland“ verkaufte er noch 1936 für 1 250 RM in den Kreis Grimmen, den „Tizian“ „als teuersten Bullen der Auktion“ für 3 300 RM nach Hinterpommern und den „Tarock“ veräußerte er für etwa 2 600 RM an einen unbekannten Interessenten.

1936 fand in der Stettiner „Pommernhalle“ eine weitere Prüfung und Prämiierung von Schweinen und Zuchtbullen statt. Erneut errang Stuth, Gustow, als einziger rügenscher Züchter einen „3c-Preis“. Damals erschien er mit dem Zuchtbullen „Quader“, der anschließend verkauft wurde.

Acht Jahre später bei der 306. Zuchtviehversteigerung der „Pommerschen Herdbuch-Gesellschaft“ in Stralsund – im Jahre 1944 – erhielt Erich Stuth und erneut als einziger Teilnehmer Rügens einen „IIIa – Preis“ für seinen Bullen „Wanderer“. Es nahmen übrigens 105 Bullen an der Versteigerug teil. Nach der Prämierung wurde der Bulle verkauft, d. h. 1945 stand keiner der preisgekrönten Bullen mehr auf dem Hof.

Deutsches Landschwein und die Gustower Zucht

Breiter als die Pferde- und Rinderzucht war die Schweinezucht auf Rügen angelegt. Aber auch hier gehörte Stuth, Gustow, zu den besten Züchtern. So verkaufte er auf der 97. Zuchtschweinversteigerung 1936 einen veredelten Landschweineber für 290 Mark – es war der höchste Preis „bei flottem Gebot“. Seit Ende des Jahres 1936 bot er „aus meiner Stammzucht des veredelten Landschweines sprungfähige Jungeber und Jungsauen“ zum Kauf an, d. h. die Gustower Schweinezucht wurde bis zum Kriegsende fortgesetzt.

Die Nachzucht in Gustow und auf Rügen

An diese züchterischen Erfolge konnte die spätere auf Tierzucht spezialisierte „LPG (T) Gustow“ offenbar nur begrenzt anknüpfen. Sie war auch kein Zuchtbetrieb mehr, da Gustow im Jahre 1980 auf einer Tierschau des Bezirkes Rostock mit rund 200 Rindern, 200 Schweinen, 150 Schafen und 30 Pferden nicht einmal erwähnt wurde. Erst in dem letzten Jahrzehnt der DDR hatte sich in Gustow und Poseritz eine Vorliebe für die Pferdezucht und den Pferdesport entwickelt. So trug die BSG Traktor Poseritz Mitte September 1986 den “Preis von Poseritz” im Springreiten und Hindernisfahren für Zweispänner aus (Ostsee-Zeitung Nr. 213 v. 9. 9. 1986, 8).

Die Stuthsche Tradition wird in Gustow gegenwärtig fortgesetzt. So erhielt im Jahre 2014 die Gustower Agrargesellschaft auf der 18. Kreisrinderschau in Putbus für ihr Milchrind „Diana“ einen Tierzuchtpreis in Bronze mit einer Schleife. „Diana“ erhielt den Titel „Miss Euter“. Überhaupt errang die Gustower Agrargesellschaft mit der Kuh „Mandy“ den Gesamtsieg auf der Kreisrinderschau.

Rückblick

Über das Leben und Wirken der Menschen aus der Zeit vor 1945 ist wenig bekannt. Es sind nun präzise 70 Jahre vergangen, da der Gustower Tierzüchter Erich Stuth aus dem Leben schied. Er wird wohl in den 15 Jahren zwischen 1929 und 1944 etwa 50 Preise, eine unbekannte Zahl an Ehrenmedaillen und diese und jene Urkunde für seine Tierzucht erhalten haben. Das ist für die Geschichte der rügenschen Landwirtschaft nicht unbedeutend. So konnte für das Gut Gustow und für seine letzte Gutsbesitzerfamilie etwas der Schleier der Vergangenheit gelüftet werden. Man sieht, auch diese kleinen Dörfer und Güter haben mehr und vielseitiges zu bieten. Genauere Nachforschungen zu ihrer Vergangenheit werden vielleicht dieses und jenes Detail vertiefen können. Vielleicht ist dieser kleine Beitrag dazu eine Anregung zur historischen Recherche, denn „das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch“ selbst (Goethe).

Abb. 5. Drammendorf. Rügensche Kaltblüter im Gespann. Aufn. A. Leube 2012

Abb. 5. Drammendorf. Rügensche Kaltblütler im Gespann. Aufn.  A. Leube 2012

Eine Keramikmanufaktur auf Hiddensee

(OZ v. 17.1.1980)

Der Stralsunder Joachim Ulrich von Giese, ein wohlhabender Armeelieferant der schwedischen Krone, erwarb im Jahre 1754 die Insel Hiddensee. Bei der Untersuchung des Bodens stellte er im nordwestlichen Uferteil des Dornbusches einen guten Ton fest. Giese beschloss, diesen industriell zur Herstellung von Töpfereierzeugnissen zu verwerten. So entstand die einzige Fayencenfabrik im ehemaligen Pommern und zugleich das älteste industrielle Unternehmen im Kreisgebiet Rügen. Weiterlesen

Lobbe – ein kleiner Ort auf Mönchgut mit 700jähriger Geschichte

von Prof. Dr. Achim Leube, Berlin, Juli 2013

Das kleine einstige Fischerdorf Lobbe ist erst in den letzten 50 Jahren als Bade- und Erholungsort bekannt und bedeutend geworden. Eine traditionelle Gastwirtschaft und „Fremdenbeherbergung“, wie es früher hieß, zeichnet den hier gelegenen „Gasthof zum Walfisch“ aus. Er liegt direkt an der Dorfstraße und unweit des breiten Badestrandes, von dem man einen herrlichen Blick über die Ostsee zu der 15 km entfernten Greifswalder Oie mit ihrem Leuchtturm und auch nach Peenemünde hat mit dem markanten ehemaligen Heizwerk, das heute als Museum genutzt wird. Weiterlesen

In memoriam Friedrich-Wilhelm Furthmann (1920 – 1986)

(OZ 1986) Am 5. Januar verstarb in Lancken-Granitz zu früh im Alter von 66 Jahren der langjährige Lehrer und Schulleiter Friedrich-Wilhelm Furthmann. Rügen verliert mit ihm einen seit 40 Jahren auf Rügen tätigen Heimatforscher, dessen Leistung und Persönlichkeit weit über das Lokale hinaus reichte, und dem wir ein ehrendes Gedenken widmen.

Bild 6. Putbrese und Furthmann

Friedrich-Wilhelm Furthmann (rechts) und Heino Putbrese (links) auf einer Tagung zur Vor- und Frühgeschichte Rügens. Aufnahme: Dipl.-Prähist. W. Lampe, Sundhagen

Friedrich-Wilhelm Furthmann wurde am 11. Februar 1920 – wie auch der in Alt Reddevitz wirkende Heimatforscher und Heimatdichter Fritz Worm (1863 – 1931) – in Barth geboren.

F.-W. Furthmann war aber gleich nach dem Kriege in Lancken-Granitz als Neulehrer tätig und blieb diesem Beruf bis zur Pensionierung treu. Seine pädagogische Arbeit als Landlehrer wurde mit der Carl-Friedrich-Wilhelm-Wander- und mit der Pestalozzi-Medaille sowie vielen weiteren Auszeichnungen gewürdigt. Während seiner Zeit als Lehrer bekam Lancken-Granitz auch einen Schulneubau.

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Schulgebäude von Lancken-Granitz im Jahre 1972

 

Seine Freizeit gehörte der Rügenschen Heimatforschung, und hier hat er sich bleibende Verdienste erworben. Es ist besonders die Ur- und Frühgeschichte, von dem ersten Auftreten des Menschen vor etwa 10 000 Jahren bis zum 13. Jahrhundert, mit ihren archäologischen Funden, die sein Interesse fand. Besonders die Orte und Gemeinden Baabe, Binz, Blieschow, Dummertevitz, Gobbin, Lancken-Granitz, Neu-Reddevitz, Sellin, Stresow usw. hat er gründlich durchforscht.

Bild 8. Karte Hagenow 1829  westl. von Lancken - Gr

Karte des Freiherrn von Hagenow aus dem Jahre 1829. Verteilung der „Hünengräber“ westlich von Lancken/Granitz und Burtevitz und südlich der heutigen Bäderchaussee

Bild 7. Lancken-Granitz. Birkengrab 2009

Großsteingrab bei Lancken/Granitz – sogenanntes Birkengrab, 2005

Dabei stützte er sich auf einen breiten Kreis interessierter Helfer und entfaltete eine rege Vortrags- und Aufklärungstätigkeit. Es gibt vermutlich kaum ein Gebiet in der DDR, das so gründlich erkundet ist, wie die Landschaft südlich der Granitz.

Seine wissenschaftlichen Kenntnisse eignete er sich durch das Studium der entsprechenden Fachliteratur und die Teilnahme an vielen Kongressen, Tagungen und Seminaren der Museen, der Akademie der Wissenschaften, des Kulturbundes und der Historiker-Gesellschaft an. Hier trat er auf und berichtete über seine Arbeit. Mehrfach wurde er als einer der erfolgreichsten Laienforscher des Ostseebezirkes ausgezeichnet.

Bild-9.-Blick-über-den-Neuensiener-See-auf-das-Dorf.-1965

Blick über den Neuensiener See auf das Dorf Lancken/Granitz im Herbst 1965

 

Ernst Moritz Arndt und die Zeit der Befreiungskämpfe 1812 bis 1814

(1979, unveröffentlicht) Die neue (Nov. 1978) fünfteilige Fernsehserie „Scharnhorst“ macht uns seit der dritten Folge mit einer der bedeutendsten Persönlichkeiten jener Zeit, mit Ernst Moritz Arndt, bekannt. Arndt gehörte zu den Vertretern einer nationalbürgerlichen Bewegung. Jedoch neigten sie zu einer nationalistischen Übersteigerung und traten für den Erhalt einer konstitutionellen Monarchie ein.

Arndt wurde am 26. Dezember 1769 wenige Kilometer südlich des alten Städtchens Garz in Groß Schoritz als Sohn eines Gutspächters geboren. Eine gusseiserne Tafel mit der Reliefplatte Arndts und einem kurzen Text am ehemaligen Gutshaus kündet davon. Im Erdgeschoß befindet sich heute das Arndt-Zimmer, das erst kürzlich umgestaltet wurde.

Groß Schoritz. Rückseite des Gutshauses. Im Vordergrund der Baumstubben der ehemaligen „Arndt-Esche“ 1991

Groß Schoritz. Rückseite des Gutshauses. Im Vordergrund der Baumstubben der ehemaligen „Arndt-Esche“ 1991

In den „Erinnerungen aus dem äußeren Leben“ zeichnet E. M. Arndt ein eindrucksvolles Bild seiner Jugendzeit. Und charakterisiert dabei das gesellschaftliche Leben Rügens im 18. Jahrhundert. „Schoritz war dann recht hart an einer Meeresbucht gelegen, welche die Halbinsel Zudar von der größeren Insel abschneidet. …“ Jedoch zog der Vater wenige Jahre später als Gutspächter nach Dumsevitz. „Dumsevitz war ein hässlicher, zufällig entstandener Hof mit einem neuen, aber doch kleinlichen Hause; indessen doch hübsche Wiesen und Teiche umher, nebst zwei sehr reichen Obstgärten, und in den Feldern, Hügel, Büsche, Teiche, Hünengräber, …”

Ehemaliges Gutshaus Dumsevitz 2005. Das Gebäude wurde erst im 19. Jahrhundert erbaut.

Ehemaliges Gutshaus Dumsevitz 2005. Das Gebäude wurde erst im 19. Jahrhundert erbaut.

1817 – nun bis zu seinem Tode in Bonn lebend – gedachtete der erst 48jährige Arndt der Kindheit in Groß Schoritz und Dumsevitz anlässlich eines letzten Rügen-Besuches in seinem Gedicht „Gruß der Heimat“:

So seh’ ich dich , mein Schoritz, wieder,
wo mir das Meer mit dunkelm Klang
die ahnungsvollen Wunderlieder
der Zukunft um die Wiege sang?

So kann ich wieder dich begrüßen,
mein Dumsevitz, du trauter Ort?
So traut, daß meine Tränen fließen,
und meine Lippe weiß kein Wort?

Zwischen 1780 und 1788 bewirtschaftete der Vater die Güter Breesen und Grabitz. „Wir waren gottlob! wieder ans Meer gekommen, fanden reichliche Obst- und Blumengärten und auch ein paar Wäldchen, die Lau bei Grabitz, den Tannenwald bei Breesen und den größeren, noch näheren Tannenwald an dem Kloster St. Jürgen vor Rambin.“

Arndt wurde durch die strenge Erziehung und der einfachen Herkunft des Vaters als eines geborenen Leibeigenen – der Fürst von Putbus gab ihm die Freiheit – mit dem Leben der Landbevölkerung eng vertraut gemacht. Er lernte ihre Nöte, ihre einfache Gastfreundschaft und ihre Abhängigkeit von der Gutsherrschaft kennen. Es verwundert daher nicht, dass sein erstes größeres Werk sich mit der „Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“ beschäftigte (1803). Das war ein Bahn brechendes politisches Buch, das die angeblichen „guten patriarchalischen“ Verhältnisse zwischen Landbevölkerung und Gutsherrschaft demaskierte und als unmenschliche, brutale Ausbeutung darstellte. Besonders zwischen 1760 und 1790 wurde „der Bauernstand nicht nur allenthalben mit ungemessener Dienstbarkeit belastet, sondern durch Verwandlung der Dörfer in große Pacht- und Rittergüter endlich zerstört“.

Breesen bei Rambin 2010. Blick auf das ehemalige Gutshaus, das erst im 19. Jahrhundert errichtet wurde.

Breesen bei Rambin 2010. Blick auf das ehemalige Gutshaus, das erst im 19. Jahrhundert errichtet wurde.

Arndt sah sich bald einer Klage durch den Landadel ausgesetzt. Die schwedische Regierung, Rügen gehörte bis 1815 zu Schweden, stimmte jedoch seinem Werk zu und hob 1806 die Leibeigenschaft auf.

 Arndt zwischen 1806 und 1812

1806 verfasste er den ersten Band „Geist der Zeit“, in dem er sich vom schwedischen Staatsuntertan zum deutschen Patrioten bekannte und zum Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft aufrief. Im gleichen Jahr duellierte er sich mit einem schwedischen Offizier, der die Deutschen beleidigt hatte, unweit Stralsund und wurde schwer verwundet.

In Greifswald ließ sich Arndt nach seiner Habilitation an der dortigen Universität im Jahre 1800 als Dozent nieder und heiratete im gleichen Jahr auch. Diese äußerst kleine Universität hatte in jener Zeit nur 60 Studenten. Arndt begann mit Vorlesungen und Seminare zur Geschichte Italiens und Griechenlands, die zunächst keine Teilnehmer fanden. Erst mit thematischen Erweiterungen, die die Geschichte der germanischen Stämme, ja sogar der Vorgeschichte, die Geschichte der jetzigen Staaten mit „der Kraft der Wissenschaft und Erfindungen aller Zeiten“, gelang es ihm, das Interesse „weniger Zuhörer zu fesseln“ – so hatte es 1908 der Germanist Heinrich Meisner geschildert. .

Greifswald. Arndts Wohnhaus in der Greifswalder Johann-Sebastian-Bach-Straße 2013

Greifswald 2013. Arndts Wohnhaus in der Greifswalder Johann-Sebastian-Bach-Straße

1812 beim erneuten Einmarsch der Franzosen verließ er illegal als „Sprachmeister Allmann“ seine Heimat und reiste über Berlin nach Breslau (heute Wroclaw). Jetzt lässt sich sein Leben mit den Ereignissen der Fernsehfolge „Scharnhorst“ verbinden. Denn Arndt trifft hier auf Blücher, Gneisenau, Boyen, Gruner, und auf Scharnhorst. Er charakterisiert Scharnhorst: „schlichteste Wahrheit in Einfalt, geradeste Kühnheit in besonderer Klarheit, das war „Scharnhorst.“ Seine historische Bedeutung besteht nach Arndt darin, dass Scharnhorst „tiefer als einer des Vaterlands Weh gefühlt und mehr als irgend einer zur Hebung desselben gestrebt und gewirkt hat“. Als Scharnhorst 1813 einer Verwundung erlag, widmete Arndt ihm zwei Lieder („Waffenschmied deutscher Freiheit“ und „Scharnhorst als Ehrenbote“).

Arndt ging mit Gruner nach Prag und vertraute sich dann Schmugglern an, die Ihn über Polen, Galizien nach Kiew führten. Am 16. August 1812 traf er mit dem Freiherrn vom Stein im damaligen Petersburg zusammen. Er wirkte nun als dessen Sekretär und wurde von der russischen Regierung angestellt. 1812 schrieb er sein einprägsames „Vaterlandslied“:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte,

drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.

Stein, den er „kurz, gedrungen, breit; die Worte derb, klar, fest“ beschreibt und Redlichkeit, Mut Zorn, aber auch Jähzorn bescheinigt, hatte hier einen Kreis von Patrioten zusammengezogen, von denen Arndt die Namen Dörnberg, Clausewitz, Goltz, Dohna, Boyen und Adolf Lützow nennt.

Er berichtet auch über Gustav von Barnekow aus Teschvitz bei Gingst. „Dieser Gustav von Barnekow war in Russland der genannteste deutsche Name“. Es war ein Haudegen und Draufgänger, der die Franzosen hasste und sich als Kosakenführer bei Borodino und in späteren Schlachten außerordentlich gut schlug.

 Arndt in Russland im Jahre 1812

Am kaiserlichen Hof in Petersburg erlebte Arndt die Auswirkungen der Schlacht von Borodino am 7. und des Brandes am 15. und 16. September mit. Besonders das russische Volk lernte er achten und hielt es dem deutschen als Beispiel hin. „Auch hat der gemeinste Kerl eine Miene, die sagt: Ich bin etwas, …, etwas einem Stolze ähnliches, wovon der demütige Deutsche keine Ahnung hat“.

Hier verfasste er als bedeutendste Schrift den „Kurzen Katechismus für deutsche Soldaten“, dessen Passagen über die Soldatenehre im vierten Teil der Fernsehfolge „Scharnhorst“ zitiert wurden. Diese Schrift wurde in Deutschland heimlich verbreitet und wirkte durch ihre aufrüttelnde, verständliche Sprache ungemein mobilisierend im Freiheitskampf gegen Napoleon. Arndt setzte sich mit den Begriffen Soldatenehre, gerechte und ungerechte Kriege, dem bisherigen „Kadavergehorsam“ auseinander. Unter der Führung Steins wurde in Russland aus deutschen Offizieren und Soldaten, die vor Napoleon geflüchtet bzw. desertiert waren, eine „Deutsche Legion“ gebildet, der Arndt einige Agitationsschriften widmete.

Als obersten Souverän sieht Arndt das Volk: „das Land und das Volk sollen unsterblich und ewig sein, aber die Herren und ihren Ehren und Schanden vergänglich“. Diese revolutionären aufrührerischen Worte und Gedanken musste Arndt in späteren Auflagen ändern. Sie wurden ihm in der sogenannten Demagogenverfolgung einige Jahrzehnte später dennoch mit zum Verhängnis und führten zu seinem zeitweiligen Berufsverbot.

 Arndt im Jahre 1813

Am 15. Januar 1813 folgte Arndt den siegreichen russischen Truppen nach Deutschland und lernte dabei den General York („eine starre, entschlossene Gestalt, eine gewölbte Stirn voll Mut und Verstand, …“) kennen.

Im damaligen Ostpreußen wurde mit der Aufstellung der Landwehr und des Landsturms die Volksbewaffnung unter der Führung Scharnhorsts eingeleitet. Arndt schrieb dazu seine populärste Arbeit „Was bedeutet Landwehr und Landsturm?“ Die dadurch ausgelöste Begeisterung und der Wille der Volksmassen zur patriotischen Erhebung zwangen den preußischen König schließlich am 17. März Landwehr und Landsturm aufzubieten.

In den folgenden Schriften, die unter dem Motto „Was müssen die Deutschen jetzt tun?“ standen, wurden Arndts Anklagen gegen das feudale Kleinstaatensystem und die Forderung nach einem einheitlichen, demokratischen immer kühner und mächtiger. Teilweise waren sie jedoch mit Ausfällen gegen das französische Volk und Gebietsforderungen belastet, neben dem Wunsch nach einem deutschen Kaiser an der Spitze des Reiches. Bereits jetzt stand Arndt eine starke Gegnerschaft, die den Druck einiger Schriften zu verhindern wusste, gegenüber und ihn zwang, einiges anonym erscheinen zu lassen.

 Arndt in Bonn

1818 erhielt Arndt an der neu gegründeten Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn eine Professur für Geschichte. Er wurde aber bereits 1820 suspendiert und erst 1840 unter Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wieder zugelassen. 1854 ließ er sich mit sagenhaften 85 Jahren emeritieren.

Arndt Villa Bonn

Die von Arndt erbaute Villa „Haus Lülow“ in Bonn

Zur 1841 erfolgten Grundsteinlegung des „Hermannsdenkmal“ im Teutoburger Wald dichtete der 72jährige Arndt eines seiner bedeutendsten, zugleich missdeuteten Poeme „Was ist des Deutschen Vaterland?“

Das ganze Deutschland soll es sein!
Das sei der Ruf, der Klang, der Schein,
der junge und der alte Schluß,
der Blücher, der Arminius!
Das soll es sein!
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

Und ein Jahr später schrieb er die vielfach vertonte Hymne der Rüganer und all jener, die weit von der Heimat entfernt leben:
 

Heimweh nach Rügen

O Land der dunklen Haine,
O Glanz der blauen See,
O Eiland, das ich meine,
Wie tut’s nach Dir mir weh!
Nach Fluchten und nach Zügen
Weit über Land und Meer,
Mein trautes Ländchen Rügen,
Wie mahnst Du mich so sehr!

 
Arndt, der noch 18 Jahre bis zu seinem Tode am 29. Januar 1860 in Bonn lebte, schloss sein Gedicht mit dem Wunsch:
 

Fern, fern vom Heimatlande
Liegt Haus und Grab am Rhein.
Nie werd’ an deinem Strande
Ich wieder Pilger sein.
Drum grüß ich aus der Ferne
Dich, Eiland, lieb und grün:
Sollst unterm besten Sterne
Des Himmels ewig blühn!

 
Wir ehren in Arndt – zu Recht als Rügens größter Sohn bezeichnet – einen unerbittlichen Kämpfer für die Freiheit eines Volkes für die Menschenwürde und Menschenrechte jedes einzelnen. Im nationalen Freiheitskampf 1812 bis 1814 gehörte er zu den führenden deutschen Patrioten.
 
Verwendete Literatur u. a.: Ernst Moritz Arndts ausgewählte Werke in 16 Bänden. Hrsg. Heinrich Meissner und Robert Geerts, Leipzig, 1908; Weber, R. (Herausgeber), Ernst Moritz Arndt. Erinnerungen 1769-1815. Berlin; Bock, S. und Helms, Th., Schlösser und Herrenhäuser auf Rügen. Bremen.
 

Christian Albert Theodor Billroth

Zum 150. Geburtstag des gebürtigen Bergeners

 (1979, nicht veröffentlicht) 1896 erfolgte in Würdigung des zwei Jahre zuvor verstorbenen weltbekannten Mediziners Billroth die Umbenennung der bisherigen Toten-, Kloster- und Joachimstraße in Billrothstraße durch den Magistrat der Stadt Bergen.

Bergen auf Rügen. Geburtshaus des Mediziners Theodor Billroth in der Billrothstraße 1967

Bergen auf Rügen. Geburtshaus des Mediziners Theodor Billroth in der Billrothstraße 1967

Hier, in dem heutigen Haus Billrothstraße 17, wurde Theodor Billroth vor genau 150 Jahren am 26. April 1829 geboren. Daran erinnert auch eine Metalltafel, die an dem Haus angebracht ist.

Billroth verlebte nur wenige Jahre in Bergen. Die Schulzeit und einen Teil seines Medizinstudiums – die Jahre 1836 bis 1849 – verbrachte er in der Greifswald. Darauf weist eine Metalltafel in der Greifswalder Domstraße darauf hin.

Greifswald. Wohnhaus des Mediziners Theodor Billroth von 1836 bis 1849 in der Domstraße  2013

Greifswald 2013. Wohnhaus des Mediziners Theodor Billroth von 1836 bis 1849 in der Domstraße

Sein Hauptwirkungsfeld wurde ab 1867 die II. Chirurgische Lehrkanzel in Wien, wo er u. a. die wissenschaftliche Chirurgie entwickelte. Neue Operationsmethoden, wie die erstmals gelungene Speiseröhrenentfernung 1871 und die Kehlkopfentfernung 1883, wie auch seine Arbeiten über Wundfieber und akzidentelle Wundkrankheiten, Billroth führte die Antisepsis ein, begründeten seinen Weltruhm. Aufsehen erregte die erste erfolgreiche Magenresektion 1881 bei einem Krebspatienten. Damit gab er der modernen Medizin die Grundlage für Eingriffe auf dem Gebiet des Magen- und Darmtraktes.

Theodor Billroth verstarb mit fast 65 Jahren in Abbazia (heute Opatia, Kroatien) am 6. Februar 1894, und erhielt ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

 

„Wissenswertes in Kürze von Arkona bis Zudar“ und „Vom Badekarren bis zum Strandkorb“

(OZ v. 10.1.1978) „Rügen von A bis Z“ heißt eine lexikonartig aufgebaute Broschüre von Heinz Lehmann und Renate Meyer, die nun bereits in zweiter erweiterter Auflage erschienen ist. Wie der Untertitel verrät, vermittelt das Büchlein „Wissenswertes in Kürze von Arkona bis Zudar“. Es enthält 156 Stichworte über die Geschichte der Insel, ihrer Städte und Dörfer, über Geographie, Geologie und Biologie, über Volkskunde, Dichtung und Malerei, über Schifffahrt, Fischerei, Technik Industrie und über Touristik. Den Autoren ist zu diesem Buch nur zu gratulieren, da nach längerer Zeit wieder ein umfangreicher Überblick über die Insel Rügen gegeben wird.

Natürlich kann man über die Auswahl der Stichworte und über deren Informationsgehalt mitunter geteilter Meinung sein. So haben die Verfasser zwar die gewaltigen ökonomischen und sozialen Veränderungen Rügens in der Ortsgeschichte dargestellt, dennoch wäre es wünschenswert, besonders resümierende Stichworte wie „Landwirtschaft“ und „Tierzucht“, u. ä. einzubauen. Nahezu vergessen worden ist der Sport. Auf Rügen gibt es aber aktiven Motor-, Pferde-, Schach-, Segel- und Ballsport. Erinnert sei auch an das Sundschwimmen oder an die Göhrener Sportakrobaten als ständige DDR-Meister.

Einige Unklarheiten und veraltete Auffassungen (Geschichte und Geologie betreffend) sollten durch Konsultationen mit den entsprechenden Fachstellen behoben werden.

Eine empfehlenswerte Lektüre bildet auch das Buch „Vom Badekarren bis zum Strandkorb“ von Horst Prignitz. Mit großer Sorgfalt, gründlichem Materialstudium und in gelungener Umsetzung (Zeichnungen von Inge Brüx-Gorisch) wird hier der Geschichte des Badewesens an der Ostseeküste nachgegangen. Prignitz bemühte sich um die Wiedergabe von Gemälden, Zeichnungen oder Fotos aus den Anfängen des Badewesens. Die Anfänge dieser Entwicklung auf Rügen (Badeorte Sagard und Putbus) sind sehr detailgetreu wiedergegeben.

Badehaus in der Goor bei Lauterbach. Erbaut vom Fürsten Malte zu Putbus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nach 1945 Wohnraum für etwa 40 Personen. Seit 1957 Urlaubszentrum des Eisenhüttenwerkes in Eisenhüttenstadt. Heute privatisiert.

Badehaus in der Goor bei Lauterbach. Erbaut vom Fürsten Malte zu Putbus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nach 1945 Wohnraum für etwa 40 Personen. Seit 1957 Urlaubszentrum des Eisenhüttenwerkes in Eisenhüttenstadt. Heute privatisiert.

Nach 1880 entwickelte sich Rügen zum größten Erholungsgebiet an der Ostsee. Im Jahre 1900 gab es bereits 44 000 Badegäste. Als beliebte und auch damals begehrte Ostseebäder galten Sassnitz-Crampas, Binz und Göhren. Besonders Angehörige der Geldaristokratie suchten die teuren Bäder Rügens und Usedoms auf, daneben aber auch Angehörige des Adels, Kaufleute, Gutsbesitzer, Beamte, Handwerker und dergleichen. Die Masse der Bevölkerung hatte auch um 1900 und danach keine Möglichkeit, ins Bad zu fahren, da das Geld fehlte und es noch keine Urlaubsregelung (mit einigen Ausnahmen) gab.

Haus Rheingold. Zu dieser Zeit eine HO-Gaststätte 1984.

Haus Rheingold. Zu dieser Zeit eine HO-Gaststätte 1984.

Prignitz erinnert dazu an den mühevollen Anfang nach 1945. Schwarzhändler und Schieber trieben ihr Unwesen. So wurden für ein Pfund Dorsch 20 bis 30 Mark und für eine Kanne „Muckefuck“ 3,59 Mark verlangt. 1947 begann aber der FDGB-Feriendienst, diesen Auswüchsen ein Ende zu setzen. So wurde der Ostseebezirk zum führenden Urlaubszentrum der DDR. – Ein umfangreicher Anhang und eine Literaturauswahl gestatten weiterführende Studien für Interessenten.

 

Aus Rügens jüngster Vergangenheit

Band 11 des „Greifswald-Stralsunder Jahrbuches“ mit zehn interessanten Artikeln über unsere Insel

( OZ, 6.1.1978) Ende 1977 erschien der 11. Band des „Greifswald-Stralsunder Jahrbuches“. Diese regionalgeschichtliche Zeitschrift – sie wird seit 1961 herausgegeben – veröffentlicht Forschungen aus und über den Nordosten unserer Republik. Von den 17 Beiträgen in diesem Band gehen allein zehn mehr oder weniger direkt auf Rügen ein. Dr. Harry Schmidt, Greifswald, untersucht die „Schmale Heide“ bis zum Jahre 1855. Die hier gelegenen Feuersteinfelder – sie entstanden zwischen 2000 und 1500 v. Chr. – wurden erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts teilweise aufgeforstet, solange galten sie als Tierweide.

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Feuersteinfelder von Prora 1985

Am Beispiel der ehemaligen Insel „Großer Stubber“ – der heutigen „Großer Stubber-Bank“ – einige Kilometer von Thiessow im Greifswalder Bodden zeigt L. Mohr, Greifswald, die zerstörenden Eingriffe des Menschen in die Natur während des vorigen Jahrhunderts. Die Insel war noch 1835 mit „Strauchwerk von ziemlicher Höhe“ bewachsen. Danach baute man hier Kies ab und entfernte die schützenden Findlinge. Mohr geht auch der Frage nach, ob dieses Eiland den Rest einer großen Landbrücke bildet.

Die breite Palette der Aufsätze umfasst dann Probleme der rügenschen Rechtsgeschichte und Eigentumsverhältnisse des hohen Mittelalters. In einer Untersuchung wird auch der Münzfund von Gingst, den Werner Plitzkow aus Gingst barg und dem Museum Stralsund übergab, der interessierten Öffentlichkeit vorgelegt. Die Münzen wurden 1631 während des Dreißigjährigen Krieges verborgen.

In einer umfangreichen Arbeit stellt J. Kornow, Greifswald, die Rolle der Arbeiterklasse bei der Entwicklung der Organe der Volksmacht in Mecklenburg von 1945 bis 1952 dar. Die Hauptrolle bei der politischen Orientierung in jenen ersten Jahren nahm die Initiativgruppe des ZK der KPD unter der Leitung von Gustav Sobottka ein. Als Instrukteure wirkten auf Rügen die Mitglieder Anton Switalla und Gottfried Grünberg. Gestützt auf authentische Materialien und Statistiken lässt sich der komplizierte Weg des Aufbaus der neuen Gesellschaft in mehreren Etappen nachvollziehen. Bei den Gemeindewahlen am 15. September 1946 gehörten von den 838 Gemeindevertretern Rügens 741 der SED an.

Bergen. Bahnhofsvorplatz. Friedhof gefallener Soldaten der Roten Armee 1987.

Bergen. Bahnhofsvorplatz. Friedhof gefallener Soldaten der Roten Armee 1987.

Analog dazu untersucht Franz Scherer, Greifswald, die Entwicklung der genossenschaftlichen See- und Küstenfischerei von 1945 bis 1957. Scherer unterstreicht die Hilfe der Sowjetischen Militäradministration beim Aufbau des Fischereiwesens. So konnte am 1. Januar 1949 mit zwölf Kuttern des VEB Ostseefischerei Mecklenburg in Sassnitz seine Arbeit aufnehmen 1954 entstanden in Dranske und Glowe die ersten rügenschen Produktionsgenossenschaften werktätiger Fischer (PWF, später FPG).

 

 

Fischereihafen von Saßnitz im Jahre 1955. Aufnahme: Kurt Leube, Bergen.

Fischereihafen von Saßnitz im Jahre 1955. Aufnahme: Kurt Leube, Bergen

1957 kam es auf Anregung des 1. Sekretärs der SED-Kreisleitung Rügen, Georg Ewald, zur ersten Konferenz der Fischereiproduktionsgenossenschaften. Hier wurden die Überlegenheit sozialistischer Produktion herausgestellt und Fragen der innergenossenschaftlichen Demokratie und der Entlohnung nach dem Leistungsprinzip diskutiert. 1960 war die sozialistische Umgestaltung der See- und Küstenfischerei im Wesentlichen abgeschlossen.

Das „Greifswald-Stralsunder Jahrbuch“, Band 11, weist eine beträchtliche Vielfalt auf. Erfreulich ist dabei, dass in fünf Beiträgen unsere jüngste Vergangenheit dargestellt ist und damit auch dem Orts- und Betriebschronisten oder dem Geschichtslehrer, wie allgemein dem historisch Interessierten, Anhaltspunkte gegeben und Zusammenhänge analysiert werden. Man wünschte sich für die Zukunft auch Anschriften im Jahrbuch vermerkt, um Anfragen an die Verfasser richten zu können.

 

Franziska Tiburtius – eine Rügener Ärztin

(OZ v. 29.4.1977)

Eine der ersten deutschen Ärztinnen war die auf Rügen geborene Franziska Tiburtius, deren Todestag sich am 5. Mai 1977 zum 50. Male jährt. Am 24. Januar 1843 hat sie in Bisdamitz (plattdeutsch Bißmitz) das Licht der Welt erblickt. Mit 84 Jahren war sie 1927 in Berlin verstorben. Franziska Tiburtius entstammte einer alten Pastorenfamilie, die im 18. Jahrhundert auf Rügen ansässig geworden war. Ihre Kindheit verlebte sie unbeschwert als Kind eines Pächters und bewies bereits hier eine enge Bindung zum einfachen Volk, die ihr ganzes Leben charakterisierte.

Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920

Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920

In einer Fülle von Mitteilungen gibt sie uns in ihren „Erinnerungen“ einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit zwischen 1850 und 1870 auf Rügen. Darunter befinden sich bemerkenswerte Aussagen zur Volkskunde Mönchguts und den damaligen sozialen Zuständen.

1851 zog die Familie nach Stralsund. Gute Schulergebnisse veranlassten ihre Ausbildung als Hauslehrerin. Darüber schrieb sie: „Es gab damals eigentlich nur einen Beruf, der für gebildete Frauen aus „guter Familie“ wählbar war, den der Lehrerin“.

Angeregt durch ihren Bruder Carl – einen Arzt – und dessen spätere Frau, die sich 1869 als erste deutsche Zahnärztin (Studium in den USA) in Berlin niederließ, nahm Franziska Tiburtius 1871 das Studium der Medizin in Zürich auf. Im damaligen Deutschland war ein Frauenstudium unmöglich: „darüber ließen private Anfragen an maßgebenden Stellen nicht den geringsten Zweifel, eine offizielle Anfrage würde als sehr unzeitgemäßer Scherz betrachtet. So blieb nur das Ausland übrig.“ In Zürich kam Franziska Tiburtius mit russischen Revolutionären und Anarchisten, besonders jungen Frauen, zusammen und nahm Partei für ein „gebildetes Proletariat“. Ihr politischer Blick weitete sich und sie begann, Anteil an der internationalen Frauenbewegung zu nehmen.

Am 16. Februar 1876 bestand sie in Zürich ihre Promotion zum Dr. med. mit dem Prädikat „sehr gut. Zwischendurch gab es immer Szenen und Provokationen etwa derart: „Ach so, Sie studieren Medizin, na ja, wir wollen nicht davon sprechen!“

Humorig schilderte Franziska Tiburtius einen Zwischenaufenthalt in Rambin, wo sie z. B. einer alten Frau einen Bruch des Unterschenkelknochens schiente. Im Lazarett in Bergen – dem Vorläufer des heutigen Krankenhauses – war man sehr zufrieden und es hieß: „De Öbberste hett seggt, dat wier wunderschön makt, dat kunn keen Perfesser bäter maken.“ Die Rambiner boten ihr sogar eine Gemeindepraxis an. Das schätzte sie wertvoller als jedes Ehrendiplom ein.

Ende 1876 ging sie mit ihrer Freundin, Dr. med. Emilie Lehmus, auch diese hatte in Zürich studiert, nach Berlin, um eine Praxis in einer Arbeitergegend zu eröffnen. Das bedeutete zahllose Schwierigkeiten, in die sich auch eine „Leuchte der Wissenschaft“, der Geheimrat Prof. Dr. R. V. (Rudolf Virchow – der Verf.) einschaltete. Beide Ärztinnen praktizierten dann in „einer kleinen, halbdunklen, im Erdgeschoss liegenden Hofwohnung“ unweit des heutigen Alexanderplatzes. „Mehrere tausend Patientinnen gingen uns im laufe eines Jahres durch die Hände, und wir hatten das erhebende Gefühl, wirklich Nutzen zu schaffen“, schrieb Franziska Tiburtius. Zeitweise mussten sie ihren medizinischen Titel gegen die männlichen Ärztekollegen verteidigen und ein Türschild „Dr. med. der Universität Zürich“ führen, was den Zuspruch sogar erhöhte.

Erst 1894 nahmen die deutschen Universitäten Frauen als Gasthörerinnen auf und ließen sie sogar erst 1898 zur Staatsexamensprüfung zu. So liegt die Bedeutung Franziska Tiburtius´ in ihrem beispielgebenden Leben und in ihrem Einsatz für die Rechte der Frau in Beruf und Studium. Heute ist den Frauen auch auf diesem Gebiet zur vollen Gleichberechtigung verholfen.

 

Zwei Bergener Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts

OZ v. 17.3.1977

Friedrich Carl Arndt und Johann Jacob Grümbke

Friedrich Carl Arndt war der Lieblingsbruder Ernst-Moritz Arndts und wurde am 19. Januar 1772 in Groß-Schoritz geboren. Nach dem Studium der Jura in Greifswald wirkte er ab 1799 in Bergen zunächst als Advokat, dann als Prokurator am Kreisgericht und schließlich von 1809 bis 1815 als Stadtrichter und „gelehrter Bürgermeister“ (Bergen besaß damals stets zwei Bürgermeister).

Dieser äußerst geistvolle Mensch stellte sich gegen das Junkertum, das er in Bauernprozessen bekämpfte 1806 schrieb er: „Die Halunken haben in dem letzten halben Jahrhundert das Beste zerstört, was in diesem süßen Ländchen war: Wo haben wir noch Bauerndörfer?“ Idealistisch hoffte er auf eine Umstellung der Adligen und der gesellschaftlichen Verhältnisse, nachdem 1806 die Leibeigenschaft aufgehoben wurde.

Mit 43 Jahren starb Carl Friedrich Arndt am 2. Juni 1815 in Stralsund. Seine Grabstelle gilt als unbekannt. Dagegen vermutete der Garzer Heimatforscher E. Wiedemann, dass er in Bergen im Eckgebäude des Marktes, dem heutigen Haus Karl-Marx-Platz Nr. 1, neben der großen Kastanie gewohnt habe (Vgl. dazu auch E. Hildebrandt, 350 Jahre Stadt Bergen. Putbus, 1963, S. 53 ff.)

Ernst-Moritz Arndt veröffentlichte den literarischen Nachlass seines Bruders in Teil 1 der „Schriften für und an seine lieben Deutschen“.

Ein Zeitgenosse, und gleichfalls eng mit Ernst-Moritz Arndt verbunden war Johann Jacob Grümbke, der am 6. September 1771 in Bergen geboren wurde und oft als „Vater der rügenschen Heimatforschung“ bezeichnet wird. Grümbke war sehr vielseitig – so ist er auch als Zeichner und Dichter bekannt – und wie Friedrich Carl Arndt schrieb „für Bergen viel zu gelehrt; er könnte jeden Tag Professor der Botanik oder Physik werden“.

Alter Friedhof Bergen, Grabstätte Johann Jacob Grümbke 2008

Alter Friedhof Bergen, Grabstätte Johann Jacob Grümbke 2008

So erhielt er 1830 auch die Würde eines Ehrendoktors der Universität Greifswald verliehen. Seine bedeutendste Arbeit erschien 1819 unter dem Titel „Neue und genaue geographisch-statistisch-historische Darstellungen von der Insel und dem Fürstenthum Rügen“. Sie ist die grundsätzliche Basis jeglicher Forschung auf Rügen.

Wenn auch das persönliche Leben Grümbkes weitgehend unbekannt blieb, so ist seine fortschrittliche Weltanschauung durch schriftliche Quellen bezeugt. Auch er verfiel in Pessimismus und Resignation – gestützt durch das Leiden an Gesichtskrebs – und zog sich als Junggeselle in die Isolation zurück. In seiner Wohnung oberhalb der einstigen „Löwen-Apotheke“ am Markt starb er am 23. März 1849. Seine Grabstelle auf dem alten Bergener Friedhof ist zwar bekannt, sie könnte jedoch besser gepflegt werden. Von seinem Nachlass scheint nur einiges in das Bergener Kirchenarchiv gelangt zu sein.

Wir achten und ehren in Friedrich Carl Arndt und in Johann Jacob Grümbke zwei rügensche Persönlichkeiten, deren Streben dem gesellschaftlichen Fortschritt, der Freiheit und Würde des Menschen galt.

Hans Delbrück – ein in Bergen geborener liberal-bürgerlicher Historiker

(OZ, 1982)

Trat entschieden gegen Bismarck auf

Hans Delbrück entstammte einer bürgerlichen Gelehrtenfamilie, deren Leistungen weitgehend zum progressiven Erbe aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gehören. Am 11. November 1848 in Bergen geboren, verließ er die Insel bald und studierte an verschiedenen Universitäten Geschichte. Es fällt allerdings schwer, seine wissenschaftlichen Leistungen im Einzelnen zu würdigen, da er eine Fülle von Aufsätzen, Büchern und Artikeln verfasste. Herausragend sind seine „Geschichte der Kriegskunst“ in fünf Bänden und die Bearbeitung des Gneisenau-Nachlasses.

Entschieden wandte er sich schon frühzeitig gegen Bismarck und den „blöden Egoismus der oberen Stände“. So bezeichnete er sich als „konservativen Sozialdemokraten“, betonte aber zugleich seine Vorliebe für eine konstitutionelle Monarchie, die außerhalb der Klassen stehen müsse. Diese idealistischen Vorstellungen über einen „Volksstaat“ vertrat er auch als Parlamentarier.

Es ist wenig bekannt, dass die Zeitung der KPD die „Rote Fahne“, in ihrer Ausgabe vom 13. November 1928 durch ihren Redakteur Paul Braun (Guddorf) das Lebenswerk des Historikers Hans Delbrück würdigte. Delbrück „gehört in die Reihe der wenigen ernsten und ehrlichen Vertreter der deutschen bürgerlichen Historikerzunft, die … den Vorurteilen der herrschenden Klassen und der dynastischen Legendenbildung entgegen traten.“

Paul Braun weist auf Delbrücks entschiedene Verurteilung des Einmarsches deutscher Truppen 1914 in Belgien. Franz Mehring bezeichnete Delbrücks „Kriegsgeschichte“ als „das bedeutendste Werk, das die Geschichtsschreibung des bürgerlichen Deutschland in dem neuen Jahrhundert produziert hat und das für die moderne Arbeiterbewegung nicht nur ein wissenschaftliches Interesse hat“.

Hans Delbrück verstarb mit 81 Jahren am 14.Juli 1929. – Internationalen Ruf erlangte auch sein Bruder Max Delbrück als Begründer der modernen Gährungstechnologie. Er wurde am 16. Mai 1850 in Bergen geboren. Schließlich sei noch der Cousin Hans Delbrücks erwähnt Berthold Delbrück. Er gilt als einer der Schöpfer der indogermanischen Sprachlehre. Berthold Delbrück wurde am 26. Juli 1842 in Putbus geboren und wirkte später an der Universität in Jena, wo er auch 1922 starb.

Sinnlos zerstört: Schloss Dwasieden

(OZ v. 4.4.1990)

In den Jahren 1873 bis 1876 wurde auf hohem Uferrand unweit von Saßnitz das Schloss Dwasieden nach dem Entwurf des damals bekannten Baurats Hitzig aus französischem Sandstein und schwedischem Granit errichtet. Die mit Säulen geschmückte Vorderfront war auf die See gerichtet. Die strenge und symmetrisch orientierte Schlossanlage mit durch Säulen gegliederten Seitenflügeln entsprach dem Stil der deutschen Renaissance. Auftraggeber war Geheimrat von Hansemann, der auch die Gutsherrschaft in Lancken/Jasmund besaß.

Sassnitz, Dwasieden, Uferpartie 2010

Sassnitz, Dwasieden, Uferpartie 2010

Zum Schloss gehörte ein umfangreicher Park mit vielen Wanderwegen entlang reicher Buchen- und Eichenbestände. Diese Waldung wird bereits 1519 erwähnt. Bemerkenswert sind einige kulturhistorische Denkmale. So liegt am Westrand des Parks ein bereits ausgegrabenes Hünengrab, das etwa 4000 Jahre alt ist. Weitere bronzezeitliche Hügelgräber befinden sich innerhalb des Parks auf einigen Anhöhen.

1936 wurde das Schloss von der Marine übernommen und diente als Offizierskasino. Als im Sommer 1948 die Kasernen der ehemaligen Marine-Garnison gesprengt wurden, fiel dieser Maßnahme auch das Schloss zum Opfer, völlig sinnlos. Im Saßnitzer Stadtarchiv befindet sich eine Notiz vom 16. April 1948, aus der hervorgeht, dass der damalige Gemeinderat einen Kreisbeschluss zur Sprengung des Schlosses Dwasieden zur Kenntnis nimmt.

dwasieden-marstall

Sassnitz, Dwasieden, Marstall 2010

Marstall und Park übernahm in den 50ger Jahren die Nationale Volksarmee. Seitdem ist das Gelände gesperrt. Dwasieden war ein beliebter Ausflugsort und konnte früher mit dem Boot angefahren werden. Eine Treppe führte vom Strand zum Schloss auf die Uferhöhe.

Stadt Bergen auf alten Ansichten

(OZ v. 23.01.1990)

Rügens Heimatliteratur konnte um ein interessantes Büchlein bereichert werden

Die Bergener Barb und Karl Zerning haben kürzlich in einem kleinen Büchlein 75 Ansichten Bergens und Bilder aus dem städtisch-kulturellen Leben zusammengestellt, die nicht nur dem Einheimischen interessante Einblicke in das Leben und die Entwicklung der kleinen Ackerbürgerstadt über drei Jahrhunderte geben. Beide Autoren haben dazu kleine informative Erklärungen erarbeitet. Es ist mit gebührendem Abstand von fast aller Heimatliteratur, die nach 1945 erschien, die erste, die dem Bürgerleben und der Stadtentwicklung Bergens zwischen 1850 und 1933 gerecht wird und sie auch mit innerer Anteilnahme und mit Liebe zum Detail wider gibt – und wohltuend empfindet man das Fehlen jeglicher Hinweise zu der Bergen immer aufgezwängten Darstellung der „Klassenkämpfe“.

Es sind vor allem wenig bekannte und heute in Vergessenheit geratene Ansichtskarten, die beide Autoren abbilden. Dabei wird eine große Vielfalt deutlich, und man ist erstaunt, wie dürftig dagegen die Motivauswahl gegenwärtiger Bildkarten ist. Hier wünscht man sich, dass die Stadtverwaltung Anregungen aufnimmt und sie touristisch umsetzt. Es müssen nicht immer der Rugard und der Markt als Signet dienen. Interessante Motive bilden z. B. die Viesch-, König- und Raddasstraße, die allerdings auch früher wenig Beachtung fanden.

Bergens Stadtzentrum hat sich seit knapp zwei Jahrhunderten wenig verändert. Dennoch sind einige Um- und Anbauten erschreckend entstellend durchgeführt und lassen sich an den alten Ansichtskarten belegen. „Beliebt“ waren bei den Bauherren der jüngsten Zeit kastenartige Vorbauten – etwa an der Rugard-Apotheke, am Ratskeller, am abgerissenen „Gasthof zum Rugard“ oder beim „Haus des Bauern“ (Königstraße 46). Eine gegliederte Fassade besaß früher auch das Bahnhofshotel, das in heutiger Zeit einen monotonen und unattraktiven Vorbau erhielt.

Gegenwärtig ist das nun über 200jährige Stadtbild gefährdet. Einige Häuser am Markt und in der Königstraße sind bereits unbewohnt und in der Bausubstanz schwer geschädigt. Das ehemalige Hotel zum Rugard wurde abgerissen. Im Rahmen der geplanten Stadtsanierung hofft man auf Lösungen, die dem Stadtbild und den Traditionen verpflichtet sind. Allerdings muss bald etwas geschehen, um weiteren Verfall zu verhindern. Vielleicht lässt sich auch das Schützenhaus wieder zum Leben erwecken. Mit seinem schönen Vorgarten war es das Vereinshaus der Schützengilde, des Turn- und des Gesangvereins. Um 1900 fanden Sommers Gartenkonzerte statt.

Einige Bilder sind dem Bergener Bürgerleben gewidmet. Hier erfahren wir etwas über Umzüge des Schützenvereins, das Schulwesen und allgemeine Geselligkeit. Viele Familien sind seit dem Mittelalter ansässig und haben der Stadt über Wirren und Unbilden hindurch die Treue gehalten. So werden die Familien Lange, Krohß, Fischer, Hellwig, Neitmann, Asmus, Kramer, Stahnke, Nehls, Palm Freese usw. erwähnt.

Ein Bild zeigt das Kriegerdenkmal auf dem Bergener Markt mit dem Spalding-Kloster. Dieser Bau wurde 1848 von Barbara Maria Spalding (1756 – 1848) als Jungfrauenstift für die Töchter des Rügenschen Bürgertums gestiftet. Die Ordensregeln und Gesetze dieses Stiftes waren sehr milde. Die Bewohnerinnen genossen alle Freiheiten, waren aber zu Sparsamkeit und Einfachheit angehalten.

Ergänzend treten viele Ansichten zum Bergener Marktleben hinzu. Neben den Viehmärkten gab es Krammärkte, wo die Bauern ihre Produkte anboten. Der Marktplatz als Zentrum urbanen Lebens war lange zeit zum Parkplatz deklassiert. Das liebevoll gestaltete Büchlein gehört in eine gepflegte Heimatbücherei. Es könnte Anlass ähnlicher Werke über die rügenschen Badeorte, über Garz und Gingst usw. werden.