Kategorie-Archiv: Allgemein

Germanen auf Rügen

Die archäologische „Gustower Kulturgruppe“

Verbunden mit den zahlreichen und umfangreichen Kies- und Sandentnahmen am Mühlenberg in den letzten 100 bis 150 Jahren sind die Zerstörungen menschlicher Friedhöfe seit der Bronzezeit bis in das frühe Mittelalter, d. h. aus einem Zeitraum von etwa 1400 vor Christi Geburt bis 1200 nach Christi Geburt, offenkundig. Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen am „Mühlenberg“ von Gustow führte sogar die Tochter des damaligen Gutsbesitzers Stuth, Barbara Stuth, schon 1938 durch. Sie war zeitweise Assistentin am Museum der Stadt Stralsund (Stuth und Eggers 1941, 118 ff.; Kunkel 1940a, 307, Anm. 100).

Abb. 1. Warksow.

Abb. 1. Grabungsschnitt in Warksow. Grabung Dr. Dirk Röttinger, Schwerin, im Jahre 2010. Man erkennt im Boden dunkle Einfärbungen als Spuren menschlicher Besiedlung

Danach steht fest, dass auf dem „Mühlenberg“ eine in der Gemarkung Gustow ansässige germanische Bevölkerung des 1. bis 4./5. Jahrhunderts nach Christi Geburt einen Friedhof anlegte. Die Toten wurden – wie heute – unverbrannt wie auch verbrannt in Grabgruben beigesetzt. Sie erhielten in ihrer vielseitigen Totentracht silbernen und bronzenen Schmuck mit.

Diese Stuthschen Ausgrabungen fanden damals große Beachtung und der damalige Landesarchäologe Otto Kunkel schrieb: „Ein germanischer Friedhof bei Gustow auf Rügen ist bemerkenswert, weil sich die bisher dort angetroffenen 21 Gräber auf die IV./V./VI. Periode der Bronzezeit, die Früh- und die Spätlatènezeit, ferner auf das 2. und das 4./5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verteilen, auf eine in Pommern recht ungewöhnlich lange Spanne also; ob jedoch von einer wirklichen Siedlungskontinuität an diesem Platze die Rede sein darf, wird erst eine Restuntersuchung des Geländes dartun können“ (Kunkel 1940a, 306 f.). Diese fand nicht statt. 1939 brach der II. Weltkrieg aus.

Spätere archäologische Ausgrabungen der 1950er und 1960er Jahre machten den Ort jedoch bedeutsam. So spricht man nach der Erforschung dieser reichhaltig ausgestatteten Gräber in internationalen Fachkreisen sogar von einer „Gustower Kulturgruppe“, die für die germanische Bevölkerung des 1. und 2. Jahrhunderts im westlichen Ostseegebiet typisch ist.  Leider sind viele dieser kulturgeschichtlich bedeutsamen Gräber durch Unvernunft und Gleichgültigkeit der hier tätigen Arbeiter vernichtet worden.

Abb. 2. Gustow - die Sieben Berge.

Abb. 2. Gustow – die „Sieben Berge“. Spätestens 2011 angepflügtes Hügelgrab der Bronzezeit. Aufn.: A. Leube. 2011. Von den einstigen sieben Hügelgräbern sind noch zwei erhalten!!

Man wünscht sich, dass die heutige aufgeklärte Zeit über ein offenes Ohr und ein wachsames Auge verfügt, um erneute Zerstörungen – zum Beispiel beim Kiesabbau am Weg nach Warksow – zu verhindern und sofort Meldung an die Baustellenleitung oder die Denkmalpflege des Kreises Vorpommern-Rügen  (Denkmalpfleger Dr. M. Sommer-Scheffler) zu erstattet.

Einen zeitgleichen Bestattungsplatz hat vor wenigen Jahren der Prähistoriker Hirsch in Rothenkirchen (Fundplatz 11) entdeckt (Zeitschrift: „Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern Nr. 54, 2006 (2007), Abb. 43, 213). Auch dieser Bestattungsplatz gehört in das 2. Jahrhundert nach Christi. Die auf dem Scheiterhaufen verbrannten Toten wurden mit allen Brandresten in sogenannten Brandgruben beigesetzt. In Rothenkirchen waren es silberne Fibeln, eine Gürtelgarnitur, ein Spinnwirtel und ein Dreilagenkamm.

Inzwischen wurden beim Bau der Chaussee B 96 n auch aus jener Zeit stammende Siedlungsplätze archäologisch untersucht, so in Drammendorf (Fundplatz 6). Es war ein dreischiffiges Wohnstallhaus von 21,5m x 5,5 m Größe, das ONO- bzw. WSW orientiert war (u. a. Zeitschrift: „Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern Nr. 54, 2006 (2007), S. 207). Dazu gehörten zwei Getreidespeicher, die auf gestelzten Pfählen errichtet waren. Auch in Götemitz wurden diese Häuser gefunden. Es waren zwei dreischiffige Hallenhäuser von 20 bzw. 25 m Länge und 7 m Breite. Letztere Siedlung scheint noch zu Beginn des 5. Jahrhunderts bestanden zu haben.

Die Grabungen an der Kiesgrube 1938

Die Gräber 1 bis 4, die 1938 durch Barbara Stuth ausgegraben wurden, befanden sich in Höhe der alten Schmiede (heute Verkaufsstelle des sozialen „Insel e. V. – Vereins Kransdorf“) in der Sandgrube. Zu dieser Zeit scheint die Sandentnahme noch mit der Hand und einiger Sorgfalt vorgenommen worden zu sein.

Abb. 3. Gustow-Mühlenberg. Grab 1-1938. Mus. Stralsund.

Abb. 3. Gustow-Mühlenberg. Grab 1/1938. Museum Stralsund (nach Herfert und Leube 1967, S. 222, Abb. 148)

Das älteste germanische Grab wurde mit den weiteren Gräbern am 17. Juni 1938 geborgen (Grab 1/1938). Leider hat sich nur das mit einzelnen Strichen verzierte Urnenunterteil erhalten (d). In diesem lagen zwei drahtförmige sogenannte geschweifte Fibeln (a, b) als eine Art von Gewandbroschen, ein sichelförmiges deformiertes Eisenmesser (c). Der Griff läuft in einen Ring zur Befestigung an einem Gürtel aus. Ein Quarzstein mit quadratischem Querschnitt, geglätteten Seiten und leichten Klopfspuren hat sich nicht mehr auffinden lassen. Er diente sicher zur Feuererzeugung.

Offenbar in geringer Entfernung wurden von den Arbeitern drei weitere Urnengräber freigelegt und gelangten zerscherbt in das Kulturhistorische Museum Stralsund (Herfert und Leube 1967, 222 ff., Abb.149 f.). Es handelt sich um engmündige Töpfe von 29 bis 35 cm Höhe. Die Töpfe der Gräber 2/1938 (a) und 3/1938 (b) besitzen einen Winkelrand und sind unverziert. Dem Urnengrab 3/1938 hatte man einen flach-doppelkonischen Spinnwirtel aus grauweißem Sandstein (c) mitgegeben.

Abb. 4. Gustow-Mühlenberg. Grab 2 und 3 des Jahres 1938. Museum Stralsund.

Abb. 4. Gustow-Mühlenberg. Grab 2 und 3 des Jahres 1938. Museum Stralsund (nach Herfert und Leube 1967, S. 222, Abb. 148)

 

Das Brandgrab 4/1938 bestand aus einem fast 30 cm hohen, schwarzen Topf, der groben Leichenbrand enthielt und auch noch vollständig erhalten war. Er besaß ein waagerechtes Ziermuster aus Diagonalen, eingeschachtelten Quadraten und Tannenzweig-Motiven. Davon gehen – wie bei Grab 1/1938 – in unterschiedlichen Abständen je zwei Rillen zur Fußplatte. Dieses Muster ist recht selten auf Gefäßen angebracht, hat aber seine zeitgleichen Parallelen im heutigen Pomorze, wie auch auf den dänischen Inseln.

Abb. 5. Gustow-Mühlenberg. Grab 4  1938. Mus. Stralsund nach Herfert und Leube 1967,  S. 224, Abb. 150

Abb. 5. Gustow-Mühlenberg. Grab 4 des Jahres 1938. Museum Stralsund (nach Herfert und Leube 1967, S. 224, Abb. 150)

Etwa 100 m weiter östlich – im Bereich des heutigen Sport- und Festplatzes am „Mühlenberg“ – wurden zwischen 1956 und 1960 mindestens fünf Brandgräber freigelegt. Ihre Kenntnis ist dem nach Gustow verzogenen Stralsunder Schulrat a. D. Jarczembowski und dem Arbeiter G. Seifke, Stralsund, zu verdanken (Berlekamp 1961, 77, 78, Abb. 42; Herfert und Leube 1967, 225 ff.). Es wurden sowohl Brand- als auch Körpergräber freigelegt, leider ohne genaue Beobachtung.

Vom Körpergrab 1/1956 war der Schädel erhalten, der Patinaspuren einer Haarnadel aufwies. Außerdem fand man im Sommer 1959 zwei beschädigte Bronzefibeln (Berlekamp 1961, 77). Dieses Grab ist mehrere Generationen jünger und in die Zeit um 100 n. Chr. zu datieren.

Abb. 6. Gustow-Mühlenberg. Bronzene Fibeln des Grabes 1 des Jahres 1956. Mus. Stralsund.

Abb. 6. Gustow-Mühlenberg. Beigaben des Grabes 1 des Jahres 1956. Museum Stralsund (nach Herfert und Leube 1967, S. 225, Abb. 151)

In jüngster Zeit wurden germanische Bestattungen des 1. und 2. Jahrhunderts im benachbarten Poseritz gleichfalls in einer Kiesgrube entdeckt (Fundplatz 8), wie auch in Klein Bandelvitz Siedlungsspuren der Germanen festgestellt wurden. So barg der Denkmalpfleger D. Kottke „eine kleine bronzene Kopfkammfibel“ von 2,1 cm Länge und verwitterter Verzierung auf der Kopfplatte (Zeitschrift „Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Band 61, 2013 (2015), 275, Abb. 57).

Zu den jüngsten Funden unseres Gebietes gehört das Bruchstück einer der seltenen „Bügelknopffibeln“ des 5. Jahrhunderts. Sie wurde durch Herrn Hanitzsch, Rothenkirchen, nach dem Pflügen gefunden (Fundplatz 7). Andere in Mecklenburg-Vorpommern geborgene archäologische Funde deuten an, dass germanische Bevölkerungsreste noch bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. hier lebten (Leube 1995, 3 ff.).

Abb. 7. Rothenkirchen. Jahrb. 44, 1996 (1997), 484, Abb. 82 in Farbe

Abb. 7. Rothenkirchen. Bruchstück einer germanischen „Bügelknopffibel“ des 5. Jahrhunderts (Zeitschrift „Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 44, 1996 /1997, S. 483 f., Abb. 82Die Menschen jener germanischen Zeit

 

Den Menschenschädel des Grabes im Jahre 1956 konnte der Berliner Anthropologe Prof. Hans Grimm wissenschaftlich untersuchen. Der Schädel stammte aus einer Körperbestattung, an dessen Hinterhaupt eine mit einer bronzenen Nadel befestigte Haarfrisur oder Kopfschleiertracht befestigt wurde. Diese Nadel hatte das gesamte Hinterhaupt grün verfärbt. Nach Hans Grimm war die beigesetzte Person ein Mann oder eine kräftigere Person von jugendlichem Alter.

Abb. 8. Gustow. Körpergrab. 1966

Abb. 8. Gustow-Mühlenberg. Menschliches Skelett im Jahre 1966 durch Dipl. Phil. P. Herfert und Dr. A. Leube freigelegt. Mus. Stralsund

Die Vorderansicht zeigt einen sehr schmalen Schädel ohne Überaugenbögen, geringen Stirnhöckern und quadratischem Umriss der Augenhöhlen. Auffallend war die deutlich geneigte Stirn, die zur Oberstirn mit einem Knick umbog, und dann steil aufstieg. Alle Nähte waren noch recht deutlich und zum Teil reich gewunden.

Abb. 9. Rekonstruktion eines germanischen Kopfes.Titelblatt Band 1 1988

Abb. 9. Rekonstruktion eines Kopfes eines Germanen durch den Anthropologen Dr. Herbert Ullrich (nach Die Germanen, Band 1, 1988, Titelblatt)

 

Bemerkenswert waren ferner ein ausladendes Hinterhaupt, gering ausgebildete Nasenwurzeln,  eine schwache Prognathie des Kiefers sowie ein kräftiges Positivkinn. Das Nackenmuskelfeld war deutlich ausgeprägt. Die Zähne waren nur noch gering erhalten. Sie zeigten einen erheblichen Zahnsteinansatz und eine starke Abkauung.

Ein ähnlicher etwas gröberer Schädel stammte aus einem Grab von Unrow, der aber eher einer Frau als einem Mann zugeordnet wurde und älter als der Gustower Mensch war. Hier waren die Überaugenbögen medial mäßig ausgebildet und der Umriss der Augenhöhlen breit-ellipsoid, jedoch stark nach außen fallend. Dazu kamen mäßig derbe Wangenbeine und ein breiterer Schädelumriss. Die Stirn war nur leicht schräg mit einem bogigen Verlauf der Oberstirn. Das Hinterhaupt war nur schwach ausladend. Die Nasenwurzel war leicht eingesattelt, die Nasenbeine schwach konkav. Leider fehlten die Zähne bis auf den Eckzahn und den ersten Prämolaren.

Wegen dieser geringen und zugleich heterogenen Knochenmaterialien sah sich der Anthropologe Hans Grimm nicht in der Lage, eine Beurteilung zum Geschlecht und zum Alter des oder der Verstorbenen zu geben.  

Germanen auf Rügen und die archäologische Gustower Kulturgruppe

Das Thema „Germanen“ hat bis in die heutige Zeit seine Faszination nicht verloren. Dennoch muss man sich gewahr sein, dass gesicherte Quellen und schriftliche Angaben aus jener Zeit – also vor mehr als 2000 Jahren – dünn gesät und widersprüchlich sind.

Charakteristisch bereits für jene Zeit menschlicher Besiedlung Rügens, aus der wir keine schriftlichen Urkunden und Bericht haben, ist ihre Heterogenität, d. h. die Vielseitigkeit in der Aufnahme unterschiedlichster Kultureinflüsse. Der Ort Gustow mit seinem Gräberfeld am „Mühlenberg“ ist nun namengebend für die menschliche Kultur im Zeitraum des 1. und 2. Jahrhunderts zwischen  der Warnow-Mündung bis zur Rega (Kolberg) im Osten.

Abb. 10. Karte der archäologischen Fundplätze, auf denen Fundgut aus Skandinaviene

Abb. 10. Karte der archäologischen Fundplätze, auf denen Fundgut aus Skandinavien – also Dänemark und Schweden – geboren wurde. Stand vor 1975 (nach Leube 1975). 1 Grabfund des 1. – 2. Jahrhunderts n. Chr.; 2 Siedlungsplatz des 1.- 2. Jahrhunderts n. Chr.; 3 Grabfund des 3. – 4. Jahrhunderts n. Chr.; 2 Siedlungsplatz des 3.- 4. Jahrhunderts n. Chr. Nr. 12 markiert das Gräberfeld Gustow

Man hatte offenbar enge Beziehungen zu den dänischen Inseln wie auch zu Jütland.

Thingstätten auf Rügen

Besonders politisch-verhängnisvolle und historisch falsche Aussagen stammen aus den Jahren 1934 bis 1945. So überlegte die NSDAP-Kreisführung auf Rügen eine zentrale „Thingstätte“ – wie überall zu Beginn des NS-Regimes in Deutschland diese Bestrebungen existierten – einzurichten. Damit wollte man eine Scheindemokratie vortäuschen, an der nur die „wehrhaften Männer“ Anteil haben sollten, und zwar „in bewusster Anlehnung an den Brauch unserer Vorfahren“ (Stettiner General-Anzeiger v. 26. 1. 1934). Derartige „Thingstätten“ sollten der neue „Mittelpunkt germanisch-völkischer Erneuerung in der Zukunft“ werden. Für Rügen stand nun die Frage – aber wo?

Abb. 11.  Bergen-Rugard. Freilichtbühne, einst als Thingstätte missbraucht. Abholzung Ostern 2015.

Abb. 11. Bergen-Rugard. Freilichtbühne, einst als Thingstätte missbraucht. Abholzung Ostern 2015

Es gab für Rügen verschiedene Vorschläge, wie die „Burg Arkona“ und Stubbenkammer mit der Hertha-Burg als „ehrwürdiges Gebiet germanischer Kultstätten“. Offenbar bezog man den damaligen Putbusser Lehrer Dr. Wilhelm Petzsch als besten Kenner der rügenschen Vorgeschichte in die Überlegungen mit ein.

Petzsch schlug daher den Burgwall „Schlossberg“ in der Nähe der Oberförsterei Werder vor, da „dessen wendische Herkunft fraglich ist“. Außerdem lag hier ein gewaltiger Findling mit näpfchenartigen Vertiefungen: „Wahrscheinlich dienten Steine dieser Art den Germanen zu kultischen Zwecken“, so die damalige NS-Presse (Stettiner General-Anzeiger v. 26. 1. 1934). Wenn Petzsch sich auch nur sehr vorsichtig äußerte und klärende Grabungen empfahl, folgerte man dennoch im nationalsozialistischen Sinne: „Auf diesem Schlossberg also, den Trümmern einer uralten, verlassenen Germanenburg, der einzigen, die Rügen sein eigen nennt, müßte der Ort sein, an dem sich die Bewohner Rügens immer wieder ihrer Verbundenheit mit ihren Vätern und mit dem jüngst aus langem Schlaf erwachten Deutschland erinnern“ (Stettiner General-Anzeiger v. 26. 1. 1934). Zeitgleich  glaubten Laienforscher auf dem „Schlossberg“ das Heiligtum der Göttin Hertha zu lokalisieren (General-Anzeiger v. 20. 3. 1934).

Der Oberschullehrer Dr. Herbert Schmidt (aktives NSDAP-Mitglied), Bergen, versuchte im Jahre 1934 sogar „die älteste rügensche Thingstätte“ auf dem Nordpeerd in Göhren zu lokalisieren (H. Schmidt 1934). Er stützte sich auf den 1834 hier erwähnten Flurnamen „Hühnerholz“ und eine eigenartige Deutung des Heimatforschers Alfred Haas. Haas hatte schon 1919 die Flurnamen „Hühner, Hünnen und Hunnen“ auf germanische Begriffe zurückgeführt (Haas 1919, 98 ff.). So verband er diese Begriffe mit der erst seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. im süddeutschen Raum überlieferten germanischen Organisationsform der „Hund- bzw. „Hundertschaft“. Zu dieser Zeit gab es auf Rügen jedoch keine germanische Besiedlung und so ist es reine Spekulation, in Göhren eine Thingstätte zu lokalisieren, ja, Herbert Schmidt, stellte selbst fest: „Man muß selbstverständlich an solche Kombinationen mit höchster Vorsicht herangehen“.

Die Idee, eine „Thingstätte“ im Mittelpunkt der Insel, in der Kreisstadt Bergen auf dem Rugard, zu errichten, wurde zunächst verworfen. Die hier gelegene slawische Burg sei z. B. nicht die älteste auf Rügen.

Der Prähistoriker Otto Kunkel in Stettin

Herbert Schmidt stand damit in nächster Nähe zum pommerschen Prähistoriker Otto Kunkel, Stettin. Zunächst behauptete dieser für eine breite Öffentlichkeit in der „Pommerschen Zeitung“ des Jahres 1938, Auswanderer aus Bornholm, das er als ein einstiges „Burgundarholm“ bezeichnete, wären in die pommerschen Gebiete eingewandert (Pommersche Zeitung v. 12. 6. 1938). Von hier aus „rüsteten sie zum Aufbruch in das überfremdete und zivilisatorisch vermorschte Imperium des Südens“, wie er die römischen Provinzen an Rhein und Donau bezeichnete. So behauptete er: „Die Ahnen eines Odowakar und seiner Mannen wurzelten in unserem Gau (Pommern)“.

Alle diese antiken Berichte sind sehr vage und widersprüchlich. Bereits 1940 formulierte der pommersche Landesarchäologe Otto Kunkel diese Problematik (im Widerspruch zu seinen obigen Thesen!): „Man bedenke auch, daß die Germanen einer eignen Volksbezeichnung ermangelten und daß ihr von fremder Zunge geformter Name nur selten für die Gesamtheit aller Stämme, Verbände und Völkerschaften angewandt wurde“ (Kunkel 1940a, 337).

Rügen und die Rugier

Aus der Namensgleichheit zwischen „Rügen“ und Rugiern“ ist besonders in der heimatgeschichtlichen Literatur eines Carl Gustav von Platen der Stamm der Rugii herangezogen worden (v. Platen 1936, 316 ff.; dagegen Kunkel 1940b, 191 ff.). Besondere Bedeutung erreichten damals die Aufsätze „Vorpommern und Rügen in germanischer Frühgeschichte und Heldensage“ des Bergener Studiendirektors Dr. Baetke (1931, 1 ff.) und „Rügen und die Rugier“ des späteren Greifswalder Universitätsprofessors Wilhelm Petzsch (1931, 170 ff.).

Abb. 12.  Wilhelm Petzsch.

Abb. 12. Wilhelm Petzsch (1892-1938). Der bedeutende Prähistoriker der 1920er und 1930er Jahre auf Rügen und in Vorpommern

Beide sprachen sich für die Anwesenheit der Rugier in den ersten Jahrhunderten nach Chr. aus – und irrten beide, d. h. ihre Aufsätze und ihre Thesen sind hinfällig! Ihre beiden Aufsätze sind gefüllt mit falschen Behauptungen, fehlenden historischen und archäologischen Fakten und methodischen Missdeutungen.

Der Glaube, dass man aus dem archäologischen oder anthropologischen Fundgut auf die Existenz von germanischen Stämmen schließen kann, hat sich heute als ein gewaltiger Irrtum erwiesen. Ja selbst die Präsenz der großen Bevölkerungsgruppe der Germanen bereits um Christi Geburt im östlichen Ostseeraum ist umstritten. Dazu gibt es keine schriftlichen Quellen. Selbst die germanische Sprache war z. B. in dieser Zeit noch nicht ausgeprägt.

Der Nerthus- oder Hertha-Kult

Der römische Historiker Tacitus hatte im Jahre 98 n. Chr. ein Buch „Germania“ geschrieben und ging darin im cap. 40,2 auf sieben Stämme ein, die gemeinsam eine Muttergottheit verehrten, die er mit der römischen Terra mater verglich. Hier die deutsche Übersetzung:

„Dann folgen die Reudingner, Avionen, Anglier, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuitonen. Im einzelnen gibt es bei ihnen nichts Bemerkenswertes, außer dass sie gemeinsam Hertha, d. h. die Mutter Erde, verehren und glauben, daß sie in die Angelegenheiten der Menschen eingreift und ihre Stämme in einem Wagen besucht“. Als Raum nannte er die „cimbrische“ Halbinsel – das ist aber eher Jütland als Rügen.

Die heute übliche Darstellung der Reiseführer am slawischen Burgwall und Burgwall-See, am Hertha-See, bei Stubbenkammer dieses Stammesheiligtum zu sehen, ist entsprechend falsch – wird aber wohl unverdrossen weiter gegeben.

Die Tracht der Gustower Germanen

Sie erhielten in ihrer vielseitigen Totentracht silbernen und bronzenen Schmuck mit – unvergleichlich mit der heutigen Zeit. Erhalten haben sich allerdings nur die metallenen Teile des Körperschmucks. Bei Toten, die unverbrannt beigesetzt worden waren, konnte der Schmuck recht genau am Körper fixiert und eine Tracht rekonstruiert werden.

Abb. 13. Warksow. Gräbergruppe des 2. Jahrhunderts

Abb. 13. Warksow. 1964 bis 1966 wurden auf der Gustow benachbarten Gemarkung Warksow – gleichfalls auf dem „Mühlenberg“ weiter germanische Körpergräber des 2. Jahrhunderts nach Christus ausgegraben (Herfert und Leube 1967)

Danach trug der Mann einen Gürtel mit metallener Schnalle sowie einen Umhang, der an der Schulter durch eine Gewandspange (sogenannte Fibel) gehalten wurde.

Abb. 14. Germanische Männertracht nach Die Germanen, Band 1, 1988, S. 341, Abb. 83

Abb. 14. Zur Oberkleidung des Germanen gehörte der Mantel aus einem viereckigen Wolltuch, das an der rechten Schulter mit einer Fibel zusammengesteckt wurde (nach Die Germanen, ein Handbuch, Band 1, 1988, S. 341, Abb. 83)

Die Frauentracht war variantenreicher. Meist trug die Frau ein langes Kleid, das an den Schultern durch je eine metallene Gewandspange gehalten wurde.

Abb. 15. Germanische Frauentracht Band 1 S. 388, Abb. 79

Abb. 15. Zwei Germaninnen mit einem langen peplosartigem Kleid, das auf der Schulter durch zwei Fibeln zusammen gehalten wurde (nach Die Germanen, ein Handbuch, Band 1, 1988, S. 338, Abb. 79

Dazu kam eine Halskette und – wie in Gustow – eine Haar- oder Hauben-Tracht, die mit einer langen Nadel gehalten wurde.

Abb. 16. Haartracht des Mannes Band 1 S. 344, Abb. 87

Abb. 16. Die Haartracht des „freien“ Mannes bestand auch in einer speziellen Knotenbindung des langen Haares über der rechten Schläfe (nach Die Germanen, ein Handbuch, Band 1, 1988, S. 341, Abb. 83)

Mit dieser Tracht schloss sich die Bevölkerung Rügens jener auf den dänischen Inseln an, wo ein analoges Bild herrschte. Gemeinsam ist auch beiden, dass bei den Frauen im 1. Jahrhundert n. Chr. noch eine einfache, nahezu schmuckarme Tracht dominierte, die dann im 2. Jahrhundert durch „Beigabenreichtum“ an Aussehen gewann. Dagegen blieb die Tracht der Männer im 1. und 2. Jahrhundert nahezu gleich.

Abb. 17.  Gustow. Stilleben am Rande des Mühlenberges

Abb. 17. Gustow. Am Rande des Mühlenberges. Foto A. Leube 2015

Heute ist von der Sand- und Kiesgrube kaum etwas zu erkennen. Die nach dem Sand- und Kiesabbau entstandenen Freiflächen dienen der Dorfbevölkerung als Fest- oder Sportwiesen.

Auch keine Tafel erinnert daran, dass ein Gräberfeld bestand, dessen kulturgeschichtliches Inventar den Namen Gustow in die weite wissenschaftliche Welt trug. Die im Kiesgrubenbetrieb geborgenen und hübsch drapierten Findlinge sind die letzten Zeugen einer vergangenen Zeit.

Literatur:

Baetke, W. 1931: Vorpommern und Rügen in germanische Frühgeschichte und Heldensage. In: Baltische Studien N. F. 33, 1ff.

Berlekamp, H. 1959: Neue Körpergräber der älteren Kaiserzeit aus dem Stralsunder Gebiet. In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg, Jahrbuch 1959, 77-87.

Haas, A. 1919: Hühner, Hünnen, Hunnen in pommerschen Ortsnamen. In: Quickborn, Hamburg, 12. Jahrgang Nr. 4, 98-104.

Herfert, P. und Leube, A. 1967: Der Bestattungsplatz von Gustow, Kreis Rügen. In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg, Jahrbuch 1966 (1967), 221-256.

Kunkel, O. 1940a: Urgeschichte, Volkskunde Landesgeschichte und Stadtkultur, kirchliche Kunst (Mitteilungen aus dem Pommerschen Landesmuseum). In: Baltische Studien N. F. 42, 1940, 274 ff.

Kunkel, O. 1940b: Rugi, Liothida, Rani. In: Nachrichtenblatt für Deutsche Vorzeit 16, 191-198.

Leube, A. 1975: Skandinavische Beziehungen im Gebiet zwischen Wismarer Bucht und Usedom während der römischen Kaiserzeit. In: Zeitschrift für Archäologie 9, 235-250.

Petzsch, W. 1931: Rügen und die Rugier. In: Monatsblätter der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde 45, 170-172.

von Platen, C. G. 1936: Die nordischen Rugier. In: Die Sonne. Monatsschrift für Rasse, Glauben und Volkstum 13, 316-323.

Schmidt, H. 1934: Die älteste rügensche Thingstätte. In: Pommersche Blätter für die Schule. Wochenschrift des NSLB Gau Pommern v. 18. 12. 1934.

Stuth, B. und Eggers, H. J. 1940: Das germanische Gräberfeld von Gustow auf Rügen. In: Pommersche Jahrbücher 34, 118 ff.

Ein Mord vor 500 Jahren – aus der Geschichte Gustows und Rügens


Zur Geschichte des Ortes Gustow

2014 hat das 1314 erstmals erwähnte Gustow den 700jährigen Tag dieser Nennung begangen. Es kann nicht nur auf dieses tragische Ereignis zurückblicken. Wegen seiner strategischen Lage an einer alten Landstraße und an der Wamper und Gustower Wiek wurde es mehrfach durch Kriege und Plünderungen „heimgesucht“. Im Jahre 1678 war es der Krieg zwischen den Dänen und Brandenburgern gegen die Schweden, der hier zu einer Schlacht auf den Feldern zwischen Gustow und Warksow und zur Zerstörung des einstigen Bauerndorfes und seiner Kirche führte. Größere Bedeutung erreichten der Ort und seine Kirchgemeinde unter dem Pfarrer Karl Emanuel Christian Piper (1752-1831). Piper hatte Kontakte zu allen bedeutenden Persönlichkeiten Rügens, wohl auch zu Ernst Moritz Arndt. Piper legte einmalig für Rügen noch vor 1800 den Grundstein für ein solides Schulwesen in Gustow, wie er auch 1790 eine Hebammenstelle einrichtete.

Aus jüngerer Zeit ist Gustow durch seine Landwirtschaftliche Genossenschaft (LPG) „7. Oktober“ bekannt, die unter ihren Vorsitzenden Hans Lenz, Helmut Kircher und Egon Bauer einem auf Tierhaltung und Tierzucht orientierten umfangreichen Agrarbetrieb aufbauten, der 1989 beachtliche 358 Mitarbeiter hatte. Die häufig prämierte Genossenschaft besaß außerdem eine durch Klaus Perk geleitete ertragreiche Gärtnerei, in der seinerzeit 60 Personen Arbeit fanden. Daraus entwickelte sich nach 1990 u. a. eine „Agrargesellschaft GmbH“ Gustow mit allerdings nur noch etwa 50 Arbeitskräften im Jahre 1999. Mehrfach errang der Ort seit 1987 den Titel „Schönes Dorf“ und zeichnet sich auch gegenwärtig unter Bürgermeister Peter Geißler durch eine gepflegte Ortsstruktur aus.

Abb. 1. Die Kalkstein-Stele (Mordwange) auf dem Friedhof von Gustow. Aufnahme: A. Leube, August 2011

 

Die als „touristische Nebenstrecke“ bezeichnete und schon stark in ihrem Baumbestand gelichtete „Deutsche Alleenstraße“ von Stralsund nach Garz und Putbus führt nach etwa 6 km hinter Stralsund durch den kleinen Ort Gustow.

Einem aufmerksamen Reisenden gibt dabei eine senkrecht stehende Kalksteinplatte von etwa 2,6 m Höhe und 0, 6m Breite auf dem Friedhof an der Kirche Anlass zum Nachdenken.

Bereits um 1800 wurde vermerkt, dass sich „außerhalb des Friedhofes“ auf der Nordostseite an der Alleenstraße ein großer Sühnestein befand (Auszüge aus der Gustower Kirchenchronik des Pastors K. E. C. Piper /Aktenordner / Ortsakten Rügen / KHM Stralsund).

Abb. 2. Gustow. Mordwange. Aufnahme - A. Leube, Mai 2010

Abb. 2. Gustow. Mordwange aus Kalkstein. Aufnahme: A. Leube 2013

 

Es ist jene aus schwedischem Kalkstein gefertigte Mordwange von 2, 7 m Höhe, 0, 17 m Stärke und 0, 61 m Breite und oben 0, 85 m Breite  aus dem Jahre 1510 (vgl. Haselberg 1897, 298; Haas 1938). Ohle und Baier (1963, 260) nennen irrtümlich Granit. Eine weitere ähnliche Mordwange steht in Schaprode. Es gibt also zwei derartiger Gedenksteine auf Rügen.

Der auf dem Friedhof in Gustow erhaltene Sühnestein des Jahres 1510 gehört zu einer Gruppe von Kunstdenkmälern, die frühestens in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet wurden und heute unter strengem Denkmalschutz stehen (z. B. Saal 1971, 147 ff.; Neuber 1988 mit Literatur). Im Osten Deutschlands hat sich eine große Zahl dieser steinernen Denkmäler erhalten, so allein 367 in Sachsen, in Thüringen über 500, in der Niederlausitz 70, im übrigen Brandenburg nur acht. In Mecklenburg-Vorpommern sind es sieben Sühnesteine in Kreuzform und ein gutes Dutzend als Mordwange (nach Saal 1971, 147 mit Literatur) erhalten.

Die Kirche zu Gustow

Gustow ist eine eigenständige Kirchengemeinde gewesen und gehörte zwischen 1648 und 1815 zum schwedischen Königsreich: „Schweden hat zunächst in kirchlicher Hinsicht in dem übernommenen Rügen keine wesentlichen Änderungen eintreten lassen“ (Wiedemann 1934, 83).

Abb. 2. Gustow. Blick auf Kirche und Friedhof. Die Steinsäulen markieren die einstige Grabstätte der Familie von Bagewitz, Drigge. Aufnahme A. leube 2011

Abb. 3. Gustow. Blick auf Kirche und Friedhof. Die Steinsäulen markieren die einstige Grabstätte der Familie von Bagewitz, Drigge. Aufnahme A. Leube 2011.

 

1663 wurde eine allgemeine Kirchenvisitation durch die Kirchenpatrone angeordnet und nur allmählich wegen der folgenden Kriege vorgenommen. 1806 entstanden anstelle der bisherigen vier Präposituren nun zwei Propsteien in Bergen und Garz, wobei Gustow zu Garz gehörte (Wiedemann 1934, 91). Parallel dazu entstanden in Vorpommern vier Kirchen-Ämter mit eigenem Kirchensiegel: die aufgeschlagene Bibel, umschlossen auf einer Seite von einer fruchttragenden Rebe, auf der anderen Seite von einer Garbe. Dieses Siegel ist noch heute in Gebrauch.

Was hat es mit der Mordwange auf sich?

Bei näherer und genauer Betrachtung – die Kalksteinplatte ist dem sauren Regen und damit der Verwitterung seit fünf Jahrhunderten ausgesetzt – erkennt man auf der Vorderseite die Darstellung eines knienden Menschen mit einem Schwert auf dem Kopf.

Abb. 4. Gustow. Mordwange. Detail mit Darstellung des Schwertes und des Getöteten. Aufnahme – A. Leube 2010

 

Die Kunsthistoriker Ohle und Baier gaben 1963 folgende Beschreibung: „Auf der Vorderseite in Umrisslinien eingemeißelt: Kruzifix mit zwei Engeln, davor ein kniender Mann mit einem Schwert auf dem Kopf, daneben ein Kelch und Wappen mit Hausmarke. Der obere Teil des Steines ist scheibenförmig mit sieben angefügten Rosetten, die Rückseite unbearbeitet, die Oberfläche stark verwittert“.

Haas (1938b) schrieb dazu: „Auf der Vorderseite ist der Gekreuzigte eingemeißelt, dessen Lendentuch von 2 Engeln gehalten wird. Links daneben kniet die Gestalt eines Geistlichen, der die Hände zum Gebet erhoben hat; in seinem Haupt steckt das todbringende Schwert. Zur Rechten ist ein Wappen mit einer Hausmarke und ein Kelch dargestellt.

Abb. 5. Gustow. Mordwange. Darstellung des Kelches. Aufnahme – A. Leube 2010

Darunter befindet sich die achtzeilige Inschrift in gotischen Minuskeln, die also lauten: „Na der bort Xsti m cccc vnde x des  do(n)redag(es) in d(e) quatte (m) per vor sv(n)te michaele ys geslage(n) h(er) thomes norenberch karckh(ere) to gustow weset, dem(e) got gnedich sy.“

Haas (1938b) fährt fort: Daraus ergibt sich als Datum des Totschlages der 19. September 1510. Oben am Kreuz befindet sich ein Spruchband mit den Buchstaben „I n r i“ (Jesus Nazarenus, rex Judaeorum) und aus dem Munde des Geistlichen kommt ein Spruchband mit den Buchstaben: „O dm o m m, d. i. domine misere mei! – Herr erbarme dich meiner!“.

Haas hatte auch aus dem Gustower Kirchenbuch Erklärungen gefunden: „ Einige (drei) Bauern, die aus Stralsund stark bezecht zurückkehrten, gerieten in Streit und der Streit artete in Tätlichkeiten aus. Als nun der damalige Pastor Thomas Nörenberg den Streit zu schlichten suchte, wurde er von den sinnlos betrunkenen Bauern niedergestochen, daß er tot liegen blieb. Die Mörder mußten zur Strafe für ihre Untat einen kirchlichen Bau ausführen und zur Sühne für den Ermordeten den Stein aufrichten lassen“ (vgl. Heyden 1957b, 177, Anm. 4).

Die genauen Hintergründe dieses Totschlages sind dennoch nicht bekannt. Man erinnert sich aber an den 100 Jahre älteren „Pfaffentumult zu Stralsund“: 1407 wurden in Stralsund drei katholische Pfarrer auf dem Neuen Markt – heute ist hier ein kleiner Gedenkstein im Pflaster eingelassen – lebendig verbrannt. Hintergrund war damals die unsichere finanzielle Situation der Geistlichkeit und ihre eigenartigen Methoden der „Geldgewinnung“ zum Lebenserhalt. Der Mord von Gustow erfolgte jedoch 100 Jahre später und geschah am Vorabend der Reformation des Jahres 1535, die in Stralsund 1523 einsetzte. So können sich in Gustow „ideologische“ Streitigkeiten, aber auch ein Zerwürfnis um den Kirchenzehnt u. ä. Abgaben zwischen dem katholischen Pfarrer und der Dorfbevölkerung dahinter verbergen.

Letztendlich ist aber dieser Gedenkstein – eine so genannte „Mordwange“ – ein deutlicher Beleg für die damaligen „rauhen Sitten“ auf Rügen. Der rügensche Historiker Professor Dr. Alfred Haas (1860-1950) hat für den Zeitraum zwischen 1312 und 1417 allein 28 urkundlich nachgewiesene Mordtaten auf Rügen zusammengestellt.

So ist es auch verständlich, wenn der pommersche Chronist Thomas Kantzow (1898, 254) in der Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb: „Es seint die Einwohner diesses Landes sehr ein mordisch und zenckisch Folck, das es eben an inen schyr wahr ist, wie das lateinische Sprichwort lawtet: „omnes insularis mali“. Dan im gantzen Land zu Pomern werden kein Jar so viel vom Adel und andere erslagen, als allein in diesser kleinen Insel“.

Er fährt fort: „Und aus sollcher Vermessenheit will einer dem andern nirgentz inne nachgeben, und khumpt daraus so viel Haders, Zancks und Morts (das es zu viel ist). Sonderlich geraten sie in den Krogen und Wirtzheusern leichtlich an ein ander, und wan einer sagt „das walt Got und ein kalt isen“, so mag man ime wol auff die Fawst sehen und nicht auf das Maul, dan er ist bald beyime“ .

Über das unmäßige Trinken in Pommern berichtete Kantzow aus der Mitte des 15. Jahrhunderts (Kantzow 1898, 184). Danach gab es das „Bullentrinken“ – „und je mehr einer das hat pflegen können, je besser er bei den Leuten ist angesehen gewesen“. Dazu musste man drei Gläser unbekannter Größe und ein „Stenglein“ als viertes Glas austrinken. Die „Parlencke trinken“, d. h. ist eine große Schale austrinken, auf alle vieren reiten und trinken war „einen zu Wasser reiten“.

Natürlich hat Kantzow,  übrigens ein gebürtiger Stralsunder,  allein auf Rügen eine überzogene Behauptung abgegeben. Es war im damaligen Pommern allgemein eine „rauhe Zeit“. So haben sich aus der unmittelbaren Ostseeküste zwischen Grevesmühlen und Stralsund fünf weitere derartige steinerne „Mordwangen“ erhalten. Häufig wurden diese Gedenktafeln aber aus Holz angefertigt und sind damit vergangen.

Auf Rügen  in Schaprode befindet sich der zweite noch erhaltene derartige unter Denkmalschutz stehende  Gedenkstein, der  an den  Mord an dem Adligen Reinwart von Platen und seinen Söhnen (v. Platen 1938, 50 ff.) erinnert. Der Heimatforscher Carl Gustav von Platen – ein Nachkömmling dieser  rügenschen Adelsfamilie – hat die Mordtat in das Jahr 1368 gestellt und sah darin ein Zeugnis der Besitzstreitereien um Hiddensee. Die Inschrift lautet:

„Alle de hyr hinne gahn,
Ick bidde se, eyn kleine stahn,
un bidden God, in korter Tid
de Seele make pine quyt”
Reynwart Plate 1368

 1930 hatte es der Nachkomme Carl Gustav von Platen dichterisch umschrieben:

„Am Wegrand vor Schaprode, da steht ein grauer Stein,
drinnen meißelt’ man vor Zeiten der Platen Wappen ein.
Der Stein starrt stumm und schweigend, sechshundert Jahre lang,
um ihn webt graue Kunde der Sage dicht Gerank“.

Die Umstände des Gustower Mordes von 1510 – ein Politikum?

Die wahren Gründe, die eigentlichen Ursachen und wohl auch die Teilnehmer dieses Streites sind unbekannt. Das Jahr 1510 lag aber in einer sehr unruhigen Zeit. In dieser Zeit spitzten sich z. B. die Auseinandersetzungen der wendischen Hansestädte – also auch Stralsund – mit dem dänischen Königtum zu und gipfelten 1510 in einem Kriegsbündnis der Städte mit Schweden gegen Dänemark.

Darüber berichtete der Kirchenhistoriker Wackenroder (1730, 67) für das Jahr 1504: „Nun Hertzog Bogislaus von Hertzog Georg aus Meissen einen neuen Geheimen Rath D. Kitscher mitgebracht: Der rieth alsobald dem Hertzog, Gewalt und Feindseligkeit wider die Stralsunder zu gebrauchen, zu dem Ende viele Bürger in Eisen geschlagen, und die Zufuhr der Stadt gesperret ward. Hierdurch wurde Herr Omnis rege und hatte Bürgermeister Zabel Oseborn gnug zu thun, den Pöbel abzuhalten, daß sie den Hertzog zu Barth nicht überfielen: Allein sie drungen Hauffenweiß ins Land Rügen, brachten unterschiedliche von Adel auf ihre Seite, und verübten Gewaltthätigkeiten auf dem Fürstl. Höfen und Dörfern, da sie alles raubeten, was ihnen vorkam“.

Darauf folgte 1510 ein Vertrag zwischen Bogislaw mit Stralsund in Rostock, der „Rostocker Rezess“, der aber bereits 1511 nicht eingehalten wurde (Wackenroder 1730, 68). 1511 fiel der dänische König mit Truppen auf Rügen bei Schaprode ein, die  „die Stralsundischen Güter bis auf den Grund verwüsteten“ (Wackenroder 1730, 68).  Auf Seiten der Stadt Stralsund war Gödeke von der Osten zu Streue. Außerdem hieß es: „In Rügen wurden auch einige Irrungen gehoben, indem zuweilen die Stralsunder in der Verschuldeten von Adel Güter gefallen, und sich nach Belieben bezahlt gemacht; Welche Gewaltthätigkeit abzustellen, gute Gegenverfassung geschehen und bey dem Landvoigt die erste instance zu thun, und verhörter Sachen vorzunehmen beschlossen worden (Wackenroder 1730, 69).

In dieser  politischen und militärischen Gemengelage erfolgte der Gustower Pastoren-Mord.

Vielleicht spielten auch kirchliche „Betrügereien“ eine Rolle: im Jahre 1511 hatte in Stralsund ein altes Weib – Mutter eines jungen Mönches – das Blut eines geschlachteten Hahnes in ein Kruzifix von St. Marien geschüttet. Dieses ging so künstlich zu, daß es schien, das Bild wollte Blut weinen“ (Wackenroder 1730, 69).

Weitere Morde des 16. Jahrhunderts auf Rügen

Wenige Jahrzehnte später – im Jahre 1554 – wurde in Gingst der aus Bergen stammende Priester Laurentius Krintze, also  ein weiterer Kirchenmann auf Rügen, erschlagen (Heyden 1956, 52). Krintze war seit 1537 in Gingst der erste evangelische Pfarrer gewesen.

Hier war aber der Mörder der Adlige Sambur Preetz aus Silenz und die Tatwaffe eine zinnerne Kanne. Der Mörder wurde landflüchtig, und der Flecken Gingst verlor die Freiheit, Jahrmärkte abzuhalten. Später wurde hier ein „steinernes Kreuz, ein sogenanntes Mordkreuz, errichtet“ (Wiedemann 1934, 75). Vor 1727 wurde das Steinkreuz durch einen Pferdewagen umgeworfen, zerbrach und ist inzwischen verschollen. Ein vor der Kirche liegender Stein erinnert nur an die Mordtat und die Mordstelle.

Carl Gustav von Platen berichtete über Thomas II. von Platen, der 1317 auf Stralsunder Gebiet erschlagen wurde und dessen Mörder nach Dänemark flüchteten (v. Platen 1938, 51).

Mordkreuze, Mordwangen und Sühnesteine in Pommern

Bereits 1897 beabsichtigte die „Kommission zur Erhaltung und Erforschung der Denkmäler in der Provinz Pommern“, als Einzeldenkmäler „die Denksteine und Kreuze von Schaprode, Gustow auf Rügen, Berthke, Kreis Franzburg, Reinberg, Kreis Grimmen, Sassen, Kreis Greifswald, Kruckow, Kreis Demmin, Grüttow, Kreis Anklam, Pasewalk, Kreis Ueckermünde, Sommersdorf, Kreis Randow, Kremzow, Kreis Pyritz, Stargard, Kreis Saatzig, Wischow bei Treptow a. Rega, Kammin in Pommern und Rützow, Kreis Kolberg-Körlin“ „unter obrigkeitlichen Schutz zu stellen“ (Baltische Studien N. F. 1, 1897, 315).

1912 hatte sich der Stettiner Kunsthistoriker Dr. Lemcke „über Mordkreuze und Mordwangen in Pommern“ geäußert (Lemcke 1912, 174 f.).

Lemcke wies auf die Strafjustiz des Mittelalters hin, die oft geringe Vergehen mit dem Tode bestrafte. Mord und Totschlag konnten aber auch durch ein Wergeld – um nicht die altherkömmliche Blutrache fortzusetzen – gesühnt werden. Man zahlte dann den Verwandten des Toten eine Entschädigung. Dazu traten unter Einfluss der Kirche noch Aufwendungen für das Seelenheil des Erschlagenen. Das waren zunächst eigentliche Seelenmessen wie aber „auch die Aufrichtung eines steinernen Kreuzes an der Mordstätte, das die Vorübergehenden zu Fürbitten auffordern sollte“ (Lemcke 1912, 174).

Abb. 6. Verbreitung der Mordwangen und ähnlicher Grabsteine (nach Ende 1973, Abb. 9)

 

Nach Lemcke wurden diese Denkmale stets aus schwedischem Kalkstein gefertigt und haben teils die Form eines Kreuzes und teils einer Wange. Die einem Brett ähnelnden Steinwangen wurden auch „Docken“, d. h. Puppen, genannt. Sie haben meist am oberen Ende eine Einschnürung, durch die ein kreisförmiger Kopf abgesetzt wurde. In den pommerschen Urkunden wurden seit 1290 derartige Sühnesteine erwähnt – es haben sich aus dieser Zeit aber keine erhalten.  In Pommern sind die ältesten ohne Merkzeichen oder Inschriften. Man brachte später das Wappen an, wenn der Erschlagene von Adel war, sonst wurde die Hausmarke eingearbeitet. Lemcke erwähnte das Stargarder Kreuz mit Nennung des Mörders sowie den in der Kirche von Nossendorf bei Grimmen aufbewahrten Sühnestein des Plebanus Gerhard, der in der Kirche getötet wurde. Die meisten Steine hatten schon vor 100 Jahren stark gelitten, so dass Lemcke zum Denkmalschutz aufrief: „Es ist dringend zu wünschen, daß diese Denkmäler unter öffentlichen Schutz gestellt und vor jeder weiteren Schädigung gesichert werden“ (Lemcke 1912, 175). Dabei bezog er auch den Sühnestein von Gustow mit ein.

Eine weitere Mordwange befindet sich bei Berthke unweit von Franzburg (v. Haselberg 1881, 17 f.). Die Platte ist 2,23 m über dem Acker hoch, 0,60 m breit und 0,2 m dick. Sie schließt oben mit einem Dreiviertel-Kreis ab: „auf der nördlichen Seite ist durch eingeritzte Linien die Gestalt eines betenden Geistlichen dargestellt; oben links neben der Brust ein Spruchband, unter den Füssen eine jetzt nicht mehr lesbare Inschrift; erkennbar ist noch eine Tasche rechts neben der Gestalt und ein Flachbogen mit Ornament oberhalb des Kopfes. Auf der südlichen Seite des Steines findet sich eine ähnliche Gestalt. Die Inschrift … lautet: „anno d(omi)ni m ccc xiii feria secunda p(ost) trinitatis interfectus innocens frater dominus reimarus ora p(ro) eo ach leve here bidde … dinen leven bolecken kinde“ (v. Haselberg 1881, 17 f.). v. Haselberg ist der Meinung, dass die Datierung nicht stimme, da die Minuskelschrift auf spätere Zeit deutet.

Ein „Mordstein“ befindet sich bei Sommersdorf – unweit Kasekow im Randowgebiet (Lemcke 1901, 133 f.). Es ist eine 1,9 m hohe und 0,67 m breite „Wange aus Schwedenstein,  gothländischem Kalkstein“. Im oberen Drittel bilden vier viertelkreisförmige Durchbrechungen ein griechisches Kreuz. Dazu die Umrisse des Kruzifix und das Wappen der Familie Ramin. In gotischen Minuskeln die Inschrift darunter: „Im Jahre 1423 wurde Hinrik von Ramin von den Bauern in Wartin erschlagen“ (lat.).

Auf dem Kirchhof von Reinberg südlich Stralsunds befindet sich eine Kalksteinplatte von 2 m Höhe und 0,59 m Breite mit einer knienden Gestalt, die ihre Hände faltet sowie der Darstellung des Christus am Kreuz, dazu gehören die Worte „domine misere mei“ (von Haselberg 1881, 238). Der Sage nach sollte der Stein zur Erinnerung an die Hinrichtung des fürstlichen Rates und Landvogts Raven von Barnekow, der 1452 in Stralsund zum Tode verurteilt wurde, stehen. Diese Tat soll nach nicht verbürgter Überlieferung ein „Heyno van der Beken“ getan haben (von Haselberg 1881, 238). Haselberg erwähnt ferner die Aufstellung einer steinernen Mordwange durch den Matthias Lippe, der in Greifswald einen Hermann Goise tötete (Zeitschrift „Sundine“ 1833, 95; Haselberg 1881, 238).

Sinn und Zweck der Steinkreuze und Mordwangen in Mecklenburg-Vorpommern

Der Kunsthistoriker Horst Ende hatte 1973 diese mecklenburgisch-vorpommerschen Denk- und Sühnesteine zusammenfassend untersucht (Ende 1973, 56 ff.). Danach entstanden sie zwischen der Mitte des 14. und dem frühen 16. Jahrhundert – Gustow ist darin das jüngste Steindenkmal. Sie sollten die in dieser Zeit noch häufige Blutrache eindämmen. Mit dem Anfang des 16. Jahrhunderts setzte die „Halsgerichtsordnung“ mit entsprechenden amtlichen Strafen ein. In der Darstellung des aus Kalkstein gefertigten Steinkreuzes mit dem Verstorbenen, einer Gebetsformel (Misere mei deus), der Darstellung des Kruzifixes ist eine große Einheitlichkeit festzustellen. Die Inschriften verwenden die gotische Minuskel und bedienen sich bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts der lateinischen Sprache, später auch des Niederdeutschen, wie auch in Gustow. Man sollte für das Seelenheil des Toten beten, da dieser keine Möglichkeit besaß, sich auf seinen Tod vorzubereiten.

Nach Horst Ende (1973, 57 f.) ist es unklar, wer die Veranlassung zur Aufstellung des Steines gab. So ist es durchaus fraglich, ob die Steine wirklich „Sühnesteine“ sind. Allerdings ist nicht nur für Gustow, sondern auch für derartige Steine in weiteren Orten sicher, dass die Steine für eine Person gesetzt wurde, die eines gewaltsamen Todes starb. Die heute erhaltenen Steindenkmale sind sicher der kärgliche Rest einer ursprünglichen Fülle von Sühnsteinen. Dazu kommt noch die Form des Steinkreuzes, die im Kreis Demmin und in der Uckermark zu finden ist (Hinrichs 1969, 15 ff.). Derartige Sühnekreuze sind zwischen 1 und 2 m hoch und stammen aus Ellingen (Kalkstein), Kruckow und Prenzlau. Die Risse des Kreuzsteines aus Ellingen wurden 1969 durch einen Polyester-Harzverguß geschützt (Rosteck 1969, 14 f.).

Etwas zur Mordwaffe

Die Mordwaffe in Gustow – so die Darstellung auf der Kalksteinplatte – wird also ein zweischneidiges Schwert gewesen sein. Das Schwert war in jenen Jahrhunderten – durchaus mit dem Dolch – allerdings nur Bestandteil der Adelsrüstung und nicht die der Bauernschaft: „Der Nierendolch ist im Mittelalter und der frühen Neuzeit die wichtigste Wehr, besonders bei den niedrigen Ständen. Beim Adel und bei den Patriziern ist er wohl hauptsächlich eine Zweitwaffe, wobei das Schwert selbstverständlich nicht zur alltäglichen Ausrüstung gehört“ (Schoknecht 1992, 202).

Das Waffentragen innerhalb der Städte war nicht gestattet (Schoknecht 1980, 214). Die Mordwange von Steinhagen zeigt jedoch ein Mönchsbild, mit einem Dolch in der Brust (Heyden 1957 I, 175).

Abb. 7. Stralsund. Verzierte Nierendolche aus den Grabungen im Stadtgebiet Stralsunds

 

Dazu hatte bereits der Historiker H. A. Knorr (1971, 131) für das 14. Jahrhundert ausgeführt: „Der repräsentierende Standesherr als Richter, Lehnsherr, die Ritter in Rüstung führen im Sachsenspiegel keine Dolche, sondern das Schwert als Symbol der herrschenden Klasse. Aber Vasallen, Knappen, Kriegsknechte, bewaffnete Diener, Schergen, Zollwächter werden mit dem Dolch dargestellt, also ein Personenkreis im Herrendienst. Dazu kommen einige Male Bürger und Bauern mit dem gleichen Dolch an der Tracht vor. Der Bereich des Dolchträgers umfasst also weitgehend nicht feudale Schichten“.

Sollte in Gustow die Mordtat durch Bauern vollführt worden sein, dann kämen nur Dolche in Betracht, oder die gesamte Geschichte mit betrunkenen Bauern als Täter wäre falsch überliefert.

Diese Mittelalterdolche, die nach der Griffgestaltung als „Nierendolche“ bezeichnet werden, wurden inzwischen durch den Prähistoriker Ulrich Schoknecht eingehend dargestellt und hauptsächlich dem 13. bis 15. Jahrhundert zugewiesen (Schoknecht 1980, 209 ff.; 1983, 223 ff.; 1992, 197 ff.). Wie sah ein derartiger Dolch aus? Auf der Dobbertiner Grabplatte des Heinrich Gloewe erkennt man den langen zweischneidigen Dolch mit der typischen Nierenform des hölzernen Griffabschlusses (Schoknecht 1992, 200, Abb. 3a). Ein Beispiel aus dem mecklenburgischen Wolfshagen bei Strasburg – ähnliche stammen aus den Altstadtgrabungen in Stralsund – zeigt uns, dass der Dolch in der Regel einschneidig war und zu den großen Messern („Stekemesser“ – Stichmesser; lat. cultellus fixoralis bzw. acutus) gehörte (Schoknecht 1992, 198, Abb. 1d).

Literatur:

Ende, H. 1973: Denk- und Sühnesteine in Mecklenburg. In: Informationen des Bezirksfachausschusses für Ur- und Frühgeschichte Schwerin 13, 56-67.

Haas, A. 1938: Oestlich der Halbinsel Drigge (2. Teil). Die Dorfgemeinde Gustow im Wandel der Geschichte. In: Sippe und Heimat Nr. 22.

Haselberg 1897: Baudenkmäler des Regierungsbezirkes Stralsund. Band 4: Kreis Rügen.

Heyden, H. 1956: Die Evangelischen Geistlichen des ehemaligen Regierungsbezirkes Stralsund. – Insel Rügen. Greifswald.

Heyden, H. 1957: Kirchengeschichte Pommerns. I. Band. Von den Anfängen des Christentums bis zur Reformationszeit. Köln-Braunsfeld.

Hinrichs, A. 1969: Die Flurkreuze des Kreises Prenzlau. In: Mitteilungen des Bezirksfachausschusses für Ur- und Frühgeschichte Neubrandenburg 16, 15-19.

Kantzow, Thomas (Nachdruck 1898): Chronik vom Pommern in hochdeutscher Mundart. Hrsg. von Georg Gaebel. Stettin.

Knorr, H. A. 1971: Messer und Dolch. Eine Untersuchung zur mittelalterlichen Waffenkunde in gesellschaftskritischer Sicht. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte 6, 121 – 145.

Lemcke, H. 1912: Mordkreuze und Mordwangen in Pommern. Monatsblätter der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Alterthumskunde 11, 174-175.

Neuber, D. 1981: Zu einigen Problemen des Steinkreuzsetzens. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 22, 225-227.

Ohle, W. und Baier, G. 1963: Die Kunstdenkmale des Kreises Rügen. Schwerin.

Rosteck, H. 1969, 14 f.:  Pflegearbeiten am Steinkreuz in Kruckow, Krs. Demmin. In: Mitteilungen des Bezirksfachausschusses für Ur- und Frühgeschichte Neubrandenburg 16, 14-15.

Saal, W. 1971: Das Steinkreuz von Axien, Kr. Jessen. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 6, 147-149.

Schoknecht, U. 1980: Mecklenburgische Nierendolche und andere mittelalterliche Funde. In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 1979 (1980), 209-231.

Schoknecht, U. 1983: Nierendolche in Mecklenburg (Teil II). In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 1982 (1983), 223-246.

Schoknecht, U. 1992: Nierendolche in Mecklenburg-Vorpommern (Teil III). In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 1991 (1992), 197-210.

Wackenroder, E. H. 1730: Altes und Neues Rügen. Stralsund. Das ist: Kurtzgefaßte und umständliche Nachricht, von demjenigen, was sowol in Civilibus, als vornemlich in Ecclesiasticis mit dem Fürstenthum Rügen, von Anfang an, biß auf gegenwärtige Zeit sich zugetragen; nebst Richtigem Verzeichniß der IV. Praeposituren/mit denen einverleibten Pastoraten dieser Insel/auch umständl. Lebens-Beschreibung der Personen so Zeit der Reformation B. Lutheri im Lehr-Amt daselbst gestanden. Jetzo mit eiem Supplement von 2. Capitteln/von dem Pastorat zu Trent vermehret. Verlag Jacob Löffler.

Wiedemann, E. 1934: Kirchengeschichte der Insel Rügen. Stettin.

 

Die Gustower Feuerwehr und ihre Geschichte

Zur Geschichte des Feuerlöschwesens gibt es gegenwärtig für den Südwesten Rügens nur begrenzte Auskünfte. In einer fabelhaften Fleißarbeit haben die Gestalter der „Gustower Dorfchronik“ in den 1990-er Jahren viele Fakten zusammengetragen (Es handelt sich um die Frauen Tredup und Obal, die mit Auslaufen der ABM ihre Tätigkeit an andere „Chronistinnen“ abgaben, Auskunft Frau Tredup, Gustow).

Nach dem schwedischen Reglement vom 9. 12. 1776 hatte eigentlich jeder Guts-Hof mit Einschluss der Hofgebäude mit einer beachtlichen Versicherungssumme in Höhe von 7 000 Talern gegen Brand versichert zu sein (v. Platen 1870, S. 66). Die Höfe und jedes Dorf mit sechs und mehr Vollbauern hatten je einen „Feuerkufen“ zu halten, dazu viele Feuereimer nach der Zahl der Einlieger und Feuerhaken nach der Zahl der Knechte, dazu zwei große Feuerleitern. In den Dörfern hatte jeder Bauer zwei Feuereimer, zwei Feuerhaken und eine Feuerleiter zu besitzen. Nicht vorgesehen waren Feuerspritzen, deren Anzahl dann auch „für das platte Land eine äußerst geringe war“ (v. Platen 1870, 66). Weiterlesen

Die Entdeckung Rügens im beginnenden 20. Jahrhundert

Die Passagierschiff- und Eisenbahnverbindungen

Um 1900 setzte ein rasanter Bäder- und Reiseverkehr nach Rügen ein. Es waren nicht nur die einmaligen breiten Sandstrände, die vielgestaltige Landschaft, die gewisse Unberührtheit der dörflichen und städtischen Kultur sowie die relative Fülle der beeindruckenden vorgeschichtlichen „Hünengräber“, sondern das gesunde Klima Rügens, das von Ärzten u. a. „bei Schwäche und Empfindlichkeit der Haut, Rheumatismus, Neurasthenie und Migräne“ empfohlen wurde, das den Besuch besonders der Familien mit Kindern anregte (Albrecht 1906-1907, 7). Weiterlesen

Handwerk und Kaufmannschaft in Bergen

(OZ v. 9.1.1980)

Die Geschichte eines Ortes wird maßgeblich durch das Handeln seiner Einwohner bestimmt. Einen besonderen Anteil daran hatte der sogenannte mittlere Stand, das Handwerk und die Kaufmannschaft. Leider fehlen für Rügen zusammenhängende Untersuchungen.

Obwohl die Entwicklung Bergens als rügensches Wirtschafts- und Handelszentrum bereits am Ende des 12. Jahrhunderts einsetzte, blieb der Ort stets im Schatten der mächtigen Hansestädte Stralsund und Greifswald. Eine hemmende Rolle spielte auch das Bergener Nonnenkloster, dem die Einwohner u. a. zu Steuern und Abgaben verpflichtet waren und das die Gerichtsbarkeit besaß. Erst Jahrhunderte später, – im Jahre 1613 – konnten sich die Bürger davon befreien und das Stadtrecht erwerben. Ein eigentliches Patriziat mit Bürgerhäusern hat sich in Bergen nie herausgebildet. Es waren zumeist Ackerbürger, die neben dem Handwerk noch Acker und Vieh besaßen. Weiterlesen

Eine Keramikmanufaktur auf Hiddensee

(OZ v. 17.1.1980)

Der Stralsunder Joachim Ulrich von Giese, ein wohlhabender Armeelieferant der schwedischen Krone, erwarb im Jahre 1754 die Insel Hiddensee. Bei der Untersuchung des Bodens stellte er im nordwestlichen Uferteil des Dornbusches einen guten Ton fest. Giese beschloss, diesen industriell zur Herstellung von Töpfereierzeugnissen zu verwerten. So entstand die einzige Fayencenfabrik im ehemaligen Pommern und zugleich das älteste industrielle Unternehmen im Kreisgebiet Rügen. Weiterlesen

Die Entdeckung Rügens im 19. Jahrhundert

Die Passagierschiff- und Eisenbahnverbindungen

Bis zum Bau und der Eröffnung des Rügendammes im Jahre 1936 war Rügen nur mit einem Schiff erreichbar. Das hatte damals noch viele Reisende wegen der Seekrankheit – allerdings unnötig – abgeschreckt. Manche Reiseführer empfahlen dann: „Man halte sich auf dem Promenadendeck in frischer Luft, nicht in der Kajüte auf, vermeide in die Wogen zu sehen, richte vielmehr den Blick nach einem entfernten Gegenstand, sodass die schwankende Bewegung des Schiffes nicht zum Bewusstsein kommt. Es empfiehlt sich, dem Magen etwas Konstantes anzubieten, auch der Genuss eines Gläschen Portweins oder guten Cognacs ist nicht zu verachten“ (Schuster 1898, 10). Weiterlesen

Lobbe – ein kleiner Ort auf Mönchgut mit 700jähriger Geschichte

von Prof. Dr. Achim Leube, Berlin, Juli 2013

Das kleine einstige Fischerdorf Lobbe ist erst in den letzten 50 Jahren als Bade- und Erholungsort bekannt und bedeutend geworden. Eine traditionelle Gastwirtschaft und „Fremdenbeherbergung“, wie es früher hieß, zeichnet den hier gelegenen „Gasthof zum Walfisch“ aus. Er liegt direkt an der Dorfstraße und unweit des breiten Badestrandes, von dem man einen herrlichen Blick über die Ostsee zu der 15 km entfernten Greifswalder Oie mit ihrem Leuchtturm und auch nach Peenemünde hat mit dem markanten ehemaligen Heizwerk, das heute als Museum genutzt wird. Weiterlesen

Leuchtfeuer und Leuchttürme auf und um Rügen

Vor 150 Jahren erfolgte der Bau des Leuchtturmes auf Arkona

(1976) Während am Tage dem Schiffer mehrere Landmarken zur Orientierung dienen, verlangte die Entwicklung des Seehandels schon früh nächtliche Peilungspunkte. So sind für das Mittelalter mit Kienholz gespeiste Feuerbaken überliefert. Daran erinnert der Ortsname Kinnbackenhagen nördlich von Stralsund, der auf eine Kienbake am Ort Hagen zurück zu führen ist.

Das älteste, seit 1306 überlieferte Leuchtfeuer befand sich auf dem Gellen im Süden Hiddensees und diente dem Schifffahrtsweg nach Stralsund. Mit dessen zunehmender Versandung und dem Aufkommen größerer Schiffe verlor es an Bedeutung und ging schließlich ein.

Vereinzelt half man sich auch mit ausgehängten Laternen auf einem Signalmast, wie es für das Posthaus auf dem Bug seit 1683 bezeugt ist.

Bild-15.-Blick-auf-die-Leuchttürme-im-Jahre-1958

Arkona. Blick auf die beiden Leuchttürme im Jahre 1958

 

Größeres Interesse, verbunden mit starken militärischen Akzenten, zeigte erst die preußische Regierung, nachdem Rügen 1815 von Schweden zu Preußen kam. Ihr schlug die Stralsunder Kaufmannschaft seit 1816 vor, Leuchtfeuer auf Arkona, Stubbenkammer und der Greifswalder Oie zu errichten. Nachdem 1819 ein erster Plan für einen Leuchtturm auf Wittow bestand, erfolgten 1825 die ersten Arbeiten und am 5. Mai 1826 die Grundsteinlegung mit einer beschrifteten Kupferplatte. Am Standort befand sich bereits seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts eine hölzerne Feuerbake. Das Baumaterial schaffte man zu Wasser über Breege und Wiek heran. Die Bauleitung hatte der Stralsunder Maurermeister Teichens inne, der nach Plänen des klassizistischen Baumeisters Th. Schinkel, Berlin, arbeitete. Die zahlreichen Schwierigkeiten beim Bau komplizierte der zu dieser Zeit sehr einflussreiche Fürst von Putbus mit einem nachträglich eingereichten Vorschlag, den Leuchtturm bei Koosdorf auf Jasmund zu errichten.

Das Leuchtfeuer auf dem 19,3 m hohen Turm war ein Festfeuer aus zunächst 17 Rüböl-Lampen mit parabolischen Scheinwerfern hinter silberplattierten Spiegelscheiben. Da wenige Erfahrungen vorlagen, testete der damals einzige preußische Marineoffizier Longé, Stralsund, im Auftrage des Kriegsministers die Sichtweite des Feuers, es betrug etwa 50 km.

Zur gleichen Zeit entstanden auf dem Ruden eine Seeleuchte und auf der Greifswalder Oie 1832 eine eiserne Leuchtbake. Letztere wurde später durch einen Leuchtturm mit Drehfeuer ersetzt, der mit dem von Swinemünde (heute Świnoujście) korrespondierte.

Der 1826 auf Arkona errichtete Leuchtturm wurde nach 75 Jahren Betriebsdauer gleichfalls durch einen Turm mit Gruppenblitzfeuer ersetzt. Dieser neue Turm wurde 1901/1902 unmittelbar daneben auf einem 3 m tiefen Fundament aus Fels und Granit errichtet. Der sich nach oben verjüngende achteckige Unterbau trägt eine Galerie aus Granit und eine Eisenkuppel. Er erreicht eine Höhe von 26 m und steht damit 75 m über Mittelwasser. Für den Leuchtapparat entstand ein Maschinenhaus mit einem Elektrizitäts-Werk, das ein weißes Gruppenblitzfeuer mit Gruppen von drei Blitzen in einer Folge von vier Sekunden erzeugte. Die Wiederkehr beträgt 16 Sekunden, die Blitzdauer 0,1 bis 0,2 Sekunden und die Dunkelpause 7,8 bis 7,9 Sekunden.

Gleichzeitig errichtete man eine Anlage für das Nebelhorn (sog. Sirene), deren Druckluft drei Sauggasmotoren erzeugten. Sie gab bei Nebel und dergleichen alle 70 Sekunden einen Dauerton von fünf Sekunden, den man 20 km weit hörte.

Außerdem entstanden Marinesignal-, Telegraphie-, Eissignal- und Sturmsignalstationen. Für die Funktelegraphie wurden acht Masten von etwa 20 m Höhe auf dem Burgwall errichtet.

1888 baute man den Leuchtturm auf dem „Dornbusch“ Hiddensees, dessen Blinkfeuer 45 km weit sichtbar war, und dem man 1911 eine Dampfsirene hinzu fügte. Ein kleiner Leuchtturm befand sich bei Ranzow, dessen weißes Gruppenblitzfeuer aus Gruppen von je zwei Blitzen bestand.

Als Leuchtturmwärter und später als Besitzer eines Gasthauses auf Arkona machte sich die Familie Schilling einen Namen. Hier kehrten viele Persönlichkeiten ihrer Zeit (z. B. Gerhard Hauptmann) ein und verewigten sich in dem berühmten, heute verschollenen, Gästebuch. Der alte Schilling strotzte dann von Schnurren und Seemannsgeschichten, mit denen er die „Landratten“ hinein legte.

Der eigenartige Reiz dieser Bauwerke und ihre Bedeutung für die heutige Schifffahrt ist schließlich auch durch zwei Briefmarkenemissionen gewürdigt worden.

Zu DDR-Zeiten wurde auf Arkona eine Versuchsstation eingerichtet, um verschiedene Materialien unter Klimaeinwirkung zu testen.

Bild 16. Arkona. Versuchsstation. 1976

Arkona. Versuchsstation, 1976

In memoriam Friedrich-Wilhelm Furthmann (1920 – 1986)

(OZ 1986) Am 5. Januar verstarb in Lancken-Granitz zu früh im Alter von 66 Jahren der langjährige Lehrer und Schulleiter Friedrich-Wilhelm Furthmann. Rügen verliert mit ihm einen seit 40 Jahren auf Rügen tätigen Heimatforscher, dessen Leistung und Persönlichkeit weit über das Lokale hinaus reichte, und dem wir ein ehrendes Gedenken widmen.

Bild 6. Putbrese und Furthmann

Friedrich-Wilhelm Furthmann (rechts) und Heino Putbrese (links) auf einer Tagung zur Vor- und Frühgeschichte Rügens. Aufnahme: Dipl.-Prähist. W. Lampe, Sundhagen

Friedrich-Wilhelm Furthmann wurde am 11. Februar 1920 – wie auch der in Alt Reddevitz wirkende Heimatforscher und Heimatdichter Fritz Worm (1863 – 1931) – in Barth geboren.

F.-W. Furthmann war aber gleich nach dem Kriege in Lancken-Granitz als Neulehrer tätig und blieb diesem Beruf bis zur Pensionierung treu. Seine pädagogische Arbeit als Landlehrer wurde mit der Carl-Friedrich-Wilhelm-Wander- und mit der Pestalozzi-Medaille sowie vielen weiteren Auszeichnungen gewürdigt. Während seiner Zeit als Lehrer bekam Lancken-Granitz auch einen Schulneubau.

Bild20Schulgebäude-um-1972-73

Schulgebäude von Lancken-Granitz im Jahre 1972

 

Seine Freizeit gehörte der Rügenschen Heimatforschung, und hier hat er sich bleibende Verdienste erworben. Es ist besonders die Ur- und Frühgeschichte, von dem ersten Auftreten des Menschen vor etwa 10 000 Jahren bis zum 13. Jahrhundert, mit ihren archäologischen Funden, die sein Interesse fand. Besonders die Orte und Gemeinden Baabe, Binz, Blieschow, Dummertevitz, Gobbin, Lancken-Granitz, Neu-Reddevitz, Sellin, Stresow usw. hat er gründlich durchforscht.

Bild 8. Karte Hagenow 1829  westl. von Lancken - Gr

Karte des Freiherrn von Hagenow aus dem Jahre 1829. Verteilung der „Hünengräber“ westlich von Lancken/Granitz und Burtevitz und südlich der heutigen Bäderchaussee

Bild 7. Lancken-Granitz. Birkengrab 2009

Großsteingrab bei Lancken/Granitz – sogenanntes Birkengrab, 2005

Dabei stützte er sich auf einen breiten Kreis interessierter Helfer und entfaltete eine rege Vortrags- und Aufklärungstätigkeit. Es gibt vermutlich kaum ein Gebiet in der DDR, das so gründlich erkundet ist, wie die Landschaft südlich der Granitz.

Seine wissenschaftlichen Kenntnisse eignete er sich durch das Studium der entsprechenden Fachliteratur und die Teilnahme an vielen Kongressen, Tagungen und Seminaren der Museen, der Akademie der Wissenschaften, des Kulturbundes und der Historiker-Gesellschaft an. Hier trat er auf und berichtete über seine Arbeit. Mehrfach wurde er als einer der erfolgreichsten Laienforscher des Ostseebezirkes ausgezeichnet.

Bild-9.-Blick-über-den-Neuensiener-See-auf-das-Dorf.-1965

Blick über den Neuensiener See auf das Dorf Lancken/Granitz im Herbst 1965

 

„Wissenswertes in Kürze von Arkona bis Zudar“ und „Vom Badekarren bis zum Strandkorb“

(OZ v. 10.1.1978) „Rügen von A bis Z“ heißt eine lexikonartig aufgebaute Broschüre von Heinz Lehmann und Renate Meyer, die nun bereits in zweiter erweiterter Auflage erschienen ist. Wie der Untertitel verrät, vermittelt das Büchlein „Wissenswertes in Kürze von Arkona bis Zudar“. Es enthält 156 Stichworte über die Geschichte der Insel, ihrer Städte und Dörfer, über Geographie, Geologie und Biologie, über Volkskunde, Dichtung und Malerei, über Schifffahrt, Fischerei, Technik Industrie und über Touristik. Den Autoren ist zu diesem Buch nur zu gratulieren, da nach längerer Zeit wieder ein umfangreicher Überblick über die Insel Rügen gegeben wird.

Natürlich kann man über die Auswahl der Stichworte und über deren Informationsgehalt mitunter geteilter Meinung sein. So haben die Verfasser zwar die gewaltigen ökonomischen und sozialen Veränderungen Rügens in der Ortsgeschichte dargestellt, dennoch wäre es wünschenswert, besonders resümierende Stichworte wie „Landwirtschaft“ und „Tierzucht“, u. ä. einzubauen. Nahezu vergessen worden ist der Sport. Auf Rügen gibt es aber aktiven Motor-, Pferde-, Schach-, Segel- und Ballsport. Erinnert sei auch an das Sundschwimmen oder an die Göhrener Sportakrobaten als ständige DDR-Meister.

Einige Unklarheiten und veraltete Auffassungen (Geschichte und Geologie betreffend) sollten durch Konsultationen mit den entsprechenden Fachstellen behoben werden.

Eine empfehlenswerte Lektüre bildet auch das Buch „Vom Badekarren bis zum Strandkorb“ von Horst Prignitz. Mit großer Sorgfalt, gründlichem Materialstudium und in gelungener Umsetzung (Zeichnungen von Inge Brüx-Gorisch) wird hier der Geschichte des Badewesens an der Ostseeküste nachgegangen. Prignitz bemühte sich um die Wiedergabe von Gemälden, Zeichnungen oder Fotos aus den Anfängen des Badewesens. Die Anfänge dieser Entwicklung auf Rügen (Badeorte Sagard und Putbus) sind sehr detailgetreu wiedergegeben.

Badehaus in der Goor bei Lauterbach. Erbaut vom Fürsten Malte zu Putbus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nach 1945 Wohnraum für etwa 40 Personen. Seit 1957 Urlaubszentrum des Eisenhüttenwerkes in Eisenhüttenstadt. Heute privatisiert.

Badehaus in der Goor bei Lauterbach. Erbaut vom Fürsten Malte zu Putbus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nach 1945 Wohnraum für etwa 40 Personen. Seit 1957 Urlaubszentrum des Eisenhüttenwerkes in Eisenhüttenstadt. Heute privatisiert.

Nach 1880 entwickelte sich Rügen zum größten Erholungsgebiet an der Ostsee. Im Jahre 1900 gab es bereits 44 000 Badegäste. Als beliebte und auch damals begehrte Ostseebäder galten Sassnitz-Crampas, Binz und Göhren. Besonders Angehörige der Geldaristokratie suchten die teuren Bäder Rügens und Usedoms auf, daneben aber auch Angehörige des Adels, Kaufleute, Gutsbesitzer, Beamte, Handwerker und dergleichen. Die Masse der Bevölkerung hatte auch um 1900 und danach keine Möglichkeit, ins Bad zu fahren, da das Geld fehlte und es noch keine Urlaubsregelung (mit einigen Ausnahmen) gab.

Haus Rheingold. Zu dieser Zeit eine HO-Gaststätte 1984.

Haus Rheingold. Zu dieser Zeit eine HO-Gaststätte 1984.

Prignitz erinnert dazu an den mühevollen Anfang nach 1945. Schwarzhändler und Schieber trieben ihr Unwesen. So wurden für ein Pfund Dorsch 20 bis 30 Mark und für eine Kanne „Muckefuck“ 3,59 Mark verlangt. 1947 begann aber der FDGB-Feriendienst, diesen Auswüchsen ein Ende zu setzen. So wurde der Ostseebezirk zum führenden Urlaubszentrum der DDR. – Ein umfangreicher Anhang und eine Literaturauswahl gestatten weiterführende Studien für Interessenten.

 

Wann wurde Rügen von Menschen besiedelt?

(OZ v. 24./25.12.1977) Erst mit dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher und einer fühlbaren Erwärmung entwickelte sich in unserer Heimat eine natürliche Umwelt, die den Menschen geeignete Lebensbedingungen schuf. So löste sei dem 8. Jahrtausend v. Chr. eine Waldsteppe aus Kiefer, Birke und einem erlen- bzw. haselreichen Eichenmischwald die bisherige tundrenartige arktische Flora ab. Damit zogen Reh, Rothirsch, Wildschwein, Elch und Ur als wichtigste Jagdtiere ein. Geweihe und Schaufeln einiger dieser Tiergattungen wurden in den Mooren von Frankenthal und Vilmnitz gefunden.

Lietzow. Ortseingang mit Hinweis auf die mittelsteinzeitliche Lietzow-Kultur 2010.

Lietzow. Ortseingang mit Hinweis auf die mittelsteinzeitliche Lietzow-Kultur 2010

Rügen gehörte in dieser Zeit zu einem großen Landmassiv im westlichen Ostseebecken. Unsere Ostsee war damit ein abgeschlossener Süßwassersee (sog. Ancylus-See), dessen Ufer nördlich und östlich von Rügen (etwa im Arkonabecken) verlief. Im 8. Jahrtausend wanderten nun die ersten Menschen über diese Landverbindung – vermutlich aus dem dänisch-südschwedischen Raum – in das rügensche Gebiet ein. Bisher lassen sich ihre Siedlungsspuren nur in Tetel, Augustenhof und am Bergener Nonnensee nachweisen (B. Grams, Das Mesolithikum im Flachland zwischen Elbe und Oder. Berlin, 1973). Das waren dann gewissermaßen die ältesten Orte Rügens.

Seit dem 6. Jahrtausend veränderte sich die natürliche Umwelt in erheblichem Maße. Jetzt erfolgte ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter, so dass die Ostsee im 4. Jahrtausend den heutigen Küstenverlauf erreichte. Allerdings bestand Rügen nun aus mehreren Inseln (Wittow, Jasmund, Mönchgut usw.), deren verbindende Haken und Nehrungen (Schaabe, Schmale Heide, Bug) sich erst ausbildeten.

Aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. kennen wir inzwischen eine größere Anzahl von Siedlungsplätzen, deren Bewohner offenbar einer Wald- und Meerestierjagd nachgingen. Ausgrabungen bei Lietzow durch den Potsdamer Museumsdirektor Dr. Gramsch vor einigen Jahren erbrachten den Nachweis von Rothirsch, Wildschwein, Fischotter, Ur, Seehund, Wildpferd, Fuchs, Hund, Schwan und Reh als Jagdtiere. Angelhaken und Knochenspitzen lassen auf eine Angel- und Stechfischerei (besonders auf Hecht) schließen. Unklar bleibt leider der zeitliche Beginn dieser Kultur, da ihre Anfänge vom ansteigenden Meer überspült wurden und in erheblicher Tiefe liegen. Die Lietzow-Kultur endete vermutlich um 4000 v. Chr.

Feuersteingerät der Lietzow-Kultur vom Fundort Saiser-Buddelin. Klinge mit einer sogenannten Kantenretuschierung. Als Schneidegerät genutzt (nach B. Gramsch 1989, Archäologie in der DDR, Teil 2, S. 355 Abbildung)

Feuersteingerät der Lietzow-Kultur vom Fundort Saiser-Buddelin. Klinge mit einer sogenannten Kantenretuschierung. Als Schneidegerät genutzt (nach B. Gramsch 1989, Archäologie in der DDR, Teil 2, S. 355 Abbildung) 

Die wichtigsten Rohmaterialien bildeten Feuer- und Felsgesteine. Feuerstein lagert auf Rügen als senonischer Flint in den Kreideschichten.

Kreideabsturz mit deutlichen Feuersteinbändern. Man nutzte nur den „bergfrischen“ Feuerstein 1993

Kreideabsturz mit deutlichen Feuersteinbändern. Man nutzte nur den „bergfrischen“ Feuerstein 1993 

Damit entwickelte sich Rügen zu einem Rohstofflieferanten, dessen Bedeutung noch in den folgenden Jahrhunderten an Bedeutung gewann. Der Feuerstein ist spaltbar, hart und scharfkantig. Er diente zur Herstellung von Kleingeräten, wie Pfeilspitzen oder Sticheln, und Großgeräten. Erstmals tritt uns jetzt das Beil als Gerät entgegen. Da diese Beile aus einem Feuerstein-Kern geschlagen wurden, nennt man sie Kernbeile. Sie wurden noch nicht geschliffen und wirken daher etwas plump.

Feuersteingerät der Lietzow-Kultur vom Fundort Saiser-Buddelin. Kernbeil aus einem Rohling geschlagen (nach B. Gramsch 1989, Archäologie in der DDR, Teil 2, S. 355 Abbildung)

Feuersteingerät der Lietzow-Kultur vom Fundort Saiser-Buddelin. Kernbeil aus einem Rohling geschlagen (nach B. Gramsch 1989, Archäologie in der DDR, Teil 2, S. 355 Abbildung)  

Aus dieser mittleren Steinzeit fehlen bisher Grabstätten, ebenso wenig kennen wir die Siedlungen. Die Menschen lebten vermutlich in Schilfhütten, vielleicht aber auch in Fellzelten (ähnlich den Eskimos). Die Bevölkerung Rügens scheint in dieser Zeit nur einige hundert Menschen umfasst zu haben.

 

Aus Rügens jüngster Vergangenheit

Band 11 des „Greifswald-Stralsunder Jahrbuches“ mit zehn interessanten Artikeln über unsere Insel

( OZ, 6.1.1978) Ende 1977 erschien der 11. Band des „Greifswald-Stralsunder Jahrbuches“. Diese regionalgeschichtliche Zeitschrift – sie wird seit 1961 herausgegeben – veröffentlicht Forschungen aus und über den Nordosten unserer Republik. Von den 17 Beiträgen in diesem Band gehen allein zehn mehr oder weniger direkt auf Rügen ein. Dr. Harry Schmidt, Greifswald, untersucht die „Schmale Heide“ bis zum Jahre 1855. Die hier gelegenen Feuersteinfelder – sie entstanden zwischen 2000 und 1500 v. Chr. – wurden erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts teilweise aufgeforstet, solange galten sie als Tierweide.

New Image

Feuersteinfelder von Prora 1985

Am Beispiel der ehemaligen Insel „Großer Stubber“ – der heutigen „Großer Stubber-Bank“ – einige Kilometer von Thiessow im Greifswalder Bodden zeigt L. Mohr, Greifswald, die zerstörenden Eingriffe des Menschen in die Natur während des vorigen Jahrhunderts. Die Insel war noch 1835 mit „Strauchwerk von ziemlicher Höhe“ bewachsen. Danach baute man hier Kies ab und entfernte die schützenden Findlinge. Mohr geht auch der Frage nach, ob dieses Eiland den Rest einer großen Landbrücke bildet.

Die breite Palette der Aufsätze umfasst dann Probleme der rügenschen Rechtsgeschichte und Eigentumsverhältnisse des hohen Mittelalters. In einer Untersuchung wird auch der Münzfund von Gingst, den Werner Plitzkow aus Gingst barg und dem Museum Stralsund übergab, der interessierten Öffentlichkeit vorgelegt. Die Münzen wurden 1631 während des Dreißigjährigen Krieges verborgen.

In einer umfangreichen Arbeit stellt J. Kornow, Greifswald, die Rolle der Arbeiterklasse bei der Entwicklung der Organe der Volksmacht in Mecklenburg von 1945 bis 1952 dar. Die Hauptrolle bei der politischen Orientierung in jenen ersten Jahren nahm die Initiativgruppe des ZK der KPD unter der Leitung von Gustav Sobottka ein. Als Instrukteure wirkten auf Rügen die Mitglieder Anton Switalla und Gottfried Grünberg. Gestützt auf authentische Materialien und Statistiken lässt sich der komplizierte Weg des Aufbaus der neuen Gesellschaft in mehreren Etappen nachvollziehen. Bei den Gemeindewahlen am 15. September 1946 gehörten von den 838 Gemeindevertretern Rügens 741 der SED an.

Bergen. Bahnhofsvorplatz. Friedhof gefallener Soldaten der Roten Armee 1987.

Bergen. Bahnhofsvorplatz. Friedhof gefallener Soldaten der Roten Armee 1987.

Analog dazu untersucht Franz Scherer, Greifswald, die Entwicklung der genossenschaftlichen See- und Küstenfischerei von 1945 bis 1957. Scherer unterstreicht die Hilfe der Sowjetischen Militäradministration beim Aufbau des Fischereiwesens. So konnte am 1. Januar 1949 mit zwölf Kuttern des VEB Ostseefischerei Mecklenburg in Sassnitz seine Arbeit aufnehmen 1954 entstanden in Dranske und Glowe die ersten rügenschen Produktionsgenossenschaften werktätiger Fischer (PWF, später FPG).

 

 

Fischereihafen von Saßnitz im Jahre 1955. Aufnahme: Kurt Leube, Bergen.

Fischereihafen von Saßnitz im Jahre 1955. Aufnahme: Kurt Leube, Bergen

1957 kam es auf Anregung des 1. Sekretärs der SED-Kreisleitung Rügen, Georg Ewald, zur ersten Konferenz der Fischereiproduktionsgenossenschaften. Hier wurden die Überlegenheit sozialistischer Produktion herausgestellt und Fragen der innergenossenschaftlichen Demokratie und der Entlohnung nach dem Leistungsprinzip diskutiert. 1960 war die sozialistische Umgestaltung der See- und Küstenfischerei im Wesentlichen abgeschlossen.

Das „Greifswald-Stralsunder Jahrbuch“, Band 11, weist eine beträchtliche Vielfalt auf. Erfreulich ist dabei, dass in fünf Beiträgen unsere jüngste Vergangenheit dargestellt ist und damit auch dem Orts- und Betriebschronisten oder dem Geschichtslehrer, wie allgemein dem historisch Interessierten, Anhaltspunkte gegeben und Zusammenhänge analysiert werden. Man wünschte sich für die Zukunft auch Anschriften im Jahrbuch vermerkt, um Anfragen an die Verfasser richten zu können.