Bauernlegen und Bodenreform auf Rügen

(OZ v. 3.7.1986)

In wenigen Jahren – im Jahre 2015 – begehen wir den 70. Jahrestag der Bodenreform in der damaligen „Sowjetischen Besatzungszone“ (SBZ). Alle Grundbesitzer mit Landbesitz über 100 ha Fläche, Kriegsverbrecher und maßgebliche Funktionäre des nationalsozialistischen Regimes wurden im Herbst 1945 enteignet. Ihr Landbesitz wurde an bedürftige Landarbeiterfamilien, vor allem an „Umsiedler“ (also Flüchtlinge, Vertriebene, Evakuierte usw.) vergeben. Nach 1990 entstand daraus ein langwieriger juristischer Prozess, der auf Rügen mit der Person des Fürsten zu Putbus und seinem enormen Land- und Immobilienbesitz verbunden war. Die Bodenreform wurde nach 1990 allerdings nicht rückgängig gemacht.

Wie war es in früheren Zeiten zu der Anhäufung umfangreichen Grundbesitzes auf der einen Seite und einer Verarmung von Bauern andererseits gekommen?

Dazu müssen wir einige Jahrhunderte zurückblättern und einen gewissen Ausgangspunkt bereits im 14. Jahrhundert sehen. Zu jener Zeit beschränkte sich die Abhängigkeit der Bauernschaft von dem Adel und dem Landesherrn noch auf die Ableistung bestimmter Dienste und einer Geldabgabe. Die Güter waren noch recht klein, und es gab durchaus wohlhabende Bauern auf Rügen.

Eine Verschlechterung trat mit dem Aussterben der rügenschen Fürstendynastie und die Übergabe an die Herzöge von Pommern-Wolgast im Jahre 1325 ein. Diese befanden sich in ständigen Finanznöten und veräußerten sehr oft ihre Besitz- und Hoheitsrechte. Das führte zur Stärkung des Landadels und schließlich zur Gutsherrschaft.

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Altes Bauernhaus in Boldevitz 1989

Im 15. Jahrhundert prägten kriegerische Unruhen, wie Fehden des Adels untereinander, die politische Situation. 1403 setzte eine große Teuerung ein, so dass „Leute und Vieh vor Hunger starben“. Damit verbunden waren eine Verarmung der Bauernschaft und eine einsetzende Landflucht. Verschiedene Orte verödeten und wurden aufgegeben.

Gravierende Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen, verbunden mit der Enteignung der Bauern (als “Bauernlegen” bezeichnet), setzten im 16. Jahrhundert ein. Es war der Beginn des Untergangs der rügenschen Bauern. Der wirtschaftliche Hintergrund dieses Prozesses, der viele menschliche Tragödien einschloss, bestand in einem Anstieg des Woll- und Brotgetreide-Preises, verbunden mit einer Geldentwertung. Die bisherige Form der Geldzinsleistung des Bauern an den Grundherrn verlor an Wert, und dieser bemühte sich, seine landwirtschaftliche Grundfläche zu erweitern. In jener Zeit hatte der Adelshof noch eine Größe von etwa 60 bis 80 ha, und es gab noch viele Bauernhöfe mit etwa 10 bis 40 ha Nutzfläche.

Die Eigentumsverhältnisse waren auf Rügen zudem noch nicht so scharf ausgeprägt, wie auf dem Festland. Das begann sich nun schnell zu ändern. 1616 trat die in Pommern geltende „Erweiterte und erklärte Bauern- und Schäferordnung“ in Kraft, die am 1. Juli 1645 durch den schwedischen Gouverneur auf Rügen übertragen wurde. Das bis dahin noch sporadische „Legen“ – sprich Enteignen – des Bauern wurde nun juristisch fixiert und Allgemeingut der Adelsklasse. Im Text hörte es sich folgendermaßen an: „… wie auch die Bauern, wenn die Obrigkeit die Höfe, Äcker und Wiesen zu sich wieder nehmen oder den Bauern auf einen anderen Hof versetzen will, ohne alles Widersprechens folgen müssen …“

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Herrenhaus in Karnitz 2001

Dazu nun einige Beispiele: 1577 bis 1580 wurden in Garftitz mehr als vier Bauernhöfe gelegt und zum Hof Garftitz vereinigt. Er gehörte zur Herrschaft von Putbus und umfasste1893 mit dem unweit gelegenen Ort Blieschow 250 ha Nutzfläche. Zu DDR-Zeiten wurde die Fläche von einer LPG „Pflanzenproduktion“ Garftitz bewirtschaftet.

1575 legte man das Gut – oder Ackerwerk, wie man damals sagte – in der Ortschaft Gagern an. Dazu wurden im Dorf sieben Bauern gekündigt und 27 Kätner sowie 73 Bauern der Umgebung zu Pflug- und Handdiensten herangezogen. Drei Jahre später wurde das ehemalige Bauerndorf Kluis dem Gut „angegliedert“. Gagern hatte 1893 als Rittergut die stattliche Größe von fast 500 ha und gehörte dem Grafen von Krassow (später angeheirateten Fürsten von Inn- und Knyphausen in Pansevitz). Zu DDR-Zeiten war hier der Sitz der LPG „Tierproduktion“ Kluis und der Abteilung 1 der LPG „Pflanzenproduktion“ Gademow.

 

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