Archiv für den Autor: Prof. Dr. Achim Leube

200 Jahre Tierzucht in Gustow

An der Bäderstraße von Stralsund über Garz und Putbus zu den Ferienzentren in Binz, Sellin, Baabe und Thiessow erreicht man wenige Kilometer nach der Überquerung des alten Rügendammes die kleine Kirchgemeinde Gustow mit ihrer ehrwürdigen um 1250 entstandenen Kirche, einer Mordwange von 1510 und einigen noch erhaltenen niederdeutschen und rohrgedeckten Hallenhäusern (Katen).

Mitten im Ort befindet sich der gerade rekonstruierte Gutshof Gustow. Das im englischen Tudorstil um 1850 errichtete „Herrenhaus“ erregt einige Aufmerksamkeit historisch interessierter Reisender dann doch. Der Gutshof existierte bereits 1314 und war dann bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts im Besitz der Familie von der Osten. Das in weiß durchschimmernde Gustower „Herrenhaus“  wird gerade anerkennenswert  im alten Baustil rekonstruiert.

Abb. 1. Gustow. Gusthaus im Sommer 2015. Aufn. A. Leube.

Abb. 1. Gustow. Das um 1850 im englischen Tudorstil errichtete Gutshaus in der Rekonstruktion durch den neuen Besitzer. Aufn. A. Leube 2015

Im Herbst 1945 wurde das Gut mit seinen etwa 2 000 Morgen landwirtschaftlicher Nutzfläche, Waldungen und Ödländereien innerhalb der Bodenreform auf mehr als 30 Familien aufgeteilt. 1949 entstand zunächst in Warksow und dann in Gustow eine der ersten „Maschinen-Ausleih-Stationen“ (MAS) Rügens und am 2. Oktober 1954 vollzog sich die Gründung der LPG „7. Oktober“ in Gustow, d. h. man beging noch im Sommer 1989 den 35. Jahrestag der Gründung.

Daraus wurde im Rahmen der Großraumbewirtschaftung 1977 eine der bedeutendsten landwirtschaftlichen Genossenschaften Rügens, die sich nur der Tierproduktion verschrieb. Es entstand eine „LPG (T)“ – eine landwirtschaftliche Genossenschaft der Tierproduktion.

In Gustow und der Nachbarschaft wurde bis 1991 eine Groß- bzw. Massenviehhaltung, in der z. B. die Gustower Melker am 30. September 1977 allein einen Planvorsprung von 26 276 kg Milch erreichten (OZ v. 2. 11. 1977). Dabei strebten sie erst eine Milchleistung von 4 000 kg Milch pro Kuh an. Man ahnt, dass sich dahinter eine riesige Rinderherde verbirgt.

Auch das war nicht das Ende der Entwicklung, denn nach 1990 wurde die „Agrargesellschaft Gustow mbH“ geschaffen, die wieder um 2013 fast 800 000 Euro Subventionen aus dem EU-Agrarfond für Landwirtschaft und Fischerei erhielt. 2013 besaß sie in Saalkow eine Anlage zum Halten von 750 Rindern.

Parallel dazu baute man in Gustow und Poseritz eine „Sektion Reit- und Pferdesport“ auf, die heute noch ihre Bedeutung besitzt.  Das alles ist sicher den meisten Gustowern und Poseritzer in bester Erinnerung.

Die Anfänge der rügenschen Pferdezucht in Gustow

Der Reitsport hat im Südwesten bzw. Süden Rügens seine Bedeutung behalten. So kamen zu einem Turnier in Altkamp im März 1995 110 Reiter mit fast 80 Pferden (Ostsee-Zeitung v. 6. 3. 1995, 10). Damals stammten von den 21 angetretenen Vereinen 20 aus Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings gewann kein Rügener Reiter einen Preis.

Dennoch hat der Reit- und Pferdesport erneut auf Rügen große Bedeutung. Es ist daher von Interesse zu erfahren, wo waren die Anfänge und wann setzten sie ein.

Die Familie Stuth und ihre Pferdezucht seit 1815

Weniger bekannt ist, dass gerade auf dem Gutshof Gustow unter der Gutsbesitzerfamilie Stuth ein Zentrum pommerscher Tierzucht bestand. Die Familie Stuth, die vermutlich aus dem Stralsunder Raum stammte, kaufte 1815 – also vor 200 Jahren – das mehrfach in Konkurs gegangene Rittergut Gustow. In dieser Zeit war 1806 und 1810 die Leibeigenschaft aufgehoben und der preußische Staat hatte Rügen von den Schweden durch komplizierte Verhandlungen zurück erworben. Damit endete die „Schwedenzeit“ auf Rügen.

Abb. 2. 2012 im Juni Pferdestall

Abb. 2. Gustow. Blick von der Landstraße auf den erhaltenen und verbauten Gutshof, im Hintergrund das Gutshaus und rechts die Reste des ehemaligen Pferdestalles (einst rohrgedeckt). Aufn. A. Leube 2012

 

Die neue Besitzerfamilie Stuth hat in den Jahren 1815 bis 1945 in vier Generationen das Gut über alle Krisen und Kriegszeiten hinweg gehalten und ausgebaut. Sie war Arbeitsgeber für die meisten Einwohner der Kirchgemeinde Gustow, wie sie auch verantwortlich war für die Infrastruktur (Katenbau, Wege- und Straßenbau), die „Armenpflege“ (d. h. für soziale Ausgaben), den Erhalt und Ausbau der Kirche selbst und die eigentliche Gemeindeverwaltung.

Man kann sich zwar darüber streiten, ob die Stuths diese Aufgaben immer verantwortlich wahrnahmen, darf aber diese kommunale Tätigkeit verbunden mit finanziellen Ausgaben nicht ignorieren. Nicht vergessen darf man aber auch, dass nahezu alle männlichen Stuths der vierten Generation sich der nationalsozialistischen Bewegung und Idee aktiv verschrieben hatten. Die Gustower und Saalkower Stuths endeten 1945 durch Freitod, wie die Grabstätten auf dem Gustower Friedhof mahnend erinnern. Diese Gräber sind damit Geschichtsdenkmale und sollten von der Kirchgemeinde erhalten bleiben.

Die Gustower Pferdezucht seit 1929

1923 übernahm Erich Stuth in der vierten Generation den väterlichen Gutshof in Gustow. Bereits sein Vater Friedrich Stuth (1855-1929) war durch die Kaltblutzucht bekannt geworden. Schon 1929 erhielt Erich Stuth die ersten pommerschen Landespreise und machte damit die rügensche Pferdezucht bekannt. Bei einer „Vorpommerschen Kaltblutschau“ in Stralsund im Juli 1929 erhielt er einen „1b – Preis“ für die selbstgezogene dreijährige Stute „Xenia“ und die selbstgezogene zweijährige „Blondine“. Außerdem erhielt er einen 2. Platz für sein Fohlen „Martha“. 

Drei Jahre später konnte Erich Stuth weitere Zuchtpreise „einheimsen“, so 1932 auf der „3. Vorpommerschen (Jubiläums-)Kaltblutschau“ in Stralsund. Hatte man bisher in Vorpommern den Nachwuchs an Kaltblut aus dem Rheinland eingeführt und auf Rügen nur weiter gezüchtet, so konnte Erich Stuth eigen gezogene Saugfüllen vorführen.

Hier hatte Erich Stuth große Erfolge, wie er auch bei der Zucht 4jähriger und älterer Mutterstuten mit „Fohlen am Fuß“ prämiert wurde. Insgesamt erhielt Erich Stuth auf der 1932 stattgefundenen Kaltblutschau sechs Spitzen-Preise und eine „Gedenkmünze“. Dem folgten noch ein Sonderpreis und eine weitere „Gedenkmünze“ der „Pommerschen Landwirtschaftskammer“. Diese züchterische Leistung wurde von den Veranstaltern hinsichtlich der schwierigen Lage der Landwirtschaft anerkannt und gewürdigt. Der Name Stuth wurde in der Presse besonders hervorgehoben: „Herr Stuth, Gustow, hatte die besten Saugfüllen“!

Abb. 3. Die Zuchterfolge des Gustower Gutsbesitzer Erich Stuth (Rügensche Zeitung Nr. 133 v. 31. Juli 1932).

Abb. 3. Die Zuchterfolge des Gustower Gutsbesitzer Erich Stuth (Rügensche Zeitung Nr. 133 v. 31. Juli 1932). Rgb. – Rittergutsbesitzer; Rgp. – Rittergutspächter; Dp. – Domänenpächter

 

In dieser Zeit gehörte er dem Vorstand der „Rügenschen Kaltblutzucht-Genossenschaft m. b. H.“ an und stellte spätestens seit 1929 seinen Hengst „Gaston de Chateau“ zum Decken zur Verfügung. Der etwas eigenartige französische Name kann eine Erinnerung an den in Frankreich gefallenen Bruder Werner (1899-1919) symbolisieren. Er kann natürlich seinen damals noch gepflegten Gustower Gutshof  mit einem „Chateau“ verglichen haben.

Am 1. Juli 1939 fand in Samtens die „Stutenschau der Kaltblutzüchter Rügens“ statt. Es war das letzte Friedensjahr und damit ein gewisser Abschluss der Stuthschen Pferdezucht. Erich Stuth wurde dabei neben den Gutspächtern Elgeti, Jarkvitz, Kroos, Güttin, und Conrad, Gr. Kubbelkow, mit einer Staatsprämie gewürdigt. Dem folgte außerdem ein „Ehrenpreis“, eine weitere Staatsprämie für zweijährige Stutfohlen, einen ersten Preis sowie einen Freideckschein und Ehrenpreis der Genossenschaft für sechsjährige und ältere Stuten.

Die höchste Prämierung auf Rügen erhielt aber seine Stute „Bertha“ mit ihren sechs Nachkommen – das war der Ehrenpreis und „1a-Preis“ des „Verbandes Pommerscher Kaltblutzüchter“ und der Genossenschaft Rügen. Allein 1939 waren es sieben Preise für die Gustower Pferdezucht.

Abb. 4. Die Zuchterfolge des Gustower Gutsbesitzers Erich Stuth im Jahre 1932 (Rügensche Zeitung 1932 Nr. 132 v. 31. 7. 1932).

Abb. 4. Die Zuchterfolge des Gustower Gutsbesitzers Erich Stuth im Jahre 1932 (Rügensche Zeitung 1932 Nr. 132 v. 31. 7. 1932)

 

Die rügensche Kaltblut-Pferdezucht wurde lange Zeit durch den Gutspächter Ferdinand Utesch (1859-1932), Teschenhagen, geprägt. Er baute mit dem Oberamtmann und Gutspächter Kroos, Güttin, die „Rügensche Kaltblut-Pferdezucht-Genossenschaft“ auf. Bedeutendster Züchter war allerdings der Rittergutsbesitzer von Esbeck-Platen, Capelle, der 1928 „die große Ehrenurkunde des Reichsverbandes der Kaltblutzüchter Deutschlands“ erhielt. Nachfolger dieser großen Züchter wurde auf Rügen zweifellos in der Nazi-Zeit Erich Stuth, der spätestens auch 1940 „Aufsichtsratsvorsitzender“ dieser Genossenschaft wurde.

Mitte März 1944 verfügte Erich Stuth über den Warmbluthengst „Arnsfried“, der zum „Warmblutzuchtverein Rügen“ gehörte. Zu dieser Zeit befand sich die Deckstelle des „Kaltblut-Stutbuches“ u. a. in Jarkvitz und in Poseritz, aber nicht mehr in Gustow. Man gewinnt daher den Eindruck, dass sich Erich Stuth spätestens 1944 aus der Kaltblutzucht zurückgezogen hatte.

Von den 23 Standorten der rügenschen Kaltbluthengste befand sich 1944 keine mehr in Gustow, wohl aber in Poseritz/Pfarrhof („Unkel“), Warksow („Urlauber“), Benz („Querulant“) und in Jarkvitz („Lemgo“ und „Don Tagilus“).

1944 befand sich von den 11 Standorten der Warmbluthengste mit dem Deckhengst „Arnfried“ einer in Gustow.

Der preisgekrönte  Gustower Bulle „Marthell“

Parallel zur Pferdezucht gehörte Erich Stuth auch der „Pommerschen Herdbuchgesellschaft“ an und leitete seit 1926 den pommerschen „Rindviehkontrollverein“, der der Stettiner Landwirtschaftskammer unterstand. In diesem Jahr erhielt er auf einer pommerschen Tierschau den dritten Preis für seinen Bullen „Marthell“. Dieser Name könnte aus uns heute unbekannten Gründen dem englischen Sprachgebrauch entnommen sein, wie er auch eine Anlehnung an den Namen Martha darstellen könnte.

Auch im Jahre 1936 zeichnete sich die „Zucht Stuth/Gustow“ mit bemerkenswerten Prämierungen aus. Bei der 174. Zuchtviehversteigerung der Herdbuchgesellschaft in Stralsund erhielt Stuth den zweiten (1b-Preis) und dritten (1c-Preis) Preis für die Bullen „Tarock“ und „Tizian“. Dazu kam noch ein „3a-Preis“ für den Bullen „Roland“. Damit lag Stuth auf Rügen an erster Stelle in der Bullen-Zucht. Der Name „Tarock“ erinnert an ein Kartenspiel, das man vielleicht in der Familie Stuth gern spielte. Die Trümpfe sind hier im deutschen Spielgebrauch durch Tierdarstellungen markiert.

Den Bullen „Roland“ verkaufte er noch 1936 für 1 250 RM in den Kreis Grimmen, den „Tizian“ „als teuersten Bullen der Auktion“ für 3 300 RM nach Hinterpommern und den „Tarock“ veräußerte er für etwa 2 600 RM an einen unbekannten Interessenten.

1936 fand in der Stettiner „Pommernhalle“ eine weitere Prüfung und Prämiierung von Schweinen und Zuchtbullen statt. Erneut errang Stuth, Gustow, als einziger rügenscher Züchter einen „3c-Preis“. Damals erschien er mit dem Zuchtbullen „Quader“, der anschließend verkauft wurde.

Acht Jahre später bei der 306. Zuchtviehversteigerung der „Pommerschen Herdbuch-Gesellschaft“ in Stralsund – im Jahre 1944 – erhielt Erich Stuth und erneut als einziger Teilnehmer Rügens einen „IIIa – Preis“ für seinen Bullen „Wanderer“. Es nahmen übrigens 105 Bullen an der Versteigerug teil. Nach der Prämierung wurde der Bulle verkauft, d. h. 1945 stand keiner der preisgekrönten Bullen mehr auf dem Hof.

Deutsches Landschwein und die Gustower Zucht

Breiter als die Pferde- und Rinderzucht war die Schweinezucht auf Rügen angelegt. Aber auch hier gehörte Stuth, Gustow, zu den besten Züchtern. So verkaufte er auf der 97. Zuchtschweinversteigerung 1936 einen veredelten Landschweineber für 290 Mark – es war der höchste Preis „bei flottem Gebot“. Seit Ende des Jahres 1936 bot er „aus meiner Stammzucht des veredelten Landschweines sprungfähige Jungeber und Jungsauen“ zum Kauf an, d. h. die Gustower Schweinezucht wurde bis zum Kriegsende fortgesetzt.

Die Nachzucht in Gustow und auf Rügen

An diese züchterischen Erfolge konnte die spätere auf Tierzucht spezialisierte „LPG (T) Gustow“ offenbar nur begrenzt anknüpfen. Sie war auch kein Zuchtbetrieb mehr, da Gustow im Jahre 1980 auf einer Tierschau des Bezirkes Rostock mit rund 200 Rindern, 200 Schweinen, 150 Schafen und 30 Pferden nicht einmal erwähnt wurde. Erst in dem letzten Jahrzehnt der DDR hatte sich in Gustow und Poseritz eine Vorliebe für die Pferdezucht und den Pferdesport entwickelt. So trug die BSG Traktor Poseritz Mitte September 1986 den “Preis von Poseritz” im Springreiten und Hindernisfahren für Zweispänner aus (Ostsee-Zeitung Nr. 213 v. 9. 9. 1986, 8).

Die Stuthsche Tradition wird in Gustow gegenwärtig fortgesetzt. So erhielt im Jahre 2014 die Gustower Agrargesellschaft auf der 18. Kreisrinderschau in Putbus für ihr Milchrind „Diana“ einen Tierzuchtpreis in Bronze mit einer Schleife. „Diana“ erhielt den Titel „Miss Euter“. Überhaupt errang die Gustower Agrargesellschaft mit der Kuh „Mandy“ den Gesamtsieg auf der Kreisrinderschau.

Rückblick

Über das Leben und Wirken der Menschen aus der Zeit vor 1945 ist wenig bekannt. Es sind nun präzise 70 Jahre vergangen, da der Gustower Tierzüchter Erich Stuth aus dem Leben schied. Er wird wohl in den 15 Jahren zwischen 1929 und 1944 etwa 50 Preise, eine unbekannte Zahl an Ehrenmedaillen und diese und jene Urkunde für seine Tierzucht erhalten haben. Das ist für die Geschichte der rügenschen Landwirtschaft nicht unbedeutend. So konnte für das Gut Gustow und für seine letzte Gutsbesitzerfamilie etwas der Schleier der Vergangenheit gelüftet werden. Man sieht, auch diese kleinen Dörfer und Güter haben mehr und vielseitiges zu bieten. Genauere Nachforschungen zu ihrer Vergangenheit werden vielleicht dieses und jenes Detail vertiefen können. Vielleicht ist dieser kleine Beitrag dazu eine Anregung zur historischen Recherche, denn „das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch“ selbst (Goethe).

Abb. 5. Drammendorf. Rügensche Kaltblüter im Gespann. Aufn. A. Leube 2012

Abb. 5. Drammendorf. Rügensche Kaltblütler im Gespann. Aufn.  A. Leube 2012

Germanen auf Rügen

Die archäologische „Gustower Kulturgruppe“

Verbunden mit den zahlreichen und umfangreichen Kies- und Sandentnahmen am Mühlenberg in den letzten 100 bis 150 Jahren sind die Zerstörungen menschlicher Friedhöfe seit der Bronzezeit bis in das frühe Mittelalter, d. h. aus einem Zeitraum von etwa 1400 vor Christi Geburt bis 1200 nach Christi Geburt, offenkundig. Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen am „Mühlenberg“ von Gustow führte sogar die Tochter des damaligen Gutsbesitzers Stuth, Barbara Stuth, schon 1938 durch. Sie war zeitweise Assistentin am Museum der Stadt Stralsund (Stuth und Eggers 1941, 118 ff.; Kunkel 1940a, 307, Anm. 100).

Abb. 1. Warksow.

Abb. 1. Grabungsschnitt in Warksow. Grabung Dr. Dirk Röttinger, Schwerin, im Jahre 2010. Man erkennt im Boden dunkle Einfärbungen als Spuren menschlicher Besiedlung

Danach steht fest, dass auf dem „Mühlenberg“ eine in der Gemarkung Gustow ansässige germanische Bevölkerung des 1. bis 4./5. Jahrhunderts nach Christi Geburt einen Friedhof anlegte. Die Toten wurden – wie heute – unverbrannt wie auch verbrannt in Grabgruben beigesetzt. Sie erhielten in ihrer vielseitigen Totentracht silbernen und bronzenen Schmuck mit.

Diese Stuthschen Ausgrabungen fanden damals große Beachtung und der damalige Landesarchäologe Otto Kunkel schrieb: „Ein germanischer Friedhof bei Gustow auf Rügen ist bemerkenswert, weil sich die bisher dort angetroffenen 21 Gräber auf die IV./V./VI. Periode der Bronzezeit, die Früh- und die Spätlatènezeit, ferner auf das 2. und das 4./5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verteilen, auf eine in Pommern recht ungewöhnlich lange Spanne also; ob jedoch von einer wirklichen Siedlungskontinuität an diesem Platze die Rede sein darf, wird erst eine Restuntersuchung des Geländes dartun können“ (Kunkel 1940a, 306 f.). Diese fand nicht statt. 1939 brach der II. Weltkrieg aus.

Spätere archäologische Ausgrabungen der 1950er und 1960er Jahre machten den Ort jedoch bedeutsam. So spricht man nach der Erforschung dieser reichhaltig ausgestatteten Gräber in internationalen Fachkreisen sogar von einer „Gustower Kulturgruppe“, die für die germanische Bevölkerung des 1. und 2. Jahrhunderts im westlichen Ostseegebiet typisch ist.  Leider sind viele dieser kulturgeschichtlich bedeutsamen Gräber durch Unvernunft und Gleichgültigkeit der hier tätigen Arbeiter vernichtet worden.

Abb. 2. Gustow - die Sieben Berge.

Abb. 2. Gustow – die „Sieben Berge“. Spätestens 2011 angepflügtes Hügelgrab der Bronzezeit. Aufn.: A. Leube. 2011. Von den einstigen sieben Hügelgräbern sind noch zwei erhalten!!

Man wünscht sich, dass die heutige aufgeklärte Zeit über ein offenes Ohr und ein wachsames Auge verfügt, um erneute Zerstörungen – zum Beispiel beim Kiesabbau am Weg nach Warksow – zu verhindern und sofort Meldung an die Baustellenleitung oder die Denkmalpflege des Kreises Vorpommern-Rügen  (Denkmalpfleger Dr. M. Sommer-Scheffler) zu erstattet.

Einen zeitgleichen Bestattungsplatz hat vor wenigen Jahren der Prähistoriker Hirsch in Rothenkirchen (Fundplatz 11) entdeckt (Zeitschrift: „Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern Nr. 54, 2006 (2007), Abb. 43, 213). Auch dieser Bestattungsplatz gehört in das 2. Jahrhundert nach Christi. Die auf dem Scheiterhaufen verbrannten Toten wurden mit allen Brandresten in sogenannten Brandgruben beigesetzt. In Rothenkirchen waren es silberne Fibeln, eine Gürtelgarnitur, ein Spinnwirtel und ein Dreilagenkamm.

Inzwischen wurden beim Bau der Chaussee B 96 n auch aus jener Zeit stammende Siedlungsplätze archäologisch untersucht, so in Drammendorf (Fundplatz 6). Es war ein dreischiffiges Wohnstallhaus von 21,5m x 5,5 m Größe, das ONO- bzw. WSW orientiert war (u. a. Zeitschrift: „Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern Nr. 54, 2006 (2007), S. 207). Dazu gehörten zwei Getreidespeicher, die auf gestelzten Pfählen errichtet waren. Auch in Götemitz wurden diese Häuser gefunden. Es waren zwei dreischiffige Hallenhäuser von 20 bzw. 25 m Länge und 7 m Breite. Letztere Siedlung scheint noch zu Beginn des 5. Jahrhunderts bestanden zu haben.

Die Grabungen an der Kiesgrube 1938

Die Gräber 1 bis 4, die 1938 durch Barbara Stuth ausgegraben wurden, befanden sich in Höhe der alten Schmiede (heute Verkaufsstelle des sozialen „Insel e. V. – Vereins Kransdorf“) in der Sandgrube. Zu dieser Zeit scheint die Sandentnahme noch mit der Hand und einiger Sorgfalt vorgenommen worden zu sein.

Abb. 3. Gustow-Mühlenberg. Grab 1-1938. Mus. Stralsund.

Abb. 3. Gustow-Mühlenberg. Grab 1/1938. Museum Stralsund (nach Herfert und Leube 1967, S. 222, Abb. 148)

Das älteste germanische Grab wurde mit den weiteren Gräbern am 17. Juni 1938 geborgen (Grab 1/1938). Leider hat sich nur das mit einzelnen Strichen verzierte Urnenunterteil erhalten (d). In diesem lagen zwei drahtförmige sogenannte geschweifte Fibeln (a, b) als eine Art von Gewandbroschen, ein sichelförmiges deformiertes Eisenmesser (c). Der Griff läuft in einen Ring zur Befestigung an einem Gürtel aus. Ein Quarzstein mit quadratischem Querschnitt, geglätteten Seiten und leichten Klopfspuren hat sich nicht mehr auffinden lassen. Er diente sicher zur Feuererzeugung.

Offenbar in geringer Entfernung wurden von den Arbeitern drei weitere Urnengräber freigelegt und gelangten zerscherbt in das Kulturhistorische Museum Stralsund (Herfert und Leube 1967, 222 ff., Abb.149 f.). Es handelt sich um engmündige Töpfe von 29 bis 35 cm Höhe. Die Töpfe der Gräber 2/1938 (a) und 3/1938 (b) besitzen einen Winkelrand und sind unverziert. Dem Urnengrab 3/1938 hatte man einen flach-doppelkonischen Spinnwirtel aus grauweißem Sandstein (c) mitgegeben.

Abb. 4. Gustow-Mühlenberg. Grab 2 und 3 des Jahres 1938. Museum Stralsund.

Abb. 4. Gustow-Mühlenberg. Grab 2 und 3 des Jahres 1938. Museum Stralsund (nach Herfert und Leube 1967, S. 222, Abb. 148)

 

Das Brandgrab 4/1938 bestand aus einem fast 30 cm hohen, schwarzen Topf, der groben Leichenbrand enthielt und auch noch vollständig erhalten war. Er besaß ein waagerechtes Ziermuster aus Diagonalen, eingeschachtelten Quadraten und Tannenzweig-Motiven. Davon gehen – wie bei Grab 1/1938 – in unterschiedlichen Abständen je zwei Rillen zur Fußplatte. Dieses Muster ist recht selten auf Gefäßen angebracht, hat aber seine zeitgleichen Parallelen im heutigen Pomorze, wie auch auf den dänischen Inseln.

Abb. 5. Gustow-Mühlenberg. Grab 4  1938. Mus. Stralsund nach Herfert und Leube 1967,  S. 224, Abb. 150

Abb. 5. Gustow-Mühlenberg. Grab 4 des Jahres 1938. Museum Stralsund (nach Herfert und Leube 1967, S. 224, Abb. 150)

Etwa 100 m weiter östlich – im Bereich des heutigen Sport- und Festplatzes am „Mühlenberg“ – wurden zwischen 1956 und 1960 mindestens fünf Brandgräber freigelegt. Ihre Kenntnis ist dem nach Gustow verzogenen Stralsunder Schulrat a. D. Jarczembowski und dem Arbeiter G. Seifke, Stralsund, zu verdanken (Berlekamp 1961, 77, 78, Abb. 42; Herfert und Leube 1967, 225 ff.). Es wurden sowohl Brand- als auch Körpergräber freigelegt, leider ohne genaue Beobachtung.

Vom Körpergrab 1/1956 war der Schädel erhalten, der Patinaspuren einer Haarnadel aufwies. Außerdem fand man im Sommer 1959 zwei beschädigte Bronzefibeln (Berlekamp 1961, 77). Dieses Grab ist mehrere Generationen jünger und in die Zeit um 100 n. Chr. zu datieren.

Abb. 6. Gustow-Mühlenberg. Bronzene Fibeln des Grabes 1 des Jahres 1956. Mus. Stralsund.

Abb. 6. Gustow-Mühlenberg. Beigaben des Grabes 1 des Jahres 1956. Museum Stralsund (nach Herfert und Leube 1967, S. 225, Abb. 151)

In jüngster Zeit wurden germanische Bestattungen des 1. und 2. Jahrhunderts im benachbarten Poseritz gleichfalls in einer Kiesgrube entdeckt (Fundplatz 8), wie auch in Klein Bandelvitz Siedlungsspuren der Germanen festgestellt wurden. So barg der Denkmalpfleger D. Kottke „eine kleine bronzene Kopfkammfibel“ von 2,1 cm Länge und verwitterter Verzierung auf der Kopfplatte (Zeitschrift „Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Band 61, 2013 (2015), 275, Abb. 57).

Zu den jüngsten Funden unseres Gebietes gehört das Bruchstück einer der seltenen „Bügelknopffibeln“ des 5. Jahrhunderts. Sie wurde durch Herrn Hanitzsch, Rothenkirchen, nach dem Pflügen gefunden (Fundplatz 7). Andere in Mecklenburg-Vorpommern geborgene archäologische Funde deuten an, dass germanische Bevölkerungsreste noch bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. hier lebten (Leube 1995, 3 ff.).

Abb. 7. Rothenkirchen. Jahrb. 44, 1996 (1997), 484, Abb. 82 in Farbe

Abb. 7. Rothenkirchen. Bruchstück einer germanischen „Bügelknopffibel“ des 5. Jahrhunderts (Zeitschrift „Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 44, 1996 /1997, S. 483 f., Abb. 82Die Menschen jener germanischen Zeit

 

Den Menschenschädel des Grabes im Jahre 1956 konnte der Berliner Anthropologe Prof. Hans Grimm wissenschaftlich untersuchen. Der Schädel stammte aus einer Körperbestattung, an dessen Hinterhaupt eine mit einer bronzenen Nadel befestigte Haarfrisur oder Kopfschleiertracht befestigt wurde. Diese Nadel hatte das gesamte Hinterhaupt grün verfärbt. Nach Hans Grimm war die beigesetzte Person ein Mann oder eine kräftigere Person von jugendlichem Alter.

Abb. 8. Gustow. Körpergrab. 1966

Abb. 8. Gustow-Mühlenberg. Menschliches Skelett im Jahre 1966 durch Dipl. Phil. P. Herfert und Dr. A. Leube freigelegt. Mus. Stralsund

Die Vorderansicht zeigt einen sehr schmalen Schädel ohne Überaugenbögen, geringen Stirnhöckern und quadratischem Umriss der Augenhöhlen. Auffallend war die deutlich geneigte Stirn, die zur Oberstirn mit einem Knick umbog, und dann steil aufstieg. Alle Nähte waren noch recht deutlich und zum Teil reich gewunden.

Abb. 9. Rekonstruktion eines germanischen Kopfes.Titelblatt Band 1 1988

Abb. 9. Rekonstruktion eines Kopfes eines Germanen durch den Anthropologen Dr. Herbert Ullrich (nach Die Germanen, Band 1, 1988, Titelblatt)

 

Bemerkenswert waren ferner ein ausladendes Hinterhaupt, gering ausgebildete Nasenwurzeln,  eine schwache Prognathie des Kiefers sowie ein kräftiges Positivkinn. Das Nackenmuskelfeld war deutlich ausgeprägt. Die Zähne waren nur noch gering erhalten. Sie zeigten einen erheblichen Zahnsteinansatz und eine starke Abkauung.

Ein ähnlicher etwas gröberer Schädel stammte aus einem Grab von Unrow, der aber eher einer Frau als einem Mann zugeordnet wurde und älter als der Gustower Mensch war. Hier waren die Überaugenbögen medial mäßig ausgebildet und der Umriss der Augenhöhlen breit-ellipsoid, jedoch stark nach außen fallend. Dazu kamen mäßig derbe Wangenbeine und ein breiterer Schädelumriss. Die Stirn war nur leicht schräg mit einem bogigen Verlauf der Oberstirn. Das Hinterhaupt war nur schwach ausladend. Die Nasenwurzel war leicht eingesattelt, die Nasenbeine schwach konkav. Leider fehlten die Zähne bis auf den Eckzahn und den ersten Prämolaren.

Wegen dieser geringen und zugleich heterogenen Knochenmaterialien sah sich der Anthropologe Hans Grimm nicht in der Lage, eine Beurteilung zum Geschlecht und zum Alter des oder der Verstorbenen zu geben.  

Germanen auf Rügen und die archäologische Gustower Kulturgruppe

Das Thema „Germanen“ hat bis in die heutige Zeit seine Faszination nicht verloren. Dennoch muss man sich gewahr sein, dass gesicherte Quellen und schriftliche Angaben aus jener Zeit – also vor mehr als 2000 Jahren – dünn gesät und widersprüchlich sind.

Charakteristisch bereits für jene Zeit menschlicher Besiedlung Rügens, aus der wir keine schriftlichen Urkunden und Bericht haben, ist ihre Heterogenität, d. h. die Vielseitigkeit in der Aufnahme unterschiedlichster Kultureinflüsse. Der Ort Gustow mit seinem Gräberfeld am „Mühlenberg“ ist nun namengebend für die menschliche Kultur im Zeitraum des 1. und 2. Jahrhunderts zwischen  der Warnow-Mündung bis zur Rega (Kolberg) im Osten.

Abb. 10. Karte der archäologischen Fundplätze, auf denen Fundgut aus Skandinaviene

Abb. 10. Karte der archäologischen Fundplätze, auf denen Fundgut aus Skandinavien – also Dänemark und Schweden – geboren wurde. Stand vor 1975 (nach Leube 1975). 1 Grabfund des 1. – 2. Jahrhunderts n. Chr.; 2 Siedlungsplatz des 1.- 2. Jahrhunderts n. Chr.; 3 Grabfund des 3. – 4. Jahrhunderts n. Chr.; 2 Siedlungsplatz des 3.- 4. Jahrhunderts n. Chr. Nr. 12 markiert das Gräberfeld Gustow

Man hatte offenbar enge Beziehungen zu den dänischen Inseln wie auch zu Jütland.

Thingstätten auf Rügen

Besonders politisch-verhängnisvolle und historisch falsche Aussagen stammen aus den Jahren 1934 bis 1945. So überlegte die NSDAP-Kreisführung auf Rügen eine zentrale „Thingstätte“ – wie überall zu Beginn des NS-Regimes in Deutschland diese Bestrebungen existierten – einzurichten. Damit wollte man eine Scheindemokratie vortäuschen, an der nur die „wehrhaften Männer“ Anteil haben sollten, und zwar „in bewusster Anlehnung an den Brauch unserer Vorfahren“ (Stettiner General-Anzeiger v. 26. 1. 1934). Derartige „Thingstätten“ sollten der neue „Mittelpunkt germanisch-völkischer Erneuerung in der Zukunft“ werden. Für Rügen stand nun die Frage – aber wo?

Abb. 11.  Bergen-Rugard. Freilichtbühne, einst als Thingstätte missbraucht. Abholzung Ostern 2015.

Abb. 11. Bergen-Rugard. Freilichtbühne, einst als Thingstätte missbraucht. Abholzung Ostern 2015

Es gab für Rügen verschiedene Vorschläge, wie die „Burg Arkona“ und Stubbenkammer mit der Hertha-Burg als „ehrwürdiges Gebiet germanischer Kultstätten“. Offenbar bezog man den damaligen Putbusser Lehrer Dr. Wilhelm Petzsch als besten Kenner der rügenschen Vorgeschichte in die Überlegungen mit ein.

Petzsch schlug daher den Burgwall „Schlossberg“ in der Nähe der Oberförsterei Werder vor, da „dessen wendische Herkunft fraglich ist“. Außerdem lag hier ein gewaltiger Findling mit näpfchenartigen Vertiefungen: „Wahrscheinlich dienten Steine dieser Art den Germanen zu kultischen Zwecken“, so die damalige NS-Presse (Stettiner General-Anzeiger v. 26. 1. 1934). Wenn Petzsch sich auch nur sehr vorsichtig äußerte und klärende Grabungen empfahl, folgerte man dennoch im nationalsozialistischen Sinne: „Auf diesem Schlossberg also, den Trümmern einer uralten, verlassenen Germanenburg, der einzigen, die Rügen sein eigen nennt, müßte der Ort sein, an dem sich die Bewohner Rügens immer wieder ihrer Verbundenheit mit ihren Vätern und mit dem jüngst aus langem Schlaf erwachten Deutschland erinnern“ (Stettiner General-Anzeiger v. 26. 1. 1934). Zeitgleich  glaubten Laienforscher auf dem „Schlossberg“ das Heiligtum der Göttin Hertha zu lokalisieren (General-Anzeiger v. 20. 3. 1934).

Der Oberschullehrer Dr. Herbert Schmidt (aktives NSDAP-Mitglied), Bergen, versuchte im Jahre 1934 sogar „die älteste rügensche Thingstätte“ auf dem Nordpeerd in Göhren zu lokalisieren (H. Schmidt 1934). Er stützte sich auf den 1834 hier erwähnten Flurnamen „Hühnerholz“ und eine eigenartige Deutung des Heimatforschers Alfred Haas. Haas hatte schon 1919 die Flurnamen „Hühner, Hünnen und Hunnen“ auf germanische Begriffe zurückgeführt (Haas 1919, 98 ff.). So verband er diese Begriffe mit der erst seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. im süddeutschen Raum überlieferten germanischen Organisationsform der „Hund- bzw. „Hundertschaft“. Zu dieser Zeit gab es auf Rügen jedoch keine germanische Besiedlung und so ist es reine Spekulation, in Göhren eine Thingstätte zu lokalisieren, ja, Herbert Schmidt, stellte selbst fest: „Man muß selbstverständlich an solche Kombinationen mit höchster Vorsicht herangehen“.

Die Idee, eine „Thingstätte“ im Mittelpunkt der Insel, in der Kreisstadt Bergen auf dem Rugard, zu errichten, wurde zunächst verworfen. Die hier gelegene slawische Burg sei z. B. nicht die älteste auf Rügen.

Der Prähistoriker Otto Kunkel in Stettin

Herbert Schmidt stand damit in nächster Nähe zum pommerschen Prähistoriker Otto Kunkel, Stettin. Zunächst behauptete dieser für eine breite Öffentlichkeit in der „Pommerschen Zeitung“ des Jahres 1938, Auswanderer aus Bornholm, das er als ein einstiges „Burgundarholm“ bezeichnete, wären in die pommerschen Gebiete eingewandert (Pommersche Zeitung v. 12. 6. 1938). Von hier aus „rüsteten sie zum Aufbruch in das überfremdete und zivilisatorisch vermorschte Imperium des Südens“, wie er die römischen Provinzen an Rhein und Donau bezeichnete. So behauptete er: „Die Ahnen eines Odowakar und seiner Mannen wurzelten in unserem Gau (Pommern)“.

Alle diese antiken Berichte sind sehr vage und widersprüchlich. Bereits 1940 formulierte der pommersche Landesarchäologe Otto Kunkel diese Problematik (im Widerspruch zu seinen obigen Thesen!): „Man bedenke auch, daß die Germanen einer eignen Volksbezeichnung ermangelten und daß ihr von fremder Zunge geformter Name nur selten für die Gesamtheit aller Stämme, Verbände und Völkerschaften angewandt wurde“ (Kunkel 1940a, 337).

Rügen und die Rugier

Aus der Namensgleichheit zwischen „Rügen“ und Rugiern“ ist besonders in der heimatgeschichtlichen Literatur eines Carl Gustav von Platen der Stamm der Rugii herangezogen worden (v. Platen 1936, 316 ff.; dagegen Kunkel 1940b, 191 ff.). Besondere Bedeutung erreichten damals die Aufsätze „Vorpommern und Rügen in germanischer Frühgeschichte und Heldensage“ des Bergener Studiendirektors Dr. Baetke (1931, 1 ff.) und „Rügen und die Rugier“ des späteren Greifswalder Universitätsprofessors Wilhelm Petzsch (1931, 170 ff.).

Abb. 12.  Wilhelm Petzsch.

Abb. 12. Wilhelm Petzsch (1892-1938). Der bedeutende Prähistoriker der 1920er und 1930er Jahre auf Rügen und in Vorpommern

Beide sprachen sich für die Anwesenheit der Rugier in den ersten Jahrhunderten nach Chr. aus – und irrten beide, d. h. ihre Aufsätze und ihre Thesen sind hinfällig! Ihre beiden Aufsätze sind gefüllt mit falschen Behauptungen, fehlenden historischen und archäologischen Fakten und methodischen Missdeutungen.

Der Glaube, dass man aus dem archäologischen oder anthropologischen Fundgut auf die Existenz von germanischen Stämmen schließen kann, hat sich heute als ein gewaltiger Irrtum erwiesen. Ja selbst die Präsenz der großen Bevölkerungsgruppe der Germanen bereits um Christi Geburt im östlichen Ostseeraum ist umstritten. Dazu gibt es keine schriftlichen Quellen. Selbst die germanische Sprache war z. B. in dieser Zeit noch nicht ausgeprägt.

Der Nerthus- oder Hertha-Kult

Der römische Historiker Tacitus hatte im Jahre 98 n. Chr. ein Buch „Germania“ geschrieben und ging darin im cap. 40,2 auf sieben Stämme ein, die gemeinsam eine Muttergottheit verehrten, die er mit der römischen Terra mater verglich. Hier die deutsche Übersetzung:

„Dann folgen die Reudingner, Avionen, Anglier, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuitonen. Im einzelnen gibt es bei ihnen nichts Bemerkenswertes, außer dass sie gemeinsam Hertha, d. h. die Mutter Erde, verehren und glauben, daß sie in die Angelegenheiten der Menschen eingreift und ihre Stämme in einem Wagen besucht“. Als Raum nannte er die „cimbrische“ Halbinsel – das ist aber eher Jütland als Rügen.

Die heute übliche Darstellung der Reiseführer am slawischen Burgwall und Burgwall-See, am Hertha-See, bei Stubbenkammer dieses Stammesheiligtum zu sehen, ist entsprechend falsch – wird aber wohl unverdrossen weiter gegeben.

Die Tracht der Gustower Germanen

Sie erhielten in ihrer vielseitigen Totentracht silbernen und bronzenen Schmuck mit – unvergleichlich mit der heutigen Zeit. Erhalten haben sich allerdings nur die metallenen Teile des Körperschmucks. Bei Toten, die unverbrannt beigesetzt worden waren, konnte der Schmuck recht genau am Körper fixiert und eine Tracht rekonstruiert werden.

Abb. 13. Warksow. Gräbergruppe des 2. Jahrhunderts

Abb. 13. Warksow. 1964 bis 1966 wurden auf der Gustow benachbarten Gemarkung Warksow – gleichfalls auf dem „Mühlenberg“ weiter germanische Körpergräber des 2. Jahrhunderts nach Christus ausgegraben (Herfert und Leube 1967)

Danach trug der Mann einen Gürtel mit metallener Schnalle sowie einen Umhang, der an der Schulter durch eine Gewandspange (sogenannte Fibel) gehalten wurde.

Abb. 14. Germanische Männertracht nach Die Germanen, Band 1, 1988, S. 341, Abb. 83

Abb. 14. Zur Oberkleidung des Germanen gehörte der Mantel aus einem viereckigen Wolltuch, das an der rechten Schulter mit einer Fibel zusammengesteckt wurde (nach Die Germanen, ein Handbuch, Band 1, 1988, S. 341, Abb. 83)

Die Frauentracht war variantenreicher. Meist trug die Frau ein langes Kleid, das an den Schultern durch je eine metallene Gewandspange gehalten wurde.

Abb. 15. Germanische Frauentracht Band 1 S. 388, Abb. 79

Abb. 15. Zwei Germaninnen mit einem langen peplosartigem Kleid, das auf der Schulter durch zwei Fibeln zusammen gehalten wurde (nach Die Germanen, ein Handbuch, Band 1, 1988, S. 338, Abb. 79

Dazu kam eine Halskette und – wie in Gustow – eine Haar- oder Hauben-Tracht, die mit einer langen Nadel gehalten wurde.

Abb. 16. Haartracht des Mannes Band 1 S. 344, Abb. 87

Abb. 16. Die Haartracht des „freien“ Mannes bestand auch in einer speziellen Knotenbindung des langen Haares über der rechten Schläfe (nach Die Germanen, ein Handbuch, Band 1, 1988, S. 341, Abb. 83)

Mit dieser Tracht schloss sich die Bevölkerung Rügens jener auf den dänischen Inseln an, wo ein analoges Bild herrschte. Gemeinsam ist auch beiden, dass bei den Frauen im 1. Jahrhundert n. Chr. noch eine einfache, nahezu schmuckarme Tracht dominierte, die dann im 2. Jahrhundert durch „Beigabenreichtum“ an Aussehen gewann. Dagegen blieb die Tracht der Männer im 1. und 2. Jahrhundert nahezu gleich.

Abb. 17.  Gustow. Stilleben am Rande des Mühlenberges

Abb. 17. Gustow. Am Rande des Mühlenberges. Foto A. Leube 2015

Heute ist von der Sand- und Kiesgrube kaum etwas zu erkennen. Die nach dem Sand- und Kiesabbau entstandenen Freiflächen dienen der Dorfbevölkerung als Fest- oder Sportwiesen.

Auch keine Tafel erinnert daran, dass ein Gräberfeld bestand, dessen kulturgeschichtliches Inventar den Namen Gustow in die weite wissenschaftliche Welt trug. Die im Kiesgrubenbetrieb geborgenen und hübsch drapierten Findlinge sind die letzten Zeugen einer vergangenen Zeit.

Literatur:

Baetke, W. 1931: Vorpommern und Rügen in germanische Frühgeschichte und Heldensage. In: Baltische Studien N. F. 33, 1ff.

Berlekamp, H. 1959: Neue Körpergräber der älteren Kaiserzeit aus dem Stralsunder Gebiet. In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg, Jahrbuch 1959, 77-87.

Haas, A. 1919: Hühner, Hünnen, Hunnen in pommerschen Ortsnamen. In: Quickborn, Hamburg, 12. Jahrgang Nr. 4, 98-104.

Herfert, P. und Leube, A. 1967: Der Bestattungsplatz von Gustow, Kreis Rügen. In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg, Jahrbuch 1966 (1967), 221-256.

Kunkel, O. 1940a: Urgeschichte, Volkskunde Landesgeschichte und Stadtkultur, kirchliche Kunst (Mitteilungen aus dem Pommerschen Landesmuseum). In: Baltische Studien N. F. 42, 1940, 274 ff.

Kunkel, O. 1940b: Rugi, Liothida, Rani. In: Nachrichtenblatt für Deutsche Vorzeit 16, 191-198.

Leube, A. 1975: Skandinavische Beziehungen im Gebiet zwischen Wismarer Bucht und Usedom während der römischen Kaiserzeit. In: Zeitschrift für Archäologie 9, 235-250.

Petzsch, W. 1931: Rügen und die Rugier. In: Monatsblätter der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde 45, 170-172.

von Platen, C. G. 1936: Die nordischen Rugier. In: Die Sonne. Monatsschrift für Rasse, Glauben und Volkstum 13, 316-323.

Schmidt, H. 1934: Die älteste rügensche Thingstätte. In: Pommersche Blätter für die Schule. Wochenschrift des NSLB Gau Pommern v. 18. 12. 1934.

Stuth, B. und Eggers, H. J. 1940: Das germanische Gräberfeld von Gustow auf Rügen. In: Pommersche Jahrbücher 34, 118 ff.

Ein Mord vor 500 Jahren – aus der Geschichte Gustows und Rügens


Zur Geschichte des Ortes Gustow

2014 hat das 1314 erstmals erwähnte Gustow den 700jährigen Tag dieser Nennung begangen. Es kann nicht nur auf dieses tragische Ereignis zurückblicken. Wegen seiner strategischen Lage an einer alten Landstraße und an der Wamper und Gustower Wiek wurde es mehrfach durch Kriege und Plünderungen „heimgesucht“. Im Jahre 1678 war es der Krieg zwischen den Dänen und Brandenburgern gegen die Schweden, der hier zu einer Schlacht auf den Feldern zwischen Gustow und Warksow und zur Zerstörung des einstigen Bauerndorfes und seiner Kirche führte. Größere Bedeutung erreichten der Ort und seine Kirchgemeinde unter dem Pfarrer Karl Emanuel Christian Piper (1752-1831). Piper hatte Kontakte zu allen bedeutenden Persönlichkeiten Rügens, wohl auch zu Ernst Moritz Arndt. Piper legte einmalig für Rügen noch vor 1800 den Grundstein für ein solides Schulwesen in Gustow, wie er auch 1790 eine Hebammenstelle einrichtete.

Aus jüngerer Zeit ist Gustow durch seine Landwirtschaftliche Genossenschaft (LPG) „7. Oktober“ bekannt, die unter ihren Vorsitzenden Hans Lenz, Helmut Kircher und Egon Bauer einem auf Tierhaltung und Tierzucht orientierten umfangreichen Agrarbetrieb aufbauten, der 1989 beachtliche 358 Mitarbeiter hatte. Die häufig prämierte Genossenschaft besaß außerdem eine durch Klaus Perk geleitete ertragreiche Gärtnerei, in der seinerzeit 60 Personen Arbeit fanden. Daraus entwickelte sich nach 1990 u. a. eine „Agrargesellschaft GmbH“ Gustow mit allerdings nur noch etwa 50 Arbeitskräften im Jahre 1999. Mehrfach errang der Ort seit 1987 den Titel „Schönes Dorf“ und zeichnet sich auch gegenwärtig unter Bürgermeister Peter Geißler durch eine gepflegte Ortsstruktur aus.

Abb. 1. Die Kalkstein-Stele (Mordwange) auf dem Friedhof von Gustow. Aufnahme: A. Leube, August 2011

 

Die als „touristische Nebenstrecke“ bezeichnete und schon stark in ihrem Baumbestand gelichtete „Deutsche Alleenstraße“ von Stralsund nach Garz und Putbus führt nach etwa 6 km hinter Stralsund durch den kleinen Ort Gustow.

Einem aufmerksamen Reisenden gibt dabei eine senkrecht stehende Kalksteinplatte von etwa 2,6 m Höhe und 0, 6m Breite auf dem Friedhof an der Kirche Anlass zum Nachdenken.

Bereits um 1800 wurde vermerkt, dass sich „außerhalb des Friedhofes“ auf der Nordostseite an der Alleenstraße ein großer Sühnestein befand (Auszüge aus der Gustower Kirchenchronik des Pastors K. E. C. Piper /Aktenordner / Ortsakten Rügen / KHM Stralsund).

Abb. 2. Gustow. Mordwange. Aufnahme - A. Leube, Mai 2010

Abb. 2. Gustow. Mordwange aus Kalkstein. Aufnahme: A. Leube 2013

 

Es ist jene aus schwedischem Kalkstein gefertigte Mordwange von 2, 7 m Höhe, 0, 17 m Stärke und 0, 61 m Breite und oben 0, 85 m Breite  aus dem Jahre 1510 (vgl. Haselberg 1897, 298; Haas 1938). Ohle und Baier (1963, 260) nennen irrtümlich Granit. Eine weitere ähnliche Mordwange steht in Schaprode. Es gibt also zwei derartiger Gedenksteine auf Rügen.

Der auf dem Friedhof in Gustow erhaltene Sühnestein des Jahres 1510 gehört zu einer Gruppe von Kunstdenkmälern, die frühestens in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet wurden und heute unter strengem Denkmalschutz stehen (z. B. Saal 1971, 147 ff.; Neuber 1988 mit Literatur). Im Osten Deutschlands hat sich eine große Zahl dieser steinernen Denkmäler erhalten, so allein 367 in Sachsen, in Thüringen über 500, in der Niederlausitz 70, im übrigen Brandenburg nur acht. In Mecklenburg-Vorpommern sind es sieben Sühnesteine in Kreuzform und ein gutes Dutzend als Mordwange (nach Saal 1971, 147 mit Literatur) erhalten.

Die Kirche zu Gustow

Gustow ist eine eigenständige Kirchengemeinde gewesen und gehörte zwischen 1648 und 1815 zum schwedischen Königsreich: „Schweden hat zunächst in kirchlicher Hinsicht in dem übernommenen Rügen keine wesentlichen Änderungen eintreten lassen“ (Wiedemann 1934, 83).

Abb. 2. Gustow. Blick auf Kirche und Friedhof. Die Steinsäulen markieren die einstige Grabstätte der Familie von Bagewitz, Drigge. Aufnahme A. leube 2011

Abb. 3. Gustow. Blick auf Kirche und Friedhof. Die Steinsäulen markieren die einstige Grabstätte der Familie von Bagewitz, Drigge. Aufnahme A. Leube 2011.

 

1663 wurde eine allgemeine Kirchenvisitation durch die Kirchenpatrone angeordnet und nur allmählich wegen der folgenden Kriege vorgenommen. 1806 entstanden anstelle der bisherigen vier Präposituren nun zwei Propsteien in Bergen und Garz, wobei Gustow zu Garz gehörte (Wiedemann 1934, 91). Parallel dazu entstanden in Vorpommern vier Kirchen-Ämter mit eigenem Kirchensiegel: die aufgeschlagene Bibel, umschlossen auf einer Seite von einer fruchttragenden Rebe, auf der anderen Seite von einer Garbe. Dieses Siegel ist noch heute in Gebrauch.

Was hat es mit der Mordwange auf sich?

Bei näherer und genauer Betrachtung – die Kalksteinplatte ist dem sauren Regen und damit der Verwitterung seit fünf Jahrhunderten ausgesetzt – erkennt man auf der Vorderseite die Darstellung eines knienden Menschen mit einem Schwert auf dem Kopf.

Abb. 4. Gustow. Mordwange. Detail mit Darstellung des Schwertes und des Getöteten. Aufnahme – A. Leube 2010

 

Die Kunsthistoriker Ohle und Baier gaben 1963 folgende Beschreibung: „Auf der Vorderseite in Umrisslinien eingemeißelt: Kruzifix mit zwei Engeln, davor ein kniender Mann mit einem Schwert auf dem Kopf, daneben ein Kelch und Wappen mit Hausmarke. Der obere Teil des Steines ist scheibenförmig mit sieben angefügten Rosetten, die Rückseite unbearbeitet, die Oberfläche stark verwittert“.

Haas (1938b) schrieb dazu: „Auf der Vorderseite ist der Gekreuzigte eingemeißelt, dessen Lendentuch von 2 Engeln gehalten wird. Links daneben kniet die Gestalt eines Geistlichen, der die Hände zum Gebet erhoben hat; in seinem Haupt steckt das todbringende Schwert. Zur Rechten ist ein Wappen mit einer Hausmarke und ein Kelch dargestellt.

Abb. 5. Gustow. Mordwange. Darstellung des Kelches. Aufnahme – A. Leube 2010

Darunter befindet sich die achtzeilige Inschrift in gotischen Minuskeln, die also lauten: „Na der bort Xsti m cccc vnde x des  do(n)redag(es) in d(e) quatte (m) per vor sv(n)te michaele ys geslage(n) h(er) thomes norenberch karckh(ere) to gustow weset, dem(e) got gnedich sy.“

Haas (1938b) fährt fort: Daraus ergibt sich als Datum des Totschlages der 19. September 1510. Oben am Kreuz befindet sich ein Spruchband mit den Buchstaben „I n r i“ (Jesus Nazarenus, rex Judaeorum) und aus dem Munde des Geistlichen kommt ein Spruchband mit den Buchstaben: „O dm o m m, d. i. domine misere mei! – Herr erbarme dich meiner!“.

Haas hatte auch aus dem Gustower Kirchenbuch Erklärungen gefunden: „ Einige (drei) Bauern, die aus Stralsund stark bezecht zurückkehrten, gerieten in Streit und der Streit artete in Tätlichkeiten aus. Als nun der damalige Pastor Thomas Nörenberg den Streit zu schlichten suchte, wurde er von den sinnlos betrunkenen Bauern niedergestochen, daß er tot liegen blieb. Die Mörder mußten zur Strafe für ihre Untat einen kirchlichen Bau ausführen und zur Sühne für den Ermordeten den Stein aufrichten lassen“ (vgl. Heyden 1957b, 177, Anm. 4).

Die genauen Hintergründe dieses Totschlages sind dennoch nicht bekannt. Man erinnert sich aber an den 100 Jahre älteren „Pfaffentumult zu Stralsund“: 1407 wurden in Stralsund drei katholische Pfarrer auf dem Neuen Markt – heute ist hier ein kleiner Gedenkstein im Pflaster eingelassen – lebendig verbrannt. Hintergrund war damals die unsichere finanzielle Situation der Geistlichkeit und ihre eigenartigen Methoden der „Geldgewinnung“ zum Lebenserhalt. Der Mord von Gustow erfolgte jedoch 100 Jahre später und geschah am Vorabend der Reformation des Jahres 1535, die in Stralsund 1523 einsetzte. So können sich in Gustow „ideologische“ Streitigkeiten, aber auch ein Zerwürfnis um den Kirchenzehnt u. ä. Abgaben zwischen dem katholischen Pfarrer und der Dorfbevölkerung dahinter verbergen.

Letztendlich ist aber dieser Gedenkstein – eine so genannte „Mordwange“ – ein deutlicher Beleg für die damaligen „rauhen Sitten“ auf Rügen. Der rügensche Historiker Professor Dr. Alfred Haas (1860-1950) hat für den Zeitraum zwischen 1312 und 1417 allein 28 urkundlich nachgewiesene Mordtaten auf Rügen zusammengestellt.

So ist es auch verständlich, wenn der pommersche Chronist Thomas Kantzow (1898, 254) in der Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb: „Es seint die Einwohner diesses Landes sehr ein mordisch und zenckisch Folck, das es eben an inen schyr wahr ist, wie das lateinische Sprichwort lawtet: „omnes insularis mali“. Dan im gantzen Land zu Pomern werden kein Jar so viel vom Adel und andere erslagen, als allein in diesser kleinen Insel“.

Er fährt fort: „Und aus sollcher Vermessenheit will einer dem andern nirgentz inne nachgeben, und khumpt daraus so viel Haders, Zancks und Morts (das es zu viel ist). Sonderlich geraten sie in den Krogen und Wirtzheusern leichtlich an ein ander, und wan einer sagt „das walt Got und ein kalt isen“, so mag man ime wol auff die Fawst sehen und nicht auf das Maul, dan er ist bald beyime“ .

Über das unmäßige Trinken in Pommern berichtete Kantzow aus der Mitte des 15. Jahrhunderts (Kantzow 1898, 184). Danach gab es das „Bullentrinken“ – „und je mehr einer das hat pflegen können, je besser er bei den Leuten ist angesehen gewesen“. Dazu musste man drei Gläser unbekannter Größe und ein „Stenglein“ als viertes Glas austrinken. Die „Parlencke trinken“, d. h. ist eine große Schale austrinken, auf alle vieren reiten und trinken war „einen zu Wasser reiten“.

Natürlich hat Kantzow,  übrigens ein gebürtiger Stralsunder,  allein auf Rügen eine überzogene Behauptung abgegeben. Es war im damaligen Pommern allgemein eine „rauhe Zeit“. So haben sich aus der unmittelbaren Ostseeküste zwischen Grevesmühlen und Stralsund fünf weitere derartige steinerne „Mordwangen“ erhalten. Häufig wurden diese Gedenktafeln aber aus Holz angefertigt und sind damit vergangen.

Auf Rügen  in Schaprode befindet sich der zweite noch erhaltene derartige unter Denkmalschutz stehende  Gedenkstein, der  an den  Mord an dem Adligen Reinwart von Platen und seinen Söhnen (v. Platen 1938, 50 ff.) erinnert. Der Heimatforscher Carl Gustav von Platen – ein Nachkömmling dieser  rügenschen Adelsfamilie – hat die Mordtat in das Jahr 1368 gestellt und sah darin ein Zeugnis der Besitzstreitereien um Hiddensee. Die Inschrift lautet:

„Alle de hyr hinne gahn,
Ick bidde se, eyn kleine stahn,
un bidden God, in korter Tid
de Seele make pine quyt”
Reynwart Plate 1368

 1930 hatte es der Nachkomme Carl Gustav von Platen dichterisch umschrieben:

„Am Wegrand vor Schaprode, da steht ein grauer Stein,
drinnen meißelt’ man vor Zeiten der Platen Wappen ein.
Der Stein starrt stumm und schweigend, sechshundert Jahre lang,
um ihn webt graue Kunde der Sage dicht Gerank“.

Die Umstände des Gustower Mordes von 1510 – ein Politikum?

Die wahren Gründe, die eigentlichen Ursachen und wohl auch die Teilnehmer dieses Streites sind unbekannt. Das Jahr 1510 lag aber in einer sehr unruhigen Zeit. In dieser Zeit spitzten sich z. B. die Auseinandersetzungen der wendischen Hansestädte – also auch Stralsund – mit dem dänischen Königtum zu und gipfelten 1510 in einem Kriegsbündnis der Städte mit Schweden gegen Dänemark.

Darüber berichtete der Kirchenhistoriker Wackenroder (1730, 67) für das Jahr 1504: „Nun Hertzog Bogislaus von Hertzog Georg aus Meissen einen neuen Geheimen Rath D. Kitscher mitgebracht: Der rieth alsobald dem Hertzog, Gewalt und Feindseligkeit wider die Stralsunder zu gebrauchen, zu dem Ende viele Bürger in Eisen geschlagen, und die Zufuhr der Stadt gesperret ward. Hierdurch wurde Herr Omnis rege und hatte Bürgermeister Zabel Oseborn gnug zu thun, den Pöbel abzuhalten, daß sie den Hertzog zu Barth nicht überfielen: Allein sie drungen Hauffenweiß ins Land Rügen, brachten unterschiedliche von Adel auf ihre Seite, und verübten Gewaltthätigkeiten auf dem Fürstl. Höfen und Dörfern, da sie alles raubeten, was ihnen vorkam“.

Darauf folgte 1510 ein Vertrag zwischen Bogislaw mit Stralsund in Rostock, der „Rostocker Rezess“, der aber bereits 1511 nicht eingehalten wurde (Wackenroder 1730, 68). 1511 fiel der dänische König mit Truppen auf Rügen bei Schaprode ein, die  „die Stralsundischen Güter bis auf den Grund verwüsteten“ (Wackenroder 1730, 68).  Auf Seiten der Stadt Stralsund war Gödeke von der Osten zu Streue. Außerdem hieß es: „In Rügen wurden auch einige Irrungen gehoben, indem zuweilen die Stralsunder in der Verschuldeten von Adel Güter gefallen, und sich nach Belieben bezahlt gemacht; Welche Gewaltthätigkeit abzustellen, gute Gegenverfassung geschehen und bey dem Landvoigt die erste instance zu thun, und verhörter Sachen vorzunehmen beschlossen worden (Wackenroder 1730, 69).

In dieser  politischen und militärischen Gemengelage erfolgte der Gustower Pastoren-Mord.

Vielleicht spielten auch kirchliche „Betrügereien“ eine Rolle: im Jahre 1511 hatte in Stralsund ein altes Weib – Mutter eines jungen Mönches – das Blut eines geschlachteten Hahnes in ein Kruzifix von St. Marien geschüttet. Dieses ging so künstlich zu, daß es schien, das Bild wollte Blut weinen“ (Wackenroder 1730, 69).

Weitere Morde des 16. Jahrhunderts auf Rügen

Wenige Jahrzehnte später – im Jahre 1554 – wurde in Gingst der aus Bergen stammende Priester Laurentius Krintze, also  ein weiterer Kirchenmann auf Rügen, erschlagen (Heyden 1956, 52). Krintze war seit 1537 in Gingst der erste evangelische Pfarrer gewesen.

Hier war aber der Mörder der Adlige Sambur Preetz aus Silenz und die Tatwaffe eine zinnerne Kanne. Der Mörder wurde landflüchtig, und der Flecken Gingst verlor die Freiheit, Jahrmärkte abzuhalten. Später wurde hier ein „steinernes Kreuz, ein sogenanntes Mordkreuz, errichtet“ (Wiedemann 1934, 75). Vor 1727 wurde das Steinkreuz durch einen Pferdewagen umgeworfen, zerbrach und ist inzwischen verschollen. Ein vor der Kirche liegender Stein erinnert nur an die Mordtat und die Mordstelle.

Carl Gustav von Platen berichtete über Thomas II. von Platen, der 1317 auf Stralsunder Gebiet erschlagen wurde und dessen Mörder nach Dänemark flüchteten (v. Platen 1938, 51).

Mordkreuze, Mordwangen und Sühnesteine in Pommern

Bereits 1897 beabsichtigte die „Kommission zur Erhaltung und Erforschung der Denkmäler in der Provinz Pommern“, als Einzeldenkmäler „die Denksteine und Kreuze von Schaprode, Gustow auf Rügen, Berthke, Kreis Franzburg, Reinberg, Kreis Grimmen, Sassen, Kreis Greifswald, Kruckow, Kreis Demmin, Grüttow, Kreis Anklam, Pasewalk, Kreis Ueckermünde, Sommersdorf, Kreis Randow, Kremzow, Kreis Pyritz, Stargard, Kreis Saatzig, Wischow bei Treptow a. Rega, Kammin in Pommern und Rützow, Kreis Kolberg-Körlin“ „unter obrigkeitlichen Schutz zu stellen“ (Baltische Studien N. F. 1, 1897, 315).

1912 hatte sich der Stettiner Kunsthistoriker Dr. Lemcke „über Mordkreuze und Mordwangen in Pommern“ geäußert (Lemcke 1912, 174 f.).

Lemcke wies auf die Strafjustiz des Mittelalters hin, die oft geringe Vergehen mit dem Tode bestrafte. Mord und Totschlag konnten aber auch durch ein Wergeld – um nicht die altherkömmliche Blutrache fortzusetzen – gesühnt werden. Man zahlte dann den Verwandten des Toten eine Entschädigung. Dazu traten unter Einfluss der Kirche noch Aufwendungen für das Seelenheil des Erschlagenen. Das waren zunächst eigentliche Seelenmessen wie aber „auch die Aufrichtung eines steinernen Kreuzes an der Mordstätte, das die Vorübergehenden zu Fürbitten auffordern sollte“ (Lemcke 1912, 174).

Abb. 6. Verbreitung der Mordwangen und ähnlicher Grabsteine (nach Ende 1973, Abb. 9)

 

Nach Lemcke wurden diese Denkmale stets aus schwedischem Kalkstein gefertigt und haben teils die Form eines Kreuzes und teils einer Wange. Die einem Brett ähnelnden Steinwangen wurden auch „Docken“, d. h. Puppen, genannt. Sie haben meist am oberen Ende eine Einschnürung, durch die ein kreisförmiger Kopf abgesetzt wurde. In den pommerschen Urkunden wurden seit 1290 derartige Sühnesteine erwähnt – es haben sich aus dieser Zeit aber keine erhalten.  In Pommern sind die ältesten ohne Merkzeichen oder Inschriften. Man brachte später das Wappen an, wenn der Erschlagene von Adel war, sonst wurde die Hausmarke eingearbeitet. Lemcke erwähnte das Stargarder Kreuz mit Nennung des Mörders sowie den in der Kirche von Nossendorf bei Grimmen aufbewahrten Sühnestein des Plebanus Gerhard, der in der Kirche getötet wurde. Die meisten Steine hatten schon vor 100 Jahren stark gelitten, so dass Lemcke zum Denkmalschutz aufrief: „Es ist dringend zu wünschen, daß diese Denkmäler unter öffentlichen Schutz gestellt und vor jeder weiteren Schädigung gesichert werden“ (Lemcke 1912, 175). Dabei bezog er auch den Sühnestein von Gustow mit ein.

Eine weitere Mordwange befindet sich bei Berthke unweit von Franzburg (v. Haselberg 1881, 17 f.). Die Platte ist 2,23 m über dem Acker hoch, 0,60 m breit und 0,2 m dick. Sie schließt oben mit einem Dreiviertel-Kreis ab: „auf der nördlichen Seite ist durch eingeritzte Linien die Gestalt eines betenden Geistlichen dargestellt; oben links neben der Brust ein Spruchband, unter den Füssen eine jetzt nicht mehr lesbare Inschrift; erkennbar ist noch eine Tasche rechts neben der Gestalt und ein Flachbogen mit Ornament oberhalb des Kopfes. Auf der südlichen Seite des Steines findet sich eine ähnliche Gestalt. Die Inschrift … lautet: „anno d(omi)ni m ccc xiii feria secunda p(ost) trinitatis interfectus innocens frater dominus reimarus ora p(ro) eo ach leve here bidde … dinen leven bolecken kinde“ (v. Haselberg 1881, 17 f.). v. Haselberg ist der Meinung, dass die Datierung nicht stimme, da die Minuskelschrift auf spätere Zeit deutet.

Ein „Mordstein“ befindet sich bei Sommersdorf – unweit Kasekow im Randowgebiet (Lemcke 1901, 133 f.). Es ist eine 1,9 m hohe und 0,67 m breite „Wange aus Schwedenstein,  gothländischem Kalkstein“. Im oberen Drittel bilden vier viertelkreisförmige Durchbrechungen ein griechisches Kreuz. Dazu die Umrisse des Kruzifix und das Wappen der Familie Ramin. In gotischen Minuskeln die Inschrift darunter: „Im Jahre 1423 wurde Hinrik von Ramin von den Bauern in Wartin erschlagen“ (lat.).

Auf dem Kirchhof von Reinberg südlich Stralsunds befindet sich eine Kalksteinplatte von 2 m Höhe und 0,59 m Breite mit einer knienden Gestalt, die ihre Hände faltet sowie der Darstellung des Christus am Kreuz, dazu gehören die Worte „domine misere mei“ (von Haselberg 1881, 238). Der Sage nach sollte der Stein zur Erinnerung an die Hinrichtung des fürstlichen Rates und Landvogts Raven von Barnekow, der 1452 in Stralsund zum Tode verurteilt wurde, stehen. Diese Tat soll nach nicht verbürgter Überlieferung ein „Heyno van der Beken“ getan haben (von Haselberg 1881, 238). Haselberg erwähnt ferner die Aufstellung einer steinernen Mordwange durch den Matthias Lippe, der in Greifswald einen Hermann Goise tötete (Zeitschrift „Sundine“ 1833, 95; Haselberg 1881, 238).

Sinn und Zweck der Steinkreuze und Mordwangen in Mecklenburg-Vorpommern

Der Kunsthistoriker Horst Ende hatte 1973 diese mecklenburgisch-vorpommerschen Denk- und Sühnesteine zusammenfassend untersucht (Ende 1973, 56 ff.). Danach entstanden sie zwischen der Mitte des 14. und dem frühen 16. Jahrhundert – Gustow ist darin das jüngste Steindenkmal. Sie sollten die in dieser Zeit noch häufige Blutrache eindämmen. Mit dem Anfang des 16. Jahrhunderts setzte die „Halsgerichtsordnung“ mit entsprechenden amtlichen Strafen ein. In der Darstellung des aus Kalkstein gefertigten Steinkreuzes mit dem Verstorbenen, einer Gebetsformel (Misere mei deus), der Darstellung des Kruzifixes ist eine große Einheitlichkeit festzustellen. Die Inschriften verwenden die gotische Minuskel und bedienen sich bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts der lateinischen Sprache, später auch des Niederdeutschen, wie auch in Gustow. Man sollte für das Seelenheil des Toten beten, da dieser keine Möglichkeit besaß, sich auf seinen Tod vorzubereiten.

Nach Horst Ende (1973, 57 f.) ist es unklar, wer die Veranlassung zur Aufstellung des Steines gab. So ist es durchaus fraglich, ob die Steine wirklich „Sühnesteine“ sind. Allerdings ist nicht nur für Gustow, sondern auch für derartige Steine in weiteren Orten sicher, dass die Steine für eine Person gesetzt wurde, die eines gewaltsamen Todes starb. Die heute erhaltenen Steindenkmale sind sicher der kärgliche Rest einer ursprünglichen Fülle von Sühnsteinen. Dazu kommt noch die Form des Steinkreuzes, die im Kreis Demmin und in der Uckermark zu finden ist (Hinrichs 1969, 15 ff.). Derartige Sühnekreuze sind zwischen 1 und 2 m hoch und stammen aus Ellingen (Kalkstein), Kruckow und Prenzlau. Die Risse des Kreuzsteines aus Ellingen wurden 1969 durch einen Polyester-Harzverguß geschützt (Rosteck 1969, 14 f.).

Etwas zur Mordwaffe

Die Mordwaffe in Gustow – so die Darstellung auf der Kalksteinplatte – wird also ein zweischneidiges Schwert gewesen sein. Das Schwert war in jenen Jahrhunderten – durchaus mit dem Dolch – allerdings nur Bestandteil der Adelsrüstung und nicht die der Bauernschaft: „Der Nierendolch ist im Mittelalter und der frühen Neuzeit die wichtigste Wehr, besonders bei den niedrigen Ständen. Beim Adel und bei den Patriziern ist er wohl hauptsächlich eine Zweitwaffe, wobei das Schwert selbstverständlich nicht zur alltäglichen Ausrüstung gehört“ (Schoknecht 1992, 202).

Das Waffentragen innerhalb der Städte war nicht gestattet (Schoknecht 1980, 214). Die Mordwange von Steinhagen zeigt jedoch ein Mönchsbild, mit einem Dolch in der Brust (Heyden 1957 I, 175).

Abb. 7. Stralsund. Verzierte Nierendolche aus den Grabungen im Stadtgebiet Stralsunds

 

Dazu hatte bereits der Historiker H. A. Knorr (1971, 131) für das 14. Jahrhundert ausgeführt: „Der repräsentierende Standesherr als Richter, Lehnsherr, die Ritter in Rüstung führen im Sachsenspiegel keine Dolche, sondern das Schwert als Symbol der herrschenden Klasse. Aber Vasallen, Knappen, Kriegsknechte, bewaffnete Diener, Schergen, Zollwächter werden mit dem Dolch dargestellt, also ein Personenkreis im Herrendienst. Dazu kommen einige Male Bürger und Bauern mit dem gleichen Dolch an der Tracht vor. Der Bereich des Dolchträgers umfasst also weitgehend nicht feudale Schichten“.

Sollte in Gustow die Mordtat durch Bauern vollführt worden sein, dann kämen nur Dolche in Betracht, oder die gesamte Geschichte mit betrunkenen Bauern als Täter wäre falsch überliefert.

Diese Mittelalterdolche, die nach der Griffgestaltung als „Nierendolche“ bezeichnet werden, wurden inzwischen durch den Prähistoriker Ulrich Schoknecht eingehend dargestellt und hauptsächlich dem 13. bis 15. Jahrhundert zugewiesen (Schoknecht 1980, 209 ff.; 1983, 223 ff.; 1992, 197 ff.). Wie sah ein derartiger Dolch aus? Auf der Dobbertiner Grabplatte des Heinrich Gloewe erkennt man den langen zweischneidigen Dolch mit der typischen Nierenform des hölzernen Griffabschlusses (Schoknecht 1992, 200, Abb. 3a). Ein Beispiel aus dem mecklenburgischen Wolfshagen bei Strasburg – ähnliche stammen aus den Altstadtgrabungen in Stralsund – zeigt uns, dass der Dolch in der Regel einschneidig war und zu den großen Messern („Stekemesser“ – Stichmesser; lat. cultellus fixoralis bzw. acutus) gehörte (Schoknecht 1992, 198, Abb. 1d).

Literatur:

Ende, H. 1973: Denk- und Sühnesteine in Mecklenburg. In: Informationen des Bezirksfachausschusses für Ur- und Frühgeschichte Schwerin 13, 56-67.

Haas, A. 1938: Oestlich der Halbinsel Drigge (2. Teil). Die Dorfgemeinde Gustow im Wandel der Geschichte. In: Sippe und Heimat Nr. 22.

Haselberg 1897: Baudenkmäler des Regierungsbezirkes Stralsund. Band 4: Kreis Rügen.

Heyden, H. 1956: Die Evangelischen Geistlichen des ehemaligen Regierungsbezirkes Stralsund. – Insel Rügen. Greifswald.

Heyden, H. 1957: Kirchengeschichte Pommerns. I. Band. Von den Anfängen des Christentums bis zur Reformationszeit. Köln-Braunsfeld.

Hinrichs, A. 1969: Die Flurkreuze des Kreises Prenzlau. In: Mitteilungen des Bezirksfachausschusses für Ur- und Frühgeschichte Neubrandenburg 16, 15-19.

Kantzow, Thomas (Nachdruck 1898): Chronik vom Pommern in hochdeutscher Mundart. Hrsg. von Georg Gaebel. Stettin.

Knorr, H. A. 1971: Messer und Dolch. Eine Untersuchung zur mittelalterlichen Waffenkunde in gesellschaftskritischer Sicht. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte 6, 121 – 145.

Lemcke, H. 1912: Mordkreuze und Mordwangen in Pommern. Monatsblätter der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Alterthumskunde 11, 174-175.

Neuber, D. 1981: Zu einigen Problemen des Steinkreuzsetzens. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 22, 225-227.

Ohle, W. und Baier, G. 1963: Die Kunstdenkmale des Kreises Rügen. Schwerin.

Rosteck, H. 1969, 14 f.:  Pflegearbeiten am Steinkreuz in Kruckow, Krs. Demmin. In: Mitteilungen des Bezirksfachausschusses für Ur- und Frühgeschichte Neubrandenburg 16, 14-15.

Saal, W. 1971: Das Steinkreuz von Axien, Kr. Jessen. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 6, 147-149.

Schoknecht, U. 1980: Mecklenburgische Nierendolche und andere mittelalterliche Funde. In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 1979 (1980), 209-231.

Schoknecht, U. 1983: Nierendolche in Mecklenburg (Teil II). In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 1982 (1983), 223-246.

Schoknecht, U. 1992: Nierendolche in Mecklenburg-Vorpommern (Teil III). In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 1991 (1992), 197-210.

Wackenroder, E. H. 1730: Altes und Neues Rügen. Stralsund. Das ist: Kurtzgefaßte und umständliche Nachricht, von demjenigen, was sowol in Civilibus, als vornemlich in Ecclesiasticis mit dem Fürstenthum Rügen, von Anfang an, biß auf gegenwärtige Zeit sich zugetragen; nebst Richtigem Verzeichniß der IV. Praeposituren/mit denen einverleibten Pastoraten dieser Insel/auch umständl. Lebens-Beschreibung der Personen so Zeit der Reformation B. Lutheri im Lehr-Amt daselbst gestanden. Jetzo mit eiem Supplement von 2. Capitteln/von dem Pastorat zu Trent vermehret. Verlag Jacob Löffler.

Wiedemann, E. 1934: Kirchengeschichte der Insel Rügen. Stettin.

 

Die Gustower Feuerwehr und ihre Geschichte

Zur Geschichte des Feuerlöschwesens gibt es gegenwärtig für den Südwesten Rügens nur begrenzte Auskünfte. In einer fabelhaften Fleißarbeit haben die Gestalter der „Gustower Dorfchronik“ in den 1990-er Jahren viele Fakten zusammengetragen (Es handelt sich um die Frauen Tredup und Obal, die mit Auslaufen der ABM ihre Tätigkeit an andere „Chronistinnen“ abgaben, Auskunft Frau Tredup, Gustow).

Nach dem schwedischen Reglement vom 9. 12. 1776 hatte eigentlich jeder Guts-Hof mit Einschluss der Hofgebäude mit einer beachtlichen Versicherungssumme in Höhe von 7 000 Talern gegen Brand versichert zu sein (v. Platen 1870, S. 66). Die Höfe und jedes Dorf mit sechs und mehr Vollbauern hatten je einen „Feuerkufen“ zu halten, dazu viele Feuereimer nach der Zahl der Einlieger und Feuerhaken nach der Zahl der Knechte, dazu zwei große Feuerleitern. In den Dörfern hatte jeder Bauer zwei Feuereimer, zwei Feuerhaken und eine Feuerleiter zu besitzen. Nicht vorgesehen waren Feuerspritzen, deren Anzahl dann auch „für das platte Land eine äußerst geringe war“ (v. Platen 1870, 66). Weiterlesen

Die Entdeckung Rügens im beginnenden 20. Jahrhundert

Die Passagierschiff- und Eisenbahnverbindungen

Um 1900 setzte ein rasanter Bäder- und Reiseverkehr nach Rügen ein. Es waren nicht nur die einmaligen breiten Sandstrände, die vielgestaltige Landschaft, die gewisse Unberührtheit der dörflichen und städtischen Kultur sowie die relative Fülle der beeindruckenden vorgeschichtlichen „Hünengräber“, sondern das gesunde Klima Rügens, das von Ärzten u. a. „bei Schwäche und Empfindlichkeit der Haut, Rheumatismus, Neurasthenie und Migräne“ empfohlen wurde, das den Besuch besonders der Familien mit Kindern anregte (Albrecht 1906-1907, 7). Weiterlesen

Handwerk und Kaufmannschaft in Bergen

(OZ v. 9.1.1980)

Die Geschichte eines Ortes wird maßgeblich durch das Handeln seiner Einwohner bestimmt. Einen besonderen Anteil daran hatte der sogenannte mittlere Stand, das Handwerk und die Kaufmannschaft. Leider fehlen für Rügen zusammenhängende Untersuchungen.

Obwohl die Entwicklung Bergens als rügensches Wirtschafts- und Handelszentrum bereits am Ende des 12. Jahrhunderts einsetzte, blieb der Ort stets im Schatten der mächtigen Hansestädte Stralsund und Greifswald. Eine hemmende Rolle spielte auch das Bergener Nonnenkloster, dem die Einwohner u. a. zu Steuern und Abgaben verpflichtet waren und das die Gerichtsbarkeit besaß. Erst Jahrhunderte später, – im Jahre 1613 – konnten sich die Bürger davon befreien und das Stadtrecht erwerben. Ein eigentliches Patriziat mit Bürgerhäusern hat sich in Bergen nie herausgebildet. Es waren zumeist Ackerbürger, die neben dem Handwerk noch Acker und Vieh besaßen. Weiterlesen

Eine Keramikmanufaktur auf Hiddensee

(OZ v. 17.1.1980)

Der Stralsunder Joachim Ulrich von Giese, ein wohlhabender Armeelieferant der schwedischen Krone, erwarb im Jahre 1754 die Insel Hiddensee. Bei der Untersuchung des Bodens stellte er im nordwestlichen Uferteil des Dornbusches einen guten Ton fest. Giese beschloss, diesen industriell zur Herstellung von Töpfereierzeugnissen zu verwerten. So entstand die einzige Fayencenfabrik im ehemaligen Pommern und zugleich das älteste industrielle Unternehmen im Kreisgebiet Rügen. Weiterlesen

Die Entdeckung Rügens im 19. Jahrhundert

Die Passagierschiff- und Eisenbahnverbindungen

Bis zum Bau und der Eröffnung des Rügendammes im Jahre 1936 war Rügen nur mit einem Schiff erreichbar. Das hatte damals noch viele Reisende wegen der Seekrankheit – allerdings unnötig – abgeschreckt. Manche Reiseführer empfahlen dann: „Man halte sich auf dem Promenadendeck in frischer Luft, nicht in der Kajüte auf, vermeide in die Wogen zu sehen, richte vielmehr den Blick nach einem entfernten Gegenstand, sodass die schwankende Bewegung des Schiffes nicht zum Bewusstsein kommt. Es empfiehlt sich, dem Magen etwas Konstantes anzubieten, auch der Genuss eines Gläschen Portweins oder guten Cognacs ist nicht zu verachten“ (Schuster 1898, 10). Weiterlesen

Lobbe – ein kleiner Ort auf Mönchgut mit 700jähriger Geschichte

von Prof. Dr. Achim Leube, Berlin, Juli 2013

Das kleine einstige Fischerdorf Lobbe ist erst in den letzten 50 Jahren als Bade- und Erholungsort bekannt und bedeutend geworden. Eine traditionelle Gastwirtschaft und „Fremdenbeherbergung“, wie es früher hieß, zeichnet den hier gelegenen „Gasthof zum Walfisch“ aus. Er liegt direkt an der Dorfstraße und unweit des breiten Badestrandes, von dem man einen herrlichen Blick über die Ostsee zu der 15 km entfernten Greifswalder Oie mit ihrem Leuchtturm und auch nach Peenemünde hat mit dem markanten ehemaligen Heizwerk, das heute als Museum genutzt wird. Weiterlesen

Das Geheimnis des Hertha-Sees

Aus Sagenwelt und echter Forscherarbeit auf unserer Insel Rügen

(Insel-Rundschau v. 12.12.1963) Das beliebteste Ausflugsziel Rügens stellt zweifellos die Landschaft um Stubbenkammer mit dem Hertha-See und dem Hertha-Wall dar. Der nur wenige Minuten westlich der Stubbenkammer gelegene See und Wall soll das Ziel eines gedanklichen Ausfluges sein.

Inmitten des hochragenden dichten Buchenwaldes der Stubnitz gelegen, übt der Hertha-See auf den Besucher einen eigenartig geheimnisvollen Reiz aus. Die tiefen Zweige der Buchen und sein schlammiger Untergrund verdunkeln seine Oberfläche so stark, dass er auch die Bezeichnung “Schwarzer See“ trägt und als grundlos gilt. Seine maximale Tiefe beträgt aber elf Meter. Weiterlesen

Archäologische Denkmale auf Rügen

(OZ v. 2. und 8.4.1987) Zu den bemerkenswertesten Erscheinungen Rügens aus ur- und frühgeschichtlicher Zeit gehören die Hügelgräber, im Volksmund auch als „Hünengräber“ bezeichnet. Sie haben sich auf Rügen besonders zahlreich erhalten und prägen maßgeblich das Landschaftsbild.

1973 wurden noch 561 Gräber erfasst, die erstmalig die DDR-Regierung 1954 unter Denkmalschutz gestellt hatte. Ein erneuter Denkmalschutz des Landes Mecklenburg-Vorpommern aus dem Jahre 1992 sichert ihren Schutz. Auch sie gehören dem nationalen und kulturellen Erbe an. Hier ist nun Verantwortung und Pietät sowie das historische Verständnis aller örtlichen Gemeindevertretungen, aber auch der landwirtschaftlichen und Industriebetriebe gefordert, auf deren Gelände derartige Zeugnisse unserer Vergangenheit liegen.

Bild-19.-Königsstuhl.-Zugang-über-ein-Hügelgrab.-Aufnahme-19841

Gerade hinsichtlich eines ausgeprägten Tourismus und dem in den letzten Jahren gewachsenen Verständnis für den Denkmalschutz können wir auf Rügen optimistisch künftige Aufgaben lösen. Es sei jedoch mit allem Nachdruck betont, dass jegliche Veränderungen, Einbauten, Abholzungen, Anpflanzungen usw. grundsätzlich nur in Abstimmung mit den zuständigen Behörden durchgeführt werden dürfen.

Die Sitte, Tote in mitunter gewaltigen Hügeln beizusetzen, war in einem älteren Abschnitt der sogenannten Bronzezeit (1800 bis 1000v. Chr.) üblich. Jedoch auch die slawische Bevölkerung Rügens bestattete ihre Verstorbenen unter Hügeln. Der beste Beweis ist das slawische Hügelgräberfeld von Ralswiek.

Der Aufbau der bronzezeitlichen Hügel ist heute durch zahlreiche Ausgrabungen bekannt. Die Einfassung erfolgte durch eine sehr präzise angelegte kreisförmige Steinsetzung. In der Mitte wurde das Haupt- oder Zentralgrab eingetieft und der oder die Tote unverbrannt, mit einer Wegzehrung, wenigen Geräten, Schmuck und Waffen aus Bronze oder Feuerstein beigesetzt. Die Gräber sind in der Regel sehr spärlich ausgestattet, Holz, Felle oder andere organische Stoffe haben sich nicht erhalten. Edelmetall fehlt.

Das Zentralgrab wurde dann durch eine Steinpackung abgedeckt und mit einem Erdhügel von mehreren Metern Dicke – die Arbeit einer oder mehrerer Sippen – zugeschüttet. Diese Hügelgräber haben oft eine besondere Lage an markanten Geländestellen. Sie sollten mahnen und schützen, man sollte der Toten gedenken. So finden wir sie an der Ostseeküste, auf Bergkuppen oder an ursprünglichen Wegläufen.

Bild-18.-Stubbenkammer.-Hügelgrab.-Frühjahr-19671

Die schönste Lage hat wohl das Hügelgrab auf Stubbenkammer, das den Zugang zur Aussichtsfläche markiert. Es ist weitgehend abgestürzt. Am bekanntesten ist das 10 m hohe Hügelgrab „Dobberworth“ bei Sagard, heute direkt an der Chaussee nach Sassnitz gelegen.

Weitere bemerkenswerte Hügelgräber liegen bei Woorke, in der Stubnitz, bei Nadelitz, Nistelitz, um Putbus.

Der ursprüngliche Bestand an Grabhügeln auf Rügen dürfte mit 2000 Denkmalen nicht zu hoch geschätzt sein. Viele wurden abgetragen, um Erdlöcher aufzufüllen oder eine bessere Bewirtschaftung der Ackerfläche zu erreichen. Dennoch ist auffallend, dass der Westen Rügens und auch auf Wittow keine Grabhügel aufweisen. Diese Gebiete waren vermutlich in der Bronzezeit siedlungsleer.

Die Hügelgräber spielten in der Volkskultur früher eine große Rolle. Sie hatten ihre Eigennamen, von denen sich mancher bis heute gehalten hat. Dazu kommen viele Sagen, Anekdoten und Geschichtchen, die man sich früher erzählte und die den hintergründigen und humorigen Volkscharakter der Landbevölkerung widerspiegeln. Einige dieser Sagen fanden auch in modernen Fernsehdokumentationen über Rügen ihren Widerhall.

So trägt eine Gruppe von drei Hügeln bei Prosnitz den Namen „Himmel von Prosnitz“. Nach der Überlieferung sollen im mittleren Hügel ein Herzog, in den beiden anderen Grabhügeln seine beiden Frauen bestattet sein. Dagegen kennzeichnet das Hügelgrab „De Licham“ (Leichnam) bei Gnies einen untergegangenen Ort. Am engsten aber sind die Grabhügel mit dem Leben der „Unnerirdschen“ (der Zwerge) verbunden. Offenbar war Anlass dieser Sagen das Gelegentliche Auffinden von Tongefäßen und Geräten beim Abtragen der Hügel. Eine besondere Gruppe der Unterirdischen lebte in den „Neun Bergen“ zwischen Rambin und Samtens. Von diesen neun Hügelgräbern sind heute noch zwei erhalten und von der Bahnstrecke aus gut sichtbar.

Die „Unneridschen“ lebten aber auch in den Ralswieker Bergen und im „Dobberworth“. Die Sage berichtet, dass ein Bauer den Auftrag hatte, Getreide in den geöffneten Hügel zu bringen. Dafür erhielt er den Pferdewagen voller Goldmünzen, aber zugleich die Aufforderung, sich beim Hinausfahren nicht umzudrehen. Er tat es dennoch und entkam zwar mit Pferd und Vorderwagen, den Hinterwagen mit dem Gold hatte jedoch der „Dobberworth“ verschlungen.

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Leuchtfeuer und Leuchttürme auf und um Rügen

Vor 150 Jahren erfolgte der Bau des Leuchtturmes auf Arkona

(1976) Während am Tage dem Schiffer mehrere Landmarken zur Orientierung dienen, verlangte die Entwicklung des Seehandels schon früh nächtliche Peilungspunkte. So sind für das Mittelalter mit Kienholz gespeiste Feuerbaken überliefert. Daran erinnert der Ortsname Kinnbackenhagen nördlich von Stralsund, der auf eine Kienbake am Ort Hagen zurück zu führen ist.

Das älteste, seit 1306 überlieferte Leuchtfeuer befand sich auf dem Gellen im Süden Hiddensees und diente dem Schifffahrtsweg nach Stralsund. Mit dessen zunehmender Versandung und dem Aufkommen größerer Schiffe verlor es an Bedeutung und ging schließlich ein.

Vereinzelt half man sich auch mit ausgehängten Laternen auf einem Signalmast, wie es für das Posthaus auf dem Bug seit 1683 bezeugt ist.

Bild-15.-Blick-auf-die-Leuchttürme-im-Jahre-1958

Arkona. Blick auf die beiden Leuchttürme im Jahre 1958

 

Größeres Interesse, verbunden mit starken militärischen Akzenten, zeigte erst die preußische Regierung, nachdem Rügen 1815 von Schweden zu Preußen kam. Ihr schlug die Stralsunder Kaufmannschaft seit 1816 vor, Leuchtfeuer auf Arkona, Stubbenkammer und der Greifswalder Oie zu errichten. Nachdem 1819 ein erster Plan für einen Leuchtturm auf Wittow bestand, erfolgten 1825 die ersten Arbeiten und am 5. Mai 1826 die Grundsteinlegung mit einer beschrifteten Kupferplatte. Am Standort befand sich bereits seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts eine hölzerne Feuerbake. Das Baumaterial schaffte man zu Wasser über Breege und Wiek heran. Die Bauleitung hatte der Stralsunder Maurermeister Teichens inne, der nach Plänen des klassizistischen Baumeisters Th. Schinkel, Berlin, arbeitete. Die zahlreichen Schwierigkeiten beim Bau komplizierte der zu dieser Zeit sehr einflussreiche Fürst von Putbus mit einem nachträglich eingereichten Vorschlag, den Leuchtturm bei Koosdorf auf Jasmund zu errichten.

Das Leuchtfeuer auf dem 19,3 m hohen Turm war ein Festfeuer aus zunächst 17 Rüböl-Lampen mit parabolischen Scheinwerfern hinter silberplattierten Spiegelscheiben. Da wenige Erfahrungen vorlagen, testete der damals einzige preußische Marineoffizier Longé, Stralsund, im Auftrage des Kriegsministers die Sichtweite des Feuers, es betrug etwa 50 km.

Zur gleichen Zeit entstanden auf dem Ruden eine Seeleuchte und auf der Greifswalder Oie 1832 eine eiserne Leuchtbake. Letztere wurde später durch einen Leuchtturm mit Drehfeuer ersetzt, der mit dem von Swinemünde (heute Świnoujście) korrespondierte.

Der 1826 auf Arkona errichtete Leuchtturm wurde nach 75 Jahren Betriebsdauer gleichfalls durch einen Turm mit Gruppenblitzfeuer ersetzt. Dieser neue Turm wurde 1901/1902 unmittelbar daneben auf einem 3 m tiefen Fundament aus Fels und Granit errichtet. Der sich nach oben verjüngende achteckige Unterbau trägt eine Galerie aus Granit und eine Eisenkuppel. Er erreicht eine Höhe von 26 m und steht damit 75 m über Mittelwasser. Für den Leuchtapparat entstand ein Maschinenhaus mit einem Elektrizitäts-Werk, das ein weißes Gruppenblitzfeuer mit Gruppen von drei Blitzen in einer Folge von vier Sekunden erzeugte. Die Wiederkehr beträgt 16 Sekunden, die Blitzdauer 0,1 bis 0,2 Sekunden und die Dunkelpause 7,8 bis 7,9 Sekunden.

Gleichzeitig errichtete man eine Anlage für das Nebelhorn (sog. Sirene), deren Druckluft drei Sauggasmotoren erzeugten. Sie gab bei Nebel und dergleichen alle 70 Sekunden einen Dauerton von fünf Sekunden, den man 20 km weit hörte.

Außerdem entstanden Marinesignal-, Telegraphie-, Eissignal- und Sturmsignalstationen. Für die Funktelegraphie wurden acht Masten von etwa 20 m Höhe auf dem Burgwall errichtet.

1888 baute man den Leuchtturm auf dem „Dornbusch“ Hiddensees, dessen Blinkfeuer 45 km weit sichtbar war, und dem man 1911 eine Dampfsirene hinzu fügte. Ein kleiner Leuchtturm befand sich bei Ranzow, dessen weißes Gruppenblitzfeuer aus Gruppen von je zwei Blitzen bestand.

Als Leuchtturmwärter und später als Besitzer eines Gasthauses auf Arkona machte sich die Familie Schilling einen Namen. Hier kehrten viele Persönlichkeiten ihrer Zeit (z. B. Gerhard Hauptmann) ein und verewigten sich in dem berühmten, heute verschollenen, Gästebuch. Der alte Schilling strotzte dann von Schnurren und Seemannsgeschichten, mit denen er die „Landratten“ hinein legte.

Der eigenartige Reiz dieser Bauwerke und ihre Bedeutung für die heutige Schifffahrt ist schließlich auch durch zwei Briefmarkenemissionen gewürdigt worden.

Zu DDR-Zeiten wurde auf Arkona eine Versuchsstation eingerichtet, um verschiedene Materialien unter Klimaeinwirkung zu testen.

Bild 16. Arkona. Versuchsstation. 1976

Arkona. Versuchsstation, 1976

Sagenumwobenes Ralswiek – Ein historischer Streifzuge durch die Jahrhunderte

(16.6.1976) Zu den historisch bedeutsamsten Orten Rügens gehört der kleine Ort Ralswiek, unweit Bergen gelegen, inmitten einer reizvollen Landschaft. Bereits im 18. Jahrhundert schwärmte ein romantisch veranlagter Reisender „ … und zwischen düsterbraunen Bergen ging das anmutige Ralswyk auf, wie ein goldener Morgentraum vor die schwärmende Seele tritt“.

Es war aber weniger die Schönheit der Natur, als vielmehr die geschützte, günstige Verkehrslage mit einem Hafen, der bereits die slawischen Bewohner Rügens seit dem 9. Jahrhundert veranlasste, einen Handelsplatz anzulegen. Bedeutende wissenschaftliche Ausgrabungen erbrachten nahezu sensationelle Ergebnisse, über die die „Ostseezeitung“ verschiedentlich berichtete.

Bild 13. Reste eines wikingerzeitlichen  Bootes. Aufnahme 1970

Reste eines wikingerzeitlichen Bootes aus dem 10. Jahrhundert. Ausgrabung: Dipl.-Prähist. P. Herfert, Bergen, 1970

Diese Tradition setzten auch die Dänen fort. Nach ihrer Eroberung Rügens im Jahre 1168 wurde Ralswiek das Zentrum der dänischen Verwaltung. Hier ließ sich der bischöfliche Vertreter, auch als Landprobst bezeichnet, nieder, da Rügen zum Bistum Roeskilde (30 km westlich Kopenhagens gelegener Bischofssitz) kam. Die Kirche erhob von allen Ortschaften eine Naturalsteuer, den sogenannten Bischofsroggen. Um 1500 wurden die bischöflichen Güter, dazu gehörten u. a. Gnies, Bischofsdorf, Kontop und Putgarten, und die Roggenabgabe an das Geschlecht derer von Barnekow verpachtet und später zu erblichen Lehen gegeben.

Bild-14.-Ralswiek.-Altes-Propsteigebäude.-Aufnahme-2010

Ralswiek. Altes Propsteigebäude, 2010

 

Erst die bürgerlich-demokratische Revolution von 1848 leitete die Beseitigung dieser Feudallast ein. Jedoch mussten sich die Bauern durch eine Geldrente loskaufen. Da sie nicht über genügend Geld verfügten, zog sich dieser Prozess bis 1894 hin. Ein Zeuge aus dieser Zeit feudalistischer Herrschaft ist noch das renovierte Wohnhaus des ehemaligen Probsteihofes als Magazin der Roggenabgabe. Rundbögen gliedern die Fassade, in die einige Fester neu eingebrochen sind. Das Gebäude gehörte dem Jahrhundert an und es dient heute als Oberschule.

In unmittelbarer Nähe schließt sich ein Gutspark an, der einen bemerkenswerten Baumbestand (Kaukasusfichte, Säulentaxus, Scheinzypresse usw.) aufweist und weite Blicke über den Jasmunder Bodden gestattet. Hier fanden zwischen 1959 und 1961 auf einer Freilichtbühne, so wie auch heute wieder, die „Rügenfestspiele“ statt. Tausende Besucher nehmen dabei Anteil an Leben und Kampf des Klaus Störtebecker.

Das im englischen Stil zwischen 1893 und 1894 errichtete Schloss des Grafen Douglas, der zwischen 1891 und 1893 die Besitzung Ralswiek erwarb, dient heute als Feierabendheim.

Die hügelige Landschaft zwischen Ralswiek und der Fernstraße nach Sassnitz mit ihren tiefen Erosionsrinnen war noch um 1800 mit „schwarzem dichten Heidekraut gepolstert“ und erst in jüngerer Zeit aufgeforstet. Zahlreiche Hügelgräber aus der slawischen Epoche geben ein charakteristisches Gepräge und den Namen „Schwarze Berge“.

So ist dieser Landstrich außerordentlich Sagen umrankt. Da gibt es den Nachtjäger, der als Drache mit feurigem Schweif auftritt, und die Überlieferung, dass hier früher Gericht gehalten wurde.

Am bekanntesten aber sind einige Zwergen-Sagen. Hier lebten die weißen Zwerge. Sie waren Christen und bildeten den „Königsstamm unter den Zwergen Rügens. Als König wählten sie ein Menschenkind. Ein Schäfer aus Patzig raubte ihnen bei einer Hochzeit einen Goldbecher.

Abseits davon, bei Jarnitz und Gnies, liegen drei große Hügelgräber, von denen einige durch den Gutsherren geöffnet und später als Fixpunkte der Gedenkfeuer beim Sedanstag gedient haben. Das Grab bei Gnies trägt nach der Sage von der untergegangenen Ortschaft Liecham (d. h. Leichnam) seinen Namen.

 

Die Stubnitz

(1978) Der Mai gehört zu den traditionellen Ausflugsmonaten. Mit ihm beginnt nun schon seit Jahrzehnten ein reger Urlauber- und Touristenverkehr nach Rügen einzusetzen. Zu den beliebtesten und ältesten Ausflugszielen gehört die Stubnitz mit Stubbenkammer im heutigen Naturschutzgebiet.

Der Name Stubnitz, verwandt dazu „Stubbenkammer“, ist noch nicht befriedigend geklärt. Am leichtesten macht es sich der Volksmund. Danach hatte der Seeräuber Störtebecker seine „Stube und Kammer“ hier. Der Altmeister der rügenschen Volkskunde, Professor Alfred Haas aus Bergen, entschied sich für einen slawischen Ursprung des Wortes und deutete Stubbenkammer als „Stufen zum Meer“ und Stubnitz entsprechend als „Stufenland“ nach seinen zahlreichen Erhebungen und Tälern. Jedoch spricht vieles dafür, dass der Name eines Gewässers übertragen wurde. So gibt es verschiedene Seen und Flüsschen mit dem Namen „Stepenitz“ im slawischen Siedlungsraum.

Bild-10.-Stubnitz-Wissower-Klinken.-1993.-Heute-abgestürzt

Stubnitz. Wissower Klinken im Jahre 1993. Heute bereits abgestürzt

 

Die einzigartige Kreideküstenlandschaft zwischen Sassnitz und dem „Königsstuhl“ trägt allein 20 Flurnamen, die zum Teil zur Orientierung der Schiffer und der Fischer gegeben wurden. Einige dieser Namen dürften 500 bis 700 Jahre alt sein, da sie noch aus der Slawenzeit stammen. Dazu gehört der Uskahn (Gottesstein), das Gakower Ufer (Entenufer) und das Wissower Ufer (Hohes Ufer). Jüngste Prägungen sind z. B. das Fahrnitzer Loch (um 1790 entstanden) oder die Tipper Wacht (französische Uferwache zur Zeit Napoleons).

Die touristische Erschließung Stubbenkammers und der Jasmunder Kreideküste führt uns bis in das 18. Jahrhundert zurück. Damals wurden von Sagard erste Fahrwege angelegt und bald entstand ein Gast- und Rasthaus, das mehrfach abbrannte und schließlich im Stil eines Schweizerhauses nach 1891 unter dem seinerzeit bekannten Gastwirt Berendt bei Stubbenkammer erbaut wurde.

Die älteste urkundliche Erwähnung führt uns allerdings bis in das Jahr 1584 zurück. Die pommerschen Fürsten ließen hier ergebnislos nach Salzquellen und Mineralien suchen. In der Volkssage nimmt die Stubnitz einen besonderen Platz ein. Der „Schwarze See“ oder der „Borg-See“ wurde z. B. irrigerweise mit einem Kult der Göttin „Hertha“ verbunden. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts verwarf der Neubrandenburger Naturforscher E. Boll diese Sagen, denn sie dienen nur „zum Nutz und Frommen der Touristen, denen auf ihren Ausflügen des Pikanten nie zu viel dargeboten werden kann“. Ende des 19. Jahrhunderts wurden von Lohme und Sassnitz regelrechte „Opferzüge“ der Badegäste in historisch falscher Maskerade zum Hertha-See organisiert. Leider hat sich der Sagenkomplex um den „Hertha-See“ in ungebührlicher Breite bis heute erhalten.

Bild 11. Uferweg unterhalb des Hengstes 2010

Uferweg unterhalb des „Hengstes“ unmittelbar nördlich der Sassnitzer Promenade, 2011

Die Stubnitz wird sehr oft mit den Seeräubern Klaus Störtebecker und Gödeke Michel verbunden. Sie sollen nach der Volkssage ihre Schlupfwinkel hier gehabt, und ihre Schätze in einer Höhle bei Stubbenkammer, an der Golcha-Quelle, der Hertha-Burg und dem „Schlossberg“ bei Werder versteckt haben.

Bild 12. Herthasee. Vom Burgwallinneren gesehen. 2009

Hertha-See. Der See ist etwa 11 m tief, 2009  

Störtebecker selbst soll aus Ruschvitz stammen und auch in der Stubnitz hingerichtet und vergraben worden sein.

Diese reiche Sagenwelt könnte auf dem Charakter der Stubnitz als letzter Zufluchtsort vieler Menschen in den Drangsalen mittelalterlicher Fehden und Kriege begründet sein. Der polnische Schriftsteller Kaminski hielt derartige Szenen für das 16. Jahrhundert sogar literarisch fest. Historisch gesicherte Belege fehlen jedoch noch.

 

In memoriam Friedrich-Wilhelm Furthmann (1920 – 1986)

(OZ 1986) Am 5. Januar verstarb in Lancken-Granitz zu früh im Alter von 66 Jahren der langjährige Lehrer und Schulleiter Friedrich-Wilhelm Furthmann. Rügen verliert mit ihm einen seit 40 Jahren auf Rügen tätigen Heimatforscher, dessen Leistung und Persönlichkeit weit über das Lokale hinaus reichte, und dem wir ein ehrendes Gedenken widmen.

Bild 6. Putbrese und Furthmann

Friedrich-Wilhelm Furthmann (rechts) und Heino Putbrese (links) auf einer Tagung zur Vor- und Frühgeschichte Rügens. Aufnahme: Dipl.-Prähist. W. Lampe, Sundhagen

Friedrich-Wilhelm Furthmann wurde am 11. Februar 1920 – wie auch der in Alt Reddevitz wirkende Heimatforscher und Heimatdichter Fritz Worm (1863 – 1931) – in Barth geboren.

F.-W. Furthmann war aber gleich nach dem Kriege in Lancken-Granitz als Neulehrer tätig und blieb diesem Beruf bis zur Pensionierung treu. Seine pädagogische Arbeit als Landlehrer wurde mit der Carl-Friedrich-Wilhelm-Wander- und mit der Pestalozzi-Medaille sowie vielen weiteren Auszeichnungen gewürdigt. Während seiner Zeit als Lehrer bekam Lancken-Granitz auch einen Schulneubau.

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Schulgebäude von Lancken-Granitz im Jahre 1972

 

Seine Freizeit gehörte der Rügenschen Heimatforschung, und hier hat er sich bleibende Verdienste erworben. Es ist besonders die Ur- und Frühgeschichte, von dem ersten Auftreten des Menschen vor etwa 10 000 Jahren bis zum 13. Jahrhundert, mit ihren archäologischen Funden, die sein Interesse fand. Besonders die Orte und Gemeinden Baabe, Binz, Blieschow, Dummertevitz, Gobbin, Lancken-Granitz, Neu-Reddevitz, Sellin, Stresow usw. hat er gründlich durchforscht.

Bild 8. Karte Hagenow 1829  westl. von Lancken - Gr

Karte des Freiherrn von Hagenow aus dem Jahre 1829. Verteilung der „Hünengräber“ westlich von Lancken/Granitz und Burtevitz und südlich der heutigen Bäderchaussee

Bild 7. Lancken-Granitz. Birkengrab 2009

Großsteingrab bei Lancken/Granitz – sogenanntes Birkengrab, 2005

Dabei stützte er sich auf einen breiten Kreis interessierter Helfer und entfaltete eine rege Vortrags- und Aufklärungstätigkeit. Es gibt vermutlich kaum ein Gebiet in der DDR, das so gründlich erkundet ist, wie die Landschaft südlich der Granitz.

Seine wissenschaftlichen Kenntnisse eignete er sich durch das Studium der entsprechenden Fachliteratur und die Teilnahme an vielen Kongressen, Tagungen und Seminaren der Museen, der Akademie der Wissenschaften, des Kulturbundes und der Historiker-Gesellschaft an. Hier trat er auf und berichtete über seine Arbeit. Mehrfach wurde er als einer der erfolgreichsten Laienforscher des Ostseebezirkes ausgezeichnet.

Bild-9.-Blick-über-den-Neuensiener-See-auf-das-Dorf.-1965

Blick über den Neuensiener See auf das Dorf Lancken/Granitz im Herbst 1965

 

Vor 100 Jahren … Rügens landwirtschaftliche Entwicklung

Als Rügen 1815 nach längerer schwedischer Herrschaft an Preußen gelangte, waren günstige Voraussetzungen zu einer bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung erreicht. Besonders nach den Kriegen 1870 und 1871 entwickelten sich die deutsche Industrie und die Landwirtschaft. Es dominierte auf Rügen weiterhin der Großgrundbesitz, der nun jedoch neue Wege beschritt. So entstanden seit 1821 in den verschiedensten größeren Orten Rügens (z. B. in Altenkirchen, Sagard, Rambin) „Landwirtschaftsvereine“, deren Vorsitz sich meist in den Händen der progressiven Landwirte und Züchter befand. Man reduzierte die Brachwirtschaft, setzte sich für eine Einführung von zwei- und dreischarigen Schälpflügen ein, diskutierte u. a. um 1890 die Verwendung von Kunstdünger. Erst jetzt baute man Zuckerrüben an. Durch die Gründung eines Herdbuches und den Import ostfriesischer Rinder wurde die Rinderzucht angehoben. Der Rambiner Verein und besonders einzelne Züchter, wie der Gutsherr Stuth in Gustow machten sich um die Verbesserung der Pferdezucht auf Rügen verdient.

Bild 3. Schubrad-Drillmaschine um 1900. Reproduktion

Schubrad-Drillmaschine um 1900. Reproduktion

Der Bergener Vorschussverein

Von der industriellen Entwicklung dieser „Gründer-Jahre“ wurde Rügen nur begrenzt erfasst. Es blieb das Absatzgebiet von Greifswald, Stralsund und dem damaligen Stettin. Besonders „lebhaft“ war das Geschäft mit Holz- und Baumaterialien für den Ausbau der Badeorte.

Das spiegelt sich auch in der jährlichen Umsatzsteigerung von fünf Millionen Mark der Stralsunder Reichsbank wider. 1858 bildete sich in Bergen ein sogenannter Vorschussverein, aus dem später die Rügensche Bank in der Billrothstraße hervorging. Er vergab Darlehen und verfügte um 1890 über eine halbe Million Mark mit über 600 Mitgliedern.

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Einstiger Sitz der Rügenschen Bank. Billrothstraße 16, 2005

150.- Mark Jahresverdienst

An dieser Entwicklung hatten die Kleinbauern, Büdner, Kossäten und Landarbeitern nur begrenzt Anteil. Das schlug sich u. a. in ihrer geringeren Entlohnung nieder. So zahlte man zur Erntezeit dem Landarbeiter 2,50 Mark und der Landarbeiterin 1,00 bis 1,50 Mark täglich. Der Jahreslohn eines Knechtes lag bei 150 Mark, der einer Magd bei 100 bis 120 Mark. Allerdings waren die Preise für Agrar- und Fischereiprodukte recht niedrig und verhinderten wiederum größere Einnahmen der Gutsherrschaften und Gutspachtungen. So kostete eine Stiege Eier 1,20 Mark, ein Huhn 1,00 bis 1,40 Mark, das Pfund Butter 0,90 bis 1,20 Mark. Ein Wall (80 Stück) Heringe verkaufte man unterschiedlich zwischen 0,80 und 4,00 Mark. Der Aal wurde mit 0,60 Mark das Pfund gehandelt. Das sind jedoch Marktpreise, die Aufkaufpreise lagen niedriger.

Bild 5. Suchanzeige im Titelblatt der Zeitung

Das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Putbus gedruckte „Rügensche Kreis- und Anzeigenblatt“ leistete durch seine Beiträge, Annoncen, Mitteilungen und seinen Bildungsteil einen großen Beitrag zum Bildungsniveau der Bevölkerung Rügens

Konservative Gesetze

Eine „Gesindeordnung“ gab bis 1918 den „Herrschaften“ eine nahezu unbegrenzte Gewalt über die Landarbeiter. So verhandelte man oft vor dem Bergener „Schöffengericht“ und vor den beiden Strafkammern in Greifswald und Stralsund gegen Rüganer, die den Pächter „bedrohten“. Als z. B. der Landarbeiter Moritz Becker (gen. Mau) die Schläge des Pächters erwiderte, wurde er in Bergen zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Zu 8 Mark Strafe oder zwei Tagen Haft verurteilte man in Stralsund das Dienstmädchen Minna Uerkvitz aus Reischvitz, weil sie zwei Nächte „ohne Vorwissen und Genehmigung der Herrschaft“ das Haus verlassen hatte Das war ein Verstoß gegen die „Gesindeordnung“.

Bild-4.-Rügensches-Kreisblatt-1890

Suchanzeige im „Kreis- und Anzeige Blatt für den Kreis Rügen“

 

Bild 2. Innere des Amtsgerichts 2010

Das 1905 errichtete Amtsgericht Bergen. Treppenaufgang 2010

Gesangvereine, Kriegervereine, Schützengilden etc.

Das geistige Leben wurde auch von Kriegervereinen, Schützengilden, Gesangsvereinen mit vorwiegend „patriotischem“ Repertoire (etwa mit dem „Füselier Schmidt“ oder „Rommel mit der Trommel“), Bade- und Verschönerungsvereinen mitbestimmt. Eigentliche Bildungsarbeit leisteten die Lehrervereine und mit Einschränkungen der Gewerbe-Verein Bergen. 1905 konnte sich in Bergen eine Ortsgruppe der SPD gründen, deren weitere Entwicklung Walter Börst in seinem Buch „Bilder aus der Vergangenheit“ skizziert.

 

 

Ernst Moritz Arndt und die Zeit der Befreiungskämpfe 1812 bis 1814

(1979, unveröffentlicht) Die neue (Nov. 1978) fünfteilige Fernsehserie „Scharnhorst“ macht uns seit der dritten Folge mit einer der bedeutendsten Persönlichkeiten jener Zeit, mit Ernst Moritz Arndt, bekannt. Arndt gehörte zu den Vertretern einer nationalbürgerlichen Bewegung. Jedoch neigten sie zu einer nationalistischen Übersteigerung und traten für den Erhalt einer konstitutionellen Monarchie ein.

Arndt wurde am 26. Dezember 1769 wenige Kilometer südlich des alten Städtchens Garz in Groß Schoritz als Sohn eines Gutspächters geboren. Eine gusseiserne Tafel mit der Reliefplatte Arndts und einem kurzen Text am ehemaligen Gutshaus kündet davon. Im Erdgeschoß befindet sich heute das Arndt-Zimmer, das erst kürzlich umgestaltet wurde.

Groß Schoritz. Rückseite des Gutshauses. Im Vordergrund der Baumstubben der ehemaligen „Arndt-Esche“ 1991

Groß Schoritz. Rückseite des Gutshauses. Im Vordergrund der Baumstubben der ehemaligen „Arndt-Esche“ 1991

In den „Erinnerungen aus dem äußeren Leben“ zeichnet E. M. Arndt ein eindrucksvolles Bild seiner Jugendzeit. Und charakterisiert dabei das gesellschaftliche Leben Rügens im 18. Jahrhundert. „Schoritz war dann recht hart an einer Meeresbucht gelegen, welche die Halbinsel Zudar von der größeren Insel abschneidet. …“ Jedoch zog der Vater wenige Jahre später als Gutspächter nach Dumsevitz. „Dumsevitz war ein hässlicher, zufällig entstandener Hof mit einem neuen, aber doch kleinlichen Hause; indessen doch hübsche Wiesen und Teiche umher, nebst zwei sehr reichen Obstgärten, und in den Feldern, Hügel, Büsche, Teiche, Hünengräber, …”

Ehemaliges Gutshaus Dumsevitz 2005. Das Gebäude wurde erst im 19. Jahrhundert erbaut.

Ehemaliges Gutshaus Dumsevitz 2005. Das Gebäude wurde erst im 19. Jahrhundert erbaut.

1817 – nun bis zu seinem Tode in Bonn lebend – gedachtete der erst 48jährige Arndt der Kindheit in Groß Schoritz und Dumsevitz anlässlich eines letzten Rügen-Besuches in seinem Gedicht „Gruß der Heimat“:

So seh’ ich dich , mein Schoritz, wieder,
wo mir das Meer mit dunkelm Klang
die ahnungsvollen Wunderlieder
der Zukunft um die Wiege sang?

So kann ich wieder dich begrüßen,
mein Dumsevitz, du trauter Ort?
So traut, daß meine Tränen fließen,
und meine Lippe weiß kein Wort?

Zwischen 1780 und 1788 bewirtschaftete der Vater die Güter Breesen und Grabitz. „Wir waren gottlob! wieder ans Meer gekommen, fanden reichliche Obst- und Blumengärten und auch ein paar Wäldchen, die Lau bei Grabitz, den Tannenwald bei Breesen und den größeren, noch näheren Tannenwald an dem Kloster St. Jürgen vor Rambin.“

Arndt wurde durch die strenge Erziehung und der einfachen Herkunft des Vaters als eines geborenen Leibeigenen – der Fürst von Putbus gab ihm die Freiheit – mit dem Leben der Landbevölkerung eng vertraut gemacht. Er lernte ihre Nöte, ihre einfache Gastfreundschaft und ihre Abhängigkeit von der Gutsherrschaft kennen. Es verwundert daher nicht, dass sein erstes größeres Werk sich mit der „Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“ beschäftigte (1803). Das war ein Bahn brechendes politisches Buch, das die angeblichen „guten patriarchalischen“ Verhältnisse zwischen Landbevölkerung und Gutsherrschaft demaskierte und als unmenschliche, brutale Ausbeutung darstellte. Besonders zwischen 1760 und 1790 wurde „der Bauernstand nicht nur allenthalben mit ungemessener Dienstbarkeit belastet, sondern durch Verwandlung der Dörfer in große Pacht- und Rittergüter endlich zerstört“.

Breesen bei Rambin 2010. Blick auf das ehemalige Gutshaus, das erst im 19. Jahrhundert errichtet wurde.

Breesen bei Rambin 2010. Blick auf das ehemalige Gutshaus, das erst im 19. Jahrhundert errichtet wurde.

Arndt sah sich bald einer Klage durch den Landadel ausgesetzt. Die schwedische Regierung, Rügen gehörte bis 1815 zu Schweden, stimmte jedoch seinem Werk zu und hob 1806 die Leibeigenschaft auf.

 Arndt zwischen 1806 und 1812

1806 verfasste er den ersten Band „Geist der Zeit“, in dem er sich vom schwedischen Staatsuntertan zum deutschen Patrioten bekannte und zum Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft aufrief. Im gleichen Jahr duellierte er sich mit einem schwedischen Offizier, der die Deutschen beleidigt hatte, unweit Stralsund und wurde schwer verwundet.

In Greifswald ließ sich Arndt nach seiner Habilitation an der dortigen Universität im Jahre 1800 als Dozent nieder und heiratete im gleichen Jahr auch. Diese äußerst kleine Universität hatte in jener Zeit nur 60 Studenten. Arndt begann mit Vorlesungen und Seminare zur Geschichte Italiens und Griechenlands, die zunächst keine Teilnehmer fanden. Erst mit thematischen Erweiterungen, die die Geschichte der germanischen Stämme, ja sogar der Vorgeschichte, die Geschichte der jetzigen Staaten mit „der Kraft der Wissenschaft und Erfindungen aller Zeiten“, gelang es ihm, das Interesse „weniger Zuhörer zu fesseln“ – so hatte es 1908 der Germanist Heinrich Meisner geschildert. .

Greifswald. Arndts Wohnhaus in der Greifswalder Johann-Sebastian-Bach-Straße 2013

Greifswald 2013. Arndts Wohnhaus in der Greifswalder Johann-Sebastian-Bach-Straße

1812 beim erneuten Einmarsch der Franzosen verließ er illegal als „Sprachmeister Allmann“ seine Heimat und reiste über Berlin nach Breslau (heute Wroclaw). Jetzt lässt sich sein Leben mit den Ereignissen der Fernsehfolge „Scharnhorst“ verbinden. Denn Arndt trifft hier auf Blücher, Gneisenau, Boyen, Gruner, und auf Scharnhorst. Er charakterisiert Scharnhorst: „schlichteste Wahrheit in Einfalt, geradeste Kühnheit in besonderer Klarheit, das war „Scharnhorst.“ Seine historische Bedeutung besteht nach Arndt darin, dass Scharnhorst „tiefer als einer des Vaterlands Weh gefühlt und mehr als irgend einer zur Hebung desselben gestrebt und gewirkt hat“. Als Scharnhorst 1813 einer Verwundung erlag, widmete Arndt ihm zwei Lieder („Waffenschmied deutscher Freiheit“ und „Scharnhorst als Ehrenbote“).

Arndt ging mit Gruner nach Prag und vertraute sich dann Schmugglern an, die Ihn über Polen, Galizien nach Kiew führten. Am 16. August 1812 traf er mit dem Freiherrn vom Stein im damaligen Petersburg zusammen. Er wirkte nun als dessen Sekretär und wurde von der russischen Regierung angestellt. 1812 schrieb er sein einprägsames „Vaterlandslied“:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte,

drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.

Stein, den er „kurz, gedrungen, breit; die Worte derb, klar, fest“ beschreibt und Redlichkeit, Mut Zorn, aber auch Jähzorn bescheinigt, hatte hier einen Kreis von Patrioten zusammengezogen, von denen Arndt die Namen Dörnberg, Clausewitz, Goltz, Dohna, Boyen und Adolf Lützow nennt.

Er berichtet auch über Gustav von Barnekow aus Teschvitz bei Gingst. „Dieser Gustav von Barnekow war in Russland der genannteste deutsche Name“. Es war ein Haudegen und Draufgänger, der die Franzosen hasste und sich als Kosakenführer bei Borodino und in späteren Schlachten außerordentlich gut schlug.

 Arndt in Russland im Jahre 1812

Am kaiserlichen Hof in Petersburg erlebte Arndt die Auswirkungen der Schlacht von Borodino am 7. und des Brandes am 15. und 16. September mit. Besonders das russische Volk lernte er achten und hielt es dem deutschen als Beispiel hin. „Auch hat der gemeinste Kerl eine Miene, die sagt: Ich bin etwas, …, etwas einem Stolze ähnliches, wovon der demütige Deutsche keine Ahnung hat“.

Hier verfasste er als bedeutendste Schrift den „Kurzen Katechismus für deutsche Soldaten“, dessen Passagen über die Soldatenehre im vierten Teil der Fernsehfolge „Scharnhorst“ zitiert wurden. Diese Schrift wurde in Deutschland heimlich verbreitet und wirkte durch ihre aufrüttelnde, verständliche Sprache ungemein mobilisierend im Freiheitskampf gegen Napoleon. Arndt setzte sich mit den Begriffen Soldatenehre, gerechte und ungerechte Kriege, dem bisherigen „Kadavergehorsam“ auseinander. Unter der Führung Steins wurde in Russland aus deutschen Offizieren und Soldaten, die vor Napoleon geflüchtet bzw. desertiert waren, eine „Deutsche Legion“ gebildet, der Arndt einige Agitationsschriften widmete.

Als obersten Souverän sieht Arndt das Volk: „das Land und das Volk sollen unsterblich und ewig sein, aber die Herren und ihren Ehren und Schanden vergänglich“. Diese revolutionären aufrührerischen Worte und Gedanken musste Arndt in späteren Auflagen ändern. Sie wurden ihm in der sogenannten Demagogenverfolgung einige Jahrzehnte später dennoch mit zum Verhängnis und führten zu seinem zeitweiligen Berufsverbot.

 Arndt im Jahre 1813

Am 15. Januar 1813 folgte Arndt den siegreichen russischen Truppen nach Deutschland und lernte dabei den General York („eine starre, entschlossene Gestalt, eine gewölbte Stirn voll Mut und Verstand, …“) kennen.

Im damaligen Ostpreußen wurde mit der Aufstellung der Landwehr und des Landsturms die Volksbewaffnung unter der Führung Scharnhorsts eingeleitet. Arndt schrieb dazu seine populärste Arbeit „Was bedeutet Landwehr und Landsturm?“ Die dadurch ausgelöste Begeisterung und der Wille der Volksmassen zur patriotischen Erhebung zwangen den preußischen König schließlich am 17. März Landwehr und Landsturm aufzubieten.

In den folgenden Schriften, die unter dem Motto „Was müssen die Deutschen jetzt tun?“ standen, wurden Arndts Anklagen gegen das feudale Kleinstaatensystem und die Forderung nach einem einheitlichen, demokratischen immer kühner und mächtiger. Teilweise waren sie jedoch mit Ausfällen gegen das französische Volk und Gebietsforderungen belastet, neben dem Wunsch nach einem deutschen Kaiser an der Spitze des Reiches. Bereits jetzt stand Arndt eine starke Gegnerschaft, die den Druck einiger Schriften zu verhindern wusste, gegenüber und ihn zwang, einiges anonym erscheinen zu lassen.

 Arndt in Bonn

1818 erhielt Arndt an der neu gegründeten Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn eine Professur für Geschichte. Er wurde aber bereits 1820 suspendiert und erst 1840 unter Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wieder zugelassen. 1854 ließ er sich mit sagenhaften 85 Jahren emeritieren.

Arndt Villa Bonn

Die von Arndt erbaute Villa „Haus Lülow“ in Bonn

Zur 1841 erfolgten Grundsteinlegung des „Hermannsdenkmal“ im Teutoburger Wald dichtete der 72jährige Arndt eines seiner bedeutendsten, zugleich missdeuteten Poeme „Was ist des Deutschen Vaterland?“

Das ganze Deutschland soll es sein!
Das sei der Ruf, der Klang, der Schein,
der junge und der alte Schluß,
der Blücher, der Arminius!
Das soll es sein!
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

Und ein Jahr später schrieb er die vielfach vertonte Hymne der Rüganer und all jener, die weit von der Heimat entfernt leben:
 

Heimweh nach Rügen

O Land der dunklen Haine,
O Glanz der blauen See,
O Eiland, das ich meine,
Wie tut’s nach Dir mir weh!
Nach Fluchten und nach Zügen
Weit über Land und Meer,
Mein trautes Ländchen Rügen,
Wie mahnst Du mich so sehr!

 
Arndt, der noch 18 Jahre bis zu seinem Tode am 29. Januar 1860 in Bonn lebte, schloss sein Gedicht mit dem Wunsch:
 

Fern, fern vom Heimatlande
Liegt Haus und Grab am Rhein.
Nie werd’ an deinem Strande
Ich wieder Pilger sein.
Drum grüß ich aus der Ferne
Dich, Eiland, lieb und grün:
Sollst unterm besten Sterne
Des Himmels ewig blühn!

 
Wir ehren in Arndt – zu Recht als Rügens größter Sohn bezeichnet – einen unerbittlichen Kämpfer für die Freiheit eines Volkes für die Menschenwürde und Menschenrechte jedes einzelnen. Im nationalen Freiheitskampf 1812 bis 1814 gehörte er zu den führenden deutschen Patrioten.
 
Verwendete Literatur u. a.: Ernst Moritz Arndts ausgewählte Werke in 16 Bänden. Hrsg. Heinrich Meissner und Robert Geerts, Leipzig, 1908; Weber, R. (Herausgeber), Ernst Moritz Arndt. Erinnerungen 1769-1815. Berlin; Bock, S. und Helms, Th., Schlösser und Herrenhäuser auf Rügen. Bremen.
 

Christian Albert Theodor Billroth

Zum 150. Geburtstag des gebürtigen Bergeners

 (1979, nicht veröffentlicht) 1896 erfolgte in Würdigung des zwei Jahre zuvor verstorbenen weltbekannten Mediziners Billroth die Umbenennung der bisherigen Toten-, Kloster- und Joachimstraße in Billrothstraße durch den Magistrat der Stadt Bergen.

Bergen auf Rügen. Geburtshaus des Mediziners Theodor Billroth in der Billrothstraße 1967

Bergen auf Rügen. Geburtshaus des Mediziners Theodor Billroth in der Billrothstraße 1967

Hier, in dem heutigen Haus Billrothstraße 17, wurde Theodor Billroth vor genau 150 Jahren am 26. April 1829 geboren. Daran erinnert auch eine Metalltafel, die an dem Haus angebracht ist.

Billroth verlebte nur wenige Jahre in Bergen. Die Schulzeit und einen Teil seines Medizinstudiums – die Jahre 1836 bis 1849 – verbrachte er in der Greifswald. Darauf weist eine Metalltafel in der Greifswalder Domstraße darauf hin.

Greifswald. Wohnhaus des Mediziners Theodor Billroth von 1836 bis 1849 in der Domstraße  2013

Greifswald 2013. Wohnhaus des Mediziners Theodor Billroth von 1836 bis 1849 in der Domstraße

Sein Hauptwirkungsfeld wurde ab 1867 die II. Chirurgische Lehrkanzel in Wien, wo er u. a. die wissenschaftliche Chirurgie entwickelte. Neue Operationsmethoden, wie die erstmals gelungene Speiseröhrenentfernung 1871 und die Kehlkopfentfernung 1883, wie auch seine Arbeiten über Wundfieber und akzidentelle Wundkrankheiten, Billroth führte die Antisepsis ein, begründeten seinen Weltruhm. Aufsehen erregte die erste erfolgreiche Magenresektion 1881 bei einem Krebspatienten. Damit gab er der modernen Medizin die Grundlage für Eingriffe auf dem Gebiet des Magen- und Darmtraktes.

Theodor Billroth verstarb mit fast 65 Jahren in Abbazia (heute Opatia, Kroatien) am 6. Februar 1894, und erhielt ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

 

Überall wehten monarchistische Fahnen

Kriegervereine auf Rügen – ein trauriges Kapitel Heimatgeschichte

(OZ v. 17.2. und 24.2.1977) Die Propagierung militärischen Gedankengutes vollzog sich zu einem beträchtlichen Teil den Kriegervereinen. Sie schossen nach den Kriegen Preußens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie Pilze aus der Erde. In geschickter Weise verband man das Kriegserlebnis der Teilnehmer als einen nachhaltigen psychologischen Faktor mit einem natürlichen Wunsch nach Geselligkeit.

Kriegervereine prägten die öffentliche Meinung und besaßen gerade auf dem Lande eine gefährliche politische Ausstrahlung. So sind sie in ihrer Bedeutung keinesfalls zu unterschätzen. Ausgang des 19. Jahrhunderts existierten fast 10 000 Kriegervereine mit einer Million Mitgliedern in Deutschland. Der Bezirksverband „Neuvorpommern“ umfasste zu dieser Zeit etwa 30 Vereine mit über 3000 Mitgliedern. Trotz des Zusammenbruches des kaiserlichen Reiches und der Niederlage im 1. Weltkrieg blühte dieses „Kriegertum“ auch in der Weimarer Republik. Auf Rügen erreichte es mit 33 Vereinen und etwa 3000 mitgliedern im Jahre 1928 einen traurigen Höhepunkt!

Und es wuchs auf einem fruchtbaren, reaktionären Boden. Anlässlich einer zeitgleichen Propagandafahrt der Presse berichtete der fortschrittliche Journalist und Schriftsteller Joseph Roth, ein Freund Egon Erwin Kischs, über diese anachronistischen Zustände auf Rügen: „Man empfing uns also mit monarchistischen Fahnen und mit schmetternden Militärmärschen. Wir speisten in Sälen der Kulturhäuser, an deren Wänden Kaiserbilder hingen. In Binz wehten zwei große Hakenkreuzfahnen von den Giebeln eines großen Strandhotels“ (Roth, J., Das Hakenkreuz auf Rügen. In: „Damals in den zwanziger Jahren“. Berlin, Leipzig, 1963, S. 136 ff.). Ironisch fragte er, ob „man auf Rügen noch nichts von der inzwischen geänderten deutschen Staatsverfassung gehört habe“. Wir wissen, dass die Arbeiterparteien SPD und KPD auch auf Rügen gegen diese Verhältnisse einen schweren und unerbittlichen Kampf geführt haben.

Die stärksten Kriegervereine bestanden in Sassnitz und auf Mönchgut mit fast 200 Mitgliedern, dann folgten Bergen und Garz. Den Kreisvorstand hatte längere Zeit mit Dr. med. Biel, ein bekannter Bergener Bürger, inne. Als Beisitzer fungierten dann aktive und ehemalige Offiziere, wie der Rittmeister v. Schultz, der Gutsbesitzer in Granskevitz war und auch beim Kapp-Putsch 1920 in Erscheinung getreten war.

Poseritz. Der „Krieger- und Militärverein“ aus Poseritz und Umgebung lud in der „Rügenschen Zeitung“ zum 18. 1. 1931 zu einer „Reichsgründungsfeier“ ein. Man bezog sich dabei auf das Jahr 1871

Poseritz. Der „Krieger- und Militärverein“ aus Poseritz und Umgebung lud in der „Rügenschen Zeitung“ zum 18. 1. 1931 zu einer „Reichsgründungsfeier“ ein. Man bezog sich dabei auf das Jahr 1871

Die angeblich „unpolitische“ Haltung der Kriegervereine wird durch ihre Zielsetzung ad absurdum geführt. So umreißt die „Stralsundische Zeitung“ vom 2. Februar 1892 die Aufgabe „in Einigkeit treu zu Kaiser und Reich zu stehen, … und Gut und Blut für den König einzusetzen. – wenn es einmal gelten sollte, …“.

22 Jahre später galt es, und 1100 Rügener zogen ins „Feld“. Die Kriegervereine galten auch als Bollwerk gegen den „verderblichen Einfluss der Sozialdemokratie“. Im Mai 1907 forderte der damalige pommersche Oberpräsident v. Maltzahn-Gültz von den Vereinen, alle „Bestrebungen gegen die Grundlagen unseres Staatslebens und unserer Gesinnung abzuwehren, wie sie die Sozialdemokratie vertritt“.

Die Kriegervereine kamen regelmäßig (in Garz zum Beispiel im damaligen „Hotel du Nord“) zu sogenannten Apellabenden zusammen, an denen nationalistische Vorträge gehalten wurden, wie „Die Schöpfung des deutschen Kriegsheeres“ oder „Wie Deutschland den Elsass verlor und wieder zurückeroberte“. Anschließend wurde ein „Umtrunk“ gereicht. Ihr öffentliches Auftreten erfolgte dann an Staatsfeiertagen, wie Kaisers Geburtstag oder dem Sedanstag, und bei der Einweihung zahlreicher Kriegerdenkmäler.

Der sowjetische Schriftsteller Kasakewitsch schilderte uns seine persönlichen Eindrücke im Jahre 1945 folgendermaßen: „Fast in jedem Städtchen standen Kriegerdenkmäler von 1813, 1866, 1870-71 oder 1914-18, errichtet vom „dankbaren Vaterland“ und den „dankbaren Mitbürgern“. Es gab kaum ein Denkmal für einen Dichter oder Komponisten. Für die Welt war Deutschland einst das Land Goethes, Beethovens und Dürers, aber hier regierten Friedrich, Bismarck und Moltke“ (Kasakewitsch, E., Frühling an der Oder. Berlin, 1953, S. 218 f.).

Dabei waren diese Denkmäler oft geschmacklos errichtet und zerstörten wieder ältere Kulturdenkmäler, wie historisch wertvolle Grabstätten (z. B. auf dem Friedhof von Lancken-Granitz) oder Hünengräber, deren Findlinge entfernt wurden. Proteste der Denkmalpflege verhallten ergebnislos.

Kriegerdenkmal 1914-1918 in Gustow 2010

Kriegerdenkmal 1914-1918 in Gustow 2010

Nach dem ersten Weltkrieg entstanden daneben neue militärische Wehrverbände, die die gleiche Zielsetzung verfolgten. Auch sie propagierten demagogisch einen „Frontsozialismus“ und dienten der Militärkaste.

Aufmarsch des rügenschen „Stahlhelm“ in Sellin im Jahre 1932 (Rügensche Zeitung)

Aufmarsch des rügenschen „Stahlhelm“ in Sellin im Jahre 1932 (Rügensche Zeitung)

Am bedeutendsten war der „Stahlhelm – Bund der Soldaten“. Er wurde im Dezember 1918 vom Hauptmann d. R. und Fabrikanten Franz Seldte in Magdeburg gegen die Revolution gegründet. 1929 umfasste der „Stahlhelm“ 500 000 Mitglieder. Da in ihm das Junkertum, Kleinbürgertum und gewisse Schichten der Landarbeiter vertreten waren, fand er auch auf Rügens beträchtlichen Widerhall. Am 16. September 1928 überfielen „Stahlhelmer“ bei einem Aufmarsch Garzer Arbeiter und verletzten sieben Rot-Front-Kämpfer schwer.

Alle diese Verbände bildeten eine Bürgerkriegsreserve und übernahmen auch die wehrsportliche Ausbildung der Jugend (zum Beispiel im Jungstahlhelm).

Von ihnen führte eine direkte Linie zur faschistischen Machtergreifung. Das zeigt sich auch darin, dass der Gründer des „Stahlhelms“, Franz Seldte, in der ersten gleich zu Beginn der Hitlerregierung ein Ministeramt erhielt.

Es braucht nicht weiter betont zu werden, dass in der damaligen sowjetisch besetzten Zone diese Vereine verboten wurden. Ihr revanchistisches und militärisches Gedankengut ist einer humanistischen und friedliebenden Weltanschauung fremd.

Zu einer genaueren Darstellung der Funktion und Bedeutung der militärischen Wehrverbände auf Rügen können die Heimatforscher und Ortschronisten sicher noch manches Wichtige beitragen.

 

Neuer Jubiläumsvorschlag: 200 Jahre Park von Juliusruh

Zum Historikerstreit: 100 Jahre Badeort Breege (OZ v. 20. März)

(OZ v. 23.4.1992) Eine zusammenfassende Chronik der vorpommerschen Badeorte ist bis heute nicht geschrieben. Archive, Ortschroniken und die mündliche Überlieferung wären sichere Quellen, stehen uns aber nur noch fragmentarisch zur Verfügung und müssten in mühevoller Kleinarbeit aufgearbeitet werden. Darin bestehen bereits die ersten Schwierigkeiten.

Die Frage muss beantwortet werden, was das Gründungsdatum unserer Badeorte bestimmt – die Gründung des Badevereins, der Besuch der ersten Urlauber, die Aufnahme in ein offizielles Bäderverzeichnis oder alio modo? Breege-Juliusruh – wohlgemerkt als Doppelort – müsste meines Erachtens als Gründungsdatum die jüngste Nennung annehmen, und das wäre 1895.

Breege. Dorfstraße mit einheitlichen im niederdeutschen Hallenhaus-Stil errichteten Wohnhäusern 2010

Breege. Dorfstraße mit einheitlichen im niederdeutschen Hallenhaus-Stil errichteten Wohnhäusern 2010

Nun hat die Kommune Breege bereits die 1883 erfolgte Gründung des Bade-Vereins als Ausgangsdatum erwähnt, dessen Aktivitäten sine dubio Juliusruh umfassten. So befestigte der Verein 1889 die Wege zu den Bädern und pflanzte an ihnen über 100 Ebereschen und Linden, die dem Park entnommen wurden. Breege scheint besonders bei den Beamten als Badeort beliebt gewesen zu sein und gewann 1894 an Attraktivität „als nun auch durch Anschaffung von Kohlensäure-Apparaten und Benutzung von Eis ein gutes Glas Bier verabreicht werden“ konnte.

Will man aus verständlichen Gründen keine zweite Jubelfeier 1995 begehen, dann wird man sicher der vor 200 Jahren erfolgten Gründung des ehemaligen Parks von Juliusruh durch Julius von der Lancken (1767 – 1831) gedenken. Jubiläen gehören nun einmal zum Salz in der „touristischen Suppe“.